Ingrid Grote

Holidays in Kampodia Kapitel VI

Dieses Kapitel ist höchst dramatisch, und es passiert eine ganze Menge, nämlich Schreckliches, Unerwartetes und tatsächlich eine Hochzeit...
 
KAPITEL VI - Teil 1 STURZ
 
Am späten Nachmittag kurz nach der Vesper verspürte Rebekka das Bedürfnis, in den Pferdestall zu gehen. Ihre Fortschritte im Reiten waren beachtlich, und man hatte sie sogar schon auf einen Ausflug mitgenommen.
Sie zäumte das Doppelpony auf und holte dann den Sattel, um ihn Pronny aufzulegen. Unter den Sattel kam eine Decke, damit das Pferdchen nicht auf dem Rücken wund wurde, und dann zog sie  den Sattelgurt kräftig an. Es klappte alles wunderbar, Pronny war sehr geduldig und Rebekka sehr behutsam.
„Na, dann wollen wir mal...“, sagte sie zu dem Pferdchen, dirigierte es rückwärts aus der Box, und marschierte mit ihm gemächlich in Richtung Reithalle, die wunderbar leer war.
Sie stieg ohne Mühe auf und fing an, Pronny im langsamen Schritt gehen zu lassen, sie versuchte es gleichmäßig mit ihrem Gewicht anzutreiben und nebenbei die Zügel zu verkürzen, damit es locker wurde und diesen erhabenen Gang bekam. Es schien zu klappen. Sie erhöhte das Tempo, klopfte dann mit beiden Beinen gleichzeitig am Bauch des Pferdes an, und tatsächlich fiel Pronny in einen recht gleichmäßigen Trab.
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Daniel in die Reithalle gekommen war. Er hatte Morgaine bei sich, und hinter den beiden ging Claudia. Was für eine seltsame Allianz.
Daniel lächelte Rebekka an, und sie kam sofort ein bisschen aus dem Tritt. Der Trab wurde unruhiger, und sie konnte sich auf einmal nicht mehr richtig konzentrieren.
Daniel hielt Morgaine hoch, damit sie ihrer Mutter beim Reiten zuschauen konnte, und die beiden grinsten sich gegenseitig in vollstem Einverständnis an. Zwischendurch drehte sich Morgaine öfter nach Claudia um, um sie auch anzugrinsen. Eigentlich hatte Morgaine ja zu dem weißen Ziegenbock Kalybos gehen wollen, der sie überaus faszinierte. Aber hier war es auch ganz nett. Mammi übte alleine mit Pronny!
„Das war’s dann wohl mit dem Alleinüben, dachte Rebekka und verlor immer mehr an Tempo, das heißt, das Doppelpony verlor immer mehr an Tempo.
„Nimm deinen Hintern“, rief Daniel ihr zu. Er rief ihr das natürlich ziemlich leise zu, um das Pony Pronny nicht zu irritieren.
„Halt doch die Klappe!“ zischte Rebekka in sich hinein.
„Hintern vor!“ sagte Morgaine energisch. Morgaine war wirklich ein Naturtalent im Reiten, wie es schien. Zumindest in der Theorie.
„Hörst du, sogar die Fee kann es!“ sagte Daniel anerkennend.
Das war die neueste Marotte von Daniel, dass er Morgaine ‚Fee’ nannte. Wie kommt er darauf, dachte Rebekka. Und wieso hatte sie eigentlich diesen seltsamen Namen ausgesucht? Aufgrund der Sage von König Artus oder einfach nur so? Sie wusste es nicht mehr, es war wohl eine gefühlsmäßige Eingebung gewesen, und die zuständige Behörde hatte den Namen akzeptiert.
„Schieb ihn mit dem Hintern an, Mammi!“ forderte Morgaine.
„Hast du das gehört?“ Daniel musste sich das Lachen verkneifen, er genoss er sichtlich, Rebekka zu verunsichern. „Morgaine hat es kapiert. Wenn sie ein noch etwas kleineres Pferd hätten, würde ich Morgaine drauf setzen...“
„Ich glaube, hier stinkt es nach Bier, du Exkneipenwirt!“ sagte Rebekka giftig. „Und so klein ist Pronny gar nicht“, murmelte sie in sich hinein und versuchte, diesen lästigen Typen und ihre lästige kleine Tochter einfach zu ignorieren.
„Frauen sollen ja angeblich mehr Gefühl im Hintern haben als Männer“. Daniel konnte einfach nicht aufhören, sie zu veräppeln.
„Willst du damit behaupten, du hättest kein Gefühl im Hintern?“ Oh Gott, was redete sie da überhaupt? Am besten nichts mehr sagen, sondern reiten! Rebekka versuchte, das Pferdchen wieder zum Traben zu bringen, und tatsächlich, es fiel in einen leichten Trab. Jetzt aber zusammenreißen, Beine fest anklammern – und einfach richtig reiten… Und tatsächlich es ging, sie hatte es kapiert, alles klappte ohne viel nachzudenken. Na also! Die Pferde kapierten es ja auch, und sie war ja wohl nicht blöder als ein Pferd.
„Weiß nicht“, beantwortete Daniel gerade ihre Frage nach Gefühl in seinem Hintern. „Was meinst du denn? Du müsstest es doch wissen.“ Irgendwie schaute er hinterhältig fies dabei.
Oh Mist, schon wieder abgelenkt, also kein Trab, sondern wieder Schritt... Wie langweilig! Sie ließ Pronny ein wenig schneller gehen und klopfte mit ihrem Fuß hinten an seine linke Seite. Und tatsächlich rumpelte Pronny sich in einen bequemen Galopp hinein. Meine Güte, das war wirklich Klasse!
„Du bist echt gut.“ Daniels Stimme klang nun bewundernd.
Galoppieren war eigentlich das Beste am Reiten, und sie trieb Pronny ein wenig mehr an. In der Kurve merkte sie dann, dass etwas nicht stimmte. Der Sattel schien ein wenig locker zu sein. Vermutlich hatte Pronny vor dem Satteln tief eingeatmet und dadurch seinen Bauch aufgeblasen. Das ging Rebekka durch den Kopf, Andromeda hatte sie bei der ersten Reitstunde davor gewarnt. Nur wie konnte man Pronny jetzt schnell abbremsen, ohne dass viel passierte? Und Pronny schien plötzlich sehr unruhig zu sein, er buckelte seinen Rücken, und tänzelte wild in der Spur umher. Sonst war er doch so ruhig und gelassen. Während Rebekka das überlegte, hörte sie ein beunruhigendes Geräusch, es war, als ob etwas reißen würde, zumindest hörte es sich so an, es gab einen Ruck und wie in Zeitlupe rutschte sie vom Doppelpony. Sie ließ die Zügel los, zog geistesgegenwärtig die Füße aus den Steigbügeln – stürzte unaufhaltsam gegen die Bande, und dabei hörte sie ein dumpfes Geräusch.
Und dann lag sie in der Streu und dachte an nichts. Ihr Gehirn war absolut leer.
Bis sich ein Gesicht über sie beugte. Es gehörte zu Daniel.
„Tut dir irgendwas weh?“ fragte er. Seine Stimme hörte sich verschwommen an, aber das konnte auch an der Akustik in der Reithalle liegen.
„Nein, nein“, sagte sie mühsam und richtete sich auf. Dabei merkte sie, dass ihr doch etwas wehtat, nämlich die Schulter.
„Da ist was gerissen, ich bin nicht runtergefallen...“, Sie versuchte sich aufzurichten, aber Daniel drückte sie auf den Boden zurück. „Nicht bewegen!“ Seine Stimme klang bestimmend.
Wieso bestimmend, dachte Rebekka wie durch einen leichten Nebel hindurch. Wieso sind Stimmen bestimmend? Liegt es an der Lautstärke oder an der Ausdruckskraft? Oder an dem, der die Stimme hat? Stimmen bestimmen, seltsam...
„Ich habe nichts!“ sagte sie und blieb trotzdem liegen. Es war schön, dass er sich um sie sorgte, und die Schulter tat wirklich weh. Sie sah, dass Claudia neben ihm stand und mit einem aufgelösten Gesichtsausdruck auf sie herunter schaute. Neben ihr tauchte Morgaine auf, und sie weinte. Nein, das wollte sie nicht, dass Morgaine weinte.
„Es ist nichts“, sagte sie. „Es tut nur ein bisschen weh. Hab’ mir bestimmt die Schulter geprellt und nicht den Hals gebrochen.“
„Gut, dann hebe ich dich jetzt auf.“
„Ach du lieber Himmel. Nein, lass’ das!“ Rebekka machte eine abwehrende Bewegung mit dem linken Arm, der nicht weh tat und richtete sich mühsam auf. Es schien wirklich nichts gebrochen zu sein, und sie war auch nicht querschnittsgelähmt. Nur die rechte Schulter tat höllisch weh. Dann urplötzlich wurde ihr schlecht. Vor ihren Augen tanzten giftiggelbe und neongrüne Flecken, das Wasser lief ihr im Mund zusammen, und sie dachte, wieso läuft mir das Wasser im Mund zusammen, ich hab’ doch gar keinen Appetit.
Sie klammerte sich an Daniel fest, und er sah, dass sich ihr Gesicht leicht grünlich verfärbt hatte. Der unfallerfahrene Daniel, der seinen Zivildienst bei den Johannitern abgeleistet hatte, wusste dass es sich um einen Schock handelte, er stützte sie und führte sie schnell aus der Reithalle hinaus. Vermutlich würde sie gleich kotzen, das war normal in solchen Fällen, aber das tat sie nicht. Sie klammerte sich nur an ihn, hing praktisch in seiner Achselhöhle und war irgendwie weggetreten.
Rebekka wankte an seiner Seite, er hielt sie fest, und sein Körper war so vertraut, obwohl sie doch nur einmal... Sie schmiegte sich an ihn, spürte seine Muskeln, und sie roch ihn sogar, er roch überaus angenehm, auch sein Schweiß hatte damals gut gerochen und seine Säfte auch... Rebekka stöhnte auf, und Daniel zog sie vorsichtig enger an sich, es war irgendwie fürsorglich.
Fürsorglich... Manche Erinnerungen sind wie im Hirn eingeätzt. Zum Zeitpunkt des Geschehens sind sie gar nicht wichtig, aber irgendwann steht einem jede Einzelheit so deutlich vor Augen, als wäre sie gefilmt worden:
 
