Ingrid Grote

Holidays in Kampodia Kapitel II

Okay! Es ist ein Roman, ein ziemlich langer Roman. Außerdem ist er absolut trivial, absolut gefühlsduselig, absolut unmöglich und irgendwie märchenhaft. Das reicht eigentlich, um ihn sicher zu verschließen, aber wir haben ja e-stories, und ich möchte mich hiermit bei e-stories dafür bedanken, dass ich so etwas hier veröffentlichen kann. Kuss und Gruß!
Und dieses Mal verweise ich direkt auf meine HP, da kann man besser gucken (Fenster in der Breite verkleinern) und auch besser drucken:
www.ingridgrote.de/Roman/H.i.K.KapitelI.htm
www.ingridgrote.de/Roman/H.i.K.KapitelII.htm 
 
KAPITEL II - Teil 1
 
Außer Andromeda, die sich gerade am Büffet einen Teller mit Rührei füllte, befand sich kein Mensch im Frühstücksraum.
Drei von den sieben Tischen waren mit Tellern und Tassen gedeckt. Große Warmhaltekannen standen darauf, beschriftet mit ‚KAFFEE, ‚TEE‘ und ‚MILCH‘.
„Hallo“, sagte Daniel zu Andromeda.
Sie lächelte ihn an, verlegen wie es ihm schien und sagte ihrerseits: „Hallo.“
Daniel nahm sich einen Teller und ging zum Frühstücksbüffet, das an einer langen Tafel aufgebaut war. Zu seiner Überraschung gab es ein richtig englisches Frühstück mit Rührei, gebackenem Schinken und gebratenen kleinen Würsten. Alles befand sich auf elektrischen Warmhalteplatten und war mit großen silbernen Deckeln zugedeckt. Es gab auch gekochte Eier, diverse Brotsorten, Brötchen, Toast, Butter, Halbfettmargarine, mindestens vier – wie Daniel nach einem flüchtigen Blick feststellte – Sorten Käse, ferner Marmelade und Honig, Nusscreme, rohen und gekochten Schinken, diverse Wurstsorten und Mettwurst, teils geschnitten, teils am Stück. Ein großes Messer lag einladend daneben.
Andromeda tauchte neben ihm auf. „Ganz schön englisch, nicht wahr?“ sagte sie und deutete auf den gebackenen Schinken und die gebratenen Würstchen.
„Das ist wohl wahr“, Daniel musste lachen. „Aber wie kommt ihr dazu?“
„Es ist so eine Ahnensache“, sagte Andromeda erklärend zu Daniel. „Hast du das Bild von ihr gesehen? Es ist auf dem Treppenaufgang, wo die anderen auch hängen.“
„Ich glaube, ich habe es gesehen. Und es kam mir irgendwie bekannt vor.“ Das stimmte, aber Daniel wusste nicht, wieso dieses Gemälde ihm bekannt vorkam.
„Sie war Engländerin und hat ein paar Bräuche von der Insel mitgebracht. Manche behaupten, sie wäre eine Hexe gewesen. Aber das ist natürlich Quatsch!“
Natürlich“, sagte Daniel und sah dabei ein wenig geistesabwesend aus.
„Hier im Dorf ist es üblich, dass man sich die Mettwurst selber abschneidet“, erzählte Andromeda neben ihm. „Man isst ein Stück von diesem Brot dazu“, sie deutete auf das graue Körnerbrot. „und man isst es immer abwechselnd.“
„Das hört sich aber sehr mächtig an“, sagte Daniel ungläubig, bevor er lachend fortfuhr: „Ach ja, ich vergaß, man nimmt hier ja nicht zu...“
„Nein, man nimmt hier eher ab“, sagte Andromeda nun auch lachend. Er hat eine wahnsinnig schöne Stimme, dachte sie, so rau und trotzdem wohlklingend.
„Was zu beweisen wäre“, sagte Daniel, nahm sich ein wenig Rührei, ein bisschen von dem rohen Schinken, der übrigens in kleine Würfel geschnitten war und mit einem Löffel gelöffelt werden musste, eine Scheibe Brot, ein wenig Butter und schnitt sich ein Stück von der Mettwurst ab.
„Setzt du dich zu mir?“
„Klar doch“, Andromeda versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Ich hab’ allerdings wenig Zeit, muss gleich zur Schule, der Schulbus kommt in einer halben Stunde. Aber heute ist der letzte Schultag, und dann hab’ ich endlich Ferien!“ Sie seufzte erleichtert auf.
„Freut mich für dich. Wo ist denn die Schule?“
„In Brunswick. Das ist ungefähr fünf Kilometer von hier.“
„Die Wurst schmeckt interessant, ein bisschen wie Mailänder Salami“, sagte Daniel anerkennend. Daniel kannte sich ein wenig in der Gastronomie aus, er hatte ein paar Jahre eine Kneipe geführt mit täglichem Essen, und es hatte ganz gut geklappt – bis er dann irgendwann aus den verschiedensten Gründen die Nase voll davon hatte..
„Probier’ mal den Schinken. Ist aber nicht jedermanns Sache. Man sagt, er schmeckt ein bisschen nach Verwesung.“
Auch der Schinken inklusive Hauch von Verwesung fand Daniels Zustimmung. Der Schinken schmeckte übrigens wie italienischer Parmaschinken.
„Nein, du kriegst nichts!“ sagte Andromeda auf einmal mit fester Stimme und schaute hinter sich. „Gar nichts kriegst du!“
„Was meinst du?“ fragte Daniel erstaunt, er hatte das auf sich bezogen.
„Alfonso kriegt nichts. Der bettelt jeden an und ist sooo verfressen...“
„Der Tiger hier?“ Daniel beugte sich zu dem strammen Katerchen hinunter und klopfte ihm anerkennend auf das Hinterteil. Alfonso drückte seine Hinterbeine fest durch, wurde dadurch automatisch ein paar Zentimeter größer und drückte den hinteren Teil seines Rückens fest gegen Daniels tätschelnde Hand.
„Er hat die gleichen Augen wie du“, meinte Daniel verwundert. Und das stimmte. Andromeda und auch Alfonso hatten große mandelförmige graugrüne Augen.
Alfonso wurde es langweilig, er stolzierte durch die geöffnete Terrassentür nach draußen, sprang dort auf einen Deck-Chair, der schon ein bisschen Sonne abbekam, legte sich auf den Rücken und rekelte wollüstig seinen weißen pelzigen Bauch in den wärmenden Sonnenstrahlen.
„Der will nix mit mir zu tun haben“, sagte Daniel.
„Immerhin hat er dich nicht angefaucht“, meinte Andromeda. „Das ist schon ein gutes Zeichen. Normalerweise ist Alfons nicht so nett.“
„Ich hatte auch mal einen Kater. Aber er ist weggelaufen. Wahrscheinlich verstand er sich nicht mit...“ Seine Stimme stockte, und nach ein paar Sekunden fuhr er nachdenklich fort: „Du siehst Rebekka sehr ähnlich....“
„Ja meinst du?“ Andromeda war erstaunt, und sie überlegte sichtlich, bevor sie antwortete: „Es ist vielleicht unser Haar...“
„Kann sein“, sagte Daniel „Als ich dich gestern aus dem Stall kommen sah, da dachte ich wirklich zuerst, du wärst Rebekka. Allerdings nur auf den ersten Blick...“
„Ihr kennt euch also?“ fragte Andromeda begierig, obwohl sie schon wusste, dass Rebekka Daniel kannte.
„Wir hatten schon miteinander zu tun...“ sagte Daniel und blickte auf das Brot mit dem gewürfelten Schinken.
„Daniel?“
„Ja, Kitten?“
„Kitten?“ Andromeda war erstaunt über diesen Kosenamen.
„Du siehst wirklich aus wie ein Kätzchen. Mit diesen grünen Augen“, sagte Daniel und lächelte sie an, was Andromeda reichlich verwirrte.
„Finde ich gut... Kitten“, sagte sie nach einer Weile und ließ das Wort auf ihrer Zunge zergehen, bevor sie all ihren Mut zusammenraffte. „Sag’ mal Daniel, kannst du reiten?“
„Nicht besonders, ich habe in einer Art Scheune reiten gelernt, aber das ist schon länger her.“
„Hast du Lust, irgendwann einen Ausflug mit mir zu machen? Irgendwann?“
Er musste lachen. „Aber ich werde nicht ewig hier bleiben. Eigentlich nur ein paar Tage.“
„Ach Quatsch, alle bleiben länger, als sie wollen!“
„Na wenn du meinst“, sagte Daniel friedfertig. „Gut, dann machen wir mal einen Ausflug.“ Bei sich dachte er allerdings, dass nur eine bestimmte Person ihn zum längeren Bleiben veranlassen könnte.
 
