Jörn Brien

Tower-Touch

Noch bis vor kurzem war ich überzeugt, dass der Fernsehturm allen gehört. Schon seit ich denken kann, grüßt mich der freundliche - von den Berlinern angeblich Telespargel genannte und im Russisch-Unterricht als Telebaschnija verunglimpfte – Riese von der anderen Seite des Alexanderplatzes. Von seiner Kuppel, auf der im Sonnenschein ein blitzendes Kreuz prangt – was übrigens den Architekten beinahe in den DDR-Knast gebracht hätte – konnte das DDR-Kind mit einem lachenden und einem weinenden Auge zum ersten Mal den Westen sehen. Rüber machen konnte der potenzielle kleine Republikflüchtling vom Fernsehturm aus allerdings nicht. Die Scheiben waren zwar durchsichtig aber nicht durchlässig.

Ich weiß natürlich nicht mehr, wie das früher wirklich war – zwar soll damals alles allen gehört haben, aber man durfte den ollen DDR-Chefs ja auch nicht alles glauben – jetzt jedenfalls gehört der Fernsehturm ganz sicher nicht mehr allen, sondern der Deutschen Telekom.

Schon der hässlich rosarotmargentafarben-grauweiß-gekästelte Fußballkopf, den man unserem Fernsehturm im Sommermärchensommer aufgesetzt hatte, hätte mich stutzig machen sollen. Aber ich war damals wohl zu trunken von der schwarz-rot-goldenen Partystimmung, als dass ich mir um diese Verschandelung Gedanken machen konnte. Die Meter hohen Metallzäune, die den Fernsehturmfuß einsperren, hatte ich immer als gegeben hingenommen.

Gestern nun wurde mir alles klar. Und das kam so:
Weil ich der Herzensdame meinen Fernsehturm ganz nahe bringen wollte, schlug ich vor, dass sie ihn berührt und zwar nicht nur mit einem Blick, sondern gleich mit der ganzen Hand, um ihr so ein haptisches Tower-Touching-Erlebnis zu verschaffen. (Eigentlich verwunderlich, dass es das bei all den ausgefallenen Touri-Touren noch nicht gibt.)

Bewaffnet mit einer analogen Voigtländer-Spiegelreflex-Kamera, zwei freundlich lächelnden Gesichtern und der eigentlichen Geheimwaffe - dem internationalen Presseausweis - in der Hosentasche machten wir uns also an einem schönen, sonnigen Sommertag auf, das eingezäunte Gelände rund um den Fernsehturmfuß zu erobern.

Die ersten Schritte, die ganz normale Menschen wohl seit Jahren auf den heiligen Boden gesetzt hatten, fielen uns noch relativ leicht. Beinahe kam es uns vor, als ob wir über den Zaun schwebten. Ganz so einfach war es dann natürlich nicht.

Auf ein einfaches Läuten an einem unbeschrifteten aber mit ein wenig Bauernschläue als Pförtnerklingel zu deutenden Knopf hin schob sich der Metallzaun einige Zentimeter zur Seite. Als wir uns schließlich mit ein wenig Mühe und eingezogenen Bäuchen durch den Spalt geschoben hatten, trafen uns ein unfreundlicher Blick und eine abwehrende Hand aus einem der kleinen Bulläuglein des Turmstamms. Die Turmwärterin hatte uns in ihr Blickfeld aufgenommen. Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, gingen wir die kleine Treppe hinauf zu ihrem Turmwärterinnen-Zimmerchen.

"Was wollen Sie denn hier", blaffte uns die Dame mit geschulter Pförtnerinnen-Stimme an. 'So empfängt man aber keine Staatsgäste', erlaubte ich mir zu denken. Aus lauter angelernter Unterwürfigkeit gegenüber uniformierten Personen sprach ich diesen Affront natürlich nicht einmal laut aus und meine Augen zeigten weiterhin einen unschuldigen Dackelblick. Die Pförtnerin schien es dennoch verstanden zu haben. Die Blitze, die mich aus ihren Pförtnerinnen-Augen trafen, sprachen jedenfalls Bände. Die schönste Frau der Welt an meiner Seite umklammerte ängstlich meine Hand und auch mir war auf einmal nicht mehr wohl. Ich fühlte mich wie der ängstliche Löwe aus den Märchen von Alexander Wolkow.

