Arno Erol

Der Janitschar - Erinnerung

The Janissarie
Erinnerung
 
Er spürte ihr Herz beruhigend an seiner Brust pochen. Ihr Atem strich warm über seine Haut. Er beobachtete sie still und fuhr sanft mit seiner Hand durch ihr seidiges Haar. Sie wirkte so friedlich in ihrem Schlaf und selbst jetzt schien immer noch ein himmlisches Glühen von ihr auszugehen, als sei sie kein erdgemachtes Wesen. Ihr Antlitz war Engelsgleich und seine Augen folgten ihren makellosen Linien, wie sie eng  an seinen Körper angeschmiegt nur mit einigen Seidenlaken spärlich bedeckt da lag.
Eine heiße Träne ran über sein Wange und eine eisige Klammer schien sich um sein Herz zu legen; er würde seine Liebe nie wieder auf diese Weise betrachten.
Er schloss die Augen und schluckte.
Sie beide waren sich bewusst gewesen, dass dies ihre letzte gemeinsame Nacht sein würde. Noch einmal hatten sie sich voller Leidenschaft ihrer Liebe hingegeben, hatten jeden Moment der Zweisamkeit, der Berührungen, jeden Augenblick ihrer Liebkosungen geteilt und genossen. Er würde auch morgen früh noch den Duft ihres Körpers in der Nase und seinen Geschmack auf der Zunge haben, wenn er seinem Schicksal entgegen ritt.
Schicksal. Er schaute ihr zu, wie sie, begleitet von einem leisen Seufzen, ihre zarte Schulter etwas hervorschob um bequemer zu liegen. Schicksal; ihr Leben war davon bestimmt gewesen und dennoch hatten sie sich ihren eigenen Pfad erkämpft.
Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. Er sah sie wie am Tag ihrer ersten Begegnung vor sich, viele lange Jahre her, eine Schönheit wie von Gotteshand geschmiedet und ein mythischer Glanz, der ihrer natürlichen Anmut eine fesselnde Tiefe schenkte und ihn in einem Augenblick in ihren Bann geschlagen hatte. Er erinnerte sich an diesen Tag, während er gedankenverloren eine ihrer Strähnen um seinen Finger wickelte.
 
Zwanzig Jahre zuvor, ritt er als blutjunger Sakkbaschi, neben dem Wesir, mit einer Handvoll ausgewählter Spahi, die sich allesamt wie er erst kürzlich in den Schlachten des sogenannten zweiten Türkenkrieges ausgezeichnet hatten. Falsahi Ahmed hatte sie persönlich als Leibgarde für seine Reise durch das Reich ausgewählt. Auf Bitten des Sultans und mit seiner absoluten Vollmacht ausgestattet, war der Wesir zu einer Inspektionsreise aufgebrochen, um die Provinzen des Osmanischen Reiches zu besichtigen, von den Fürsten und Statthalter Rechenschaft zu fordern und falls notwendig neue Abkommen abzuschließen oder gar einen neuen Verwalter einzusetzen.
Falsahi Ahmed war ein in Ehren ergrauter überdurchschnittlich großer Mann und war trotz seines hohen Alters noch immer eine beeindruckende und respekteinflössende Gestalt. In seinem faltigen und braungebrannten Gesicht, von einem buschigen aber präzise gestutzten Bart bedeckt, ruhten graue weise Augen. Nur wenige vermochten seinem Blick standzuhalten, wenn er in ernster Miene auf sie herabschaute, aber wer die Ehre hatte, längere Zeit mit ihm zu verbringen, entdeckte schnell, dass sich hinter dem meist so durchdringenden Blick, nur allzu häufig auch ein schelmisches humorvolles Glitzern in den Augenwinkeln verbarg.
Er hatte den Wesir während der letzten Monate sehr zu schätzen gelernt. Hatte ihn nicht nur als weise, sondern auch als einen sehr geradlinigen und prinzipientreuen Mann kennen gelernt. Vor allem aber als jemanden, der niemandem sein Wissen vorenthielt, der nur ehrlich begierig war, zu lernen.
Hatte er in den Janitschar Kasernen und in des Sultans Gärten des Topkapi von Kindesbeinen an, alles über die Kriegskunst, vom Gebrauch von Handwaffen bis hin zu Taktiken und Strategien für die Führung ganzer Regimenter, so hatte er von Falsahi über die Struktur des Reiches, der Politik und den gesellschaftlichen Aufbau gelernt. Von Zeit zu Zeit, war er sogar in der Laune, ihn in die Geschichte und die Kunst ein zuführen. Das Wissen, das der Wesir großzügig verteilte, fiel auf reichhaltigen Nährboden. Wie ein Schwamm sog er all dieses Wissen auf und verinnerlichte jedes Detail. Zunehmend hatte er insbesondere am leibhaftigen Beispiel des Wesirs ein tiefes Verständnis für das Konzept der Ehre und Loyalität erlangt und das, was Falsahi als den Kodex bezeichnete, für sich vereinnahmt, da es seinem eigenen intuitiven Gefühl, wie es sein sollte und dem er ohnehin sein Leben lang gefolgt war, entsprach.
Er war ihm mehr und mehr zu einem Mentor geworden und andere hätten ihn vielleicht sogar einen Vater genannt. Das einzige, dessen er sich nie sicher war und da hielt sich Falsahi sehr bedeckt, war, ob er in ihm mehr sah, als nur einen seiner zwar sehr interessierten aber nichts desto trotz ergebenen einfachen Soldaten.
Aber so viel er auch von dem Wesir in all den Monaten auf den staubigen Handelswegen, in den Schlössern der Erhabenen und in den allabendlichen Lagern der Karawane, nichts hatte ihn auf den Sturm vorbereiten können, der ihn im Palast des peloponesischen Fürsten erwartete.
Unbedarft, wie schon etliche Male zuvor, betrat er neben dem Wesir den Palast und beäugte wachsam seine Umgebung, während der griechische Fürst und Falsahi Ahmed ihre Grußformeln austauschten. Der übliche Tross an Hofstaat war anwesend und verfolgte die Zeremonie mit unterschiedlichen Minen, von skeptisch bis erfreut reichend. Nur ein Gesicht ließ ihn inne halten. Ein edles Antlitz, das trotz seiner außergewöhnlichen Schönheit, einen Ausdruck unverhohlener Ablehnung trug. Doch so sehr ihm klar war, dass die Ablehnung den osmanischen Herrschern galt, konnte er keinerlei Empörung oder wenigstens Missfallen daran empfinden. Stattdessen erhob sich eine Flut von Gefühlen, die seinen Magen umspülte. Ein Wirbel, der von einer Seite zur anderen in seinen Eingeweiden schwappte und ihn sie anstarren ließ, als sähe er zum ersten Mal eine Frau. Auch wenn dies beileibe nicht der Fall war, so war er sich aber in unbeirrbarer Gewissheit sicher, noch nie in seinem Leben einem makelloserem weiblichen Wesen begegnet zu sein. Vergessen waren all die Edlen, Soldaten und Höfischen, um ihn herum. Vergessen war selbst der Wesir Falsahi, der ihn unbemerkt bereits aus dem Augenwinkel beobachtete und dessen Lippen sich zu einem winzigen wohlwollenden Lächeln verzog, als er seinem Blick folgte.
 