Neun Monate nach ihrem Besuch bei Irmgard und Daniel:
In der Zwischenzeit hat sie eine gute Freundin gefunden, nämlich Sabine – kennen gelernt in einer Kneipe, wo sie volltrunken an der Theke stand und Rebekka sie vor ein paar zudringlichen Typen schützen konnte. Später stellte man fest, dass Sabine Daniel kannte. Na klar, durch seine Kneipe. Und dass sie auch Irmgard und Susanne kannte, die eine war die Exfreundin und die andere die jetzige Freundin von Daniel. Beide mochten Sabine natürlich nicht. Denn Sabine soff wie ein Loch, flippte manchmal aus, schlief mit allen möglichen Männern und gefährdete somit jede ordentliche Beziehung von anständigen Leuten.
Mitten in der Woche um sechs Uhr nachmittags fällt Rebekka der Geburtstag ihrer Bekannten Dagmar ein. Sie lebt jetzt mit ihr im gleichen Haus, Dagmar hat ihr die billige Wohnung dort verschafft. Sabine ist gerade da, und sie kaufen schnell noch Blumen und ein Pfund Kaffee, denn man hat ausgemacht, sich nichts Aufwändiges zu schenken.
Eisiges Schweigen empfängt sie. Alle sind gut informiert, vor allem über Sabine. Irmgard ist nämlich da und hat bestimmt erzählt, dass Sabine eine Schlampe ist. Auch mit Rebekka sprechen alle nur sehr vorsichtig. Die Zerstörung ihres guten Rufes hat sich wohl schon herumgesprochen. Rebekka lacht sich innerlich kaputt, na gut, sie ist ein bisschen ausgeflippt, na gut, sie geht manchmal mit Männern ins Bett, ohne sie vorher zur Heirat zu zwingen... Also was wollen die Tanten von ihr?
Sabine wird das alles zu blöd, und sie geht nach Hause oder in die nächste Kneipe. Rebekka unterhält sich ein bisschen mit Irmgard, sehr gequält allerdings.
Irmgard trägt ihre Haare mittlerweile kurz.
„Steht dir ganz gut“, meint Rebekka höflich. In Wirklichkeit findet sie, dass die langen Haare das Beste an Irmgard waren.
„Komm, ich zeig’ dir mal meine Wohnung“, fordert sie Irmgard auf. Widerwillig erhebt Irmgard sich und kommt mit.
Rebekkas Wohnung ist nicht viel kleiner als Irmgards und Daniels Wohnung, aber weil viel weniger Möbel drinstehen als bei denen, wirkt sie natürlich größer.
Irmgard sagt fast gar nichts mehr. Im Geiste, während ihre flinken Augen herumwandern, richtet sie die Wohnung mit ihren Sachen ein, Rebekka hat allerdings nur eine winzige Küche, aber sie zieht diese Küche und ihr großes Wohnzimmer, das durch ein Mäuerchen genial in Essecke und Wohnbereich unterteilt wird, jederzeit einer Wohnküche vor.
Die gute Irmgard wird immer stiller. Ab und zu betrachtet sie sich verliebt im Flurspiegel und streicht sich bewundernd über das kurz geschnittene Haar.
Sieht ziemlich blöd aus, diese Frisur...
Sie haben sich nicht viel zu sagen, und als die Pausen in ihrer Unterhaltung immer länger werden, gehen sie wieder zurück auf die Party. Eine qualvolle halbe Stunde später, als die meisten Gäste schon weg sind, erscheint Daniel, um seine Irmgard abzuholen. Er wagt es offenkundig nicht, Rebekka nett zu begrüßen, denn sie ist jetzt schließlich eine unmoralische Unperson.
Und er lädt Irmgards Fahrrad auf sein Auto, weil es Irmgard ja nicht zuzumuten ist, dass sie die fünfhundert Meter mit dem Rad nach Hause fährt...
Als sie weg sind, fängt die Gastgeberin Dagmar an, über Irmgards Geiz zu reden, plaudert Sachen aus ihrem gemeinsamen Urlaub aus, regt sich über Daniels Gutmütigkeit und Fürsorge auf, und der Abend ist gerettet.
 
