Lucie Flebbe
Ein Bild von mir
„Wie schön,
dass du mal wieder bei mir vorbeischaust, Stoppelchen!“
Oma stellt mir
fürsorglich eine Porzellantasse unter die Nase und schenkt mir
aus der Thermoskanne Kaffee ein.
Ich lege die
Schachtel Marzipan-Pralinen auf den Tisch und sehe mich um.
Merkwürdigerweise
hat sich die Wohnung noch immer nicht verändert. Ich meine,
nicht nur seit meinem letzten Besuch, sondern in den letzten dreißig
Jahren. Noch immer liegen
die gleichen, braunen Samtkissen mit der in der Mitte
hineingeschlagenen Falte auf dem Sofa. Noch immer benutzt sie die
Plastik-Platzdeckchen mit Himbeeraufdruck. Noch immer steht das Foto
von meiner Einschulung neben meinem Hochzeitsfoto.
„Niemand nennt
mich mehr Stoppelchen, Oma!“ erkläre ich wie jedes Mal, weil
ich den Spitznamen schon als Kind nicht ausstehen konnte.
„Aber du bleibst
nun mal immer mein Stoppelchen, Stoppelchen“, ignoriert sie meinen
Einwand wie jedes Mal und kneift mir im Vorbeigehen in die Wange, was
ich ebenfalls schon als Kind nicht ausstehen konnte.
Mir fällt auf,
dass sie das rechte Bein wieder stärker nachzieht.
„Was macht deine
Hüfte?“ frage ich, obwohl ich weiß, dass ich die Frage
gleich bereuen werde.
Oma stellt den
Zucker und die Milch auf den Tisch und lässt sich ächzend
gegenüber auf den Küchenstuhl sinken: „Ach, du kannst dir
nicht vorstellen, wie das ist, Stoppelchen! Seit sechs Jahren habe
ich jeden Tag diese Schmerzen! Die Tabletten wirken nicht mehr und
der Doktor will mir einfach keine Spritzen geben. Ich fürchte,
ich komme wieder nicht um das Morphium-Pflaster herum.“
Sie sinkt noch ein
bisschen weiter in sich zusammen. Ihr Rücken ist runder
geworden, finde ich, ihre Schultern hängen mehr als sonst nach
vorn. Aber ihre Haare
sitzen wieder perfekt. Wahrscheinlich war die Friseurin heute Morgen
hier. Waschen schneiden, legen, extra wegen meines Besuchs.
Ich beobachte, wie
sich Omas trübe, blaue Augen mit Tränen füllen und
bereue meine Frage.
„Und wie geht es
dir, Stoppelchen?“ Sie blickt mich flehend an.
„Ganz gut“,
lüge ich, weil sie es hören will.
„Wie schön.
Macht dir deine Arbeit noch Spaß?“
Ich blinzele.
Wie viel Spaß
kann es schon machen, in einem Altenheim die Toiletten zu putzen?
Aber bevor ich das
aussprechen kann, redet sie schnell weiter: „Ich verstehe euch
junge Dinger nicht! Wirklich nicht! Dass ihr unbedingt euer eigenes
Geld verdienen müsst.“
Wenn ich die 800
Euro nicht bräuchte, um die Miete, die Schulbücher meiner
Tochter und die Marzipan-Pralinen für meine Oma zu bezahlen,
würde ich wahrscheinlich lieber im Bett frühstücken,
als jeden Morgen um 6.00 Uhr meine Schicht anzutreten.
„Du hättest
Thorsten lieber öfter mal einen anständigen Hackbraten
machen sollen, statt unbedingt arbeiten zu gehen!“
Ich verdrehe
genervt die Augen.
Denn ich habe den
Satz, den sie nicht ausgesprochen hat, genau gehört.
„ - dann wäret
ihr vielleicht noch verheiratet“, ist, was sie nicht gesagt hat.