Erst ein Räuspern des Wesirs hatte ihn aus seiner Trance erweckt. Wie ein Schlafwandelnder war er den Bediensten gefolgt, die sie in ihre Quartiere führten und hatte sich dort vom Staub der langen Reise befreit. Mit auswendigen Handgriffen hatte er seine zeremonielle Uniform angelegt, um schließlich seinen Säbel anzulegen und seine weiße Janitschar Haube aufzusetzen, doch das einzige Bild, was er vor dem Spiegel stehend gesehen hatte, waren ihre unergründlich glänzenden Augen gewesen.
Er war, für einen vom Sultan persönlich ausgezeichneten Janitschar, unangemessen schnellen Schrittes in den Festsaal geeilt, in der Hoffnung ihr so schnell wie möglich wieder zu begegnen.
Zwar war sie tatsächlich anwesend und wie er, nach einer Weile in Gesprächen aufschnappte, die Tochter des Hausherrn, doch zu seiner herben Enttäuschung, würdigte sie ihn keines einzigen Blickes. Immer wieder war ihr Blick über die Menge gestreift, und wie bei jedem anderen türkischen Soldaten, über ihn hinweg gehuscht ohne auch nur einen winzigen Moment inne zu halten, um ihn überhaupt wahrzunehmen.
Seine Augen hingegen waren den ganzen Abend lang auf ihr verharrt, hatten selbst in Konversation mit anderen, sie immer wieder in der Menge gesucht. Hatten sie beobachtet, wie sie sich durch die Haare strich, wie sie ihren Kelch zu den Lippen führte, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln wölbten und welche Wärme von ihren Augen ausging, wenn zu ihrem Vater aufblickte.
Wie sehr wünschte er sich, diese Blicke würden ihm gelten und er könnte in dieser liebevollen Wärme baden.
Mit jeder vergehenden Stunde wurde seine Stimmung jedoch niedergeschlagener und resignierter. Zweimal war er ihr unauffällig mit anderen zusammen bis auf einen Meter nahe gekommen, hatte ihre winzigen Grübchen in den Mundwinkeln entdeckt und den Duft ihres Haares aufgesogen, war sein Verlangen nach ihrer Aufmerksamkeit zu einem brennenden Wunsch geworden. Doch selbst so nahe, war es ihm nicht gelungen, diese zu erwecken.
Er hatte sich den Rest des späten Abends mehr und mehr von der Gesellschaft abgesetzt und stand meist alleine zwischen den Säulenbögen zum Garten des Palastes und sinnierte über den Einklang, den die Dunkelheit der Nacht mit der in seinem Inneren einnahm, nur unterbrochen von kurzen hoffnungsvollen Schüben, in denen er zurück in den Festsaal blickte, nur um festzustellen, dass er für seinen ganz persönlichen Mittelpunkt des Abends immer noch nicht sichtbarer geworden war, als die Luft um, die ihn umgab.
Er seufzte und wünschte sich sogar auf die blutigen Schlachtfelder Europas zurück, auf denen er wenigstens ein klares Ziel vor Augen gehabt hatte, auf das er zugehen konnte, wusste, was zu tun war. Jede Belagerung war weniger zermürbend als diesem steten Sturm der Gefühle ausgesetzt zu sein und nichts dagegen tun zu können.
Sicher, er hätte sie ansprechen können, aber so sehr er sich ihre Aufmerksamkeit wünschte, so sehr befürchtete er auch, sie könnte ihm dann unmissverständlich ausdrücken, dass er nur Luft für sie sei. So, sie aus den Schatten beobachtend, konnte sich in seinem Hinterkopf immerhin ein letzter Funken Hoffnung, Utopie, hartnäckig behaupten. Und das sie ihm mit einem Wort diesen Wunschgedanken nahm, hätte er nicht ertragen. Lieber wäre er von einem abendländischen Pfeil mitten ins Herz durchbohrt worden.
Seine Vernunft schalt ihn für sein absurdes Bangen und Handeln; doch sah er sie in der Menge mit wallendem Haar und glänzenden Augen, war jegliche Vernunft erstickt.
 