Archibald hatte Recht gehabt. Als Rebekka früh aufwachte - sie konnte in der Fremde sowieso nicht lange schlafen - herrschte strahlender Sonnenschein, der unaufhaltsam aber durchaus nicht unangenehm durch die Vorhänge drang. Und als sie hinaus auf den Balkon ging, waren zwar noch ein paar Wölkchen zu sehen, aber die verschwanden, während sie ihnen zusah, und nach ein paar Minuten sah der Himmel wie frisch gewaschen und leergefegt von Wolken aus. Sie verschwinden zusehends, wie sinnig, dachte Rebekka erfreut und belustigt. Sie suchte sich ein paar Sachen zum Anziehen zusammen und ging ins Badezimmer, um zu duschen. Dort fand sie zu ihrem großen Erstaunen ihre Tochter Morgaine vor, die sich gerade die Zähne putzte. Die Zähne putzte? Das war erstaunlich, das tat sie normalerweise doch nur unter schwerer Zwangseinwirkung.
„Was ist denn los mit dir?“ fragte sie entgeistert.
„Ich muss das putzen!“ Morgaine lachte, und das war so bezaubernd, dass Rebekka nicht weiter nachfragte und sich selber ihre Zahnbürste griff...
„Und warum bist du so früh wach? Normalerweise schläfst du doch wie ein Murmeltier...“ sagte Rebekka gurgelnd, während sie sich die Zähne putzte.
„Mami, bei dir läuft was aus dem Mund heraus“, sagte Morgaine, und das bedeutete wohl, dass sie nicht drüber sprechen wollte.
„Ist ja auch kein Wunder“, murmelte Rebekka, „wenn man spricht und sich gleichzeitig die Zähne putzt.“ Aber sie hatte begriffen, dass Morgaine nicht drüber reden wollte. Manchmal hatte Rebekka den Eindruck, ihre Tochter wüsste mehr als sie. Sie hatte so einen Blick, einen alles durchschauenden Blick, der sie manchmal ganz nervös machte. Sie hatte natürlich auch gemerkt, dass Morgaine ab einem gewissen Alter ihren Liebhabern entweder kritisch gegenüberstand oder sie tolerierte. Aber da war ja nicht viel an Liebhabern, nur der eine, der ihr einen Antrag gemacht hatte. Und sie hätte fast ja gesagt. Er mochte Morgaine sehr, und Morgaine mochte ihn auch, zwar nicht überschwänglich aber sie mochte ihn. Aber Rebekka konnte dann doch nicht ja sagen. Irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen. Und im nachhinein war das gut gewesen, die Beziehung ging schief, weil sie ihn körperlich auf Dauer nicht ertragen konnte, es war ein einziger Krampf, sie musste sich zwingen, mit ihm zu schlafen, und es ging einfach nicht. Man trennte sich, und Morgaine war immer noch allein IHR Kind, und keiner, wirklich keiner konnte Anspruch auf sie erheben, egal ob es nun biologische oder rechtliche Ansprüche waren. Der biologische Vater war sowieso der letzte Penner gewesen.
 
Nach der Sache mit Daniel ist sie nicht besonders gut drauf. Natürlich denkt sie nicht mehr an ihn, das hat ja keinen Sinn, aber andererseits scheint sie auf Männer zu stehen, die ihm ähnlich sehen. Ein paar Tage später schellt es bei ihr, und ein Typ begehrt Einlass. Er sucht eine Freundin von ihr. Er hat ähnliche Haare wie Daniel und fast die gleiche Figur, er bleibt über Nacht da, und sie hat noch nie jemanden so laut beim Orgasmus schreien hören. Und so oft, außer natürlich... Aber der ist Legende! Unzuverlässig! Untreu! Jetzt hat sie jemanden, der sie wirklich liebt. Obwohl er verdammt stressig ist. Eigentlich ist er unerträglich mit seiner Arroganz, aber sie ist wohl so empfänglich für... was? Für ihn? Nein. Für die Liebe? Nein. Also wofür? Sie hat keine Ahnung, und obwohl er stressig ist, bleibt sie fürs erste mit ihm zusammen.
Nach zwei Monaten wird ihr morgens übel. Okay, das ist nichts besonderes, manchmal ist ihr morgens vom Saufen übel oder wenn sie ihn neben sich im Bett sieht. Aber das ist etwas anderes, etwas biologisches, etwas Mutterschaftsmäßiges. Aber er als Vater? Dieser servile debile und trotzdem sadistische geschwätzige Idiot? Nein NIEMALS!
Sie wirft ihn aus ihrem Leben hinaus, und sie wird ihn niemals mehr so nahe an sich heran lassen, dass er die Wahrheit erfahren könnte. Außerdem hätte dieser Typ sowieso nicht genug Geld, um die Alimente bezahlen zu können...
Rebekka musste lachen, während sie sich im Spiegel betrachtete, sie konnte nicht anders. Sie hatte alles so gut gemanagt, Morgaine war nur IHR Kind, und kein störender Vater existierte. Wozu auch? Was hatte der Vater schon groß dazu getan?
 
Morgaine, die fertig mit dem Zähneputzen war, schaute sie skeptisch von der Seite her an und sagte in einem beschwörenden Singsang: „Mami, komm wir gehen runter!“
„Morgy, ich bin noch nicht fertig, aber wenn du willst, kannst du schon gehen. Aber fall’ mir ja nicht die Treppe runter.“
„Bin doch kein Baby“, Morgaine schmollte ein wenig, aber sie trippelte schnell aus dem Badezimmer und machte sich wohl auf den Weg nach unten.
Die hat’s aber wirklich eilig, dachte Rebekka erstaunt.
 
Daniel sah sie sofort, als sie auf dem oberen Absatz der Treppe erschien. Sie stand dort ruhig und gelassen, und dann tänzelte sie die Stufen herunter, warf eine Kusshand in Richtung eines Ahnenbildes der von Kampes, und manchmal hielt sie inne, um sich die anderen Bilder anzuschauen. Und das sah so ernsthaft aus, dass Daniel sich sehr seltsam fühlte. Es war ein hübsches Kind, und es hatte nicht viel Ähnlichkeit mit seiner Mutter, wenn man einmal von seinem Kinn absah. Natürlich war Rebekka auch hübsch, aber auf eine andere Art und Weise, aber das wollte sie anscheinend nicht wahrhaben. Warum nicht, dachte Daniel, was ist los mit ihr? Natürlich wusste er keine Anworten auf seine Fragen, obwohl er sich schon seit Jahren damit beschäftigte. Rebekka war ein Rätsel, aber er hatte sie nicht vergessen können trotz mancher Vergnügungen, die er sich nach ihr geleistet hatte. Und sie war sozusagen der Ursprung dieser Vergnügungen, aber er hatte nie wieder das Gefühl von damals empfunden, diese Leidenschaft und Zärtlichkeit... Ach verdammt!
Und da war nun ihre Tochter. Sie erweckte in ihm seltsame Instinkte, aber er wusste nicht wieso. Er wusste nur, dass es eine Verbindung zwischen ihm und Morgaine gab.
Morgaine hievte sich mit Leichtigkeit auf den Stuhl neben Andy. Sie schaute Daniel von der Seite her an, und er schaute zurück.
„Ich will die Katze, wo ist die Katze“, sagte sie dann plötzlich.
„Hey, woher weißt du denn von Alfonso?“ Andromeda hatte sofort verstanden, was Morgaine meinte. Ihr Vater musste der Kleinen von dem Kater erzählt haben.
Daniel starrte Morgaine an, und sie starrte zurück.
„Ich weiß schon, wo die Katze ist“, sie lächelte ihm zu, rutschte von ihrem Stuhl herunter, machte sich auf den Weg zur Terrassentür, ging nach draußen...
... und sah den wunderbarsten kleinen getigerten Kater des Universums. Er lag auf einem Deck-Chair und hatte seinen plüschigen weißen Bauch der Morgensonne entgegengestreckt. Nicht, dass sie nicht vorher schon gewusst hätte, dass er der Schönste der Welt war. Aber in der Wirklichkeit war er noch viel schöner. Und das wusste er. Und er war auch wirklich der größte kleine Kater überhaupt...
Aber er hat Angst, das weiß Morgaine auch. Er hat Angst, er denkt, ich will ihn kneifen oder ihm wehtun. Andere kleine Tiere haben ihm schon wehgetan. Ach, er meint Kinder. Oder meint er auch große Kinder? So groß wie Mami?
Automatisch entsteht in ihrem Kopf ein Bild, in dem sie Alfonso zeigt, dass sie ihn nur ganz zart streicheln will, nur ein bisschen. Alfonso ist kein Blödmann, er ist wie manche Katzen leicht telepatisch veranlagt, er versteht sie, springt nicht auf und läuft auch nicht weg - sondern lässt sich von dem Tier, das möglicherweise doch kein Tier ist, zart über den Kopf streicheln, obwohl er dabei ein bisschen zittert, aber er zittert nicht lange.
 
