Petra-Maria Kodshabaschew

Feinde

 

 

 
Der Junge blickte ernst zu dem kleinen Haus hinüber. Wie das ganze Anwesen, wirkte es leer, aber nicht eigentlich verlassen. Mit verlassenen Gehöften kannte er sich aus. In den vergangenen Wochen hatte er genügend Erfahrungen gesammelt, um sie als solche zu erkennen  Sie sahen anders aus. Sicher, in den hässlichen kleinen Käfigen hatte er keine Kaninchen vorgefunden, obwohl es noch nach ihren Ausdünstungen roch. Es fehlte auch das sonst unvermeidliche Gackern der Hühner. Trotzdem erweckte bei ihm alles den Eindruck von Sauberkeit und Ordnung. Sogar eine Katze, deren Fell im Sonnenlicht schwarz glänzte, war über den Hof gehuscht.
 
Der Kleine atmete tief durch. Er liebte Tiere über alles, war er doch mit ihnen aufgewachsen.
 

 
Die alte Frau sah bereits zum dritten Male aus dem Fenster. Der Knabe stand noch immer da, scheinbar nachlässig an den Zaun gelehnt.
 
Sie überlegte. Das Kind war sehr jung. Bestimmt ging es noch nicht einmal zur Schule und mochte nicht viel älter als sechs Jahre sein.
 
Es war ein hübsches Kerlchen. Dickes, einst sorgfältig geschnittenes Haar umrahmte das runde Gesicht. Die Augen blickten ernst, fast ein wenig zornig. Warum sollte der Kleine auch nicht wütend sein, auf eine Welt, in welcher Kinder wie er verlassen wurden, denn weit und breit war kein Erwachsener zu sehen. Und doch musste sich noch vor kurzem jemand um ihn  gekümmert haben. Über einem dicken Pullover war ihm eine zu enge Strickjacke gezogen worden. Vielleicht trug er aber auch mehrere Kleidungsstücke übereinander von einer praktisch denkenden Mutter zusammengestellt. Die Hosen waren weit, die Schuhe schwer, aber fest. Nur die Strümpfe zogen Wasser. Die Frau dachte an andere Kinder, die ebenfalls warm oder aber schäbig gekleidet durchs Land zogen. Manche schleppten kleine Bündel mit sich, die ihre „Reichtümer“ bargen, anderen sah der Hunger aus übergroßen Augen. Immer jedoch gehörten sie zu einer mehr oder weniger großen Gruppe Erwachsener. Ein Kind, das allein auf der Flucht war, traf sie zum ersten Male.
 

 
Dem Jungen schlug das Herz bis zum Halse, als sich hinter einem der Fenster die Gardine bewegte. Dann musste er lachen. Er hatte sich vor der Katze gefürchtet. Sie saß auf dem Fensterbrett und blickte hochmütig zu ihm herüber. Seine Heiterkeit verging jedoch schnell, denn neben dem Tier wurde das Gesicht einer Frau sichtbar. Würde sie ihn wegschicken, oder durfte er diesmal bleiben? Bis jetzt war er immer wieder verjagt worden.
 
„Geh weiter, Junge“, hatten sie ihm gesagt. „Hier bist du in Gefahr.“ So jung er war, er hatte gespürt, was niemals ausgesprochen worden war.  > Und wir sind es auch. <
 
Eine Geste des Erbarmens, sei’s auch nur gegenüber einem kleinen Kind, konnte den Tod bedeuten. Im Lande herrschte Bürgerkrieg!
 
Endlich öffnete sich die Haustür und die Frau trat über die Schwelle. Sie war nicht mehr jung. Um das nussbraune, von vielen Falten gezeichnete Gesicht, trug sie ein schwarzes Kopftuch. Keine einzige Haarsträhne lugte darunter hervor. Gekleidet war sie in eine ebenfalls schwarze Bluse und einen weiten Rock. An den breiten Füßen trug sie Gummigaloschen. Ihre  Hände verbarg sie unter einer blitzsauberen braunen Schürze.
 
Der Kleine wunderte sich nicht über diesen Aufzug. Auch in seinem Heimatdorf zogen die älteren Frauen es vor, dunkle Kleidung zu tragen.  Im Grunde ähnelte die Fremde sehr seiner Großmutter.
 
Er musste schlucken. Die Erinnerung an die Großmutter riss kaum vernarbte Wunden auf. Mit ausgebreiteten Armen lag sie leblos auf dem Hof. Blut sickerte aus einem Mundwinkel.
 
„Es ist das alles zuviel für sie gewesen“, hatte einer seiner Onkel gemeint und nach dem Bündel gegriffen, das neben ihr auf der Erde gelegen hatte. „Beeilt euch. Wir haben keine Zeit.“ Und sie waren gegangen. Das ganze Dorf war ausgezogen. Wer es nicht schaffte wurde zurückgelassen. Das Gewehrfeuer war schon ganz nah. Er wollte nicht daran denken. Der Schmerz war zu stark.
 