Er lehnte sich an den kühlen Marmor der Säule, als plötzlich eine schwere Hand seine Schulter ergriff. Erschrocken, aus seinen düsteren Gedanken gerissen, wirbelte er mit erhobener Hand herum und blickte dem milden Lächeln Falsahi Ahmeds entgegen. Seine Augen glitzerten in der Dunkelheit, als schlummerte ein amüsierter Gedanke hinter ihnen. Sofort ließ er seine Hand und sein Haupt sinken.
„Verzeiht mir, Herr.“
„Kommt, kommt. Es gibt nichts an den Reflexen eines kampferprobten Kriegers zu entschuldigen.“ Er machte eine Pause, in der er ihn durchdringend musterte.
„Ich möchte Euch jemanden vorstellen.“
Der Wesir wandte sich um und er folgte gehorsam, mit den Gedanken noch immer in der Dunkelheit hinter ihm, zu einer kleinen Gruppe, wo ihn der Wesir vorstellte.
„Ich möchte sie mit dem jungen Offizier bekannt machen, von dem ich ihnen erzählt habe.“
Er blickte auf, mit einem förmlichen Lächeln im Gesicht, in der Erwartung die nächste Zeit belanglose Konversation mit einigen Adligen oder ähnlichen bedeutlungslosen Provinzherren verbringen zu müssen, nur um mit geweiteten Augen neben einem älteren Herrn sie stehen zu sehen. Völlig der Sprache verschlagen nickte er nur, während Falsahi sie bekannt machte.
„...und dies ist die bezaubernde Tochter des Hauses, Elendarah. Die im übrigen, wie ich finde, mit einer erfrischende Offenheit ihre Meinung über uns osmanische Besatzer kundtut.“ Er warf einen Seitenblick auf den älteren Herrn neben ihr, dem Hausherrn, „Ganz im Gegensatz zu ihrem Vater, der seine Meinung über uns diplomatisch für sich behält.“ Der ergraute Fürst blickte etwas pikiert drein, schien es aber dem alten Wesir nicht wirklich übel zu nehmen.
Falsahi lächelte und drehte sich zu ihm um.
„Die junge Dame war ganz erstaunt zu hören, dass es unter uns Barbaren tatsächlich sogar Soldaten geben mag, die der Gnade fähig sind, als ich ihr von Eurer Großzügigkeit gegenüber dem Feinde auf dem Schlachtfeld erzählte.“
Reserviert reichte sie ihm ihre Hand. Es dauerte einen kurzen Moment, bevor er aus seiner Erstarrung erwachte und sie hastig mit seiner eigenen schwitzigen ergriff und sich leicht verbeugte.
Ein Krächzen entfloh seiner Kehle.
„Ährrm, es ist mir eine Ehre.“
Ihre Hand fühlte sich warm und weich in der seinen an. Die Berührung ihrer feingliedrigen Finger hinterließ ein Prickeln auf seiner Haut, dass sich über seinen Arm bis hinauf in sein Gesicht fortsetzte und dort heiß in seinen Wangen loderte.
Sie musste sich erst räuspern, bevor er sich peinlich berührt gewahr wurde, dass er sie angestarrt hatte und noch immer ihre Hand hielt. Er murmelte eine Entschuldigung und blickte zu Boden. Sein Kopf pochte siedend heiß, während er gleichzeitig einen eiskalten Klumpen in seiner Magengrube spürte.
Elendarah schien sein holpriges Benehmen geflissentlich zu übersehen, sei es aus Desinteresse oder Höflichkeit. Stattdessen musterte sie ihn kühl. Lediglich in ihren Augen zeigte sich eine Spur von Neugierde.
„Der geneigte Wesir“ sie warf Falsahi einen fast neckischen Seitenblick zu, „war vollen Lobes und berichtete, ihr habet bei Sofya das Leben von hundert christlichen Kriegern verschont, obwohl es euren Truppen ein leichtes gewesen wäre, sie bis auf den letzten Mann auszulöschen. Es fällt mir jedoch schwer, zu glauben, dass es lediglich eure Großzügigkeit war, die das Leben dieser Männer verschonen lassen hat.“ Herausfordernd blickte sie ihm in die Augen.
Ungeachtet seiner wirren Gefühle, die er ihr gegenüber empfand, fühlte er sich in seiner Ehre verletzt, wenn sie annahm, er sei ein brutaler Schlächter, der aus Freude am Töten über die Schlachtfelder zog. Er richtete sich stolz auf und sah ihr mit ernster Miene entgegen. Verschwunden war die jugendliche Fahrigkeit, die er einen Moment zuvor noch an den Tag gelegt hatte.
„Prinzessin, es mag euch vielleicht überraschen, aber selbst einem Osmanen liegt es fern, sinnlos Blut zu vergießen. Der Tag, an dem ich die Schlacht vermied, war ein guter Tag und ebenso war es die Entscheidung.“ Er machte eine kurze Pause, sein Blick schweifte in die Ferne.
 „Der Tross der kaiserlichen Soldaten hatte sich wegen seiner Verwundeten, nicht schnell genug von uns absetzten können und hatte sich deshalb in einem befestigten Lager auf einem Hügel nahe Sofyas verschanzt. Dem Kommandanten war klar, dass sie keinem Angriff unsererseits lange widerstehen würden, dennoch waren sie zu stolz, um sich zu ergeben, lieber wären sie alle für ihren Glauben in den Tod gegangen. Da aber weder der Hügel einen strategischen Wert hatte, noch die Truppe in unserer Flanke eine ernsthafte Gefahr darstellen würde, sah ich keine Bewandtnis darin, ihr und unser Blut an diesem Tag zu vergeuden. Außerdem respektierte ich ihren Mut, weder ihre Verletzten zurück zu lassen, noch sich ebenso wenig zu ergeben. Ich hätte es an ihrer Stelle nicht anders gewählt.“
Er hatte der Geschichte nicht mehr hinzufügen wollen, als sich erneut der Wesir mit einem leisen Hüsteln zu Wort meldete.
„Dieser Soldat ist einfach zu bescheiden, unterschlägt er ihnen doch die halbe Geschichte.“
Falsahi schaute ihn gespielt missbilligend an, bevor er ohne ihn zu Antwort kommen zu lassen fortfuhr.
„Nicht nur hat er nämlich das Leben dieser Soldaten verschont, am nächsten Tag kommandierte er sogar einen Ochsenkarren mit Verpflegung, begleitet von zwei Heilern ab, und ritt allein mit ihnen zum Lager der Christen, um ihnen bei der Versorgung ihrer Verwundeten Hilfe zu gewähren. Glücklicherweise war der feindliche Kommandant, stolz hin oder her, weise genug diese anzunehmen und lud ihn sogar ein, mit ihm gemeinsam, als Zeichen seiner Wertschätzung, in seinem Zelt zu speisen, solange die Heiler ihrer Arbeit nachgingen.“
Es war ihm fast peinlich, es so edelmütig geschildert zu hören, obwohl es für ihn einfach eine Selbstverständlichkeit gewesen war, einen Mann, der auf dem Boden lag, nicht auch noch zu treten.
Aber sowohl Elendarah als ihr Vater schienen ihn nun mit neuen Augen zu messen. Der Blick des grauhaarigen Fürsten war schwer zu deuten, dafür erfreute ihn der Ausdruck in ihren Augen umso mehr. Zwar war er weit entfernt von Bewunderung, aber die distanzierte Kühle in ihrem Antlitz war offenem Interesse gewichen.
Sie nickte dem Wesir mit einem fröhlichen Lächeln zu.
„Es scheint wahrhaftig mehr in eurem jungen Freund zu stecken, als es auf den ersten Blick vermuten lässt.“
Unvermittelt hakte sie sich bei ihm ein und führte ihn in den Garten.
„Erzählt mir mehr darüber, wie es dazu gekommen ist, dass aus euch ein so außergewöhnlich zivilisierter Barbar geworden ist.“
 