FÜRSORGE! An dieser Stelle der Erinnerungen schüttelt Rebekka sich – und sie schüttelt auch Daniels Arm ab mit den Worten: „Ich kann schon alleine gehen. Ich kann auch alleine Fahrrad fahren!“
Daniel starrt sie verständnislos an, bis auf einmal ein Licht des Erinnerns in seinen Augen aufglimmt. Aber er erinnert sich nicht an diesen Abend, er erinnert sich an einen späteren Morgen. Auch er hat seine Erinnerungen, und die sind auch nicht besonders nett...
„Was ist mit Pronny?“ fragt Rebekka.
„Der neue Stallknecht hat ihn in seine Box gebracht“, sagt Daniel halb in Gedanken versunken, denn er muss immer noch an diesen Morgen denken. Es war der Morgen nach der Nacht mit Rebekka.
„Ein neuer Stallknecht? Den kenne ich ja gar nicht.“
„Stimmt, ich habe ihn auch zum erstenmal gesehen.“
„Und Morgaine? Wo ist Morgaine?“
„Sie ist bei Claudia. Sie wollten zu den Fohlen gehen.“
„Das ist gut, ich will nicht, dass sie mich so sieht.“
 
Der Arzt, es ist ein älterer Mann, der in Brunswick praktiziert, stellt bei Rebekka eine Schulterprellung fest. Er gibt ihr ein Mittel gegen die Schmerzen und legt ihr eine Kältekompresse an. Sie soll sich so wenig wie möglich bewegen, und dann würde es nach ein paar Tagen besser sein.
In der Zwischenzeit ist es draußen fast dunkel geworden. Das ist unnormal für die Jahreszeit, aber es liegt an dem dicken Gewölk, das den Himmel mittlerweile fast vollkommen bedeckt.
Rebekka hat sich auf ihr Bett gelegt, und Daniel sitzt neben ihr. Er hat eine Lampe angemacht, weil es finster im Zimmer ist. Er nimmt ihre Hand und berührt sie mit den Lippen.
„Wo ist Morgaine eigentlich?“ fragt Rebekka ihn. Sie ist froh, dass es trotz Lampe nicht sehr hell im Zimmer ist, denn sie fühlt ihr Gesicht heiß werden vor Verlegenheit.
„Ich weiß es nicht, aber sie ist bestimmt noch bei Claudia.“
„Aber ich will sie sehen“, sagt sie kläglich. „Wo ist sie?“
Erst will sie nicht, dass Morgaine sie sieht und dann doch? Aber jetzt fällt es auch Daniel auf, dass er von Morgaine seit Stunden nichts mehr gehört und gesehen hat. Er lässt Rebekkas Hand los, murmelt etwas vor sich hin und geht aus dem Zimmer. Rebekka schaut ihm verstört hinterher.
Er sucht nach Morgaine, aber sie ist nicht bei Claudia, sie ist auch nicht bei Archie, und sie ist auch nicht in der Küche bei Tante Bernadette. Er geht in den Gemeinschaftsraum, findet dort Sammy und Biggi und fragt sie nach Morgaine. Erfolglos natürlich.
Er geht hastig zur Dorfkneipe und fragt die Wirtin Marianne, ob sie Morgaine gesehen hat oder einen ihrer Freunde. Aber die Maid hat niemanden gesehen und schüttelt besorgt den vogelartigen Kopf mit der runden Brille.
Morgaine ist verschwunden. Und er hasst sich dafür. Warum ist es ihm nicht früher aufgefallen? Warum hat er sich nicht früher darum gekümmert? Aber was soll ihr passiert sein? Morgaine hat keine Feinde hier, und außerdem hält sie sich von Leuten zurück, die ihr nicht gefallen, sie hat bestimmt das Gefühl oder das Wissen dafür, wenn jemand ihr Übles will.
Oder nicht? Was ist, wenn einfach so ein Arschloch daherkommt, so ein Kinderschänder und sie irgendwohin lockt. Aber das würde sie spüren. Aber wenn es mit Gewalt wäre? Daniel spürt allmählich, wie eine Art Lähmung an ihm hochsteigt, die sich langsam aber sicher in Entsetzen verwandelt. Er denkt an die vielen Fälle, in denen Kinder einfach verschwunden sind und hinterher... Nein, nein, nein, es kann nicht sei, es darf nicht sein! Nicht Morgaine, dieses süße ungewöhnliche Kind! Aber wo zum Teufel steckt sie? Claudia hat sie zuletzt im Stall gesehen, als sie Kalybos besuchen wollte, das war, nachdem sie gemeinsam bei den Fohlen waren. Auf einmal war sie weg, und Claudia hat gedacht, sie wäre ins Haus gelaufen, um ihre Mutter zu sehen. Archie weiß gar nichts, er ist erst vor einer Stunde aus der Brauerei zurückgekommen. Und bei Tante Bernadette war sie am Vormittag, danach nicht mehr.
Er steht eine Weile vor Rebekkas Wohnung, bevor er hineingeht. Er hat nämlich Angst, es ihr zu sagen.
Seltsamerweise findet er Archie an ihrem Bett vor. Archie hält ihre Hand und streichelt ihr Gesicht, während sie ihn mit weit aufgerissenen Augen anschaut.
Daniel ist einerseits froh, dass Archie es ihr schon gesagt hat, andererseits ist er ein wenig ärgerlich, dass Archie sich solche Vertraulichkeiten herausnimmt. Denn auch, wenn Archie selber ein Vater ist, so ist er doch verheiratet und sollte seine Finger von anderen Frauen lassen, auch wenn seine eigene Frau nicht da ist.
Aber er vergisst schnell seine Eifersucht – es ist wohl Eifersucht – und macht sich wieder auf die Suche nach Morgaine. Er fragt Claudia, wo Morgaine stecken könnte. Ob es geheime Orte gibt, an denen die Kinder spielen. Irgendwelche Gänge, in die sie kriechen können, Schuppen, die verlassen sind, Gartenlauben und so weiter. Claudia fällt einiges dazu ein, und Daniel macht sich auf die Suche.
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KAPITEL VI - Teil 2 NACHT
 