Als wir schon fast umkehren wollten, erinnerte ich mich an meinen Waffenschein. Triumphierend zog ich den Presseausweis aus der Tasche und hielt ihn der Pförtnerin direkt vor die Nase. Der Klammergriff der Herzensdame löste sich merklich und ich spürte, wie das Blut kribbelnd in meine Fingerspitzen schoss.

Sekundenlang starrte die Pförtner-Furie regungslos auf die Chipkarte mit meinem Foto und diversen Anweisungen, dass man mir als Journalist den Zugang zu Recherche-Zwecken gefälligst ermöglichen solle. Wir standen wie zu Salzsäulen erstarrt und wagten kaum zu atmen. Dann bewegte sich die Pförtnerin doch. "Moment mal", murmelte sie und verschwand um die Ecke, wo sie aufgeregt ein Telefongespräch führte. Kurz darauf knallte der Hörer auf die Gabel und das Frauenzimmer raste wieder auf uns zu. Die schönste Frau war von meiner Seite unwillkürlich hinter meinen Rücken gewichen und lugte über meine Schultern. Ich hingegen stand wie ein Fels in der Brandung, ganz auf die Macht des Presseausweises vertrauend.

"Verlassen Sie das Gelände", sagte die Turmwärterin und hielt mir auffordernd meine Chipkarte entgegen.
"Warum", fragte ich, etwas aus dem Konzept gebracht.
"Sie brauchen eine Foto-Genehmigung", fauchte diesmal sie triumphierend.
"Und wo bekomme ich die her", fragte ich beschwichtigend.
"Hier jedenfalls nicht!" Dem abweisenden Gesichtsausdruck zufolge war das Gespräch damit für die Pförtnerin zu Ende.
Mir blieb jeglicher Protest im Halse stecken. Vorsichtig presste ich hervor: "Wer ist denn da für mich der Ansprechpartner?" Und genau da zeigte sich der lange Atem des Kapitalismus'.

"Da müssen Sie die von der Telekom fragen", flüsterte die Pförtnerin schmallippig. "Nummer habe ich aber nicht und der Gebäudemanager ist heute nicht da", kam sie gemeinerweise meiner nächsten Frage zuvor.

Ich gab auf. Mit eingezogenem Schwanz und der Liebsten im Rücken schlich ich mich aus dem Pförtnerzimmerchen. Ich wollte gerade reumütig in Richtung Ausgang gehen, als mich die Herzensdame in den Rücken knuffte. Mit traurigen Augen drehte ich mich um.
"Schnell, drück ab", schall es mir entgegen. Die schönste Frau der Welt stand am Fuß des Fernsehturms und presste beide Hände fest gegen den Beton. Dabei grinste sie diabolisch.
"Bitte lächeln", rief ich geistesgegenwärtig und schoss gleich mehrere Bilder.

Als wir das Zauntor quietschen hörten und die Pförtnerin hinter ihrem Bullaugen-Fenster wild gestikulieren sahen, nahmen wir erschrocken unsere Beine in die Hände und rannten was das Zeug hielt auf den immer kleiner werdenden Ausgang zu. Geübt durch jahrelanges U-Bahn-Fahren konnten wir uns in 007-Manier gerade noch durch die sich schließenden Eisentüren werfen, bevor diese hinter uns mit einem lauten Knall zufielen.

Glücklich über den guten Ausgang dieses Abenteuers fielen wir uns in die Arme und tanzten, wie die Berliner im November 1989 auf der Mauer.

Wir hatten allerdings nicht mit dem langen Arm der Telekom gerechnet.

Wie groß war unsere Überraschung als wir keines der Fotos vom Fernsehturm unter den frisch entwickelten Bildern in der Fototasche vom Rossmann finden konnten. Auch die Negative waren wie vom Erdboden verschluckt. Nun war mir klar, warum sich für das Berühren des Fernsehturms keine Touristen-Führungen finden. Was sollen die Japaner denn zuhause berichten, ohne ausreichendes Bildmaterial?

Aber was lagert die Telekom am Fuße des Fernsehturms, dass selbst ausgewiesene Journalisten wie ich dort nicht erwünscht sind. Seitdem warte ich gespannt auf den Bericht eines richtigen Kollegen von einem Enthüllungsmagazin.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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