Falsahi legte Elendarahs Vater seine große Pranke auf die Schulter, als dieser Anstalten machte, den Beiden zu folgen und sagte: „Kommt alter Freund, geben wir der Jugend Gelegenheit zu entdecken, dass der Mensch gar nicht so verschieden ist, in welche Himmelsrichtung er sich auch zum Gebet wenden mag.“
 
*
 
Bis spät in die Nacht hinein, spazierten sie durch den weitläufigen Palastgarten, der von den Bediensteten mit unzähligen Öllampen geschmückt war, deren Flammen ein angenehmes gelb-oranges Licht auf ihre Umgebung warfen. Auf den kunstvoll geformten Hecken tanzten die Schatten und das Flackern des Feuers ließ Elendarahs faszinierende Augen wie Juwelen in der Dunkelheit funkeln, zu denen die hellerleuchteten Sterne am Firmament keinerlei Konkurrenz bieten konnten.
Er erzählte ihr von der Inspektionsreise des Wesir, von den wunderbaren und erstaunlichen Orten, die er auf dieser Reise gesehen hatte, berichtete ihr von fremden Sitten und Bräuchen, die er in fernen Provinzen erlebt hatte und von denen er gelernt hatte. Er berichtete ihr ebenso von der harten Schule, die er als Kind und Heranwachsender in den Kasernen des Corps durchstanden hatte und machte auch nicht halt vor den schonungslosen Leiden, die ihm auf den Schlachtfeldern begegnet waren.
Immer wieder stellte ihm Elendarah fragen und bat ihn mehr zu erzählen. Besonderes Interesse zeigte sie an der Knabenlese, bei der Kinder zwischen sieben und vierzehn Jahren aus den eroberten Gebieten rekrutiert wurden, aus denen sich ausschließlich die Einheiten der Janitscharen bildete. Es überraschte sie, dass er trotz seiner Privilegien und des Ansehens, welches die Janitscharen genossen, nicht frei, sondern faktisch ein Sklave des Sultans war.
Voller Mitgefühl hatte sie sich an seine Schulter gelehnt, als er ihr gestand, wie er die ersten Jahre immer wieder von Albträumen heimgesucht worden war, in denen er bruchstückhaft sein Leben vor der Knabenlese durchlebte, bevor er mit acht Jahren fortgerissen worden war. Aber so schmerzhaft es damals für ihn gewesen war, so hatte irgendwann die Verbundenheit und Loyalität innerhalb des Corps, seine Familie ersetzt und das Streben nach Ehre und Tapferkeit sein Leben bestimmt.
Es überraschte ihn selbst, wie viel er ihr anvertraute. Er genoss es, sie an seiner Seite zu wissen, wie sie ihm aufmerksam zuhörte und mit ihrer Hand seinen Arm berührte. Der Klang ihrer wohltönenden Stimme trug ihn wie auf Federn durch die allmählich kühler werdende Abendluft. Sein Herz war von Erlösung erfüllt, nachdem es den frühen Abend lang sich so sehr geängstigt hatte, er würde ihr nicht nahe kommen können.
Sie waren gerade zum Palast zurück gekehrt, als ein junger stattlicher Mann in ebenso eleganter wie prächtiger Uniform auf der Veranda erschien und sich suchend umsah. Elendarah erspähte ihn zuerst.
„Herestion!“ Sie rannte auf ihn zu und fiel ihm in die Arme. „Du bist wieder zurück!“
Herestion, ebenso glücklich sie zu sehen, drückte sie fest an sich, hob sie von den Füßen und wirbelte sie herum. Lachend mit ihren Kopf auf seiner Brust, versuchte sie ihn dazu zu bringen, von ihr abzulassen.
War er vor wenigen Momenten noch über Wolken gewandelt, so fiel beim Anblick des Paares alle Glückseligkeit augenblicklich von ihm ab. Stattdessen fühlte er sich betrogen, fühlte wie der brennende Zorn der Eifersucht sich durch seine Adern fraß und seinen Blick vernebelte. Mit eingefrorenen Zügen, betrat er die Terrasse und blieb in einigen Schritten Abstand stehen.
Erst jetzt nahm ihn Herestion ebenfalls war und seine Züge glätteten sich ähnlich den seinen, als er ihn mit eisigen Blicken musterte. Wären ihre Blicke Waffen gewesen, wäre es schwer gewesen, vorherzusagen, wer das Duell überlebt hätte.
Elendarah löste sich von ihm und stellte sich lächelnd neben den Janitschar, ohne das ihr in ihrer Fröhlichkeit, das stumme Kräftemessen zwischen den beiden Männern auffiel.
„Herestion, ich möchte Dir jemanden vorstellen..“
„Ich wüsste nicht, wieso ich auf die Bekanntschaft eines Pfeffersackes wert legen sollte...“ Herestion spie die Worte verächtlich aus, als koste es ihn Überwindung, überhaupt über den Janitscharen sprechen zu müssen.