Mittlerweile ist Rebekka aufgestanden, sie hat sich einen Pullover übergestreift, ist nach unten gegangen und starrt durch die geöffnete Terrassentür nach draußen. Sie kann es immer noch nicht begreifen.
„Morgaine, wo bist du?“ ruft sie in die Dunkelheit. Und als keine Antwort kommt, geht sie nervös nach vorne zur Eingangstür und blickt auch dort nach draußen. Sie sieht bleich aus unter der normalerweise leicht braun getönten Haut. Und sie ist sehr ruhig. Sie sagt nichts, sondern lauscht nur irgendwohin, aber sie hört nichts, alles ist stumm, Morgaine ist nicht da, und sie meldet sich nicht. Sie geht in den Stall, macht das Licht an und späht in die Gänge hinein. Niemand ist da, zumindest kein Mensch. Die Pferde rascheln leise in ihren Boxen. Kalybos, der weiße Ziegenbock schläft neben seinem Pferdefreund, dem wild gescheckten Mustang Zagato, der immer noch nicht auf der Sommerweide ist. Zagato selber steht wie ein Standbild unbeweglich in seiner Box und träumt vor sich hin. Vielleicht träumt er von der Prärie. Auch die Schweine schlafen friedlich, und sie schnarchen tatsächlich. Aber wo ist Morgaine? Rebekkas Augen schmerzen, sie wollen weinen, aber sie können es nicht. Rebekka lässt sie nicht weinen. Es gibt keinen Grund zum Weinen. Morgaine wird gefunden werden.
Sie geht aus dem Stall heraus und läuft in die Finsternis hinein, die sich auf dem Fußweg neben dem Gut niedergelassen hat. Wie anders ist es jetzt als am ersten Tag, als Morgaine fröhlich mit Kuhscheiße spielen wollte. Jetzt ist es finster, und in den Büschen knistert und raschelt es. In den Bäumen rauscht es unheimlich, und Rebekka beschleicht ein Gefühl der Angst vor der Natur. Ist das normal? Könnte die Natur einem feindlich gesinnt sein? Oder sind das nur die Menschen, vor denen man Angst haben muss?
„Morgaine, wo bist du“, ruft sie, und als keine Antwort kommt, geht sie weiter, bis sie schließlich an die Brücke kommt, unter der der Mühlbach rauscht. Sie beugt sich über die steinerne Brüstung und versucht im Dunkeln, den Mittleren Teich zu durchschauen, der undurchdringlich schwarz vor ihr liegt. Teiche sind entsetzlich, wer weiß, was alles auf ihrem vermoderten Grund liegt.
Wieder wollen Rebekkas Augen anfangen zu weinen, und wieder sagt Rebekka nein. Denn Morgaine wird gefunden werden.
Über die Dorfstraße läuft sie ganz langsam in Richtung Herrenhaus zurück. Wenn sie Licht in einem der Häuser sieht, schellt sie dort an und fragt die verwunderten Leute, ob sie Morgaine gesehen hätten. Aber alle schütteln den Kopf. Niemand hat das kleine Mädchen gesehen, obwohl sie alle Morgaine kennen. Morgaine ist überall gewesen, in jedem kleinen Schweinestall war sie, in jedem Ziegenstall auch, sogar für die Hühner hat sie sich interessiert. Aber keiner hat sie gesehen...
Rebekka erreicht die Strulle, zur linken ist noch ein Haus, wo sie nachfragen könnte, aber auch dort weiß man nichts, verspricht aber, im Schuppen nachzuschauen. Sie schaut auf den Hof des Gutes. Gerade ist der Mond zwischen den Wolken erschienen, und Rebekka nimmt das als gutes Zeichen. Denn Morgaine wird gefunden werden.
Sie geht entschlossen ins Herrenhaus, wo sich mittlerweile alle versammelt haben, Archie, Claudia, Tante Bernadette, und sogar Sammy und Biggi sind da, und ausnahmsweise streiten sie sich nicht. Daniel ist nicht da, wo steckt er? Rebekka tritt an die Terrassentür und blickt dort in die mittlerweile undurchschaubare Finsternis. Der Mond ist nicht mehr zu sehen, die Wolken haben das Regiment wieder übernommen.
Sie hat noch eine Idee, sie ist zwar abenteuerlich, aber es könnte sein, man greift ja nach jedem Strohhalm...
„Habt ihr im Mausoleum schon nachgeschaut?“
„Nein“, sagt Archie. „Da kann man normalerweise gar nicht rein, aber wir werden trotzdem nachsehen.“
Sie gehen in den dunklen Garten hinaus. Der Garten hat sich in ein Schreckgespenst aus nächtlichen Schatten verwandelt, ab und zu erscheint der Mond schemenhaft am Himmel, und dann taucht wie eine unheimliche schwarzgezackte Silhouette das Mausoleum auf.
Auch Andromeda taucht auf einmal neben Rebekka auf. Sie ist den ganzen Tag unterwegs gewesen, sie versucht, sich zu amüsieren, weil Max immer noch nicht da ist. Eben hat sie es von Maid Maryann erfahren, das mit Morgaine.
„Es ist nicht unheimlich“, sagt sie zu Rebekka. „Als Kinder haben wir immer durch die vergitterten Fenster hineingeschaut, da standen Steinsärge, aber eigentlich ist es nicht unheimlich...“
„Hör’ mir ja auf mit dem Quatsch von den tröstlichen Ahnen“, sagt Rebekka mit zitternden Mundwinkeln.
„Die sind schon okay, die Ahnen“, sagt Andromeda und legt ihren Arm um Rebekkas Schultern. Rebekka zuckt ein wenig zusammen, die Schulter schmerzt, aber das ist egal. „Du glaubst auch daran?“
„Ja“, sagt Andromeda schlicht.
Mittlerweile hat Archie einen Schlüssel in das Türschloss gesteckt, und die Tür öffnet sich rostig knarrend. Archie hat eine Taschenlampe mitgenommen und leuchtet in die Gruft hinein. Anscheinend funktioniert das elektrische Licht nicht mehr. Aber dort sind nur steinerne Sarkophage, viele große und auch ein paar sehr kleine. Seltsamerweise sehen sie in der Finsternis, die nur spärlich mit der Taschenlampe erleuchtet wird, nicht unheimlich aus. Und Morgaine ist nicht dort.
 