Sie hatte das Bild von dem Kater in seinem Kopf gesehen! Daniel war ziemlich durcheinander, vermutlich mehr durcheinander als jemals in seinem Leben zuvor, denn diese Sache betraf sowohl Rebekka als auch Morgaine. Konnte es sein, dass Morgaine die gleichen Fähigkeiten hatte wie er? Fähigkeiten war vielleicht untertrieben, vielleicht sollte er es Fluch nennen, denn diese Visionen und Träume überkamen ihn sogar am Tage urplötzlich, und das war manchmal schlecht, vor allem beim Fahren auf der Autobahn. Aber wenn es da Ähnlichkeiten gäbe, wenn die Kleine möglicherweise gleich empfinden würde, dann musste er sich um sie kümmern. Er würde es nicht ertragen können, wenn Rebekkas Töchterchen das durchmachen musste, ohne Hilfe zu haben.
 
Rebekka sah die beiden, als sie die große gewundene Treppe herunterging. Unwillkürlich stockten ihre Schritte, denn die beiden machten so einen vertrauten Eindruck, dass es ihr schon fast wehtat.
Nach einer Sekunde beruhigte sich aber ihr etwas schneller gewordener Puls. Ich werde schon aufpassen, Andy, du wirst nicht auf ihn hereinfallen, dachte sie, als sie lächelnd auf den Tisch zuging, an dem die beiden saßen.
„Hallo!“ sagte sie freundlich. „Wo ist Morgaine?“ fragte sie, ohne den Blick auf jemand bestimmtes zu richten.
„Sie ist draußen bei Alfi“, berichtete Andromeda und deutete auf die Terrassentür.
„Alfi? Wer ist Alfi?“ Rebekka stellte sich unter Alfi automatisch einen morbiden englischen Liebhaber vor, dessen Charme ihr Töchterchen gerade verfallen war.
„Alfons ist ein Kater!“
„Stimmt ja, du hast gestern von ihm gesprochen.“ Rebekka fühlte sich erleichtert, denn Morgaine war so ein undurchschaubares, so ein unverständliches Kind, ein Kind eben, und manchmal hatte Morgaine seltsame Vorlieben, zum Beispiel den Obdachlosen, der immer im Park saß, oder die alte Frau mit dem vielen Müll...
„Dann ist’s ja gut“, sagte sie erleichtert und setzte sich auf den Stuhl neben Andy. „Musst du etwa zur Schule? Du bist ja ziemlich früh wach... Und du sowieso!“ Das sagte sie in Richtung Daniel und lächelte ihm zu. Es tat gut, ihm zuzulächeln. Es signalisierte: Du bist ein Nichts für mich, und ich werde nicht zulassen, dass du deinen Charme an Andy auslassen kannst.
„Oooh, ich glaube, ich habe den Bus verpasst“, sagte Andromeda, stand eilig auf, winkte Rebekka, Daniel und auch Morgaine und dem Tiger auf der Terrasse zu und verschwand eilig aus dem Frühstücksraum. Eine Minute später war sie wieder da, nahm sich zwei Scheiben Brot und ein Stück Wurst, packte das ganze in eine der Frühstückstüten, die auf dem Tisch lagen, winkte noch einmal verlegen zu Daniel und Rebekka hin, sagte: „Ich frag’ Max, ob er mich zur Schule fährt“ - und verschwand endgültig.
„Das sieht gut aus“, sagte Rebekka nach einem gründlichen Blick auf Daniels Teller, von dem er anscheinend noch nicht viel gegessen hatte.
„Es ist gut“, sagte Daniel. „Und man wird nicht dick davon...“
„Dann hol’ ich mir auch was.“ Sie ging nicht auf die Kaloriensache ein.
„Rebekka?“
„Ja was denn?“
„Geht es dir gut?“
„Mir geht es blendend! Und dir? Wie geht’s dir?“ Rebekkas Tonfall ließ vermuten, dass es sie einen Dreck interessieren würde, wie es ihm ging.
„Auch gut, mittlerweile...“ sagte Daniel zaghaft. Himmeldonnerwetter, sie war ja so mies drauf. Warum eigentlich? Er hatte ihr doch nichts getan, er hatte sich nur in sie verliebt damals...
„Das ist... nett! Wen hast du denn diesmal auserkoren? Ich hoffe, es ist nicht Andy. Lass’ sie ja in Ruhe!“
„Bist du irre?“ Allmählich wurde Daniel sauer. Was sollte das Gequatsche?
„Du warst doch immer schon dafür bekannt, dich in jede Tussi zu verlieben. Ich weiß noch, wie Irmgard mir erzählte, dass du Hand in Hand mit der größten Schlampe vom Eye-Q an ihr vorbeimarschiert bist. Und total verliebt anscheinend...“ Das Eye-Q war damals Daniels höchstpersönliche Kneipe gewesen.
„Okay, ich war zu dieser Zeit ein wenig durcheinander...“
„Und dann hast du Irmgard angemacht, nachdem mit deiner Freundin Schluss war!“ Rebekka erinnerte sich noch gut an dieses zarte außergewöhnlich hübsche Wesen, Daniels Exfreundin, das gleichzeitig auch Irmgards Freundin gewesen war. Und dauernd hing Irmgard bei den beiden herum…
„Oh Gott! Ja. Habe ich gemacht. Ich fand Irmgard so anders, so freundlich, nicht so hysterisch wie meine Exfreundin.“
„Irmgard ist nicht hysterisch, das stimmt. Irmgard ist mir eigentlich zu beherrscht, sie leidet nur mit den Händen.“ Rebekka machte eine händeringende Bewegung und fügte aus tiefstem Herzen kommend hinzu: „Irmgard ist nur eine blöde Nuss!“
Daniel musste lachen, hörte aber sofort damit auf, als sie ihn böse ansah.
 
Keiner ruft sie an. Keiner will etwas mit ihr zu tun haben. Sie ist eben langweilig und uninteressant, und der blöde Macker, mit dem sie drei Jahre zusammen war, der ist natürlich viel interessanter als sie. Hat sie eigentlich Freunde? Nicht viele. Sie sind fast alle bei Michael geblieben, den sie insgeheim den ‚Mörder meiner Jugend’ nennt. Nach ein paar Tagen der absoluten Telefonstille beschließt sie, Irmgard anrufen, mit der sie mal irgendwie befreundet war. Nicht richtig befreundet, dazu waren sie zu verschieden, und außerdem ging ihr Irmgards Gerede, das sie mit sparsamen verzweifelten Gesten begleitete, auf die Nerven. Jeder Mann hat Irmgard verlassen, und Irmgard ist natürlich total schuldlos daran. Und dann hat sie immer dieses Lied gesungen: Der Junge auf dem weißen Pferd, der kommt nicht mehr. Das Lied von Marius-Müller-Westernhagen.
Aber jetzt hat sie ihn anscheinend doch noch gekriegt, den Jungen auf dem weißen Pferd. Aber muss es ausgerechnet Daniel sein? Rebekka hat ihn immer bewundert, er sieht gut aus, ist intelligent und selbstbewusst.
Und dann geht er hin und verliebt sich in Irmgard, in diese blöde ewig verlassende, an ihrer Misere absolut schuldlose Irmgard!
Sie ruft also Irmgard an und fragt sie, ob sie heute Abend schon was vorhätten. Auf die Schnelle fällt Irmgard wohl nichts ein, und Rebekka kündet blitzesschnell ihren Besuch an. Irmgard ist nicht begeistert, und Rebekka weiß warum, denn mittlerweile gilt sie wohl als Unperson, sie hat sich zu schnell getröstet nach dem endgültigen Scheitern ihrer Beziehung, sie hat nicht herumgejammert, sondern einen Tag später mit einem neuen Mann geschlafen. Das ist unanständig und nicht vertrauenswürdig, vor allem weil sie mit dem Neuen schon Schluss gemacht hat, keine paar Wochen später. Aber keiner ahnt, wie beschissen und einsam sie sich fühlt. Oder ahnen sie es doch und ignorieren es? Wäre möglich.
Pünktlich um acht steht sie bei ihnen vor der Haustür. Irmgard lächelt verkrampft bei der Begrüßungszeremonie. Daniel lächelt nicht ganz so verkrampft, was ihr egal sein kann, denn er hat nur Augen für seine Irmgard.
Die Wohnung, die sie ihr stolz vorzeigen, ist mit Möbeln voll gestopft, denn Irmgard hat ihren Mist mit eingebracht. Sie ist vor drei Monaten bei Daniel eingezogen, just zu dem Zeitpunkt, als Rebekka sich von Michael trennte – oder er sich von ihr, wie auch immer...
Man zeigt ihr das Schlafzimmer. Seltsamerweise ist ihr das unangenehm. Dann geht es ins Wohnzimmer, das recht sparsam möbliert ist, vielleicht weil sie noch auf einen Sperrmülltermin warten? Irmgard ist ja begeisterte Sammlerin von Sachen, die umsonst sind… Ach ja, Daniel hat einen netten Hund und eine Katze, beide sollen sich prächtig verstehen, erzählt man ihr. Aber leider ist die Katze gar nicht da, und der Hund ist sehr groß…
Daniel und Irmgard sitzen ihr gegenüber auf dem Sofa. Daniel hält Irmgard im Arm, als ob er Angst hätte, sie könnte ihm gleich weglaufen. Seltsamerweise macht sie das irgendwie wütend, er kann bestimmt was Besseres kriegen als Irmgard. Und er wird Irmgard nicht so schnell verlieren, die ist nämlich sehr anhänglich. Aber was soll’s? Kann ihr egal sein. Trotzdem tut es weh, die beiden zusammen zu sehen. Warum tut es weh? Sie weiß es nicht
Es ist ein langer Abend. Die beiden reden und reden und interessieren sich einen Dreck für sie. Sie reden über selbstgebackenes Brot und über Verwandte, sie reden über alles Mögliche, nur nicht über sie. Keine mitfühlende Frage wegen ihres Befindens. Seltsam, als sie noch mit Michael zusammen war, war es ihnen auch nicht recht. Man geizte nicht mit Ratschlägen für die Trennung. Und jetzt ist es erst recht nicht recht. Irmgard beäugt sie misstrauisch, als wäre sie eine Bedrohung für die Institution des Zusammenlebens von Mann und Frau. Denn immerhin lebt sie schon seit Monaten alleine. Und das ohne öffentlich zu jammern...
Sie hängt wie gelähmt auf ihrem Sessel. Die mit ihrem selbstgebackenen Brot und ihrem verliebten Getue! Von denen kann sie nichts erwarten.
Der Abschied findet schnell statt. Die Aktion hätte sie sich sparen können. Sie irrt durch ihre viel zu große und zu teure Wohnung und denkt flüchtig an ihren Exfreund. der ihr die Wohnung hinterlassen hat. Das Thema ist mittlerweile gegessen, er ist ihr total egal, sie wundert sich vielmehr darüber, dass sie es so lange mit ihm ausgehalten hat. Trotzdem fühlt sie sich elend, aber sie will sich nicht elend fühlen, und deswegen beschließt sie sich ins Vergnügen zu stürzen, koste es was es wolle...
 
