Robert Kastner

Die Mächtigen im Lande ...

Wir sind ausgewandert. Nach Irland. Und zum ersten Mal in meinem Leben schreibe ich ein Tagebuch. Über den alltäglichen Wahnsinn hier in Absurdistan. 
 
Donnerstag, 31.05.2007
Ich möchte jetzt auch lernen, Golf zu spielen. Macht hier schließlich jeder.
Also
mache ich mich auf zum Golfclub in unserer beschaulichen Gemeinde.
Nette Anlage. Ich betrete das Clubhaus und fühle mich plötzlich wie
Ronald Reagan in einem seiner schlechtesten Western: eine lange Bar,
drei kleine runde Tischchen, besetzt von irischen Trinkern. Ich begrüße
den Barmann in der mir eigenen, besonders liebenswürdigen Art:
"Hallöchen, ich bin der Bertl, wie geht's, mir geht's gut, schönes
Wetter heute, nicht wahr, ich möchte gerne Golfspielen lernen". Der
Barkeeper artikuliert sich im regionalen Dialekt in seiner übelsten
Ausprägung. Natürlich. Ein irischer Niederbayer quasi. Er zeigt auf den
Golfplatz und bedeutet mir, dass diese große, grüne Fläche eben für
diesen Zweck angelegt worden sei und ich mir unten einen Schläger
nehmen solle. Ach was. Auf meine Frage, ob es hier denn einen Trainer
gebe, der mich ein wenig in den Grundbegriffen unterweisen könne,
reagiert er nur mit einem mitleidsvollen Blick. "Spiel' einfach, das
lernst Du schon." Die umsitzenden Trinker haben es auch erkannt - ein
Fremder. Nein, das ist keiner von uns. Aber dann geschieht das
Unerwartete - offenbar habe ich das Herz des Niederbayern berührt. Er
kritzelt etwas auf einen Zettel. "Das ist die Nummer von Don. Er zeigt
Dir, wie's geht." Die Trinker erbleichen und beginnen zu tuscheln. "Er
gibt ihm die Nummer von Don. Oh mein Gott !" Einer bekreuzigt sich. Ich
ignoriere das in meiner kindlichen Ignoranz und frage nach dem Weg zu
Herrn Don. Die Wegbeschreibung ist ebenso präzige wie typisch: "Geh'
vom Red Mill Pub Richtung Dooley's Pub. Nachdem Du an O'Donovan's off
license vorbei bist siehst Du gleich rechts den Ten Mile Inn Pub, von
da geh' in Richtung Sally's Bar und gleich nach Harry's Pub nach links,
noch bevor Du den Old Border Pub siehst. Dann noch 'ne Meile geradeaus
und Du bist bei Don's Spezialgeschäft für Golfbedarf". Ich danke artig
und will losreiten, werde aber von einem der Trinker aufgehalten.
"Fremder, Du kannst nicht einfach so zu Don gehen." Hm, warum wohl??
Die Antwort auf diese ebenso naive wie offenbar überflüssige Frage
kommt von einem anderen aus der Runde der Ureinwohner. "Don ist ein ...
PGA PROFESSIONAL !"
Alle Warnungen ignorierend mache ich mich
trotzdem auf den Weg zu Herrn Don, den ich inzwischen insgeheim 'Don
Vito Corleone' nenne. Ob ich wohl auch seinen Ring küssen muss? Dank
der exzellenten Wegbeschreibung erreiche ich Herrn Don's
Spezialgeschäft ohne weitere Zwischenfälle. Seine exquisiten
Geschäftsräume befinden sich in einem ehemaligen Schweinestall und
haben eine Größe von etwa drei mal drei Metern, vollgestopft mit allem,
was das Herz des Golfers begehrt - neben diversen Golfbags in den
Farbtönen 'Sommerwind', 'Blütentraum' und 'Saharaporzellan' haben die
zahlreichen, karierten Hosen mich aufrichtig begeistert. Ich frage
mich, ob die heterosexuellen Golfspieler tatsächlich eine Minderheit
sind und denke wehmütig an die Zeit, als Farben noch mit 'gelb', 'rot'
oder 'grün' bezeichnet wurden. Ob der beissende Geruch im Raum wohl
noch von den ehemaligen Bewohnern stammt? Ich wende mich wie gewohnt
überaus freundlich an den Halbwüchsigen an der Kasse und frage nach
Herrn Don. "Hallöchen, ich bin der Bertl, wie geht's, mir geht's gut,
schönes Wetter heute, nicht wahr, ist es wohl möglich, mit Herrn Don zu
sprechen?" Bei näherem Hinsehen macht der Bursche an der Kasse den
Eindruck eines kleinen Ganoven, der mit irregulär erworbenen Autoradios
handelt. Nein, ich könne natürlich nicht mit Herrn Don sprechen, was
ich mir denn eigentlich einbilde, wer ich sei. "Don ist auf dem Green.
Er trainiert und möchte nicht belästigt werden." Oh, offenbar hat man
mir nicht erzählt, dass Herr Don hinter dem Schweinestall einen 18-Loch
Golfplatz sein eigen nennt, deutlich beeindruckender als der des
örtlichen Golfclubs. Aber der Kleinkriminelle bietet mir immerhin an,
für mich eine Audienz bei Don Vito zu arrangieren, um weitere Details
zu klären. Meine Kühnheit hat wohl Eindruck hinterlassen. Ich frage
noch nach seiner Einschänzung, wie viele Lehrstunden ich wohl benötigen
würde. Seine Antwort ist ebenso knapp wie eindeutig: "Nach drei Stunden
mit Don kannst Du's."
Noch habe ich Herrn Don nicht getroffen. Aber
ich fiebere der ersten Begenung mit einem der wirklich Mächtigen in
diesem Lande entgegen. Ehrlich.

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