Es ist die schrecklichste Nacht, die Rebekka in ihrem Leben erlebt hat. Sie versucht, sich nicht das Schlimme vorzustellen, zu dem Menschen fähig sind. Sie versucht, nicht zu denken, aber trotzdem muss sie an sie denken, an all die schrecklichen Dinge, zu denen Menschen fähig sind. Und eigentlich will sie weinen, aber das Weinen würde die Hoffnung töten, und sie hat noch Hoffnung, also wird sie nicht weinen.
Stunden später, es ist vielleicht fünf Uhr, wird Rebekka auf einem Sofa im Aufenthaltsraum wach. Jemand hat eine Decke über sie gebreitet. Sie weiß im ersten Augenblick nicht, wo sie ist und weshalb sie hier im Aufenthaltsraum liegt. Aber dann erinnert sie sich wieder.
Nein, nicht das, es kann nicht wahr sein, es ist ein Alptraum und nicht wahr. Sie richtet sich auf und hält die Hände vors Gesicht, um nichts sehen zu müssen. Und am liebsten möchte sie tot sein. Nein nein, nicht wirklich, denn wenn sie nicht mehr da wäre und Morgaine wäre doch noch... Aber was ist, wenn sie noch lebt, was könnte jemand mit ihr tun, sie kann es nicht ertragen, darüber nachzudenken. Rebekka stöhnt auf und hält sich die Hände vor den Mund, um nicht zu schreien. Nein, nein, Morgaine wird gefunden werden, das denkt sie mechanisch immer wieder, obwohl ihre Seele mittlerweile von Zweifeln durchsetzt ist. Sie lässt die Hände sinken und schaut auf. Eigentlich erwartet sie Daniel an ihrer Seite, aber er ist nicht da, und sie fühlt sich enttäuscht, aber nicht lange. Claudia sitzt neben ihr, und ihr Gesicht drückt ihre Gefühle aus. Es ist eine Mischung aus Hoffnung und aus Trost.
„Rebekka, sie lebt noch, ich weiß es!“
„Woher denn, und wieso?“
„Ich weiß es eben. Ich habe damals gewusst, dass mein Kind nicht tot ist. Und jetzt weiß ich, dass Morgaine noch lebt.“
„Aber wieso?“ fragt Rebekka gequält. Die Sonne geht anscheinend gerade auf, sie ist noch nicht zu sehen, aber der Himmel hat sich in ein tiefes Rot verfärbt. Wie Blut sieht es aus. Und wieso geht die Sonne auf, sie hat keine Berechtigung zu scheinen. Geh weg Sonne! Und Claudia spinnt, sie hat ihr Kind verloren, und jetzt redet sie so...
„Ich weiß es!“ Claudia beugt sich über sie und nimmt sie in ihre Arme. Rebekka fühlt sich seltsam. Es ist, als hätte sie eine Mutter, eine wirkliche Mutter, die sie liebt und nicht eine, die sie immer bei jeder Gelegenheit niedermacht und quält.
„Claudia, meinst du das wirklich?“ sagt sie mühsam, und wieder steigen Tränen in ihr hoch, sie erreichen ihre schmerzenden Augen, und wieder unterdrückt sie die Tränen.
„Ja, ich weiß es!“ Claudia wiegt sie ganz sanft, und Rebekka überlässt sich ihrer Zärtlichkeit.
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KAPITEL VI - Teil 3 TOTE und TRÄUME
 
Daniel hat alles Mögliche abgesucht, alle Ställe, die in Frage kommen, alle Schuppen, in denen die Dorfkinder spielen, aber er hat nichts gefunden. Er will nicht zurück zu den anderen gehen, sein Entsetzen ist groß, und er hat Angst, er könnte es auf Rebekka übertragen. Sie ist bestimmt schon geschockt genug.
Also besinnt er sich und denkt nach. Wenn niemand eine Spur von Morgaine gefunden hat, dann ist sie gut versteckt. Oder sie ist mittlerweile weit weg von hier. Das ist schlimm, aber... Er denkt an seine Fähigkeiten. Nein, er hat mittlerweile erkannt, dass es nicht seine Fähigkeiten sind. Morgaine lässt ihn nur daran teilhaben, vielleicht bewusst, vielleicht auch unbewusst, aber es ist eine Möglichkeit. Er kann natürlich nicht in ihren Kopf hineinschauen, außer sie sendet ihm irgendetwas. Aber wie funktioniert es? In der Kneipe hat er direkte Bilder von ihr empfangen, aber das kann Zufall gewesen sein. Warum kommt jetzt nichts bei ihm an? Sollte er dazu schlafen? Dazu hat er eigentlich nicht die Ruhe, aber er muss es versuchen, auch wenn es vielleicht vergeudete Zeit ist, die er lieber nutzen sollte, um sie zu suchen... Oder ist sie etwa... Nein, nein, nein, das ist sie nicht! Niemals!
Also schlafen, vielleicht auch träumen... Aus Hamlet. Wieso hat man immer so beknackte Gedanken! Daniel stöhnt auf, er muss sich irgendwie dazu zwingen, einzuschlafen. Er schleicht sich an den anderen im Aufenthaltsraum vorbei, er sieht Rebekka an der Terrassentür stehen und sie blickt hinaus. Alles in ihm drängt zu ihr, aber er widersteht diesem Drängen und geht von den anderen unbeachtet die Treppe hoch. Er kann ihr jetzt nicht helfen, er muss träumen...
Es ist mittlerweile drei Uhr.
 