Er kochte förmlich, seine Brust bebte und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Das einzige, was ihn daran hinderte diesem aufgeblasen arroganten Wichtigtuer von Herestion sie schmecken zu lassen, war der Gedanke daran, damit dem Wesir Falsahi Ahmed Schande zu bereiten.
Elendarah legte ihre Hand auf seinen Arm und blickte zuerst ihn entschuldigend und dann Herestion strafend an.
„Entschuldigt bitte, dieser ungehobelte Klotz ist mein Bruder, der es eigentlich besser wissen sollte, wie man sich Gästen gegenüber benimmt.“
Er hätte am liebsten laut aufgelacht.
Es war ihr Bruder! Wie vom Wind davon getragen, wich der Zorn und die Eifersucht aus seinen Eingeweiden, einzig Erleichterung zurücklassend. Mit einem Mal kam er sich so töricht wie ein Schuljunge vor.
Im Gegensatz zu ihm aber zeigte Herestion keinerlei Sinneswandel und fixierte ihn immer noch feindselig.
„Ich hoffe dieser Türke hat Dich nicht belästigt?“
„Ganz im Gegenteil mein lieber Bruder. Er hat mich vorzüglich den ganzen Abend lang unterhalten und hat mich gelehrt, dass selbst in den Osmanen mehr steckt, als das, was wir von Ihnen auf ihren Feldzügen zu sehen bekommen.“
Er hob spöttisch eine Augenbraue.
„So? Ich dachte ihr Leben wäre bereits vollständig mit Plündern, Brandschatzen und Morden ausgefüllt?“
Unter allen anderen Umständen, hätten diese Beleidigungen ausgereicht, seinen Säbel zu ziehen und Genugtuung zu fordern, aber zu sehen, wie Elendarah sich für ihn einsetzte, ließ alle Schmähungen wie Wasser an einer Gänsefeder an ihm abperlen.
„Herestion! Du bist unmöglich! Ich muss mich bei euch für meinen Bruder entschuldigen. Es ist bereits spät und nach langen Reisen ist er immer schlecht gelaunt.“
„Vor allem wenn ich bei meiner Ankunft, das Haus verseucht mit Ungezie....“
„HERESTION!“
Alle drei wirbelten herum. Mit wutentbrannter Miene stand der Hausherr in der Tür.
„Vater...“
„Wie kannst Du es wagen, meine Gäste derart zu beleidigen! Du bringst Schande über unsere ganze Familie!“
„Aber ich...“
„Kein aber!“ donnerte er und seine zorngeweiteten Augen ließen nicht den Keim eines Widerspruchs aufkommen, „geh mir aus den Augen und verschwinde in Deine Gemächer, bevor Du mich vor dem Wesir endgültig blamierst!“
Herestion verharrte einen Moment lang unschlüssig und rümpfte schließlich die Nase. Einen letzten hasserfüllten Blick auf den Janitschar werfend, stürmte er ohne ein weiteres Wort davon.
Der Fürst verbeugte sich vor Falsahi, der hinter ihm stand.
„Ich entschuldige mich für das unverschämte Verhalten meines Sohnes.“
„Aber, aber. So sind Kinder nun mal, mein lieber Freund. Stets dazu da, ihren Eltern Sorge und Kopfzerbrechen zu bereiten.“ Er klopfte dem grauhaarigen Mann, der fast einen Kopf kleiner war als er, fröhlich auf die Schulter.
„Kommt, lasst uns lieber einen letzten Schluck eures köstlichen Weines als Schlummertrunk zu uns nehmen, bevor wir uns morgen mit den ernsten Staatsangelegenheiten beschäftigen müssen.“
Bevor Elendarahs Vater dem Wesir folgte, wandte er sich ihr zu.
„Es ist schon spät, meine Tochter, und die Feierlichkeiten sind bereits beendet. Vielleicht solltest auch Du Dich allmählich zurückziehen.“ Er nickte dem Janitscharen neben ihr zu und ließ beide alleine in der sternerleuchteten Nacht zurück.
„Nun, ihr habt es gehört, ich muss mich von Euch verabschieden.“ Sie reichte ihm ihre Hand,
„Habt dank für diesen schönen Abend.“ Sie lachte, „trotz des Auftritts des Holzkopfes von einem Bruder.“
„Es war mir eine große Ehre, euch begleiten zu dürfen, Prinzessin.“
Er nahm ihre Hand und einem plötzlichem Impuls folgend, führte er ihren Handrücken nicht an seine Stirn, wie es sich standesgemäß gehört hätte, sondern küsste ihn.
Elendarah lächelte überrascht und zum ersten Mal schien sie ehrlich verlegen. Errötend wandte sie sich ab und ging, nur um an der Schwelle einen Moment lang unentschlossen inne zu halten, bevor sie sich noch einmal nach ihm umsah.
„Da ihr doch ein großes Interesse an Geschichte und Kultur habt, würde ich mich freuen, wenn ich Euch morgen vielleicht bei einem Ausritt, die nahegelegenen antiken Ruinen unserer Ahnen zeigen dürfte..“
„Es wäre mir eine überaus große Freude.“
Er erhaschte noch ein erleichtertes Lächeln in ihrem Antlitz und schaute ihr, noch lange nachdem sie bereits im Haus verschwunden war, nach, während sich in seinen Augen das Glück und der Jubel spiegelte, der wild in seinem Herz pochte.
 