„Meine Scheidung
hat nichts mit Hackbraten zu tun, Oma!“
Sie schüttelt
traurig den Kopf, weil ich eine der wichtigsten Weisheiten im Leben
offensichtlich noch immer nicht begriffen habe.
„Liebe geht aber
nun mal durch den Magen, Stoppelchen! Ich hab’s dir immer gesagt,
aber ihr modernen Frauen hört ja nicht auf eure dummen, alten
Großmütter. Und dann wundert ihr euch, wenn euch die
Männer weglaufen.“
Das muss ich
richtig stellen, auch wenn ich ahne, dass es nichts nutzt.
„Thorsten ist mir
nicht weggelaufen. Ich habe ihn verlassen, Oma! Wie oft
soll ich dir das noch erklären?“
Sie schüttelt
bedauernd ihre perfekte Frisur.
Ist es denn
wirklich so unglaublich, dass eine Frau Mitte dreißig lieber
allein lebt, als mit ihrem Mann?
Ohne verrückt
zu sein?
Ohne einen Anderen
zu haben?
Ohne sich als Lesbe
zu outen?
Oma steht auf und
hinkt zur Ahnengalerie hinüber.
Die ‚Ahnengalerie’
nenne ich die schwere, alte Eichenholzkommode, auf der das Foto
meiner Einschulung neben meinem Hochzeitsfoto steht. Und zwischen
vierzig anderen, ordentlich aufgereihten und blank polierten Bildern,
von denen sämtliche Mitglieder unserer Familie in den
fröhlichsten Augenblicken ihres Lebens strahlen.
Dort steht das
Hochzeitsfoto meiner Eltern, mein Bruder mit seinem Diplom in der
Hand, Tante Kati als Rapsblütenkönigin, meine Tochter als
Siegerin eines Springreitturniers.
Oma nimmt mein
Hochzeitsfoto in die Hand.
Thorsten und ich
strahlen sie an, Arm in Arm.
„Dabei ward ihr
doch immer so glücklich miteinander“, sagt sie traurig.
Ich betrachte die
zusammengesunkene, kleine Frau. Sie entlastet schon
wieder das künstliche Hüftgelenk und lächelt ohne es
zu merken, als sie das Bild betrachtet.
„Wäre ich
glücklich gewesen, hätte ich mich nicht getrennt, Oma“,
würde ich gern sagen, lasse es aber.
Ich will es nicht
erklären.
Ich will nicht
wieder daran denken müssen.
Ich will nicht
darüber sprechen, dass wir nicht die ganze Zeit Arm in Arm
gelacht haben.
Man sollte meinen,
Leute, die selbst lange verheiratet waren, könnten wissen, dass
man von draußen nicht sehen kann, wie es in einer Ehe aussieht.
Dass niemand genau weiß, was in einer Wohnung passiert, deren
Tür zu ist, außer den Menschen, die darin leben. Das ein
einziges Bild niemals ein ganzes Leben zeigen kann.
Aber das ist nicht
so.
Tatsächlich
sehen die meisten Leute wohl lieber ein schönes Bild, als ein
ganzes Leben.
Tatsächlich
sehen die meisten Leute mich lieber lachen als weinen.
Ich selbst auch.
Ich selbst will
mich auch nicht daran erinnern, dass ich stumm geblieben bin, wenn er
mich beschimpfte.
Ich will mich nicht
daran erinnern, dass ich immer weiter zurückgewichen bin, wenn
er zornig auf mich zukam.
Ich selbst will
mich auch nicht daran erinnern, dass ich heulend ins Bad geflüchtet
bin und mich eingeschlossen habe, während er drohte, die Tür
einzuschlagen.
„Ihr hattet so
schöne Zeiten miteinander. Ist es nicht furchtbar traurig, dass
es vorbei ist, Stoppelchen?“
Ich stehe auf, gehe
zu Oma hinüber und nehme ihr mein Hochzeitsfoto aus der Hand.
„Ja, das ist
wirklich traurig“, sage ich und stelle das Bild wieder an seinen
Platz auf der Kommode.
(c) by Lu
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.03.2008.
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