Morgaine wird wach und weiß nicht, wo sie ist.
Sie hat geträumt, und die Träume haben ihr nicht gefallen, da war ein weißer Raum wie beim Kinderarzt, aber viel größer, und er hat ihr Angst gemacht. Und dann träumte sie von Leuten, die sie aus Mammis Kopf kannte, und bei denen gefiel es ihr auch nicht. Aber jetzt ist sie wach, es ist ein seltsamer Ort ohne Licht, und sie ist noch nie vorher hier gewesen. Normale kleine Mädchen hätten vielleicht Angst vor ihm, aber Morgaine ist kein normales kleines Mädchen.
Morgaine überlegt, wie sie hierhin gekommen ist. Gerade noch ist sie mit Tante Claudi im Stall gewesen. Aber eigentlich will sie ja zu Mammi. Mammi ist von Pferd gefallen, und es geht ihr schlecht. Wie auf Stichwort taucht Mammis Gesicht vor ihr auf, es sieht zerquält aus, Mammis Augen sind fast nass, aber nicht richtig, sie öffnet den Mund und ruft etwas. Morgaine strengt sich an, um es zu hören, und tatsächlich hört sie es nach einer Weile: Morgaine, wo bist du?
Bis jetzt hat sie noch nie über ihre Fähigkeiten nachgedacht, bis jetzt war alles nur Spaß, manchmal geht es ganz leicht, vor allem mit Daniel, den sie sehr liebt, und manchmal träumt sie auch nur seltsame Sachen.
Aber jetzt tut sie es zum ersten Mal gezielt, und sie hört wieder: Morgaine, wo bist du?
Ich bin doch hier, Mammi, sagt sie erstaunt, und dann fällt ihr ein, dass Mammi gar nicht wissen kann, dass sie hier ist. Denn sie weiß ja selber nicht, wo sie ist. Sie versucht, sich zu erinnern, was ist passiert? Sie ist mit Tante Claudi bei den Fohlen gewesen, und sie will zu Kalybos gehen. Tante Claudi kommt nicht mit, sie ist zu langsam. Und dann ist da auf einmal dieser neue Mann, er ist erst seit gestern hier, er arbeitet im Stall, und er sagt zu ihr: Kalybos ist gerade nicht hier, er ist hinter der Kirche. Und ein kleines Kätzchen ist auch da. Soll ich mit dir hingehen? Eigentlich will Morgaine nicht mit ihm gehen, denn er ist so wie diese Zirza, so schwarz im Kopf, und das ist nicht gut. Aber da soll ein Kätzchen sein, und sie liebt Kätzchen über alles, vielleicht ist das Kätzchen in Gefahr... Sie will alleine dorthin gehen, aber er nimmt sie einfach bei der Hand, sie gehen schnell an der Kirche vorbei – und bevor sie schreien kann, hat er ihr etwas ins Gesicht gedrückt. Ihr wird schwindelig, und dann ist da nichts mehr, bis sie hier im Dunklen aufwacht. Es ist wirklich dunkel hier und sehr kalt.
Aber sie ist nicht allein.
Mehrere Stimmen sind zu hören, manche kann sie verstehen, und manche sind so leise, dass sie nur ein Murmeln hört:
Es war lange keiner hier...
Und wozu auch, man hat uns vergessen...
Wir sind tot, und das ist ganz normal...
Aber ein bisschen könnten sie uns doch...
Bist du das Morgaine, sagt eine Frauenstimme.
Ja, ich heiße Morgaine, sagt sie erstaunt. Sie versucht sich umzublicken in dieser Finsternis, und nach einer Weile sieht sie tatsächlich etwas. Sie glaubt aber, dass sie durch ihren Kopf sieht und nicht durch ihre Augen. Aber das ist egal, sie sieht große steinerne Kisten, und aus denen kommen unzweifelhaft das Gemurmel und die Stimmen.
Aber sie hat keine Angst, denn sie ist nicht alleine.
Die Frauenstimme sagt: Du solltest nicht hier sein Morgaine.
Ich weiß ich weiß, ich möchte lieber bei Mammi sein, sagt Morgaine, und bei Daniel und bei Tante Claudi.
Dann versuche, sie zu erreichen, sagt die Frauenstimme.
Aber wie, fragt Morgaine und woher weißt du, dass ich Morgaine heiße?
Weil ich selber so ähnlich heiße, sagt die Stimme, nämlich Morgan.
Wirklich, fragt Morgaine.
Ich muss es ja wissen, sagt die Stimme, ich kam einst von weit her aus dem Land Britannien, ich heirate einen von Kampe, und ich weiß, dass du mir sehr ähnlich bist und dass wir verwandt sind.
Morgaine überlegt angestrengt, bis ihr einfällt, was Mammi gesagt hat. Dann muss Archie so was wie dein Ur-Ur-Ur-Enkel sein?
Kann schon sein, lacht die Frauenstimme.
Wieso hat Mammi mir nichts davon erzählt? Und da sind auch andere, aber sie will nicht, dass ich sie kennen lerne.
Zu deiner ersten Frage, deine Mutter weiß es nicht. Und zu deiner zweiten Frage, deine Mutter wird wohl ihre Gründe haben.
Über diese Antworten ist Morgaine sehr erstaunt.
Eine Weile sagt keiner von ihnen etwas, und Morgaine hört nur das Gemurmel von den anderen. Sie erzählen die Geschichte dieses Ortes. Er wird Krypta genannt.
Dann ertönt eine leise Kinderstimme, sie kommt von oben, nicht von hier, und sie sagt: Ich kenne euch nicht, ihr seid nicht meine...
Ach halt die Klappe, sagt eine andere leise Kinderstimme, geh’ doch weg, wenn du dich hier nicht wohl fühlst.
Ich kann doch nicht, sagt die erste Stimme.
Morgaine weiß nicht, ob sie wirklich diese Unterhaltung hört, es geht nicht um Worte, sondern um Eindrücke und Bilder. Sie sieht, wie ein Kind aus der Mutter kommt, es ist tot. Es wird in eine Tasche gepackt, ins Herrenhaus geschleppt und später in eine steinerne Kiste gelegt und hier eingesperrt. Es ist unglücklich, weil es nicht hierhin gehört.
Sie sind vertauscht worden, sagt die Morganfrauenstimme.
Man kann doch nur Karten vertauschen, sagt Morgaine, die den Hang zum Kartenspiel wohl von ihrem Vater geerbt hat, denn ihre Mutter interessiert sich überhaupt nicht dafür.
Doch das kann man, sagt die Frauenstimme. Es sind böse Menschen, die so etwas tun. Aber das arme Kind da oben kann nichts dafür.
Es ist traurig, sagt Morgaine.
Ja es ist traurig, sagt die Frauenstimme aber du musst jetzt versuchen, jemanden zu erreichen. Es wird Zeit. Er wird zurückkommen und dich holen wollen.
Ich habe aber kein Telefon hier, sagt Morgaine.
Was ist ein Telefon?
Das ist so ein Ding, mit dem man andere Leute anrufen kann.
Ach so... Brauchen die heutzutage so ein Ding? Die Frauenstimme scheint sich zu amüsieren, bevor sie weiterspricht: Aber du brauchst das nicht. Ich weiß es.
Aber was soll ich tun? Wo bin ich? Ich weiß doch gar nicht, wo ich bin. Und ich war noch nie hier.
Ich werde es dir erklären...
 
