Der Tag schmilzt vor sich hin und hat nichts anderes zu tun, als Worte zu verschiffen auf Meeren mit verlorener Bedeutung, die die Sterne nur als Spiegelbild ihrer abgründigen Bäuche kennen, und nie im Leben über himmlische Wegweiser stolperten. Astronomisch auch die Summe in Jürgens Milchmädchenrechnung, für die er töten würde, wenn er sie besitzen dürfte. Mit Rauschgift dealen will er nicht anfangen, da er sich für zu intelligent hält und schon immer der Meinung war, dass blaue Augen nicht zu ihm und seinem Lieblingssakko passen. Ebenso wenig zerstochene Mandeln, Venen und anderer masochistischer Kram.
Auf dem Fensterbrett sitzend grübelt er zwischen aufgeweichtem Fahrradweg und Laublattregatta nach, zieht es aber vor, sich neben den Hausspatzen zu platzieren, und nach Landeflächen auszuspähen. Kein fester Grund. Ein Loch reißt auf und darinnen wirbelt die astronomische Bekannte, welche die Katze der Nachbarin tigerhaft umschleicht.
Der nette Junge von nebenan, wie sie ihn zu nennen pflegt, lebt gern über seine Verhältnisse. Ein wahrhaft dehnbarer Begriff, was seinem Charme keinen Abbruch tut, der Genen guter Zeiten entstammt. Die Nachbarin!, schießt es ihm durch den Kopf und "Mich würde der Schlag treffen, wenn meinem Tigerchen etwas passieren tät.". Sie hat sich so gefreut, als er ihr von seinem neuen Wagen erzählt hatte, und fand, dass er sich seit seinem Einzug hier sehr gut etabliert hat; im allgemeinen und überhaupt. Er hingegen musterte und streifte die Mingvasenkollektion, den Wandregulator, den teuren Sekretär...
"Ein aufschlussreicher erster Besuch!", verabschiedete sie ihn damals dankend. - Schlagartig verschwindet das Loch vor seinen Augen. Ein Namensschild taucht aus dem Meer der Bedeutungslosigkeit auf. Mit einem Strauß Rosen, die ahnungsvoll die Köpfe hängen lassen, und einem Schälchen Thunfisch für die Katze in der Hand, vernimmt er das Vogelgezwitscher auf Knopfdruck. Dem Geruch von Herzmedizin folgen durch die offene Tür nacheinander ein breites Lächeln und Miauen.
"Schön, dass sie mich mal wieder besuchen! Für Kaffee und Kuchen ist es wohl noch nicht zu spät?" – "I wo.", die Antwort im Anzug.
Die Rosen finden sich in der Barmherzigkeit wissender Hände wieder, die schnell Vase und Wasser herbeiholen und der Katze in der Küche ihren Snack zuschieben.
Im Wohnzimmer plaziert sie die junge, hoffnungsvolle Generation in den kostbar alten Ohrensessel und die angeschlagene Schönheit in die Nähe von Licht. "Bin gleich wieder da.", sagt die versierte Gastgeberin und verschwindet in Richtung Kaffeeduft. Ein Knall, der nach zerschelltem Porzellan klang, ließ Jürgen aufspringen und in die Küche stürmen. Am Boden liegen der Tigerkater und sein Frauchen. Die Kaffeemaschine signalisiert, dass sie fertig ist.
In jeder Hand eine Mingvase, eilt der junge Mann nach nebenan und benachrichtigt den Notarzt, dessen Dienste nicht mehr zum tragen kommen. "Todesursache: Herzversagen. Die arme Frau! Sie muss sich riesig über ihren Besuch gefreut haben.", meint die Aerztin, die ihm tröstend auf die Schulter klopft.
Vorheriger TitelNächster Titel
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heike Gewi).
Der Beitrag wurde von Heike Gewi auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2008.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
yahoo.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Heike Gewi als Lieblingsautorin markieren

Den Wind jagen: Haiku
von Heike Gewi
Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im
Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige
Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen.
Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve.
Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki)
systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt
werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche
übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht.
Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt
und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel."
erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich
hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch
gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken
in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch
für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: