Arno Gündisch
Alle Jahre wieder
1. Ein Heimweg:
Noch zehn Minuten auf der hoffnungslos überfüllten Bundesstraße nach Düsseldorf-Wittlaer, dann war Detlev Dohmen zu Hause.
So sehr er sich auch freute, der Hektik eines weiteren Arbeitstages entronnen zu sein (vom Stress des Abendverkehrs mal ganz abgesehen), schien es ihm doch, als sei das aufwendig renovierte Landhaus im grünen Speckgürtel Düsseldorfs nicht mehr sein wahres Zuhause.
Mit fünfundvierzig hatte Detlev Dohmen beinahe alles erreicht, wovon er je geträumt hatte. Als Sohn eines Buchhalters und einer Krankenschwester brachte er es durch viel Fleiß, Verhandlungsgeschick und persönliche Ausstrahlung zum Niederlassungleiter einer der bedeutendsten Großbanken Deutschlands, und das will in Düsseldorf etwas heißen. Unlängst wurde ihm von Frankfurt aus signalisiert, daß seine Karriereleiter bald einige zusätzliche Sprossen erhalten könnte...
Und trotzdem...heute schien es ihm, als hätte alles ausgerechnet mit seiner Ehe angefangen. Mit achtunddreißig heiratete er die Lehrerin Martina K., eine Bürgerstochter aus bestem Hause, die trotz ihrer solventen Herkunft stets still und bescheiden blieb, und sich demgemäß niemals einen Ehemann vom Range eines Detlev D. erträumt hätte.
Entsprechend wurde auch ihre Ehe als reine Vernunftsehe abgestempelt, die vor allem dazu dienen sollte, Detlevs Stand in der gehobenen Bürgerschicht Düsseldorfs abzusichern. Heute würde Detlev D., inzwischen Vater von zwei prächtigen Söhnen, ein beneidenswerter Ehemann sein-wenn...ja, wenn seine Frau vor drei Monaten nicht dieses hinterhältige Nervenfieber gehabt hätte.
Die Ärzte führten die Krankheit auf berufliche Überbelastung zurück, was zur Folge hatte, daß Martina ihre Stelle als verbeamtete Lehrerin aufgeben mußte..dabei wurde sie bereits für die höheren Weihen des Rektorats in Betracht gezogen...
Zwar hing Martina ihr Leid nie an die große Glocke und ging dafür ganz im Haushalt auf, trotzdem hatte sich für Detlev etwas geändert. Früher pflegten sie mindestens zweimal pro Monat Ausflüge in die gehobene Gastronomiewelt Düsseldorfs zu unternehmen. Das hatte nun ein Ende, ebenso wie die Wellness-Wochenenden in Deutschlands Fünf-Sterne-Hotels oder die gemeinsamen Liebesabende zu zweit, in denen sich beide zu körperlichen Höchstleistungen hochschaukelten...
Statt dessen klagte nun Martina über Depressionen, weinte häufig und wollte andauernd getröstet werden. Detlev war zwar bemüht, auch darin sein Bestes zu geben, doch mußte er sich selbst eingestehen, daß seine persönliche Welt anders aussah.
Als ausgemachter Siegertyp wollte er das Leben in vollen Zügen genießen, weil er fühlte, daß ihm dieses als Belohnung für seine Leistungen einfach zustand. Ein beinahe perfektes Erscheinungsbild-er war einsneunzig groß, muskulös, ohne ein Gramm Fett zuviel auf den Hüften, mit dichtem schwarzen Haar und dunkelbraunen, durchdringenden Augen-sowie sein mondänes Charisma waren ihm dabei stets behilflich gewesen.
Nur Martina und ihrer Krankheit gegenüber stand er völlig hilflos und überfordert da..
Zum Glück fand er willkommene Abwechslung am Arbeitsplatz, in Gestalt zweier Neuzugänge, die bald seinem maskulinen Charme , sowie seinen geschliffenen Verführungskünsten erlagen.
Da war zum einen die Jungmanagerin Jasmin A., selber Tochter eines Bankkaufmanns in Führungsposition, die sich von Aachen aus für eine verantwortungsvolle Stelle in der Düsseldorfer Niederlassung bewarb und sie auch bekam. Es vergingen keine zwei Monate, da war Jasmin neben ihrem Hauptberuf auch noch für andere Stellungen zuständig-nämlich für die, die sich Detlev im gemeinsamen Hotelbett für sie ausdachte...
Jasmin verkörperte für Detlev alles, was er an Martina vermißte. Während Martina mit ihren Einsneundsechzig und hausfraulichen Rundungen für Detlev zum Inbegriff des Hausmütterchens wurde, war Jasmin A.-zweiunddreißig Jahre alt, einsachtundsiebzig, duchtrainiert, urban gekleidet, einem gehobenen Lifestyle frönend-eindeutig das Bild der neuen Karrierefrau. Dennoch dachte Detlev bei all seinen Eskapaden (er entschuldigte seine Abwesenheiten vor Martina mit angeblichen Management-Seminaren, die er besuchen mußte) nie daran, die Ehe mit Martina aufzulösen.
Jasmin wiederum war zu schlau, um Detlev zu einem solchen Schritt zu drängen. Zum einen hatte sie genügend Gelegenheit gehabt, am Bespiel ihrer Eltern zu studieren, wie schnell romantische Liebesträume in Gleichgültigkeit und Gefühlskälte umschlagen können. Zum anderen war sie aber als Frau und Managerin viel zu unabhängig, um ausgerechnet ihren Chef zu heiraten.
Dessenungeachtet genoß sie ihre Rolle als heimliche Liebhaberin durchaus, zumal
Detlev sich während der Zeit ihres Beisammenseins nach keiner anderen Frau umsah, obwohl er von mancher Seite eindeutige Signale erhielt.
Jedenfalls nicht, bevor er die Praktikantin Janine F. einstellte...
Janine war in allem das Gegenteil von Jasmin. Erschien erstere nur gestylt zur Arbeit, bevorzugte Janine den Schlabberlook. Ließ Jasmin nur ausgewählte Kosmetika an ihre Haut, war für Janine die dm-Welt das Nonplusultra der Körperpflege. Schließlich trug Janine ihre Piercings offen zur Schau, während sie Jasmin auf den Intimbereich beschränkte..
Warum also sprang Detlev auf Janines Reize wie ein Vorstadthengst an? Die Erklärung lag für ihn darin, daß er in seinen bisherigen Liebschaften eine Seite des Sex immer ausgeklammert hatte...nämlich seine vulgäre, schmutzige Seite, die Janine mit ihrem ungekämmten knallroten Haarschopf und dem dick aufgetragenen Lippenstift verkörperte...
Fand Detlevs Liebesleben mit Jasmin stets in hochwertiger Umgebung statt, so war es Janine egal, ob sie Detlev in einem dunklen Büro oder in der Besenkammer befriedigte...ihre Treffen fanden stets zu später Stunde im Büro statt, wenn Jasmin gerade dienstlich außer Haus weilte oder ihre Eltern besuchte. Detlev fand ein geradezu viehisches Vergnügen daran, Janine auf alle Arten zu nehmen, was sie stets mit obszönen Bemerkungen quittierte...Vor allem eine Stellung, die „Schubkarre“ genannt, entflammte Detlev stets aufs Neue, und ließ auch jetzt seine Männlichkeit wachsen...
Kurz und gut, für Detlev lief alles bestens, und es gab keinen Grund zur Klage-bis auf den Umstand, daß es bald weihnachtete, und er mit seinen Gedanken zurück mußte an den häuslichen Herd mit den vielen Geschenken-weit weg von feuriger Liebe und Lifestyle-heim an den festlich gedeckten Tisch mit duftenden Plätzchen, saftigem Braten und schwerem Rotwein.
Was ihn zu der Überlegung veranlaßte, welches Geschenk Martina erhalten sollte-für die beiden Jungs hatte er natürlich vorgesorgt, die würden mal echte Sportskanonen werden, wie auch ihr Vater..
Aber Martina...sie wollte etwas Romantisches, Gefühlvolles..und Detlev glaubte auch schon, das Richtige für sie zu haben...
2. Der Antiquar und sein Laden:
Im Herzen der Düsseldorfer Altstadt befindet sich die schmale Kapuzinergasse, die vor allem kleinere Läden beherbergt. Leider ließ die Qualität der Neuzugänge in den letzten Jahren viel zu wünschen übrig-bis als Nachfolger eines insolventen Ramschhändlers ausgerechnet ein exotischer Antiquar erschien.
Vor dessen unscheinbarer Fassade stand Detlev nun. Ein Schild aus Eichenholz verkündete in schwungvoller Schrift:
ALEXANDER SARTORIUS
seltene Möbel, exotischer Schmuck, rare Bücher
Was nicht zuviel versprochen war, wie Detlev fand. In welchem anderen Laden der Altstadt konnte man ohne weiteres arabische Möbel aus dem 16. Jahrhundert neben klösterlichen Handschriften des europäischen 15. Jahrhunderts und seltenem Barock-Schmuck antreffen? Die Preise für diese Raritäten gingen mitunter ins Astronomische, doch zogen sie eine solvente wie exzentrische Käuferschaft aus ganz Deutschland an, die sich diese Schätze etwas kosten ließ.
Die markanteste Gestalt aber war der Inhaber selber.
Alexander Sartorius war ein ungewöhnlicher großer Mann, der die zwei Meter locker überschritt. Trotz seines Alters-er mochte um die siebzig sein, Gerüchten zufolge ging er aber schon zügig auf die Hundert zu-hielt er sich aufrecht und nannte eine bemerkenswerte Kraft sein Eigen. Das konnte alle bestätigen, die ihn mal beim Umräumen seines Ladens zusehen durften...
Seine enorme Körperkraft (Detlev hatte nur einmal das Vergnügen, ihm die Hand zu schütteln, und konnte seine Rechte nachher zwei Stunden lang nicht mehr gebrauchen) wurde nur von seiner Geisteskraft übertroffen, die aus den smaragdgrünen Augen sprach, deren Blick jedermann hypnotisch fixierte.
Detlev verglich Sartorius in Gedanken daher öfters mit einem riesigen Reptil aus grauer Vorzeit, das seine Opfer durch seinen Blick erst lähmte, bevor es sie auffraß. Andere wiederum hatten das Gefühl, durch die Augen des Antiquars in eine völlig ferne und versunkene Welt zu blicken, was natürlich zu allerlei Gerüchten führte.
Der Antiquar selber gab sich keine sichtbare Mühe, seinem Umfeld entgegenzukommen. Gegen jeden modischen Trend trug er sein silbergraues Haar schulterlang, dazu einen gepflegten, spitz zulaufenden Bart. Gewöhnlich kleidete er sich in wallende Gewänder nach orientalischer Art, mit dazu passendem Schuhwerk. Seine geschwungenen Augenbrauen verstärkten den asiatischen Einschlag seines Erscheinungsbildes.
Und obwohl Sartorius bei aller Exotik durchaus gepflegt auftrat und ein umfassendes Fachwissen an den Tag legte, genoß er dennoch keine Sympathie unter den Altstadtgängern. Vielleicht lag es an seiner dozierenden, etwas herablassenden Art, mit der er seine Kunden behandelte, vielleicht aber auch an der Aura, die ihm eigen war.
Eine Anhängerin alternativer Medizin, die sich einmal in seinen Laden verirrte, hielt es keine fünf Minuten darin aus. Später erzählte sie, etwas „Unsägliches“, das sich in einer asiatischen Truhe aufhielt, hätte versucht, ihr die Seele zu stehlen. Natürlich wurde sie verspottet, aber fortan gab es ein Gerücht mehr....
Eine andere begeisterte New Age-Anhängerin, die zudem auch Inhaberin eines Esoterik-Ladens war, wurde von Passanten überrascht, wie sie eine sonderbare Statuette aus der Vitrine geschlagene zehn Minuten anstarrte, bevor sie schreiend das Weite suchte. Auf den Vorfall angesprochen, erwiderte der Antiquar etwas süffisant, daß es seinen Exponaten ja auch nicht gefalle, was sie jeden Tag auf der Straße mitansehen mußten.
Zwar nahm er besagte Stauette (genannt der „Fischergott“, eine sonderbare Mischung aus Frosch, Mensch und Krake, wahrscheinlich polynesischen Ursprungs) aus der Vitrine, doch litt die Esoterikerin noch monatelang unter einem kuriosen Fieber, wobei sie im Delirium manchmal anfing, in einer völlig unbekannten Sprache zu rezitieren....
Dann war noch der Vorfall mit der eingeschlagenen Scheibe, die ein schwer alkoholisierter Passant zu Bruche gehen ließ, um an ein ausgestelltes Amulett zu gelangen. Kaum berührte er es, ließ er es mit einem Schrei wieder fallen und behauptete daraufhin steif und fest, etwa sei aus dem Stein gekrochen und habe ihn in die Hand gebissen. Seine Freunde lachten anfangs darüber, doch als die rechte Hand des Täters bald darauf dunkelrot anlief, verging ihnen das Lachen, und sie riefen den Notarzt.
Der konnte zwar “nur“ eine schwere Alkoholvergiftung feststellen, doch wurde die Hand des Täters vom folgenden Tag an stocksteif, ohne daß jemand eine Erklärung dafür fand. Nur der Täter-ein robuster Gerüstbaugeselle, der seine Stelle aufgrund seiner Behinderung aufgeben mußte-war felsenfest davon überzeugt, sich einen Fluch des „Alten“ eingefangen zu haben.
Fortan wurde Alexander Sartorius nicht mehr behelligt..
Weiterhin gab es noch Gerüchte über nächtliche Zusammenkünfte im Laden des Antiquars, bei denen Sartorius sich mit seinen „Gästen“ in einer seltsamen Sprache unterhielt. Noch seltsamer war allerdings, daß diese „Besucher“ bisher noch von keinem Menschen gesehen wurden...
Diese Gedanken gingen Detlev durch den Kopf, als er eintrat. Eigentlich sollte man meinen, daß ein Laden wie dieser gegen Weihnachtsgeschenke immun war. Dennoch brachte es Sartorius fertig, die schönsten weihnachtlichen Stimmungsbilder herzustellen. Sie waren eine geglückte Kombination von Miniaturen, Puppenkunst und Elektronik, vollkommen friedliche und entrückte Idyllen eines bürgerlichen Lebens zur Weihnachtszeit. Dabei gab sich der Antiquar die größte Mühe, seine Kunstwerke dem individuellen Umfeld seiner wohlhabenden Kunden anzupassen, so daß er diese vor der Erstellung eines Stimmungsbildes stets ausgiebig befragte.
Also war Detlev unterwegs, um einen Befragungstermin zu erhalten. Beim Betreten des geräumigen Ladenlokals schlug ihm ein würzig-aromatischer Duft entgegen, wie er nur von orientalischen Räucherstäbchen stammen konnte. Im kuriosen Kontrast dagegen befanden sich die restlichen Antiquitäten, die allesamt etwas mit der Symbolik von Meeresbewohnern zu tun hatten. Da standen Möbel von kurioser Form, verziert mit Fisch-und Krakenmotiven. Auf ihnen befanden sich komische Miniaturen, groteske Hybride aus Mensch und Wasserwesen, ähnlich dem berühmten „Fischergott.“
Angewidert wandte Detlev sich ab-da entdeckte er in einer Nische die größte Statuette von allen. Sie hatte als einzige nichts mit den abstrusen Meereshybriden zu tun, sondern war eine Kombination aus Mensch und Satyr, die vor allem in ihren abscheulich verzerrten Gesichtszügen hervortrat.
Noch nie hatte Detlev eine solche Mischung aus Wollust und abgrundtiefster Perversion gesehen, zumal die Statuette zwischen ihren behuften Beinen den monströsesten Phallus aufzuweisen hatte, den Detlev je sah...
„Eine sehr frühe Darstellung des Gottes Pan, weiter nichts.“
Erschrocken fuhr Detlev herum. Da stand Sartorius doch tatsächlich hinter ihm, ohne daß er ihn hatte kommen hören! Verwirrt blickt er zur hünenhaften Gestalt des Antiquars hoch. Allein die Tatsache, daß er zu ihm aufblicken mußte, behagte Detlev nicht...vom hypnotischen Zwang der grünen Augen mal ganz abgesehen.
„Äh, guten Tag. Ich komme wegen Ihren weihnachtlichen Stimmungsbildern. Ich will eines für meine Frau bestellen.“
„Kennen Sie Arthur Machens Erzählung „Der große Gott Pan?“
„Wieso, sollte ich?“ Detlev D. war leicht irritiert, wie immer, wenn er eine Bildungslücke zugeben mußte...
„Ja, das sollten Sie. Eine nette Geschichte über die Realität und was wir daraus machen. Im Grunde genommen, handelt der weihnachtliche Mythos von nichts anderem. Folgen Sie mir bitte, ich will Ihnen ein paar Fragen stellen, dann wird das Bild umso schöner.“
Damit wandte sich der Antiquar um und betrat eine Nische in der Wand, die zuvor geschickt durch einen Wandteppich getarnt war. Verdutzt folgte Detlev dem Hünen in das versteckte Zimmer...
Der private Raum des Antiquars strahlte durch die üppigen Wandteppiche und den dezenten Duft von Weihrauch eine seltsam beruhigende Atmosphäre aus. Detlev nahm an einem kunstvoll geschnitzten Mahagonitisch Platz, so daß er Sartorius gegenüber saß. Erst dann nahm er die filigran verzierte Kaffekanne wahr, die in der Mitte des Tisches wartete.
„Sie haben doch nichts gegen einen Kaffee auf Kosten des Hauses?“
Detlev sagte freudig zu und genoß anschließend die beste Tasse Kaffee, die ihm je gereicht wurde.
„Der schmeckt Ihnen, nicht wahr? Er ist nach einem sehr alten Rezept geröstet worden, das man nur auf Ada-Kaleh kannte..“
„Ada-Kaleh? Davon habe ich noch nie gehört...“
„Eine Welt, die es leider nicht mehr gibt“ seufzte der Antiquar. „Eine Insel des Orients unter wilden Bergen, ein Hauch von Süden inmitten thrakischer Felsen, umspült von den Wellen eines sehr alten Stromes..jaja, eine versunkene Welt...“
Was für ein Spinner, dachte Detlev...
„Kommen wir zu Ihrem Anliegen zurück. Sind Sie bereit für meine Fragen?“
„Natürlich bin ich bereit, deswegen bin ich ja hier...“
Die nächste Stunde verging für Detlev D. wie im Flug. Im Nachhinein wußte er gar nicht mehr, was ihn Sartorius eigentlich gefragt hatte. Nur dessen hypnotischer Blick schien ihn überall hin zu begleiten...
Dafür verspürte er eine umso drängendere Lust nach Janine F. Kurzerhand rief er sie an. Die Kleine befand sich in ihrer adretten Zwei-Zimmer-Wohnung am Unterbilker Fürstenwall, die Detlev für sie organisiert hatte.
So sehr ihn die Büroabenteuer mit Janine beglückten, war er sich doch im klaren, daß diese ihm auf Dauer eher schaden als nutzen würden. Daher die Idee mit dem Liebesnest, die den Skandal von seiner Bürotür wegtrug, so hoffte er zumindest.
Und Janine konnte froh sein, den muffigen Wohnverhältnissen eines Düsseldorfer Brennpunktes in gediegene City-Lage entflohen zu sein...
Sie empfing ihn in einer Wolke von billigem Deo und einem Hauch von sündhaft teuren Dessous, die Detlev ihr vor zwei Wochen von seinem Weihnachtsgeld geschenkt hatte..
Die nächste Stunde verging für Detlev wie im Flug, Janine begann sich allerdings zum ersten Mal Gedanken über ihren wesentlich älteren und gestandenen Liebhaber zu machen. War er bisher nur fordernd und leidenschaftlich gewesen, so war er nun das erste Mal richtig brutal zu ihr. Und die Laute, die er dabei von sich gab! Ein Mittelding zwischen Röcheln, Grunzen und -Blöken?
Und als er dann endlich am Höhepunkt ankam, stieß er einen Lustbrüller aus, daß die Fenster zitterten. Viel schrecklicher war aber sein Gesicht, das sich dabei zu einer bockshaften Fratze verzog...wie manche hölzernen Monster aus dem Laden des komischen Alten von der Kapuzinergasse...
....der Laden war nicht beleuchtet, bis auf ein rätselhaftes Licht, das aus der Wand zu kommen schien und unregelmäßig pulsierte.
Hinter einem Wandteppich verborgen, umfaßte eine riesige Gestalt eine seltsam leuchtende Kristallkugel, deren Licht mal stärker, mal schwächer pulsierte.
Das Licht schien durch die krallenartigen Finger hindurch. Die Gestalt hatte ihren Kopf weit zurückgeworfen und atmete schwer. Plötzlich erstrahlte die Kristallkugel in ungewohnter Helle, die Gestalt verkrampfte sich in äußerster Anspannung. Blaue Blitze fuhren an ihr entlang, berührten ihre krampfhaft geschlossenen Augen und die gefletschten Zähne-bis das Licht in der Kristallkugel immer schwächer wurde und die Gestalt im antiken Sessel zusammensackte.
Als sie sich wieder aufrichtete, leuchteten ihre smaragdgrünen Augen heller als zuvor. Im trüben Zwielicht schien es zudem ,als ob das ehemals schlohweiße Haar des Hünen nun plötzlich im dunkleren Glanz erstrahlte...
Ich muß mit diesem Kerl Schluß machen, sonst tut er mir noch was an, dachte Janine, als Detlev D. die Haustür hinter sich zuzog. Gegebenenfalls werde ich ihn vor allen bloßstellen..
Detlev D. wiederum war vollkommen zufriedengestellt, fühlte aber auch eine Müdigkeit in seinen Knochen, die er sich nicht erklären konnte. Bis dato hatten ihn sexuelle Leidenschaften immer auch zu weiteren Leistungen animiert, heute aber war es anders. Plötzlich wollte er nur noch schlafen. Dabei hatte sich Janine alle Mühe gegeben, mit seiner wilden Begierde Schritt zu halten....
3. Eine Bescherung:
Endlich war es soweit. Das Weihnachtsgeschenk für Martina war fertig und bereit zum Abholen, wie Detlev D. soeben aus einem handgeschriebenen Brief in wundervoll verschnörkelter Schrift erfuhr.
Der Spinner hat wohl keinen PC,..na, mir soll`s recht sein.
Als Detlev das fertiggestellte Stimmungsbild in Augenschein nahm, konnte er seine Verwunderung nicht verbergen. Auf einer Plexiglasplatte von ca. einszwanzig Metern Kantenlänge und sechzig Zentimetern Breite war ein Landhaus an einem Wintermorgen dargestellt, das Detlevs Haus recht ähnlich sah.
Der Familienvater in Miniatur , der gerade ins Auto stieg, sah Detlev zum Verwechseln ähnlich. Auch Martina und seine Kinder schienen auf einmal miniaturisiert zu sein!
Woher kennt der meine Familie bloß...doch bevor Detlev eine Antwort darauf finden konnte, stieg der „Miniaturvater“ in seinen kleinen Mercedes, und fuhr los, wohl zur Arbeit. Frau und Kinder der Miniatur wandten sich um gingen zurück ins Haus, genauer gesagt in die Küche, die man von einem Fenster rechts einsehen konnte. Alsbald wurden dort Vorbereitungen zum Plätzchenbacken getroffen...
„Sie können natürlich noch eine Szene wählen, und zwar die des Heimkehrens“ dröhnte die Stimme des Antiquars in sein Ohr. „Sie brauchen nur diesen Schalter da zu betätigen.“ Damit drückte er einen etwas dunkleren Stein in der Mauereinfassung des Miniaturhauses.
Automatisch verdunkelte sich die Szenerie, ohne daß Detlev hätte sagen können, wie Sartorius das fertigbrachte. Der Mini-Mercedes erschien wieder vor dem Haustor, der Mini-Vater stieg aus und betrat das Haus, wo er bald darauf in der Küche vor einem Teller Mini-Plätzchen zu sehen war.
Und eine Etage höher befand sich der festlich geschmückte Weihnachtsbaum der Familie....der ganz wie unserer aussieht, na sowas..
Detlev D. war sehr zufrieden. Ohne zu zögern, zahlte er dem Antiquar den verlangten Preis und verlud das
kostbare Geschenk in seinen schnittigen Mercedes-Kombi. Martina würde hocherfreut sein...
Beim Verladen fiel Detlev D. auf, daß der gerissene Alte seinem bestellten Geschenk noch etwas hinzugefügt hatte-eine längliche Form in pergamentartiges Papier gehüllt, mit einem beigelegten Kärtchen, auf dem in verschnörkelter Schrift Bonusgeschenk zu lesen war, sowie Bitte erst nach dem Hauptgeschenk öffnen.
Da hat sich dieser Knacker bestimmt wieder was Besonderes einfallen lassen..bin mal gespannt darauf....
4. Stille Nacht:
Noch eine Nacht bis Heiligabend. Detlev D. hatte den Weihnachtsbaum fertig geschmückt und alle Geschenke unter ihm angeordnet, darunter das verhüllte Stimmungsbild, auf das Martina so neugierig war. Zudem schien es Detlev, als sei seine Frau so lebensfroh wie lange nicht mehr.
Alles schien somit wieder gut zu werden, als Detlev neben seine bereits schlafende Frau ins Bett stieg und das Licht ausknipste...
So müde er auch war, konnte Detlev D. doch nicht einschlafen. Eine diffuse Angst, seine Frau und Kinder könnten in Gefahr sein, hielt ihn wach. Was genau sie bedrohte, konnte er nicht nennen, es schien ihm nur, als habe er diese Gefahr erst ins Haus gebracht...
Ich hätte dem alten Sartorius doch nicht vertrauen sollen...
„Vater, Vater, bist du wach? Vater!“
Jäh schreckte Detlev hoch, als er eine flüsternde Stimme am Bett vernahm. Da stand Peter, sein Jüngster, am ganzen Körper zitternd, mit weitaufgerissenen Augen.
„Was-was ist los?“
„Vater, komm schnell-da vorne unterm Weihnachtsbaum-“
Nun sah es auch Detlev. Im festlich geschmückten Wohnzimmer waberte ein diffuses, fahles Licht hin und her. Ein Feuer war es schon mal nicht, das da so leuchtete, was aber dann?
Mit drei großen Schritten war Detlev an der Türschwelle-und blieb erstmal wie angewurzelt stehen
Das Licht stammte vom Stimmungsbild des Antiquars, das unverhüllt dastand!
Detlev blickte vorwurfsvoll zu Peter hinab, der sich an seiner Pyjamahose festhielt.
„Hatte ich nicht ausdrücklich gesagt, daß bis morgen abend kein Geschenk ausgepackt werden soll? Warum hast du das getan?“
„Es tut mir Leid, Vater“ schluchzte Peter hemmungslos. „Ich war so neugierig und wollte es nachher auch wieder einpacken-“
Ein spitzer Schrei unterbrach sie. Martina war von dem Gespräch wach geworden und hatte sich unbemerkt zu ihnen gesellt. Nun starrte sie voller Grauen auf einen Punkt, und Detlev folgte ihrem Blick
Im nächsten Augenblick bereute er es schon, war aber von der Szenerie so gebannt, daß er trotz Peters Angstschreien seinen Blick nicht abwenden konnte...
Die Szenerie hatte sich geändert. Das Landhaus stand zwar noch, doch war der Winter einem bleichen Herbstlicht gewichen, das gar nicht von dieser Welt zu sein schien.
Zwischen seinen wabernden Schwaden konnte Detlev eine klobigen, Phallus-förmigen Büroturm ausmachen, der sich unweit des Landhauses erhob. Auf allen Etagen rannten fantastische Mißgeburten herum, Hybriden, aus Mensch, Affe, Ziegenbock oder Kröte, alle rötlich behaart und vergnügt johlend.
Viele von ihnen trugen steife Phallusse von beträchtlicher Größe.
Viel interessanter als die Mißgeburten jedoch war das, was sich in der obersten Etage abspielte, die rundum nur aus einer Glasfront bestand. Innerhalb dieses Glasbüros erkannte Detlev-sich selbst, wie er splitternackt auf Jasmin A. ritt.
Die beiden verschnörkelten sich in den unmöglichsten Stellungen, wobei Jasmin wahre Exzentriker-Talente offenbarte: mal dehnte sie sich weit aus, bis sie einer Schlange mit Menschenkopf glich, dann wieder zog sie sich zusammen, wobei ihre Leibesmitte weit aufriß und Detlev D. zur Hälfte in sich aufnahm.
Schließlich ließen beide voneinander ab, wobei „Jasmin“ wieder zu ihrer ursprünglichen Form zurückkehrte.
Detlev öffnete für sie die Bürotür-da wurde sie auch schon von einem Rudel der Mißgeburten johlend ergriffen und in ein unteres Büro geschleppt, wo sich die ganze Horizontal-Akrobatik in noch extremerer Form wiederholte. Manche der Kreaturen waren schließlich doppelt so groß als „Jasmin“, was sie offensichtlich jedoch genoß...
Das Gejohle gewann an Lautstärke im Phallus-Turm, als eine weitere Horde Bockswesen eine üppige, nackte Schönheit in Detlevs Büro schleppte. Dem roten Haar und ihren prallen Brüsten nach zu urteilen, konnt es sich nur um Janine F. handeln...
Die Tür krachte ins Schloß, und „Detlev“ war mit „Janine“ allein.
Da begann er sich zu verwandeln. Sein Leibesumfang wuchs ins Doppelte, auf der riesigen Brust sproß rötliches Fell hervor, die Füße verwandelten sich in Hufe, sein schwarzes Haar wurde kraus. Zwischen den Locken sprossen zwei gekrümmte Hörnchen hervor. Sein Phallus schließlich verdreifachte beinahe seinen Umfang...
Das alles schien das rothaarige Wesen zu seinen Füßen nicht zu stören. Wollüstig räkelte es sich am Bodem, bis es vom Satyrwesen an den Beinen gepackt und auf den Bauch geworfen wurde.
Der Satyr hab darauf die Oberschenkel der jungen Frau an, bis ihr Schoß sich in der Höhe seiner Hüften befand. Dann drang sein enormes Glied in den Anus der Frau ein, die ein zufriedenes Stöhnen erklingen ließ, und sich mit den Händen am Boden abstützte.
Unschwer erkannte der echte Detlev die „Schubkarren“-Position, die er so oft mit Janine F. in dunklen Büros praktiziert hatte, freilich nicht in diesem Ausmaß..
Das Geschehen im Turm ging weiter. Die Frau war nun vollends auf das Glied des Satyrs gespießt, der immer weiter in sie vordrang. Sie hate ihre Beine um die Hüften des Monsters gerankt, und wurde von diesem rücklings hochgehoben, so daß sie sich nicht mehr abstützen mußte. Und noch immer hatte das Vordringen des Satyrs kein Ende...
Für einen kurzen Augenblick wandten Satyr und Partnerin der erschreckten Familie ihre Gesichter zu, was einen weiteren Angstschrei Martinas zur Folge hatte, ehe sie in tiefe Bewußtlosigkeit versank.
Das Wesen, das einmal des getreue Abbild von Detlev D. war, hatte nichts Menschliches mehr an sich. Außer dem mißgestalteten Körper vermittelte vor allem das Gesicht der Kreatur diesen Eindruck. Von einem Spitzbart gekrönt, drückte dieses Gesicht den tiefsten Abgrund menschlicher Perversion und Verderbtheit aus.
Das rothaarige Wesen , das mit dem Ungetüm kopulierte, grinste abscheulich und starrte sie aus Augen voller Wollust an.
Eine Sekunde verweilte das absonderliche Paar noch in dieser Stellung, dann warf der Satyr seinen Kopf zurück, um einen tiefen Brüller loszulassen.
Gleichzeitig spritzte eine ungeheure Fontäne Samen in das Bild, von der die Szenerie kurzfristig verborgen wurde.
Der Samen blieb zuerst als feste Säule aufrecht im Bild stehen. Dann riß die Säule in der Mitte entzwei und gebar zwei Säulen, die beide eine satyrhafte Kontur annahmen.
Das Wesen zur linken Seite glich Detlevs-Satyr-Zerrbild aufs Genaueste, mit dem Unterscheid, daß sein Gesicht viel breiter erschien und sein Nacken dem eines Stiers glich. Oberhalb der spitz zulaufenden Ohren schwangen sich gewaltige Hörner nach rechts und links, und der Blick seiner smaragdglühenden Augen hatte nichts Menschliches mehr an sich.
Zur Rechten des Wesens stand ein kleinerer Satyr mit eindeutig femininen Gesichtszügen und einen rötlichen Haarschopf zwischen den Hörnern. Auch lief der Steiß dieses Wesens hinten in einen geschuppten Echsenschwanz aus.
Was Detlev an dem Bild jedoch festnagelte, waren die Augen des Wesens. Sie waren-noch immer-die von Janine F., und sie sahen ihn höhnisch an.
Angewidert wandte Detlev seinen Blick von der Turmspitze ab-und erstarrte.
Sämtliche Mißgeburten hatten den Turm in der Zwischenzeit verlassen und scharten sich um das Miniatur-Landhaus, in dem die Weihnachtsvorbereitungen ungestört weiterliefen!
Eine Bewegung in der Turmspitze ließ Detlev seinen Blick erneut abwenden. Der „Detlev“-Satyr hob eine bekrallte Hand und brüllte so laut, daß es Detlev vorkam, als hätten auch seine entferntesten Nachbarn diesen Schrei vernommen.
Das Brüllen des Satyrs setzte die Menge der Hybriden in Bewegung, die sich dem Landhaus zu bewegten. Ihre Mienen spiegelten ungezügelte Mordlust wieder-und noch Scheußlicheres.
Unter ihnen befand sich ein reptilhaftes Wesen, das seinen schlangengleichen Körper auf allen vieren bewegte- und eindeutig die Gesichtszüge von Jasmin A. trug!
Nun war es Detlev zuviel. Mit einem Wutbrüller, der seinesgleichen suchte, warf er die Leinwand, die vorher das Bild verhüllte, über die ganze Szenerie.worauf der Zauber mit einem Riesenkrach auf einmal verschwand. Zurück blieb nur der ätzende Geruch durchgeschmorter Elektrokabel, sowie ein schwer zu definierendes Aroma von Schweiß, Sperma und tierischen Ausdünstungen, das jedoch alsbald verschwand, nachdem Detlev die Fenster geöffnet hatte...
Benommen blickte Detlev sich um. Klaus und Peter, seine beiden Söhne, standen zitternd im Türrahmen, während Martina, inzwischen wieder bei Bewußtsein, eindeutig einen Schock erlitten hatte. Ihr leerer Gesichtsausdruck deutete zumindest darauf hin...
Noch immer benommen, nahm Detlev sein Designer-Handy vom Nachttisch und wählte die Rufnummer des Notarztes...
5. Weihnachten zu Hause:
Einen Tag später, um die gleiche Uhrzeit:
Detlev saß am Bettrand und massierte seine Schläfen,was die heftigen Kopfschmerzen aber nicht verjagte...
Er hatte soeben den schwersten Tag seines Lebens überstanden.
Martinas Schockzustand erwies sich zum Glück als nichts Ernstes. Den Ärzten erklärte Detlev, Martina hätte sich vor den Feiertagen hoffnungslos überarbeitet, was zu einer Steigerung ihres Nervenfiebers beigetragen hätte.
Die Ärzte glaubten Detlevs Erklärungen aufs Wort (was hätte er ihnen sonst auch sagen sollen?), nicht jedoch Martina. Ihre Schimpfkanonade, mit der sie Detlev bedachte, war von einer Heftigkeit, die er seiner Frau nie zugetraut hätte:
„Du hast sie beide gefickt, du Übermann, nicht wahr? Diese Banken-Trulla, die beim Niederlassungsfest im Minirock erschien, und die kleine Schlampe, die damals das Bier zapfte! Glaubst du, mir sind die Blicke entgangen, die sie dir zuwarfen? Wahrscheinlich weiß die ganze Niederlassung bereits von deinen Eskapaden, Mr. Übermacho, nur du glaubst wieder mal der Cleverste zu sein!
Tut aber nichts zur Sache, ich werde Papa alles erzählen! Auch davon, was für ein stinkendens Relikt der Hölle du uns zu Weihnachten ins Haus brachtest. Mal sehen, was nachher folgen wird. Wer hoch fliegt, fällt bekanntlich tief. Und jetzt laß mich in Ruhe!“
Auf Martinas Drängen verständigten die Ärzte sofort ihre Eltern, die nach einer Stunde auch erschienen. Kurzerhand nahmen sie die beiden Söhne während der Weihnachtsferien zu sich nach Hause, und sicherten ihrer Tochter zu, nach ihrer Entlassung auf unbegrenzte Zeit bei ihnen wohnen zu dürfen.
Zu Detlev verhielten sie sich äußerst distant. Der eiskalte Blick, mit dem ihn sein Schwiegervater vor der Abreise jedoch bedachte, sprach Bände...
Da saß er nun vor den Splittern seines Weihnachtsfestes und wahrscheinlich auch seiner Karriere. Seine Ehe mit Martina war sowieso dahin..
Erst jetzt fiel ihm auf, wie naiv er in Wirklichkeit war. Glaubte er tatsächlich, daß seine Liebeleien auf immer unentdeckt bleiben würden? Und das in einer Geschäftswelt, in der das Sägen am Chefsessel beinahe schon zum guten Ton gehörte?
Jederzeit konnten ihm seine Affären um die Ohren fliegen. Dabei ereilte ihn auch eine andere Erinnerung: nämlich die, daß sein Schwiegervater über beste Beziehungen zur Finanzwelt verfügte. Was, wenn-
Detlevs Verzweiflung machte allmählich einer riesigen Wut Platz, deren Zielobjekt eindeutig Alexander Sartorius war.
Diesem perversen Alten würde er es zeigen! Er würde schon dafür sorgen, daß sein Laden vom Ordnungsamt geschlossen wird, und die Presse würde von seinen-
-ja wovon würde sie denn erfahren? Detlev, Du spinnst mal wieder!
Verblüfft stellte Detlev fest, daß er Sartorius eigentlich gar nichts beweisen konnte! Höchstens das Liefern beschädigter Ware (die elektronische Steuerung des Stimmungsbildes war dahin), was der Alte wahrscheinlich mit unsachgemäßer Behandlung abwiegeln würde. Alles andere war reine Spekulation und würde Detlev D. nur den Ruf einens verworrenen Fantasten einbringen.
Als ob er den gerade jetzt nötig hätte...
Während er so nachdachte, fiel sein Blick auf das noch eingepackte “Bonusgeschenk“ des Antiquars. Hastig packte er es aus (wer weiß, vielleicht kann ich dem Alten daraus eine Schlinge drehen) und sah das Geschenk zuerst verblüfft an.
Es war die Stauette einer Frau in altägyptischen oder babylonischen Gewändern, mit goldenem Lendenschurz und blauer Toga, die eine Brust freiließ. In der linken Halt hielt die Stauette einen Kelch, mit Hieroglyphen verziert, während die Rechte mahnend erhoben war, die Faust geballt bis auf den nach oben weisenden Zeigefinger, den ein langer, zugespitzter Fingernagel krönte. Die seltsam blauen Augen des Artefakts schienen von innen aus zu glühen.
Der Mund war halb geöffnet und ließ zwei lange Fangzähne im Oberkiefer erblicken, was dem ganzen Artefakt neben dem kalten Blick etwas Schlangenhaftes verlieh.
Das ganze Kunstwerk bestand aus einem unbekannten Metall und vermittelte den Eindruck von etwas sehr Altem und sehr Bösem.
Für Detlev war sie jedoch nur ein weiterer Beweis für den perversen Humor des Antiquars. Dennoch beschloß er, sie erstmals zu behalten, um nachher weitere Experten im Antiquitätenhandel zu Rate zu ziehen. Vielleicht ließ sie sich ja einmal in klingende Münze verwandeln...
Gerade wollte er sie auf sein CD-Regal stellen, als er plötzlich einen leichten Stich im rechten Zeigefinger fühlte. Aus Versehen war er einem, nein zwei der Fangzähne zu nahe gekommen, wie er leicht belustigt feststellte. Bevor er ins Badezimmer ging, um die Wunden zu desinfizieren, ließ er spaßeshalber zwei Tropfen Blut in den Kelch der Statuette träufeln...
Das Klingeln seines Handys ließ ihn aufschrecken. Unbedacht wandet er sich um-und spürte einen reißenden Schmerz in seinem rechten Unterarm.
Besorgt betrachtete er die Quelle des Schmerzes-und stellte fest, daß er in seinem Eifer den spitzen Zeigefinger des Artefakts übersehen hatte, der ihm eine häßliche Schnittwunde in den rechten Unterarm gerissen hatte..