Die fremde alte Frau tat einen weiteren Schritt. Zwar wirkte sie nicht besonders freundlich, dafür aber auf eine beruhigende Weise zuverlässig. Er wartete.
 
„Woher kommst du?“
 
Er staunte über ihre Stimme, die so gar nicht wie die Stimme einer alten Frau klang, sondern mühelos über den Hof schallte.
 
„Von dort“, antwortete er und nannte undeutlich einen Namen. Mit der rechten Hand wedelte er in östlicher Richtung. Es war unmöglich festzustellen, was genau er meinte. Und genau das war auch seine Absicht. Er hatte schlimme Erfahrungen gemacht.
 
Worauf sie eigentlich warte, fragte sich die Frau inzwischen. Dort stand nichts weiter als ein Kind, das bestimmt schon viel zu lange allein unterwegs war und nun ihrer Hilfe bedurfte.
 
„Also komm!“ Sie streckte ihm eine Hand entgegen.
 
Der Kleine konnte sein Glück kaum fassen. Die Augen in dem runden Kindergesicht begannen regelrecht zu leuchten. Er schnappte sich sein Bündel und hastete über den Hof. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen und er wurde von der Angst getrieben, sie möchte sich ihre Einladung vielleicht wieder überlegen. Das war ihm schon oft passiert. Diesmal wurde er jedoch tatsächlich ins Haus gelassen, ohne dass vorher eine gefährliche Frage gestellt wurde. Sie führte ihn in die Küche, in der er sich sofort heimisch fühlte, denn sie ähnelte der Küche seines Elternhauses sehr.
 
Zwar hatte es in seinem zu Hause keine altersdunkle Ikone mit einem schmerzlichen Mund gegeben, aber die Katze pflegte ebenfalls auf dem Fensterbrett zu sitzen. Nur dass in dem Blumentopf daheim, an der Stelle eines stachligen Kaktusses Küchenkräuter wuchsen. Er hatte ein schönes Heim gehabt. - Nur nicht daran denken! -   
 
„Hast du Hunger?“
 
Er nickte.
 
„Dann wollen wir essen.“
 
Sie packte ein großes Stück Brot aus einem karierten Leinentuch und legte zwei Äpfel auf den Tisch. Die Krönung des Mahls bildete eine dicke Scheibe Speck für jeden. Eine Kostbarkeit! Während sie ihm aus einer dickbäuchigen Kanne heißen Tee, der wundervoll nach Sommer duftete, in eine Tasse füllte, merkte sie nicht, wie ihr kleiner Gast kreidebleich wurde. Dass etwas nicht in Ordnung war fiel ihr erst auf, als  der Junge sich zwar brav bedankte, aber nicht nach dem verführerischen Brot langte, obwohl ihm der Hunger aus den Augen schrie.
 
„Was hast du denn?“ fragte sie besorgt. Sie begann schon, sich für ihn verantwortlich zu fühlen.
 
„Wir essen daheim  keinen Speck“, gestand er mit furchtsamen Augenaufschlag. “Es ist nicht erlaubt.“
 
Sie begriff nicht gleich. „Narretei“ wollte sie sagen. Doch das Wort blieb ihr im Halse stecken. Ein muslimisches Kind, flüsterte sie entsetzt halblaut vor sich hin. Erschrocken schlug sie ein Kreuz. Ausgerechnet am Weihnachtsabend hatte sie sich ein solches Kind ins Haus geholt.
 
In ihrer Hilflosigkeit blickte sie auf die  Ikone, die sich schon seit Generationen im Besitz der Familie befand. Die Augen der Muttergottes funkelten vor Zorn. Es ist ein Kind, einfach ein Kind, schienen sie zu sagen.
 
Der Junge glaubte zu verstehen. Er rutschte vom Stuhl und tastete nach seinem Bündel. Er hatte es ja geahnt. Auch aus diesem gemütlichen Haus würde er vertrieben werden. Wenn er nur wüsste, warum ihn niemand gern genug hatte, um ihn bleiben zu lassen.
 
Die alte Frau sah auf. „Wohin willst Du denn? fragte sie mit klangloser Stimme. „Bleibe lieber bei mir.“
 
Abrupt blieb er stehen. Er fasste es nicht. „Bin ich denn nicht dein Feind?“ erkundigte er sich misstrauisch.
 
Sie zuckte unter seinen Worten zusammen, als habe er sie geschlagen und sie fühlte sich schuldig. Für den Bruchteil eines Momentes hatte sie von ihm tatsächlich als von einem Feind gedacht. Wie hatte sie sich nur so weit vergessen können? Und was waren das für Zeiten, in denen man, wenn auch nur für einen Augenblick, in einem sechsjährigen Kind einen Gegner sehen konnte?
 
„Setz dich wieder hin du Feind“, sagte sie dann lächelnd und reichte ihm eine andere Scheibe Brot, welche diesmal nur mit etwas Salz bestreut war. Der Kleine schaute dankbar zu ihr auf und schmatzte glücklich.
 
Salz und Brot. Ein wenig Friede.
 

  
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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