*
 
Die nächsten Tage vergingen wie in einem Traum, den sie gemeinsam träumten. Jeden einzelnen Tag verbrachten sie zusammen, bei einem Ausritt, beim Besuch eines Schauspiels oder nur bei einem Spaziergang in den Palastgärten. Sie lachten und scherzten und mit jedem Tag der verstrich, wuchs etwas zwischen ihnen, was über Freundschaft hinausging.
Von Zeit zu Zeit beobachtete der alte Wesir die beiden, wie sie ihre Welt um sie vergaßen und nur Augen für den anderen hatten. Zudem verbrachte er auffällig viel Zeit mit der Studie der Geschäfte, der Steuereinnahmen und allem was ihm sonst noch einfiel, was er gewichtiges tun könnte, um ihren Aufenthalt in die Länge zu ziehen und dem jungen Paar mehr Zeit zu verschaffen.
 
Aber nicht nur wohlwollende Augen verfolgten ihr Treiben. Mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbrachten, wurde auch die Rastlosigkeit und der Unmut Herestions größer, tigerte er im Palast und in seinen Gemächern umher, wie ein wildes Tier, dass sich danach sehnte, hinaus zu stürmen und seine Fänge in die Beute zu schlagen. Einzig das Gebot seines Vaters hielt ihn davon ab, den Janitscharen, der seiner Schwester den Hof machte, mit seinen bloßen Händen zu erwürgen.
Ein ums andere Mal war er wütend ihn das Arbeitszimmer seines Vaters gestürmt, um ihn zu bedrängen, er möge endlich ein Machtwort sprechen und diesen unstandesgemäßen Umgang seiner Schwester beenden.
Ein ums andere Mal wies ihn sein Vater ab und faselte davon, dass er noch viel zu lernen habe und gefälligst aufhören solle, sich wie ein Kleinkind zu benehmen, dem man das Spielzeug genommen hatte.
„Wie kannst Du nur mit ansehen, wie sich dieser Hurensohn an Elendarah heranmacht? Wie sie völlig von ihm verblendet wird? Oder bist Du einfach nur zu sehr damit beschäftigt, diesem Tattergreis von Wesir hinterher zukriechen, um sich bei ihm einzuschmeicheln?“
„Was fällt Dir ein, so mit mir zu reden? Ich bin immer noch Dein Vater! Und wenn Du schon nicht im Stande bist über Deinen Hass hinaus zu sehen und meinem Urteil zu vertrauen, solltest Du wenigstens den Anstand eines edelgeborenen Sohnes besitzen, den Geboten seines Hausherrn zu folgen!
Du wirst Dich weiter von den beiden fern halten und ich werde keine weiteren Beleidigungen des Wesirs deinerseits dulden. Er mag zwar ein Osmane sein und zu den Eroberern gehören, dennoch ist er ein ebenso weiser, wie gütiger und vor allem ehrenhafter Mann, den ich respektiere und mit Stolz einen Freund nenne!“
Herestion hatte nichts weiter erwidert, sich aber still geschworen, sollte der elende Türke, versuchen seiner Schwester noch näher zu kommen, würde er dafür sorgen, dass er sie danach nur noch aus dem Jenseits betrachten könnte.
               
