Petra-Maria Kodshabaschew

Ausrangiert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Petra-Maria Kodshabaschew

An der Kotsche 55   

042o7 Leipzig 

Tel./Fax. 0341-9421985

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausrangiert

Er würde sich nie an diese Situation gewöhnen, in der er sich nun schon seit Wochen befand und gleich gar nicht an die trostlose Umgebung, in welcher er zurückgelassen worden war. Er war zutiefst unglücklich und fühlte sich verraten. Anders konnte es auch nicht sein. Wer war schon glücklich, wenn er, von einer wenig befahrenen Straße herab, in einen tiefen Graben gestoßen worden war. Je länger seine unerfreuliche Lage andauerte, um so mehr haßte er was geschehen war. Und doch hatte er einst, mit vielen anderen Autos, die Fabrik als schmucker VW Golf verlassen.

Er war ein ganz besonders hübscher Wagen gewesen, knallrot, mit schwarzen Zierleisten an den Seiten und er konnte sich noch gut erinnern, wie stolz er gewesen war, weil er zuerst gekauft worden war.

Von seinen Besitzern war er sorglich gehegt und gepflegt worden. Die ganze Familie hatte sich liebevoll um sein Wohl gekümmert. Festlich gekleidet hatten sie sich alle in ihn hineingesetzt, um den jeweiligen Ausflugszielen zu gelangen.  Niemals hätte der rote Golf es für möglich gehalten, er könnte eines Tages im Straßengraben enden, verstoßen und einsam.

Wann hatte es eigentlich begonnen bergab zu gehen?

„Was für eine jämmerliche Kiste“, hatte der Sohn der Familie eines Tages geflucht und mit dem rechten Fuß verächtlich gegen die Karosserie getreten. „Man muss sich ja schämen. Außerdem könnten wir uns doch nun wirklich langsam ein neueres Modell leisten.“ Kurze Zeit später war ein sehr junger Mann in sein Leben getreten, der mit ihm  unbedingt Rennen fahren wollte. Natürlich war das schief gegangen. Schließlich war er kein Rennauto, sondern ein schon etwas betagter Familienwagen gewesen.

Damals hatte das Unglück erst richtig begonnen. Die Besitzer hatten beinahe vierteljährlich gewechselt und waren immer jünger geworden. Der letzte hatte ihn dann in diesen Graben gefahren.

Zunächst hatte er an einen Unfall geglaubt, denn sein jugendlicher Herr hatte erst kurz zuvor die Fahrerlaubnis erworben und war kein guter Fahrer gewesen. Er wurde jedoch sehr schnell eines besseren  belehrt. „Von mir aus kannst du verrecken, altes Miststück“, hatte der Bursche gemeint, die Hände in die Taschen seine Jeans gesteckt und war pfeifend davon geschlendert, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen.

Wären ihm von seinen Schöpfern Tränen zugestanden worden, das alte Auto hätte vor Kränkung sicherlich bitterlich geweint.

Es ging einfach nicht gerecht zu in der Welt. Sein ganzes Leben hatte es seine Pflicht getan und seiner Herrschaft jeden Wunsch erfüllt, sofern dieser seinen Möglichkeiten entsprochen hatte. Nun, da es alt war, wurde es einfach beiseite geschoben und vergessen. Gewiss, es hatte inzwischen schon einige Jahr auf dem Buckel und fuhr nicht mehr ganz so schnell wie in seiner ersten Jugend. Dafür hatte es andere Vorzüge, Zuverlässigkeit und Erfahrung zum Beispiel. Es hatte nie einen Unfall verschuldet und verstand sein Fach. Zählte das gar nichts?

Ein schwarzer Schäferhund trottete die Straße herunter und riss den einsamen Golf aus seinen trüben Gedanken. Neugierig schnüffelte er an dem verlassenen Auto. Du hast hier nichts zu suchen, schien er sagen zu wollen. Das Auto war ganz seiner Meinung. Es schöpfte Hoffnung. Vielleicht waren Menschen in der Nähe, zu denen der Hund gehörte. Ob es ihm gelang das Interesse dieser Menschen zu wecken? Er sehnte sich so sehr danach, noch ein wenig nützlich sein zu dürfen.

Leider erfüllten  die beiden Jogger in ihren hellblauen Sportanzügen seine Hoffnungen nicht. Sie blieben nicht einmal stehen und hatten für das Auto kaum mehr als einen halben Blick.

„Umweltverbrecher!“ schimpfte der junge Mann. „Wir sollten zur Polizei gehen.“

„Die alte Karre lohnt ja den Aufwand nicht“, meinte das Mädchen gleichgültig. „Das ist Sache der Gemeinde.“ Dann pfiff es nach dem Hund und alle drei liefen weiter.

Der traurige Golf gab auf. Erfahrung hin und her! Er musste sich damit abfinden, dass niemand ihn haben wollte. Er war einfach zu alt. Gegen das Alter half kein sich wehren; man wurde verstoßen, verlacht, ausrangiert. -

 

 

 

3.454 Zeichen

Ersch. In "Der Feierabend" unter dem Titel "der alte Golf"

 

 

 

 

 

   
 

                               

 

 

 

                    

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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