„Irmgard ist wirklich eine blöde Nuss! Und du bist auch nicht besser!“ Rebekka schaute Daniel voll in die Augen, als sie das sagte. Es war die Wahrheit. Der mit seinen Weibern! Hatte immer so einen auserlesenen Geschmack! Vor allem bei Irmgard, das war die größte Schlampe von allen. Ließ sich immer ihren Arsch nachtragen und ließ sich von den unmöglichsten Gestalten zum Essen einladen, die geizige Kuh. Tatsächlich war - diese Erkenntnis kam ihr ganz plötzlich - der Geiz die hervorstechendste Eigenschaft Irmgards gewesen, außer einer ungemeinen Selbstgefälligkeit.
Daniel sagte daraufhin nichts. Er schaute nur gequält vor sich hin.
Rebekka ging allerdings vergnügt zum Frühstücksbuffet, lud sich dort in lässiger Langsamkeit jede Menge gute Sachen auf ihren Teller und ging dann nach draußen, um Morgaine und dem Kater ein wenig Gesellschaft zu leisten. Dem hatte sie es gegeben! Der mit seinen Frauengeschichten und seinem Händchenhalten mit dem größten Flittchen der Kneipenszene! Er hatte nichts Besseres verdient. Der geile Blödmann! Obwohl er ihr jetzt schon fast wieder leid tat. Und diese Kneipentussi war bestimmt ein ganz normales Mädchen gewesen, eine die ab und zu mal mit Männern schlief, so ähnlich wie ich in diesem einen Jahr... Welch ein Verbrechen in Irmgards Augen! Und zu diesem Zeitpunkt war er noch gar nicht mit ihr zusammen, er war mit seiner Freundin auseinander, somit solo und konnte treiben, was er wollte. War vielleicht das Beste gewesen, was ihm passieren konnte, denn das mit Irmgard funktionierte zwar recht lange, ungefähr ein Jahr, aber dann ging es wohl in die Brüche. Aber ich bin nicht dran schuld, dachte Rebekka. Ich nicht!
Und warum falle ich immer über ihn her? Ich will das doch gar nicht.
 