In einem benachbarten Flügel des Palastes fand am selben Tag ein anderes Gespräch zweier Generationen statt.
Falsahi Ahmed hatte ihn in seine Gemächer bestellt, vor denen er jetzt nervös von einem Bein auf das andere tretend wartete, um hereingebeten zu werden.
Die Tür öffnete sich und der Wesir, gekleidet in einen lockeren Kaftan, winkte ihn beiläufig herein, während er sich geraden einen dampfendheißen Mokka aufgoss.
Der Wesir hatte ihn seitdem sie hier waren äußerst selten berufen und ihn wie die meisten anderen seines Gefolges freigestellt, ihrem eigenen Gutdünken zu folgen, so lange sie sich hier aufhielten.
Ein klammes Gefühl beschlich ihn bei der Vorstellung, dass Falsahi ihm mitteilen würde, sie würden in den nächsten Tagen ihre Reise fortsetzen. In all den Tagen mit Elendarah hatte er sich in diesen Traum fallen lassen und entgegen jeder Vernunft die Vorstellung genährt, sein Leben im Paradies könne endlos so weiter gehen.
Falsahi ließ sich seufzend in einen der weichen Sessel fallen, schlürfte seinen Mokka und schaute über den Porzelanrand zu ihm herüber.
„Setzt Euch.“
Er gehorchte und ließ sich etwas steif auf den nächsten Diwan nieder.
„Es wird selbst einem blinden nicht entgangen sein, dass ihr und die Tochter des Hauses auffällig viel Zeit miteinander verbringt...“
Er wollte schon aufspringen und zu einer Verteidigung ihrer beider Ehre ansetzen, sollte der Vorwurf dahin abzielen, er könnte sich Elendarah unzüchtig genähert haben.
Der Wesir bemerkte sein Zucken und grinste ihn offen an.
„Keine Angst mein Sohn. Ich weiß um eure Tugendhaftigkeit und werde euch ganz gewiss nichts vorschreiben wollen.“
Er nahm einen letzten Schluck aus seiner Tasse und stellte sie dann auf ein kleines mit schmuckvollen Intarsien versehenes Beistelltischchen ab.
„Aber was auch immer ihr tut, ihr solltet euch bald überlegen, wie ihr weiter fortfahren wollt.“
Ein ungewohntes Kichern entfuhr dem alten Mann.
„Wisst ihr, ich kann nicht ewig vorgeben, die Steuerabgaben eines jeden Bauern in diesem Landstrich überprüfen zu wollen.“
Er beugte sich nach vorn und blickte ihn ernst an.
„Früher oder später werdet ihr euch entscheiden müssen.“
 
Bevor er wieder vor der Tür stand, hatte er seine Entscheidung bereits gefällt. Eigentlich hatte er sie schon lange zuvor getroffen, aber erst die Ermahnung des Wesirs, hatte sie zum Vorschein gebracht.
Ein Schwall von Aufregung und Furcht ergoss sich durch seinen Körper beim Gedanken an seine Verabredung mit Elendarah am Abend in den Palastgärten. Er holte tief Luft. Für dieses Treffen brauchte es mehr Mut, als für den Sturm auf die Mauern Wiens.
 
