Hermann Weigl

Die Mondgöttin - Die Blüte des Feuerwaldes

Eines Tages weckte mich Cassandra mitten in der Nacht. „Was ist denn los?“, fragte ich schläfrig. „Ein seltenes Naturereignis. Der Feuerwald blüht. Ich werde mit Harpon in ein paar Minuten los fliegen. Möchtest du mitkommen?“ Zuerst wollte ich nein sagen. Aber dann dachte ich an all die wunderbaren Dinge, die mir Harpon und Cassandra in den Wäldern gezeigt hatten und sagte zu. Ich sollte es nicht bereuen.  
 
Die Nacht war kühl und sehr dunkel, denn nur eine schmale Mondsichel stand am Himmel. Im Zielgebiet hielt Harpon den Gleiter so dicht neben der Krone eines Baumes an, dass einige Zweige über die Seitenscheiben kratzten. Als er das Verdeck öffnete, schlug uns die frische, feuchte Nachtluft entgegen und die Stimmen des nächtlichen Waldes drangen an unsere Ohren. „Und wo ist jetzt das Feuer?“, fragte ich ungeduldig. „Die Blüten müssten sich bald öffnen. Gedulde dich etwas“, sagte Cassandra mit leiser Stimme. „Ich habe dieses seltene Naturereignis selbst noch nicht gesehen. Aber es muss wunderschön sein.“ Wir traten auf die von einer hohen Bordwand umgebene Ladefläche des Gleiters hinaus. Harpon und Cassandra schienen einen bestimmten Punkt in der Finsternis zu fixieren. Ich konnte dort aber nichts erkennen. Langsam ging ich die Bordwand entlang und versuchte erfolglos in der Dunkelheit etwas auszumachen. So etwas Langweiliges, dachte ich. Und deswegen bin ich mitten in der Nacht aufgestanden. „Darlena! Es geht los!“, warnte mich Harpon mit leiser Stimme. Schnell lief ich wieder auf die andere Seite der Ladefläche. Cassandra deutete in die Nacht hinaus. Zuerst konnte ich nichts erkennen. Aber dann vernahm ich einen schwachen roten Lichtschein in einigen Metern Entfernung. Und plötzlich sah ich, wie sich direkt neben der Bordwand, so nahe, dass ich sie hätte berühren können, eine der Blüten, die ungefähr so groß wie meine Handfläche war, öffnete. Je weiter sie sich entfaltete, umso intensiver wurde das Leuchten in ihrem Inneren. Die äußeren Blätter leuchteten blutrot und die inneren in einem strahlenden Hellrot. Ich hatte so gebannt auf diese Pracht gestarrt, dass ich meine Umgebung nicht beachtet hatte. Als ich wieder hochsah, hielt ich vor Überraschung die Luft an, denn das Laubdach leuchtete, so weit mein Blick reichte, rot wie Feuer. Ich suchte Cassandras Blick. Der Lichtschein, der von den Blüten ausging, spiegelte sich in ihren Augen wider und überzog ihr Gesicht mit einem rötlichen Schimmer. Sie lächelte mich an und Harpon und Cassandra nahmen mich in ihre Mitte und legten ihre Arme um mich, als wäre ich ein kleines Kind. Aber das Naturereignis hatte noch gar nicht seinen Höhepunkt erreicht. Plötzlich mischten sich weitere Farbtöne in die rote Pracht. Gelbe und orangefarbene Punkte erschienen zwischen den Blüten und stiegen über die Gipfel der Bäume auf. „Was ist das?“, fragte ich. „Insekten“, erklärte Harpon. „Harmlose Insekten. Sie treffen sich zum Hochzeitsflug. Die männlichen Tiere sterben danach. Die weiblichen Tiere leben noch solange, bis sie ihre Eier abgelegt haben.“ Ganze Schwärme dieser Insekten stiegen nun auf und schwirrten dicht um uns herum. „Aua!“ Ich schloss erschrocken die Augen, als eines der Insekten gegen meine Stirn stieß. Es war auf die Ladefläche gefallen, und Cassandra nahm es vorsichtig auf und hielt es mir auf ihrer Handfläche entgegen. Fasziniert betrachtete ich das Tier, das etwa so lang wie Cassandras Zeigefinger war. Es schien gänzlich von Innen heraus zu leuchten. Deutlich konnte ich die tastenden Fühler, die Augen, die Beine, die Flügel und den grazilen Körper erkennen. Das Insekt krabbelte suchend auf Cassandras Handfläche herum und erklomm schließlich ihren ausgestreckten Zeigefinger. Als es an der Fingerspitze angelangt war, tastete es mehrmals ins Leere, dann breitete es seine Flügel aus und schwirrte davon.    
 
Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden lang wir auf der Ladefläche gestanden und das Farbenspiel dieses Naturschauspiels beobachtet haben. Der Flug der Leuchtinsekten über den roten Blüten des Feuerwaldes wollte kein Ende finden. Wir waren mitten unter ihnen, innerhalb einer schwirrenden Wolke aus Lebewesen, fast als wären wir ein Teil der Natur des Waldes. Ich spürte die Faszination meiner Begleiter und sie griff auch auf mich über.  
 
Irgendwann zeigte sich am Horizont der erste Schimmer des beginnenden neuen Tages. Die Blüten begannen sich wieder zu schließen, die strahlende Pracht verblasste langsam und die Insektenwolken zogen sich zwischen die Baumkronen zurück. Das Naturereignis war vorbei. Erst in vielen Jahren würde der Feuerwald wieder seine Blüten öffnen.
 
(C) 2008 Hermann Weigl
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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