*****************************************************
 
KAPITEL II - Teil 2
„Was hat er gesagt?“ Sabine schien ein wenig neugierig zu sein.
„Ach sei doch nicht so neugierig! Was kann er schon groß gesagt haben?“ Man merkte es Rebekka an, dass sie nicht über Daniel sprechen wollte.
„Irgendwas muss er doch gesagt haben.“
„Ich glaube, ich habe ihm keine Gelegenheit dazu gegeben“, sagte Rebekka, und sie fühlte sich fast ein wenig elend deswegen.
Sabine schüttelte den Kopf. Rebekka war so eine sture Person...
„Wen juckt’s, was er gesagt hat!“ sagte Rebekka schließlich unwillig. „Außerdem hat er nichts gesagt. Komm’, wir gehen jetzt spazieren. Morgaine ist noch unten irgendwo, vielleicht in den Ställen. Aber die finden wir schon.“
Von Archie hatte sie erfahren, dass der Ort Kampodia größtenteils von seinen Teichen bestimmt wurde. Man unterschied das Obere Dorf und das Untere Dorf. Es gab drei Teiche, den Oberen Teich, der direkt vor dem Herrenhaus und seinen Stallungen lag, den Mittleren Teich, und zuguterletzt sollte da noch ein Teich sein, nämlich der Untere Teich, der fast schon außerhalb des Dorfes lag.
Morgaine war ein wenig bockig, sie hatte nur ungern den Stall inklusive Kater verlassen, und Daniel übte anscheinend auch große Faszination auf sie aus, aber Daniel war nicht mehr da, und das war gut so...
Sie gingen den Weg am Herrenhaus entlang, den Rebekka erspäht hatte, als sie angekommen waren. Links und rechts vom Weg gab es hohe Backsteinmauern, die rechte musste die Mauer sein, die man von der Terrasse des Herrenhauses aus sah. Wilder Wein rankte über die Mauer herunter. Kurz darauf führte der Weg leicht nach links, und ein paar Häuser tauchten auf, die mit Sicherheit schon älter waren. Trotz mancher Geschmacksverirrungen, zum Beispiel aus Glasbausteinen gemauerte Eingangsbereiche, wirkten sie doch idyllisch. Alles war wunderbar grün, und die Blumen in den Gemüsegärten leuchteten sommerlich bunt, obwohl das Gemüse vorherrschte. Manche Blumen kannten sie gar nicht. Schade, dachte Rebekka bedauernd, ich weiß nicht, wie sie heißen, obwohl ich auch auf dem Land aufgewachsen bin.
„Die gibt es nicht im Blumengeschäft“, meinte Sabine und blieb stehen, um sich die langstieligen steifen Gladiolen näher anzuschauen.
„Und wenn, dann bestimmt nicht oft. Morgaine, um Gottes Willen, fass’ das nicht an!“
Rebekka lief schnell zu ihrer Tochter und hielt ihr die Hände fest, bevor sie den knackig runden Pferdeapfel in ihre Fingerchen und danach eventuell in ihren Mund bekam.
„Haben! Will es haben!“ Morgaine guckte ihre Mutter fordernd an. Sie hatte gerade eine ihrer Babyphasen, was ihre Mutter immer ziemlich ärgerte, Morgaine war wirklich zu groß dafür, aber es schien ihr Spaß zu machen.
„Nein Morgy, das ist nicht gut. Das ist Babba!“ Rebekka musste lachen, weil sie als Reaktion auf Morgaines gewollte Babyphase die beknackte Erwachsenen-Babysprache anwandte, um Morgaine etwas klarzumachen. „Na ja, eigentlich ist es Scheiße“, fuhr sie fort, „und es ist... äääh ungesund.“
„Scheiße?“ fragte Morgaine, während ihr Gesicht gelinde Zweifel an dieser Aussage erkennen ließ.
„Ja, Scheiße“, sagte Rebekka
Morgaine gab den Versuch auf, sich den Pferdeapfel anzueignen und tanzte stattdessen ein bisschen um ihn herum, während sie vor sich hinplapperte: „Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße...“
„Und schon wieder ein Wort gelernt“, sagte Sabine lächelnd.
„Wie hätte ich es ausdrücken sollen. Als Pferdeapfel? Hinterher hätte sie noch versucht, ihn zu essen, den Apfel.“
„Darf Bine Sseiße?“ Morgaine hatte mit dem Tanz rund um den Pferdeapfel aufgehört und deutete mit der Hand auf Sabine.
„Nein Morgy, Sabine darf auch keine Sseiße, äääh Scheiße“, erklärte Rebekka.
„Mammi?“
„Nein, verdammt! Mammi auch nicht!“
Morgaine hörte gar nicht mehr auf ihre Antwort, sie war nämlich fasziniert von einem großen flitschig aussehenden flachen Haufen, der sich, als Rebekka näher hinsah, als ein von Fliegen umschwärmter Kuhfladen entpuppte.
Oh nein!!!
„Nein, nicht anfassen! Scheiße!“ rief sie, als Morgaine sich interessiert zu dem Fladen hinunterbeugte und die Hand nach ihm ausstreckte.
„Ääääh?“ Morgaine schickte ihr einen ungläubigen Blick, denn das konnte nicht sein, dass das auch Sseiße war, denn das sah ja ganz anders aus...
„Andere Scheiße“, versuchte Rebekka zu erklären, aber Morgaine sah sie an, als ob sie bescheuert wäre.
Und Rebekka kam sich auch tatsächlich ein wenig idiotisch vor.
„Darf Bine denn…“
„Nein, nein, nein! Und Mami auch nicht! Und jetzt lauf’ und rede nicht so ein dummes Zeug!“
Morgaine warf ihr einen verschmitzten Blick zu und lief munter vor ihnen her und suchte nach weiterer Sseiße, fand aber nur noch diverse Pferdeäpfel und einen kleineren Kuhfladen. Also nichts neues.
„Was für Gespräche!“ sagte Sabine. „Könnt ihr euch nur über Scheiße unterhalten?“
„Hmmm“, brummte Rebekka. „Es Kuhfladen zu nennen, das wäre schlecht, da denkt man automatisch an Fladenbrot, also an etwas Essbares.“
„Das ist ja echt ein Dilemma!“ Sabine kam gut mit Morgaine klar, aber sie hatte noch nie drüber nachgedacht, ob sie eventuell mal ein eigenes Kind... Und wenn, von wem?
Ein paar malerisch mit Grünzeug zugewachsene Häuser weiter standen sie auf der Hauptstraße vor einem Hinweisschild auf den nächsten Ort Sie waren am Ende des Dorfes angelangt. Autos fuhren wohl selten auf dieser Straße entlang, und Bürgersteige gab es sowieso nicht. Gab es da nicht eine Regel, auf welcher Straßenseite man als Fußgänger gehen musste, Rebekka grübelte und grübelte, aber es fiel ihr nicht ein und das, obwohl sie auf dem Land groß geworden war.
Der nächste Ort hieß Schießheim, und er war drei Kilometer von Kampodia entfernt.
„Oh, das war’s schon?“ meinte Sabine bedauernd.
„Schießheim... Da drängt sich einem doch glatt ein anderer Name auf.“
„Also wirklich, Rebekka...“ Sabines Tonfall klang vorwurfsvoll, nur jemand, der sie genau kannte, hätte das Kichern hinter diesen vorwurfsvollen Worten erkannt.
„Es muss hier noch einen Teich geben“, sagte Rebekka. Sie gingen auf der Hauptstraße zurück, kamen an eine Brücke, und von dort schauten sie tatsächlich auf den Mittleren Teich, den Rebekka schon vom Park des Herrenhauses aus gesehen hatte. Sie waren bestimmt ziemlich nahe daran vorbeispaziert, nur durch die Häuser getrennt von ihm. Und sie hörten das Murmeln eines Bächleins. Es war aber kein Bächlein, sondern ein Ausläufer des mittleren Teichs, der unter der Brücke herführte und auf der anderen Seite der Straße ein Mühlrad antrieb.
Ein Mühlrad an einer richtigen MÜHLE!.
„Oh, mein Gott“, sagte Sabine ehrfürchtig.
„Hier ist die Zeit wohl stehen geblieben“, sagte Rebekka verwundert.
Die Mühle war eigentlich nur ein kleines Steinhäuschen mit dem Bach und einem großen Mühlrad an der Seite.
Sie folgten dem Bachlauf so gut es ging, denn er wurde immer wieder durch ältere ärmliche Häuschen versperrt, die aber wegen ihrer abenteuerlichen bizarren Anbauten nett und originell aussahen. Irgendwann gab es dann kaum noch Häuser, und sie sahen ihn endlich, den Unteren Teich. Weiden standen an seinen Ufern, er war lang gezogen, nicht sehr breit, und ein paar Enten schwammen auf ihm herum. Er war auch nicht besonders groß, aber durch die Abwesenheit von Häusern war er wohl der schönste Teich in Kampodia. Rebekka stellte sich automatisch die nahezu lautlose Stille und Einsamkeit vor, die abends an diesem Teich herrschen musste. Vielleicht hörte man ein paar Vogelstimmen oder vielleicht auch undefinierbare Geräusche, bevor die Dunkelheit vollends hereinbrach. Es war bestimmt überwältigend und vielleicht auch schwer zu ertragen, wenn man alleine hier war...
„Da hinten geht der Bach weiter“, sagte Sabine und deutete auf eine lange Reihe von Bäumen. Es waren Weiden, sie setzten sich in einer geschlängelten Reihe fort, und man konnte den Lauf des Baches an den feuchtigkeitssuchenden Weiden erkennen.
„Er ist wunderschön“. Rebekka stand ganz still da, und sogar Morgaine schaute andächtig auf die Enten, die sich gerade anschickten, ans Ufer zu klettern. Sie machten ganz seltsame leise Quak-Geräusche dabei, und Morgaine schaute ihnen verzückt zu. Sie war überhaupt sehr tierlieb, ohne die Tiere groß zu belästigen, dachte Rebekka.
 
Sie liebt das kleine Kätzchen, sie liebt es so, dass sie es ganz fest an sich drückt. Die Erwachsenen stehen dabei und sagen nichts, auch die Mutter sagt nichts.
Viel viel später erzählt die Mutter anderen Leuten, wie ihre Tochter das Kätzchen fast tot gedrückt hat, so fest, dass die Eingeweide schon herausquollen. Rebekka findet das fürchterlich und hat den Verdacht, ihre Mutter spinnt sich da was zusammen, um ihr Schuldgefühle einzujagen. Aber was ist, wenn es wahr ist und sie tatsächlich das Kätzchen fast getötet hat? Und warum hat keiner von denen etwas gesagt, sie haben alle nur geglotzt...
 