*
 
Die Sonne hing als große rote Scheibe tief über dem Horizont und tauchte die dünnen Wolkenstreifen in rotgoldenes Licht, als wäre das Himmelsfirmament mit Blattgold beschlagen, in mitten dem ein riesiger glühender Robin erstrahlte.
Er genoss den wärmenden Schein auf seinem Gesicht und die beruhigende Wirkung, die der Anblick diese majestätischen Naturschauspiels auf ihn ausübte. Die Luft trug einen sanften Duft von Lavendel und einige Sperlinge zwitscherten aus den Hecken, als er leichtfüßige Schritte auf dem Kiesweg sich hinter ihm nähernd hörte und sich umdrehte.
Womöglich bildete er es sich nur ein, aber in dem rotgoldenen Licht des Himmels erstrahlten ihre Haare wie ein wogendes dunkles Flammenmeer und ihre Augen standen dem Rubin am Firmament in nichts nach. In ihrem feingeschnittenen Gesicht strahlte ihn ein fröhliches Lächeln an, das ihre makellos weißen Zähne entblößte und die zierlichen Grübchen hervortreten ließ, die er so zu lieben gelernt hatte.
Er ergriff ihre Hände und küsste erst die linke und dann die rechte, bevor sie ihm lachend durch die Haare fuhr. Hand in Hand gingen sie den Weg entlang zu einer versteckt in der Hecke stehenden steinernen Bank. Ohne ein Wort zu wechseln setzten sie sich und verfolgten den Sonnenuntergang. Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, während sie verträumt den letzten Strahlen der Sonne hinterher schaute.
Er wusste nicht, wie er anfangen sollte. Seine Hand fuhr hinauf zu ihrem Nacken und strich dort bedächtig durch ihre Haare. Gedankenverloren  wickelte er Locken um seine Finger, während er nach den richtigen Worten suchte.
Elendarah legten den Kopf in den Nacken und hatte ihre Augen halb geschlossen.
„Mmh, was machst Du da?“
Er blickte sie an und plötzlich war ihr Gesicht dem seinen ganz nah. Er spürte ihren heißen Atem auf seiner Wange. Ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken. Er sog ihren Duft vermengt mit einem Hauch von Lavendel tief ein, während er ihr zärtlich weiter den Nacken kraulte. Sie lehnte sich näher an ihn heran. Er spürte selbst durch den Stoff wie sich ihre Brust regelmäßig hob und senkte, spürte die Wärme ihres Körpers. Ihre Lippen öffneten sich eine Spalt weit. Sie hauchte ihm ihren süßen Atem in den Mund, waren ihre Lippen nur noch Zentimeter voneinander entfernt. Alles was er zu sagen hatte, verlor sich in der Magie des Augenblicks, ging unter in dem Moment, als sich ihre Lippen berührten und ein Feuerwerk der Leidenschaft auslösten.
...und jäh unterbrochen wurden vom brüllenden Ausrufs Herestions.
„Du dreckiger Lump! Nimm sofort Deine schmierigen Finger von ihr!“
Elendarah und er sprangen erschrocken auf, fassungslos Herestion anstarrend, der mit hochrotem Kopf aus einer Nische geplatzt war und nun, mit dem gezogenen Degen fuchtelnd, vor ihnen stand.
„Herestion! Was soll das?“
„Sei still Elendarah! Dieser Kerl ist deiner nicht würdig, auch wenn er dich, mit welcher Art Teufelszeug auch immer, verführt hat, dass du es nicht wahrhaben willst!“
Mit fiebrigen Blick und der wackelnden Degenspitze fixierte er den Janitschar, der sich behutsam einige Schritte zur Seite bewegte, um den zuckenden Degen außerhalb der Reichweite Elendarahs zu bringen.
All der aufgestaute Zorn, über den Herestion die tagelang gebrütet hatte, der sich summiert hatte, bis er jetzt zum Bersten damit angefüllt war, wollte sich auf den Janitscharen entladen.
„Ich werde dich ein für alle mal von seinem Bann freien indem ich ihn in die Hölle zurückschicke aus der er gekrochen ist!“
Nur knapp entging er der unvermittelten Attacke Herestions indem er sich mit seinem Oberkörper zur Seite bog. Lediglich die Spitze des Degens streifte seine Wange und hinterließ eine dünne blutige Strieme.
 Obwohl er seinen eigenen Säbel am Gürtel trug, zog er seine Waffe nicht.
„Ha, ein Feigling ist er, Dein tapferer Türke hat wohl nur in seinen Märchen Mut!“
Erneut zischte der Degen auf ihn herab, dem er nur knapp hinten springend auswich. Seine Uniform hingegen hatte weniger Glück und wurde von dem scharfen Stahl zerrissen.
Elendarah schlug die Hände vor den Mund und verfolgte mit schreckgeweiteten Augen das Geschehen.
„Herestion nicht!“
„Lauf lieber davon kleiner Janitschar, dann muss ich das Blut eines feigen Hundes nicht vor den Augen meiner Schwester vergießen! Es sei dir meiner Schwester zu liebe dein Leben geschenkt, wenn du dich nie wieder blicken lässt!“
Um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen, schlug Herestion einmal von links und von rechts auf ihn ein. Unter den ersten Streich konnte er sich noch ducken, aber der zweite Hieb schnitt in seine Schulter und er spürte wie warmes Blut seinen Arm herab ran und den Stoff seines Ärmels rot färbte.
Elendarah sah ihn flehend an.
„Bitte..flieh...oder wehre dich!“
„Ich kann nicht...“
Herestion stach mit einem Ausfallschritt nach ihm, verfehlte ihn um Millimeter.
„Ich kann nicht gehen... und meine Liebe mit Dir zurücklassen....“ brachte er zwischen den Atemzügen hervor.
„Genauso wenig ... kann ich die Reinheit unserer Liebe ... mit dem Blut Deines Bruders besudeln.  ... Eher ...“ Herestion versetzte ihm einen Hieb in die Seite.
Er stöhnte auf. Drückte seine Hand auf die blutende Wunde und versuchte weiter den Schlägen auszuweichen.
„Eher...bin ich...bereit...meinen Tod in...Kauf zu nehmen...um für meine...Liebe einzu...stehen.“
Er keuchte und krümmte sich, als die Schmerzen in seiner Seite immer heftiger wurden. Graue Nebel zogen vor seinen Augen entlang und machten es ihm noch schwerer, die Hiebe Herestions kommen zu sehen und ihnen auszuweichen. Schließlich strauchelte er beim wegtauchen unter einen Schlag und landete hart mit der verwundeten Seite auf dem Kies. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, versuchte er sich aufzurichten, um wenigstens aufrecht den Todesstoß zu empfangen, als sich Elendarah an seine Seite warf.
Sie stützte seinen Kopf in ihren Händen und blickte ihn aus tränenerfüllten Augen an.
„Ich werde nicht zu lassen, dass unsere Liebe so endet!“
Sie wandte sich wütend Herestion zu, der schwer atmend über ihnen stand und noch immer sein Schwert auf den Janitscharen gerichtet hatte.
„Wenn du ihn umbringst , wirst du mich auch töten müssen. Anders wirst du mich nicht von ihm befreien können!“
Sie packte das kalte Metall seines Degens mit der nackten Hand und setzte sich die Spitze auf ihre Brust. Ein rotes Rinnsal ran zwischen ihre Finger.
Sie schrie ihn an.
„STICH ZU!“
Herestion starrte sie entgeistert an. Der Degen in seiner Hand zitterte.
„Ich...ich kann nicht...“
„TU ES!“
Er flüsterte.
„Elendarah...“
Herestion zitterte am ganzen Leib.
Er ließ den Degen fallen und fiel auf die Knie.
„wie könnte ich....“
Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und schluchzte.
Elendarah sank zurück und betete den Kopf des Janitscharen in ihrem Schoß, der sie trotz der Schmerzen und Erschöpfung matt anlächelte. In seinen Augen Tränen schimmernd.
 
*
 
Er erinnerte sich noch genau an die Vermählungszeremonie, bei der es sich der Wesir Falsahi Ahmed, der auch den Titel eines Imam, eines religiösen Führers, trug, sich nicht nehmen ließ, diese persönlich zu vollziehen. Um die Schwierigkeit wissend, sowohl dem muslimischen wie auch den christlich orthodoxen Trauungen gerecht zuwerden, entschied er sich dafür eine selbstgestaltete recht freizügig gehaltene Zeremonie abzuhalten, die beiden Seiten entsprach und vor allem nicht den eigentlichen Mittelpunkt, die Liebe zweier Menschen, in den Schatten stellte.
„Auf das diese Vermählung als Symbol erstrahlen mögen, dass die Menschen mehr verbindet, als Hindernisse wie Herkunft und Glauben zu trennen vermögen.“
 
 
Er kringelte sich weiter Locken mit ihrem Haar um seinen Finger, als er an den glücklichsten Tag in seinem Leben dachte, als sie sich in seinen Armen regte und die Augen aufschlug.
Sie strahlten immer noch den selben Glanz aus, wie bei ihrer ersten Begegnung. Er lächelte sie an und streichelte sie sanft.
„Woran denkst du gerade?“ fragte sie leise mit leicht schläfriger Stimme.
„Wie sehr ich dich liebe.“
 
                                                               ©Arno Erol   01102007-21112007

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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