Pierre Heinen

Mein grünliches Glück

Ich bin ein Taxifahrer. Oder besser gesagt, ich war mal ein Taxifahrer. Fast dreißig Jahre lang bin ich kreuz und quer durch die Hauptstadt mit meinem Wagen gerollt und habe unzählige Gäste von dem einen zum anderen Punkt befördert. Vieles hatte ich bis zu dem entscheidenden Sommertag im letzten Jahr gesehen, aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt.

Ich hielt wie üblich mit meinem Taxi um die Mittagszeit am Bahnhofsplatz als mich plötzlich eine süße Stimme dazu beflügelte in den Rückspiegel zu spähen. Dort saß eine schätzungsweise fünfundzwanzigjährige Frau ohne Haare auf dem Kopf, mit auffallend rosa gefärbten Lippen und lächelte schüchtern. Ich erschrak, da ich ihre Präsenz nicht einmal wahrgenommen hatte. Aber da saß sie und schaute mich neugierig an. Wie war sie in meinen Wagen gelangt? Ich war wohl kurz eingenickt.

"Hallo", begrüßte sie mich.

Ich drehte mich um.

"Hallo. Wo soll es denn hingehen, junges Fräulein?"

Fragend blickte sie mich an. Ihre weit geöffneten Pupillen und dessen metallischer Glanz passten zunächst in das Bild des drogenabhängigen Mädchens vom Bahnhofsplatz.

"Wohin?", wollte ich erneut das Ziel der Person wissen und verlieh der Frage einen kräftigeren Tonfall.

Sie neigte leicht den Kopf und betonte ihr Lächeln erneut. Ich stand kurz davor auszusteigen und das junge Ding aus dem Taxi zu zerren, als sie zaghaft antwortete.

"Nach vorn", flog ihr über die prallen Lippen.

Ich starte den Wagen, hielt aber dann inne.

"Hast du auch Geld?", fragte ich vorsichtshalber.

"Geld?"

Diese naive Gegenfrage veranlasste mich leicht genervt dazu, den Motor abzustellen. Ich holte tief Luft und drehte mich erneut um. Eine Irre und ich bin ein Teil ihres Drogentrip.

"Die Fahrt kostet Geld!"

"Was ist Geld?"

Ich zog gleich meine Brieftasche hervor und hielt den erstbesten Schein kurz hoch. Einen grünen Hunderter. Schnell verstaute ich ihn wieder und suchte Augenkontakt mit meinem Passagier. Die Frau hielt tatsächlich jetzt ebenfalls ein solches Stück bedrucktes Papier hoch. Erleichtert fuhr ich los und fädelte mich in den Verkehr ein.

"Und wohin darf ich Sie jetzt genau hinbringen?"

"Geradeaus"

Ich blickte flüchtig in den Rückspiegel und sah noch immer dasselbe Lächeln und dieselbe Haltung.

"Immer geradeaus? Ich kann sie auch im Kreis herumfahren."

"Eine Linie ist unendlich. Ein Kreis macht einen zum Gefangenen!"

Ich konzentrierte mich wieder auf die gesättigten Straßen.

"Machen Sie Menschen glücklich?", wollte die Frau nun wissen.

"Ich fahre Personen wohin sie wollen, wenn sie wissen wohin. Die meisten Menschen sind dann glücklich wenn sie dort ankommen. Anderen ist das egal."

"Sind Sie glücklich?"

Ich musste schlucken.

"Wenn jeder mich anständig behandelt und mir ein ordentliches Trinkgeld gibt, dann bin auch ich glücklich!"

"Glück in Scheinen", flüsterte sie und blickte zum Fenster hinaus.

Nach einer Weile des stillen Zusammenseins blickte ich bei einer roten Verkehrsampel wieder in den Rückspiegel.

"Ist das ihre Familie?"

Sie deutete auf das Bild meines Enkelsohnes, welches an der aufgeklappten Sonnenblende klebte.

"Das ist mein Enkelsohn", teilte ich ihr mit stolzer Stimme mit.

"Ist er glücklich?"

Ich sah meine geschiedene Tochter vor Augen. Ihre unerbittliche Suche nach einer festen Arbeitsstelle. Meinen Enkelsohn, dem sie gerne ein glückliches Leben schenken würde. Seine großen Augen wenn ich mit ihm im Zoo spazieren ging.

"Ich glaube schon ..."

Die Frau war verschwunden. Ich hielt den Wagen sofort an, stieg aus und öffnete die hintere Wagentür. Geldscheine flogen mir entgegen und segelten zu Boden. Fast eine Million in grünen Scheinen schaukelt auf der Rückbank hin und her. Der glücklichste Tag in meinem Leben!


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notizblock MI-JULIA-327406480910

vierte persönliche kontaktaufnahme mit den kreaturen des planeten

besuch einer großstadt auf der nördlichen halbkugel

individuelle personenbeförderung nennt man taxi - bei zielangabe wird man dorthin gebracht

glück wird in scheinen verpackt (erneut zutreffend)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Pierre Heinen, Jahrgang 1979, ist seit frühester Jugend begeistert von Geschichtsbüchern und Verfasser unzähliger Novellen. In Form des zweiteiligen „Payla – Die Goldinsel“ veröffentlicht er seinen Debütroman im Genre Fantasy. Der Autor lebt und arbeitet im Großherzogtum Luxemburg, was in mancher Hinsicht seine fiktive Welt beeinflusst.

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