„Dann sollten wir jetzt das Obere Dorf erkunden.“ sagte Sabine, und Rebekka stimmte ihr wortlos zu. Diesmal nahmen sie nicht den Weg entlang am Gutshof, sondern folgten der Hauptstraße, Rebekka nahm Morgaine an die Hand, denn sicher war sicher - und tatsächlich kamen sie nach fünf Minuten an die Stelle, wo Rebekka zum ersten Mal den Oberen Teich und das Herrenhaus gesehen hatte, dort wo es nur nach rechts oder nach links gegangen war.
„Allmählich blicke ich durch“, sagte sie zufrieden.
Alte Frauen saßen auf den Bänken vor ihren Häusern und grüßten freundlich, als sie vorbeigingen. Sie grüßten zurück.
Dieses jeden-und-alles-Grüßen war schon ziemlich ungewohnt. Zu Hause, dachte Rebekka, waren die Nachbarn froh, wenn man sie nicht mit Grüßen, geschweige denn mit Gesprächen belästigte. Manchmal fand sie das auch gut, aber manchmal verspürte sie das Bedürfnis nach ein wenig Freundlichkeit.
„Hier kennt jeder jeden“, sagte sie zu Sabine. „Und ich schätze mal, die wissen ganz genau, wer wir sind. Bis ins Detail wahrscheinlich.“
„Alles wissen sie natürlich nicht“, sagte Sabine vielsagend. „Das wäre ja noch schöner...“
„Genau!“
Das Obere Dorf war bei weitem nicht so romantisch wie das Untere, aber dafür war es sehr viel größer. Von der Hauptstraße gingen zwei neuere Straßen ab, und entlang dieser Straßen wurden die Häuser immer moderner und nichtssagender. Sie kehrten nach kurzen enttäuschenden Ausflügen schnell auf die alte Hauptstraße zurück, an der fette Gehöfte lagen, die mit Schiefer behangen waren oder altes Fachwerk hatten. Es gab einen winzigen Supermarkt mit integrierter Postabteilung, einen Elektroladen, ein winziges Bekleidungsgeschäft und zwei Metzgereien. Zwei Metzgereien? In so einem kleinen Dorf? Die hiesige Bevölkerung bestand wahrscheinlich aus puren Fleischfressern...
Sie erreichten schließlich die Bäckerei mit dem winzigen Schaufenster ohne jede Auslage, jenen kleinen Laden, der fast schon außerhalb des Dorfes lag, nämlich dort, wo es zum nächsten Ort „Landsende“ ging.
Sabine blickte Rebekka fragend an. „Sollen wir mal reingehen?“
„Klar, warum nicht.“
Als sie die Tür öffneten, erklang ein leises altmelodisches RING–RING–RING.
Es roch so, wie es nur einer uralten Bäckerei riechen konnte, in der seit mindestens hundert Jahren gebacken wurde. Aus der Backstube, es war mit Sicherheit die Backstube, kam eine ältere Frau und begrüßte sie freundlich mit „Guten Morgen. Sie sind zu Besuch auf dem Gut, nicht wahr?“. Dann setzte sie noch an Rebekka gerichtet hinzu: „Sie sehen ein bisschen so aus wie Claudia! Also, was möchten Sie haben? Ich habe gerade frischen Butterkuchen gemacht, der ist wirklich sehr gut.“
„Jaaaa“, hauchte Morgaine liebreizend und drückte ihre Nase an die gläserne Vitrine, in der nicht viel zu sehen war außer ein paar Brötchen und paar Gläsern Marmelade.
Rebekka wunderte sich mit ein wenig Verspätung darüber, dass die Frau nicht Andy genannt hatte, die ihr ja angeblich ähnlich sah, sondern Claudia. Aber die sah ihr doch überhaupt nicht ähnlich mit ihrem blonden Haar, und außerdem fiel ihr diese angebliche Ähnlichseherei allmählich auf den Keks. Demnächst sah sie vielleicht noch Archie ähnlich...
Die Frau nahm Morgaines gehauchtes Jaaaa als Aufforderung, in der Backstube zu verschwinden und nach kurzer Zeit wieder mit einem Papptablett herauszukommen, das mit weißem Papier abgedeckt war.
Sie wollte kein Geld annehmen, sondern drückte das Tablett Rebekka in die Hand mit den Worten: „Ich hoffe, er schmeckt euch.“
„Vielen Dank“, sagte Rebekka lächelnd, „und einen schönen Tag noch.“
Auch Sabine verabschiedete sich von der freundlichen Frau.
„Wie können die hier überhaupt was verdienen?“ meinte Rebekka verwundert, als sie ein paar Meter vom Laden weg waren. „Sind die etwa alle miteinander verwandt hier?“
„Ich fand’s nett“, sagte Sabine leise, und ihre Nase nahm den Duft des Butterkuchens wahr, der sich durch das Papier hindurch in der Luft verströmte. „Er riecht so gut... Ich brauche frischen Kaffee dazu.“
„Ich glaube, an der Bar stand eine Kaffeemaschine mit allem, was dazu gehört“, glaubte Rebekka sich zu erinnern.
„Gut, dann also ab nach Hause, ach du lieber Himmel, jetzt sag’ ich schon ‚nach Hause’, das ist irre!“
„Dieser Ort hat seltsame Fähigkeiten“, meinte Rebekka verwundert. „Aber die Vorstellung ist schön: Wir setzen uns nach draußen und essen Kuchen.“
„Erst den Kaffee machen und dann nach draußen setzen!“
„Okay! Und was machen wir später?“ fragte Rebekka
„Ich werde mir mal den Garten anschauen, ich liebe solche riesigen Bauerngärten.“ Sabine hatte einen verträumten Ausdruck im Gesicht.
„Und ich werde mir die Bibliothek anschauen, die ist bestimmt hochinteressant“, sagte Rebekka, die eine Zeitlang ihren Bedarf an Büchern in der öffentlichen Stadtbücherei gedeckt hatte. Leider hatte sie jetzt kaum noch Zeit zum Lesen. „Kommst du mit, Morgy?“
„Och, weiß nicht“, Morgaine druckste ein bisschen herum.
„Ach ja, es interessiert dich bestimmt nicht. Willst du denn mit Sabine gehen?“ fragte Rebekka aufmunternd.
„Och, nein, ich will zu Tante Claudi!“
„Na gut, so sei es!“ Rebekka war ein wenig verwundert, dass Morgaine bei dieser ihr doch eigentlich wildfremden Frau bleiben wollte. Aber sie hatte festgestellt, dass Morgaine sich niemals in Menschen täuschte, sie hatte das absolute Händchen, beziehungsweise Köpfchen dafür, wem sie vertrauen konnte und wem nicht. Ich wünschte, ich hätte das auch, dachte Rebekka.
„Ich könnte mich jetzt schon ärgern, dass ich am Freitag wieder nach Hause muss.“ Sabines Stimme klang bedauernd.
„Der Geburtstag von deiner Mutter?“
„Ja, aber das ist schon okay. Und du, du willst doch bestimmt hier bleiben?“ Es klang eher nach Feststellung als nach Frage, so wie Sabine das sagte.
„Ich denke ja, irgendwie fühle ich mich hier wohl...“ Rebekka hatte bis jetzt gar nicht gewusst, dass sie hier bleiben wollte. Aber es war so, dieser Ort hielt sie fest, aus was für Gründen auch immer.
„Aber wir haben ja erst Montag“, versuchte sie Sabine zu trösten. „Und wie kommst du nach Hause? Willst du das Auto haben?“
„Nicht nötig. Ich schaff’s schon irgendwie. Ich fahre vielleicht mit Georg und der.... äääh Schnorrergurke zurück.“
„Okay, hört sich gut an“, sagte Rebekka, aber dann fiel ihr ein: „Und wie kommt Daniel dann nach Hause?“ Seltsamerweise nahm Rebekka fest an, dass Daniel auch bleiben würde.
„Ist mir doch egal! Entweder kommt er mit, oder er bleibt hier...“
„Warum sollte er hierbleiben?“ fragte Rebekka unschuldig.
Sabine lachte.
 