Daniel lässt sich auf sein Bett fallen und versucht einzuschlafen. Gar nicht so einfach ist das. Vielleicht sollte er etwas Alkoholisches trinken? Aber es darf nicht zuviel sein, sonst wird er zu fest schlafen und nicht träumen. Also besser nicht. Oder doch? Er geht an den Kühlschrank, nimmt sich dort die angebrochene Flasche Weißwein heraus, und trinkt mehrere Schlucke direkt aus der Flasche. Er legt sich wieder auf das Bett. Er wälzt sich hin und her, und durch die nicht zugezogenen Vorhänge fällt ab und zu das Licht des Vollmonds hinein, wenn er gerade nicht von Wolken verdeckt wird.
 
Er sieht in einen weiß getünchten sterilen Raum, viele Regale stehen an den Wänden, seltsame Instrumente und elektrische Geräte befinden sich darin. In der Mitte des Raumes steht drohend ein metallisch blanker Operationstisch, und ein grob aussehender Mann in einem Laborkittel fährt gerade eine Bahre in den Raum hinein. Ein weißes Laken verdeckt die kleine Gestalt, die darauf liegt. Wir werden es schon herauskriegen, sagt eine Stimme, und die gehört zu einem Kerl in einem grünen Arztmantel und mit einem Mundschutz, den er noch nicht aufgesetzt hat. Ein Chirurg etwa?
 
Daniel wacht auf. Nein, nein, das will er nicht sehen! Und bestimmt ist es nur eine Vision aus einer möglichen Zukunft, die nicht unbedingt sein muss. Er versucht, sein wild schlagendes Herz unter Kontrolle zu bekommen und sich wieder zu entspannen...
 
Diesmal sieht er in ein Wohnzimmer. Es ist mit grellbunten groß gemusterten Tapeten und billigen geschmacklosen Möbeln eingerichtet. Ein Kind spielt auf dem abgewetzten Teppichboden, und ein älterer Mann betrachtet das spielende Kind mit leicht wollüstigen Blicken. Eine ältere Frau sitzt neben ihm auf dem abgewetzten Kunstledersofa und betrachtet auch das spielende Kind. Aber ihr Blick ist hasserfüllt. Schau mal Opa, ich habe das Teil gefunden, ruft das Kind aus und blickt den älteren Mann an. Und Daniel sieht, dass es Morgaine ist, vielleicht ist sie vier Jahre älter als jetzt. Morgaine ist bei ihren Großeltern? Seltsam. Die kalten Augen der Frau gefallen ihm gar nicht, wahrscheinlich ist es Rebekkas Mutter, obwohl sie Rebekka gar nicht ähnlich sieht. Und dieser Blick, mit dem der Opa sein Enkelkind betrachtet, der gefällt ihm auch nicht. Er ist schmierig, verschlagen und gierig.
Was zum Teufel ist los mit dieser Familie? Er muss Rebekka danach fragen. Außerdem reift gerade ein Plan in ihm heran. Er muss Morgaine unbedingt schützen, sei es vor diesen widerlichen Großeltern oder sei es vor ganz anderen Gefahren...
 
Er wacht wieder auf und fühlt sich elend. Wenn das die Zukunft ist, dann wird sie entsetzlich sein, so oder so. Er denkt an die Idee, die in dem Traum geboren wurde, er überlegt sie schnell bis in die letzten Konsequenzen, aber das dauert nicht lange. Er wird es tun, und hoffentlich ist es noch nicht zu spät dafür. Er schließt die Augen und versucht wieder, sich zu entspannen. Aber es geht nicht...
 
Dieses Mal ist er hellwach, und er blickt in eine absolute Finsternis. Und obwohl er seine Augen anstrengt, kann er nichts erkennen. Aber er hört ein Wispern und ein Murmeln. Es sind Stimmen. Wieder strengt er seine Augen an, um die Finsternis zu durchschauen, denn es muss doch einen Funken Licht dort geben, aber seine Bemühungen sind vergebens, der Raum oder was immer das ist bleibt dunkel, und das macht ihm Angst. Was ist, wenn das die Gegenwart wäre!
Ich bin hier Daniel, hört er.
Es ist Morgaine, es ist tatsächlich Morgaine!
Wo denn Fee, sag’s mir, fragt er ungeduldig.
Die tote Morgan sagt, es ist unter der Kirche...
Verdammt, die tote Morgan, wer ist das? Kannst du ihr vertrauen?
Ja, sagt Morgaine, sie kennt mich und hat auf mich gewartet, und sie hat auch dafür gesorgt, dass Max und du...
Okay, okay, wo bist du also?
Morgaine weiß mittlerweile, wo sie ist, die tote Morgan hat es ihr erklärt. Sie schickt Daniel ein Bild von einer mit Efeu bedeckten Mauer, ganz in der Nähe der Kirche. Und da ist eine Tür, eine schwere Eisentür, zu schwer, um von einem kleinen Mädchen aufgemacht zu werden. Aber Daniel kann sie bestimmt aufmachen, und während er sich eilig auf den Weg macht, erzählt Morgaine ihm die Geschichte dieses Ortes.
 