Die Wunde blutete heftig, Detlev wollte sofort ins Badezimmer-da wurde sein Blick von einerm sonderbaren Phänomen angezogen.
Aus dem Kelch der Stauette stieg ein rötlicher Dunst hervor, der bald das ganze Artefakt einhüllte und sich recht schnell im Zimmer ausbreitete. Ja, es schien, als würde er Detlev ins Badezimmer folgen..
Detlev drückte schon die Klinke zur Badezimmertür nieder...da erreichte ihn der rötliche Nebel und senkte sich sofort auf seine Wunden.
Innerhalb des Nebels begann etwas gierig zu schmatzen und Detlevs Blut aufzusaugen. Detlev schrie kurz auf, da legte sich noch mehr Nebel über ihn, drang durch Ohren, Nase, Mund und sonstige Körperöffnungen in Detlev ein.
Nun saugte etwas Detlev auch von innen aus, bis er völlig blutleer zu Boden stürzte...
Im Zentrum des Nebels, wo sich vorher die Stauette befand, wurde ein fester Kern sichtbar. Die Nebelschwaden zogen sich immer mehr zurück, bis sie um den neuen Mittelpunkt herum wirbelten. Schließlich legte sich der Wirbel, und die Gestalt einer etwa einsachtzig großen, vollschlanken nackten Frau wurde sichtbar. Ihr kurz geschnittenes, rabenschwarzes Haar glänzte bläulich , die Haut hatte einen leicht bronzenen Teint...
Das Wesen öffnete seine Augen und ließ zwei blaue Seen von arktischer Kälte erglimmen, in denen zwei schwarze Pupillen schwammen. Hastig richtete es sich auf und durchsuchte das Haus.
Den blutleeren, schlaffen Leichnam neben der Badezimmertür würdigte es dabei mit keinem zweiten Blick....
Wenig später verließ eine weibliche Gestalt in ausladender Männerkleidung das Haus und startete Detlevs Mercedes....
Der Fall Detlev D. wurde nie ganz aufgeklärt, zumal die Leiche eindeutige Brandspuren von außen UND innen aufwies. Noch verwirrender war für die Polizei jedoch das Fehlen jeglicher Fingerabdrücke, obwohl eindeutig ein weiterer Täter vor Ort gewesen sein mußte.
Darauf deutete bereits das Fehlen von Detlevs Mercedes hin (er wurde erst drei Monate später in einem abgelegenen Wald im Bergischen gefunden), sowie einiger anderer Gegenstände, u.a. aus Detlevs Garderobe.
Unerklärlich war auch der eklige Schlachthausgestank, der das ganze Haus durchzog, und sich auch mit den stärksten Chemikalien nicht bannen ließ.
Detlevs Witwe blieb somit nichts anderes übrig, als schweren Herzens das Haus abreißen zu lassen.
Martina wurde übrigens den Gedanken nie los, daß Detlev D. die gerechte Strafe für seine Sünden ereilt hatte..In ihrem späteren Leben wurde sie zur christlichen Fundamentalistin, sehr zum Leidwesen ihrer Eltern, die sie gerne an der Seite eines neuen Karrieremannes gesehen hätten....
Zufrieden betrachtete er sein Spiegelbild. Wie so oft zuvor, war er nun hinreichend verjüngt, um sein Erbe anzutreten...Komisch nur, daß die Menschen immer wieder auf denselben Trick hereinfielen...
Mallorca, zwei Jahre später, auf irgendeiner Fincha:
Die Party war in vollem Gange. Feurige Salsa-Töne wurden von Chillout-Sounds abgelöst, um den Feiernden noch etwas Luft zu geben, bevor es wieder losging.
Jasmin A.wiegte sich lasziv zu dem wabernden Elektro-Beat, über den filigran ein Saxofon tönte. Ihr enganliegendes dunkles Abendkleid, unter dem sie nichts trug, ließ ihre sportliche Figur noch betonter zum Vorschein kommen.
Nach Detlevs Tod hatte sie Düsseldorf verlassen, und war nun in München als Controllerin einer der bedeutendsten Versicherungen tätig. Rückblickend konnte sie sich nicht mehr vorstellen, wieso sie jemals die rheinische Provinz vorgezogen hatte, auch wenn Detlev wirklich ein Mann von Welt gewesen war, das mußte sie zugeben...
Seither hatte sie sich nicht mehr um feste Beziehungen bemüht, sondern genoß das Privileg, ihre Liebhaber selber auszusuchen. So wie Reinhardt B., auf dessen Fincha sie nun seit zwei Wochen weilte...
Jasmin fühlte die bewundernden und lüsternen Blicke der restlichen Männerwelt beinahe körperlich, als eine unbekannte Stimme sie ansprach:
„Madame, Sie tanzen wunderbar. Ich bin entzückt.“
Der ungewöhnliche Akzent ließ Jasmin herumfahren-und erstarren.
Vor ihr stand der ungewöhnlichste Mann, dem sie je begegnet war.
An die zwei Meter groß, war er ganz dunkel gekleidet, mit weitausladenden Hosen und einem Hemd aus Samt, das er über die Hosen trug und mit einer breiten, scharlachroten Schärpe zusammenhielt.
Seine breiten Schultern (er mußte riesenstark sein!) wurden von einem Kopf von geradezu klassischer Schönheit gekrönt. Das rabenschwarze Haar, das ihm locker auf die Schultern fiel, umrahmte ein Gesicht mit leicht asiatischen Gesichtzügen. Der gepflegte Spitzbart, die geschwungenen Augenbrauen über zwei smaragdgrünen, intelligenten Augen-all das verlieh dem Mann etwas seltsam Aristokratisches, ohne daß sich Jasmin erklären konnte, wieso...
Der hünenhafte Fremde verneigte sich leicht vor ihr.
„Gestatten: ich bin Bogdan Szegedin und betreibe seit kurzem einen Antiquitätenhandel in Palma. Reinhardt ist ein alter Bekannter von mir.
Madame wollen aber bestimmt etwas trinken?“
Jasmin A. blieb nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen...
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2008.
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