*****************************************************
 
KAPITEL II - Teil 3
Die Stallungen waren riesig. Hauptsächlich waren Pferde dort untergebracht. Man hörte ab und zu ein leises Prusten, Wiehern und Rascheln. Der Stall war sonnenlichtdurchflutet, denn durch die kleinen verstaubten Fenster – Fenster waren eigentlich unüblich für Ställe – drang immer noch genügend Sonnenlicht herein, um den Stall bis in den letzten Winkel zu erhellen. Jede Menge Heu und auch riesige gestapelte Strohballen waren in einem separaten Teil des Stalles gelagert.
Ein Schmatzen erregte Daniels Aufmerksamkeit. Er ging die lange Reihe von Pferdeboxen entlang dem Geräusch nach und wurde schnell fündig. Die hintere Ecke des Stalls war für Schweine reserviert. Daniel sah in einem Stall eine riesige fette Sau, an der circa zehn, so genau konnte man das nicht einschätzen, winzige Schweinchen herumnuckelten. Über dem Verschlag befand sich eine so genannte Ferkellampe, die den kleinen Schweinchen zusätzliche Wärme spenden sollte. Ein paar andere recht große Ställe waren leer. Ihre schweinischen Insassen hatten Freigang und waren, wie Daniel sich erinnerte, auf einer eingezäunten Wiese hinter der kleinen Kirche.
„Schinken und Mettwurst kommen also von euch, ihr armen Schweine“, dachte Daniel mitleidig. Die kleinen Würmer würden schnell erwachsen werden und dann ihr Leben lassen müssen.
Er ging wieder zurück und schaute sich links und rechts die Pferde an. Obwohl er nicht viel Ahnung von Pferdedingen hatte, sah er doch, dass es sich um stattliche gepflegte Exemplare handelte. Archie hatte ihm gestern Abend erzählt, dass er auf Max’ Rat hin ein wenig züchtete, er nahm warmblütige Pferde, wie zum Beispiel Hannoveraner und kreuzte sie mit gescheckten Mustangs, den ehemaligen wilden Indianerpferden, bei denen es sich eigentlich auch nur um verwilderte Hauspferde handelte, die den Spaniern damals im 16. Jahrhundert ausgebüchst waren. Diese Züchtungen erfreuten sich großer Beliebtheit bei Pferdenarren, sie verbanden die Robustheit der angeblichen Wildrasse mit dem Springvermögen der europäischen Warmblütler.
Ein rabenschwarzer Rappe stand unruhig in seiner Box, und in der Box daneben träumte ein großer, wild braun-weiß-schwarz gescheckter Mustang vor sich hin.
In der hinteren Ecke der Box sah Daniel etwas Weißes. Ein kleineres Tier vielleicht? Es schlief wohl, und es war mit Sicherheit kein Pferd und auch kein Pony.
Die meisten Pferde gehörten nicht zum Gutshof, man hatte sie quasi hier geparkt, sie wurden hier versorgt, gepflegt und auch geritten. Das hatte Andromeda ihm erzählt, als sie aus der Schule kam. Sie hatte dabei seltsam verlegen gewirkt.
Daniel erblickte eine Tür, die nur angelehnt war, er öffnete die Tür und befand sich in der Reithalle, das heißt in einem schmalen Gang für die Zuschauer, der durch eine brusthohe Holzbalustrade von der eigentlichen Reithalle abgetrennt war.
Zur Linken führte eine Holztreppe nach oben, und er entschloss sich nach kurzem Zögern, die Treppe hinaufzugehen.
Zu seinem Erstaunen endete die Treppe an einer Theke aus groben Balken mit genauso groben Barhockern davor. Und es standen auch noch zwei Tische mit Holzstühlen an der anderen Seite der Theke. Tatsächlich konnte man von den Tischen aus hinunter in die Reithalle schauen. Auch hier gab es eine Holzbalustrade, die wohl dafür sorgen sollte, dass man nicht in die Reithalle hinunterfiel...
Praktisch, dachte er. Wirklich praktisch! Ein Reiterstübchen! Das war spitzenmäßig gut. Ob’s denn auch was zu trinken gäbe? Das wäre dann saumäßig gut!
„Na Daniel, gefällt’s dir?“ Archibald von Kampe hatte hinter ihm in das hölzerne Gemach betreten, das bestimmt einmal ein Heuboden über dem Stall gewesen war.
„Es ist wirklich allerliebst“, sagte Daniel gelassen. „ Gibt‘s hier auch was zu trinken? Es könnte sein, dass ich mich vor meinen Reitstunden ein wenig locker machen will.“
„Lockerheit ist alles, Daniel.“ Archie begab sich hinter die Theke, öffnete den großen Kühlschrank, der hinter der Theke stand, holte zwei Flaschen Bier heraus und machte sie auf. „Du musst nur aufpassen, dass du nicht zu locker wirst...“Archibald lachte auf. „Das ist übrigens unser hauseigenes Bier.“ Er reichte Daniel eine Flasche.
„Es ist okay“, meinte Daniel, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte. Das war nicht gelogen, das Bier schmeckte richtig nach Bier, war aber nicht so herb, dass jeder andere Geschmack dadurch totgeschlagen wurde, und es hatte, so hoffte Daniel jedenfalls, genug Alkohol intus, um einen ein bisschen besoffen zu machen und nicht nur auf die Blase zu wirken. Daniel war Experte in Bierdingen, denn er hatte drei Jahre lang eine Kneipe geführt.
„Was meinst du Daniel, hast du Lust, mal einer Bierprobe beizuwohnen?“ Archibald trank genüsslich seine Flasche leer - und holte wie ein geschmeidiger Panter zwei neue Flaschen aus dem Kühlschrank, wovon er eine Daniel reichte.
„Eine Bierprobe?“ Daniel musste nicht lange überlegen. „Ich glaube, das würde mir gefallen. Das würde mir sogar sehr gefallen.“
„Wäre dir es morgen recht?“ fragte Archie.
„Klar, ich habe noch nichts vor. Ist bestimmt interessant.“
„Am Anfang ja, hinterher ist es einfach nur lustig...“ Archibald musste laut auflachen, weil er wohl an etwas sehr Lustiges gedacht hatte.
Man hörte leises Hufgetrappel. Jemand führte ein Pferd in die Reithalle. Daniel sah interessiert zu. Wenn er jemanden beim Reiten zusehen würde, konnte er bestimmt was dazulernen, denn seine Reitkünste waren wirklich nicht berauschend.
Die Person, die das Pferd in die Reithalle führte, war Andromeda. Wieder war Daniel verwundert über die Ähnlichkeit, die sie von weitem mit Rebekka hatte.
Andromeda saß mühelos auf, und das Pferd fiel in einen leichten Trab.
Daniels Augen folgten ihr fasziniert. „Sie hat eine tadellose Haltung“, meinte er anerkennend zu Archie.
„Das hat sie, das arme Kind!“
„Wieso armes Kind?“ fragte Daniel.
„Hat Max dir nicht erzählt, dass ihre Mutter bei der Geburt gestorben ist?“
„Ja. Natürlich.“ Daniel erinnerte sich schwach daran.
„Kurz nach Kassiopeias Tod besorgten wir Andromeda eine Amme, es war Tante Bernadettes Tochter, die ihr Kind noch stillte. Tante Bernadette ist meine älteste Schwester. Aber ihre Tochter ist dann ganz plötzlich an einer Pilzvergiftung gestorben, und ihr Baby kurz darauf auch! Es war furchtbar, Bernadette wurde sogar verdächtigt, am Tode ihrer Tochter und ihres Enkelkindes schuld zu sein. Es gab natürlich keine Beweise, und es war vollkommen absurd...“ Man konnte Archie seine Empörung ansehen. „Jedenfalls mussten wir Andromeda mit der Flasche großziehen. Und sie hat es prächtig überstanden. Aber dann – Herrgott nochmal, passierte wieder was, manchmal denke ich, das war wirklich zuviel Unglück auf einmal“, sagte Archibald nachdenklich. „Wie Murphys Gesetz – wenn etwas schief geht, dann geht alles schief.“
„Hört sich ziemlich seltsam an“, meinte Daniel ein wenig geschockt, „aber Andromeda hat es anscheinend überstanden.“
„Sie ist ein Prachtmädchen“, sagt Archie ernst. „Gut. Andromeda ist ein gesundes kräftiges Baby geworden, aber als sie etwa ein Jahr alt war, wurde sie entführt. Kein Mensch weiß genau, was damals passiert ist.
„Scheiße!“ sagte Daniel.
„Aber wir hatten Glück. Nach drei Tagen wurde sie im Wald gefunden, zwar stark unterkühlt und abgemagert, aber sie lebte, und sie hat sich unheimlich schnell wieder erholt. Es war übrigens Max Lakosta, der sie gefunden hat. Damals war der Junge erst fünfzehn, na ja, fast sechzehn.“
„Das grenzt an ein Wunder“, sagte Daniel und wunderte sich insgeheim, dass Max ihm noch nie etwas davon erzählt hatte.
„Ich hatte gerade wieder geheiratet. Ein Mädchen aus dem Dorf. Ich wollte Andromeda eine neue Mutter verschaffen.“
„Ja und?“
„Es war nicht ganz so uneigennützig, wie es sich anhört, ich war auch wirklich scharf auf dieses Mädchen. Sie und Kassiopeia waren befreundet, Kassiopeia war natürlich die große Liebe meines Lebens. Ich war fünfunddreißig, als ich mich in sie verliebte, und sie war zwanzig.“ Archibald lächelte, aber seine Augen blickten traurig. „Wie auch immer, Zirza ist nicht der Typ, um Mutter sein zu können. Zwei Jahre später verlor sie ihr eigenes Kind, unser Kind. Und danach hatte sie keinerlei Interesse mehr daran, sich um Andromeda zu kümmern. Das hatte sie vorher eigentlich auch nie gehabt.“
Daniel schaute Archie wortlos an. Wahre Abgründe wurden ihm hier enthüllt. Eine seltsame Familie war das, und anscheinend schien der Nachwuchs hier extrem gefährdet zu sein.
Er schaute hinunter zu der jungen Andromeda mit der bestechend tadellosen Haltung, sie dirigierte ihr Pferd so perfekt, dass man gar nicht sehen konnte, wie sie es eigentlich machte. So etwas nannte man Reitkunst. Armes Ding, dachte er mitleidig, du hast schon viel mitgemacht.
