Klaus-D. Heid

Absurd

„Seit wann genau sind Sie tot, Herr Felgenträger?“

„Am 16. Mai bin ich verstorben, Herr Doktor. Vormittags. Ungewöhnlich, nicht wahr?“

„Weshalb ungewöhnlich?“

„Sterben die meisten Leute nicht nachts?“

„Gerüchte, Herr Felgenträger. Nichts als dumme Gerüchte. Die meisten Menschen sterben Donnerstags und im Sommer. Ab und an hört man auch, dass es im Freien passiert ist.“

„Tatsächlich? Trifft es denn häufig Männer in meinem Alter, Herr Doktor?“

„Eher selten. Es sei denn, es handelt sich um weibliche Verstorbene. In diesem Fall kann es sein, dass die Tote in etwa Ihr Körpergewicht hat.“

„So?“

„Ja.“

„Gibt es denn Aussichten für mich?“

„Sie meinen Heilungschancen?“

„Zum Beispiel. Oder einen Lottogewinn. Ein neues Auto? Eine Spenderniere?“

„In Ihrem Zustand kann ich Ihnen nur raten, etwas kürzer zu treten! Ich kenne da eine hervorragende Klinik, in der ausschließliche erfahrene Chirurgen operieren. Möchten Sie einen Termin haben?“

„Danke, nein. Ich muss auf meine Figur achten. Man weiß ja nie, was sich in diesem Zeug alles befindet. Kaum hat man einen Termin verschluckt – schon wachsen einem irgendwelche Tentakel aus den Ohren.“

„Tentakel?“

„Oder waren es Testikel? Tabakwaren? Tortellini? Tintenfische?”

“Wahrscheinlich meinen Sie Tretminen, Herr Felgenträger. Viele meiner Patienten meinen Tellerminen, wenn sie vom letzten Urlaub sprechen.“

„Ich hatte niemals Urlaub, Doktor!“

„Schade. Besonders in Ihrem derzeitigen Zustand wäre etwas Erholung ratsam. Versuchen Sie es doch mal im Sommerschlussverkauf. Gibt immer wieder Schnäppchen für Verstorbene zu ergattern. Oder radeln Sie viel. Kann es sein, dass sie übergewichtig sind?“

„Ich wiege exakt Einen Meter einundneunzig, Doktor!“

„Sage ich doch. Sie müssen unbedingt zunehmen, Felgenträger!“

„Im Urlaub?“

„Unsinn. Im Kino! Welche Filme sehen Sie sich gerne an?“„Liebesfilme. Hauptsache, es fließt viel Blut! Manchmal sehe ich auch einen Horrorfilm, falls es ihn in Tüten gibt. Ich hasse nämlich Konserven, Doktor.“

„Interessant...!“

„Nicht wahr?“

„Nicht wahr?“

„Was?“

„Sie lügen doch nicht etwa?“

„Und Sie?“

„Ich lüge nie. Oder ist heute Dienstag?“

„Mittwoch, Doktor!“

„Dann habe ich wohl doch gelogen, Felgenträger! Verzeihen Sie mir?“

„Nein!“

„Eine 20er Packung vielleicht? Ist auch noch nicht abgelaufen.“

„Vierzig!“

„Einverstanden! Sehe ich Sie am nächsten Freitag wieder?“

„Weshalb? Ich bin doch tot!“

„Ich vergaß. Dann eben am Samstag, Felgenträger. Wie immer...“

„Eine letzte Frage, Doktor?“

„Sie oder ich?“

„Ich!“

„Bitte!“

„Sind Sie eigentlich auch tot?“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Weil ich Sie nicht hören kann. Ich sehe Sie auch nicht.“

„Dann werde ich wohl tot sein. Könnten Sie mich bei Ihrem nächsten Besuch daran erinnern, dass ich über ihre Frage nachdenke?“

„Ich werde nicht wiederkommen, Doktor!“

„Geht es Ihnen denn nicht gut?“

„Ich bin tot, Doktor. Tote können nicht kommen und gehen, wann sie wollen!“

„Richtig. Dann wünsche ich Ihnen gute Besserung, Felgenträger!“

Absurde Geschichten sind eine köstliche Möglichkeit, die Realität als das anzuprangern, was sie in Wirklichkeit ist: Absurd!Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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