Daniel sah, dass sein Freund Max, der große schwarzhaarige Verwalter des Gutes in die Halle gekommen war, sich über die Balustrade gelehnt hatte und Andromeda beim Reiten zusah. Auf seinem Gesicht lag ein undefinierbarer Ausdruck, möglicherweise eine Mischung aus Verlangen, Zuneigung und Resignation. Jedenfalls kam es Daniel so vor.
„Max hat es abgelehnt, die Belohnung anzunehmen, die wir damals ausgesetzt hatten. Er ist sehr stolz und hat sein Studium selber finanziert. Wir waren froh, dass er sich entschlossen hat, hier für uns zu arbeiten, denn er hatte genug andere Angebote.“ Archibald war offensichtlich sehr von Max angetan.
Daniel wunderte das nicht, Max war so wahnsinnig zuverlässig und vertrauenswürdig. Er war sein Freund, und daran konnten die Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, nichts ändern. Er musste sich unbedingt näher mit ihm unterhalten, denn bis jetzt war das unmöglich gewesen, gestern beim Abendessen sowieso nicht. Und tagsüber schien er nicht viel Zeit zu haben. Es kam Daniel fast so vor, als ginge ihm Max aus dem Weg.
„Und was ist mit deiner Frau? Wo steckt sie?“ meinte er Archie fragen zu müssen, obwohl es ihn nicht sonderlich interessierte.
„Zirza ist Geschäftsfrau.“ erklärte Archie ihm. „Sie hat mehrere Boutiquen in der Hauptstadt, und sie fühlt sich dort bestimmt wohler als hier in unserem Provinznest...“
Daniel dachte nach. Zirza war ein seltsamer Name, der ihm irgendwie bekannt vorkam, obwohl er nie eine Person dieses Namens gekannt hatte. Archie und seine zweite Frau schienen nicht gerade ein inniges Verhältnis zu haben. Aber das konnte er natürlich nicht beurteilen, vielleicht war es die glücklichste Ehe der Welt. Es hatte was für sich, so weit voneinander entfernt zu leben. Das hielt die Leidenschaft wach und wirkte der ehelichen Abstumpfung entgegen. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Bei Irmgard nämlich hätte auch die größte Entfernung nicht ihre Leidenschaft entfachen können, dachte er bitter.
„Zirza ist nicht jedermanns Sache“, Archibalds tiefe sonore Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. „Entweder man verfällt ihr – oder man verabscheut sie. Nein das ist nicht ganz richtig: auch wenn man sie verabscheut, kann man ihr verfallen.“
„Da sie deine Frau ist, werde ich sie wohl nicht verabscheuen können…“ Daniel musste lachen, er hatte trotz der kurzen Zeit, die er Archie kannte, ein recht vertrautes Verhältnis zu ihm, und sie verstanden sich so gut, dass sie sich einiges sagen konnten.
„Man kann nie wissen“, sagte Archibald nachdenklich.
Daniel beobachtete weiterhin Archies Tochter Andromeda. Sie ritt gerade eine Traverse durch die ganze Diagonale der Reithalle, und ihr Pferd, ein riesiger Brauner, setzte so korrekt seine Schritte, dass es nahezu perfekt schien. Es sah alles mühelos leicht aus, was Andromeda und das Pferd machten, und obwohl sie Jeans und ein schwarzes T-Shirt trug, kam es Daniel vor, als würde sie die Hohe Schule der Dressur in einem schwarzen Anzug mit Zylinder vor einem verwöhnten Publikum zeigen - und natürlich den ersten Preis machen. Sie hatte das Zeug dazu.
Er suchte Max mit seinen Augen und fand ihn nicht mehr. Max hatte seinen Posten an der Bande verlassen und war wohl gegangen.
„Sie reitet wirklich gut. Schade, für mich ist es wohl zu spät, um richtig gut reiten zu lernen“, sagte Daniel schließlich, nachdem er einen weiteren Schluck von dem Bier genommen hatte.
„Rebekka ist eine sehr reizvolle Frau, nicht wahr?“ sagte Archie nach einer Weile und nahm seinerseits einen großen Schluck aus der Bierflasche.
„Ja, das ist sie“, sagte Daniel schließlich nach einer längeren Pause nachdenklich und schaute Archie argwöhnisch an. Er hatte doch wohl nicht vor, sie anzumachen?
„Und ihre Freundin natürlich auch“, Archie räusperte sich, „beide sind einfach wundervoll.“
Daniel fiel nun wirklich aus allen Wolken. Er hatte tatsächlich angenommen, Archie wäre ein treuer Ehemann, der nicht irgendwelchen fremden Frauen nachsteigen würde. Was für ein blöder Irrtum! Aber er selber hatte ja auch schon... Aber zumindest war er nicht verheiratet gewesen, was die Sache aber nicht besser machte.
Sag mal Archie, tust du das öfter? Ich meine, anderen Frauen den Hof machen?“ Und dann noch so viel jüngeren, dachte er bei sich.
„Eigentlich nicht.“ Archie sah verlegen aus. „Na gut, alle paar Jahre vielleicht mal, aber es kommt wirklich nicht oft vor.“
„Und deine Ehe?“ Daniels Stimme klang irgendwie anklagend.
„Wir führen keine normale Ehe. Wir führen jeder unser eigenes Leben, und ich habe oft genug über Scheidung nachgedacht, war aber einfach zu träge dazu.“ Archibald starrte vor sich hin, tief in Gedanken versunken.
„Dann solltest du das mal in Angriff nehmen“, sagte Daniel streitlustig. „Ich will nämlich nicht, dass Rebekka oder sonst wer verletzt wird. Irgendwie scheint sie immer an die falschen Männer zu kommen.“ Mich hält sie sowieso für den falschen Mann, und ich kann’s ihr nicht verübeln, dachte er. Was habe ich früher eigentlich für einen Mist gebaut, unglaublich!
„Das würde ich nie tun“, meinte Archie verlegen. „Aber es gibt da ein Problem, Zirza würde mich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, ich müsste wahrscheinlich das Gut verkaufen. Aber Andy liebt es. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie woanders leben könnte.“
„Sie hat dich in der Hand? Das ist wirklich eine tolle Ehe!“ Daniel gab seiner Verachtung für diese Ehe freien Lauf.
„Da hast du, verdammt noch mal recht!“ sagte Archie und trank die Flasche in einem Zuge aus.
Daniel hing seinen Gedanken nach. Wie wohl Andromedas Stiefmutter war? Nicht, dass es ihn wirklich interessierte. Wirklich interessieren tat ihn im Augenblick nur eines: Was wollte Archie von Rebekka? Daniel, du verdammter Idiot, was konnte er schon von ihr wollen. Er wollte sie poppen. Und wie würde Rebekka auf Archies Anmache reagieren? Stand sie auf ältere Männer? Wie alt war der Typ gewesen, den sie fast geheiratet hätte? Er hatte sich zwar immer aus der Ferne für sie interessiert, sie aber nicht ausspioniert, sondern nur durch gemeinsame Bekannte erfahren, was sie so trieb.
Dass sie ein Kind hatte und heiraten wollte, das hatte ihn ein ziemlich fertig gemacht. Es hörte sich so endgültig an, so vollkommen aus seinem Leben... weg. Und dann erfuhr er, dass sie doch nicht geheiratet hatte und regte Max an, ein paar Leute nach Kampodia einzuladen. Geniale Idee! Es war vielleicht eine Möglichkeit, ihr nahe zu kommen, oder sogar näher... Wie alt war Morgaine wohl? Er schätzte sie auf vier Jahre, und plötzlich schoss ihm das Blut in die Wangen, und es wurde ihm mächtig heiß. Konnte es sein, dass sie von ihm war?
„Was ist mit dir?“ fragte Archie besorgt
„Muss wohl an dem Bier liegen“, sagte Daniel zerstreut, und Archie hakte nicht weiter nach.
Was wäre, wenn das Mädchen Morgaine wirklich sein Kind wäre? Diese Gabe, die sie hatte, oder besser gesagt, der Fluch, den sie hatte, den hatte er auch, wenn auch in abgeschwächter Form. Konnte sich so etwas vererben oder passierten solche Dinge einfach? Andererseits war es schon sehr seltsam, dass er sie seit ungefähr vier Jahren hatte, diese seltsamen Träume und diese seltsamen Bilder in seinem Kopf. Konnte es sein, dass es mit Morgaines Geburt angefangen hatte? Oder sogar schon vorher? Er erinnerte sich schwach an einen warmen schwarzen Raum, er lag in einer warmen Flüssigkeit, und von weitem hörte er gedämpfte Geräusche. Wenn sie vier Jahre alt war, dann konnte es hinkommen. Und wahrscheinlich hatte er gar keine eigenen Visionen, sondern sie stammten alle von Morgaine...
Von diesem Ausflug in den Stall kehrte Daniel ziemlich verwirrt in sein Zimmer zurück. Er musste Rebekka fragen. Er wollte es wissen. Aber würde sie es ihm sagen? Sie schien ja keinerlei Wert auf ihn zu legen. Er entschloss sich, erst einmal nichts zu tun, sondern sie zuerst milde zu stimmen, denn im Augenblick war sie so abweisend, dass es ihm richtig wehtat.
 
*****************************************************
 
Ende KAPITEL II  Holidays in Kampodia   ©  by Ingrid 2008
 
Fortsetzung folgt
 
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ingrid Grote).
Der Beitrag wurde von Ingrid Grote auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Das Leben geht weiter... sagen sie ... von Monika Peter



Es handelt um Fragen, Antworten, Gefühle... ausgesprochen von einer Frau, die unfassbares Leid erfahren und erlebt hat. Monika Peter hat vier ihrer fünf Söhne verloren und schildert mit einfachen, klaren Worten ihre Gefühls- und Gedankenwelt - ihr Leben danach.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ingrid Grote

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Hallo Traurigkeit von Ingrid Grote (Weihnachten)
Liebe auf dem ersten Blick von Selma I. v. D. (Liebesgeschichten)
Alles über Schlemils oder Männer, Männer, Männer von Martina Wiemers (Liebesgeschichten)