Als die hugenottische Familie 'Du Campes' in dem Dorf eintraf, das der Herzog von Brunswick ihr überlassen hatte, fand sie einen zerstörten Ort vor.
Der Dreißigjährige Krieg hatte fast unheilbare Wunden in das einst blühende Dorf geschlagen. Kaum ein Gehöft stand noch, und die wenigen Überlebenden waren fast alle fortgezogen. Einzig und allein in der Kirche des Ortes lebten noch Menschen, und zwar in der unterirdischen Krypta. Die Tür, die nach unten führte, war zugemauert worden, und es war der sicherste Zufluchtsort des Dorfes, erreichbar nur von außerhalb der Kirche durch eine geheime Tür in der Mauer, die man einst gebaut hatte, um die wasserbringende Strulle ins Dorf zu leiten.
Die Du Campes richteten sich tatkräftig ein. Sie bestellten die verlassenen Felder wieder und bauten sich einen eindrucksvollen Landsitz. Dadurch stellten sich Arbeitskräfte ein, die sich im Dorf niederließen. Handwerker kamen, der Schmied, der Bäcker, der Müller, der Zimmermann, der Büttner. Und diese bauten sich auf eigenem Land stattliche Häuser.
Die von Kampes, wie sie sich nun nannten, ließen ihre Ahnen traditionell in der Krypta der Kirche bestatten, in der sie einst die letzten Überlebenden des Dorfes vorgefunden hatten. Aber diese Bestattungen erwiesen sich doch als recht umständlich, und hundertfünfzig Jahre später ließen sie sich ein eigenes Mausoleum bauen.
Kurz danach brachen die preußisch-deutschen Kriege aus, dann der Deutsch-Französische Krieg – und dann kamen der 1. und der 2. Weltkrieg, Männer jeglichen Alters wurden getötet oder wurden vermisst. So gesehen war es kein Wunder, dass die versteckte Tür zur Krypta allmählich in Vergessenheit geriet, man brauchte die Krypta nicht mehr, die Pastoren wurden mittlerweile auf dem Friedhof bestattet, und die von Kampes hatten ihr eigenes Mausoleum.
 
„Mammi!“
Rebekka, die immer noch ihren Kopf in Claudias Armen vergraben hat, richtet sich ungläubig auf.
„Mammi, ich bin doch hier...“
Halluzinationen eindeutig! Sie fängt allmählich an, überzuschnappen, bildet sich vielleicht ein, dass Morgaine... Aber dann hört sie es noch einmal: „Mammi, ich bin doch hier...“
Sie dreht den Kopf nach rechts zur Eingangstür – und sieht Morgaine dort stehen. Es ist Morgaine, ihr kleines Mädchen, ihr ein und alles, und sie spürt, wie ihre Augen nass werden. Durch die Tränen, die unwiderstehlich aus ihnen herausquellen, sieht sie außer Morgaine auch Daniel, der Morgaine an der Hand hält. Hat Daniel sie gefunden? Wenn ja, dann liebt sie ihn dafür, und er wird für immer in ihrer Schuld stehen.
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KAPITEL VI - Teil 4 TÄUSCHUNGEN
 
Es gibt immer Neugierige, die alles ausspionieren. Sirza ist so eine Neugierige. Auch ihre Familie ist sehr alt, aber leider nicht so reich und berühmt wie die von Kampes, und deswegen interessiert sie sich heftig für alles Mögliche, sei es für die fast vergrabenen Geheimnisse des Dorfes – oder sei es für die Geheimnisse ihrer Mutter...
 
Im Jahre 1970
Es geschah, als Zirzas Mutter Helena, die gleichzeitig Hebamme und Oberabtreiberin des Dorfes war, Besuch von einer hochschwangeren entfernten Cousine und deren Mann hatte.
Diese Verwandten wohnten vierhundert Kilometer weit in einer Kleinstadt mit ländlichem Umfeld. Die hochschwangere Cousine hatte in Helenas Haus eine Frühgeburt. Es war nicht mehr möglich, den Arzt aus Brunswick zu holen, und Helena in ihrer Eigenschaft als Hebamme übernahm. Aber das Kind wurde tot geboren. Die Kusine weinte und machte ihr heftige Vorwürfe, in die auch ihr nichtsnutziger Mann einstimmte. Und um das Geflenne nicht mehr anhören zu müssen, kam Helena auf eine geniale Idee. Im Herrenhaus war die hochnäsige Schwester von Archibald zu Besuch, die selber hochschwanger war. Und sie konnte es ja mal versuchen. Bei Gott, sie hasste dieses hochherrschaftliche Pack – und sie wusste, dass alle vom Gut beim Schützenfest waren, außer Claudia Mansell, die sich nicht gut fühlte. Auch ihr ausländischer Mann war mit zum Schützenfest gegangen, welches dieses Jahr sehr spät stattfand, nämlich Ende Oktober.
Helena trank schnell zwei Gläser billigen Branntweins, denn es würde sie lockerer machen und beflügeln. Sie packte das tote Kind in ihr Hebammenköfferchen, kramte im Apothekenschrank herum – sie als Hebamme war natürlich gut informiert über diverse brauchbare Mittel – sie mischte etwas in einer Flasche zusammen, packte noch ein Narkosemittel namens Halothan dazu – und machte sich schließlich mit dem Koffer auf den Weg in Richtung Herrenhaus, das ja nicht weit vom Unteren Dorf entfernt lag, nämlich nur zweihundert Meter.
Kein Mensch im Dorf schloss tagsüber die Haustür ab, und deswegen war es für Helena kein Problem, ins Herrenhaus zu gelangen. Das Köfferchen mit dem toten Kind hatte sie hinter den Tannen an der Eingangstüre versteckt.
Wie erwartet war kein Mensch da, außer dem leicht schwachsinnigen Mädchen, das gerade in der Küche heiße Schokolade zubereitete, die wohl für Claudia Mansell bestimmt war. Grandioser Zufall, schicksalhaft irgendwie, dachte Helena frohlockend. Ohne die Schokolade wäre sie in ziemliche Schwulitäten gekommen, aber es ging ja um nichts, es handelte sich nur um einen Versuch.
Es war kein Problem für Helena, das Mädchen abzulenken und ohne überhaupt gesehen zu werden, eine ordentliche Portion aus ihrem Fläschchen in die Schokolade zu geben. Das Mädchen erschien wieder, nahm das Tablett mit der Schokolade und ging damit leise vor sich hinsingend die Treppe hinauf.
Ein paar Minuten fing Claudia Mansell an zu schreien, während der Spielmannszug gerade fürchterlich herumlärmte mit Querflöten und Pauken und Trompeten.
Niemand hörte Claudia außer dem leicht schwachsinnigen Mädchen,
Und außer Helena. Sie hatte die Schreie gehört, als sie ZUFÄLLIG am Gutshof vorbeigegangen war. Und sie schellte an der Tür an.
Das leicht schwachsinnige Mädchen ließ die dörfliche Hebamme, die glücklicherweise ihren Koffer dabei hatte, gerne herein, denn Claudia Mansell hatte wohl Wehen bekommen...
Die Geburt verlief ohne Komplikationen, aber dennoch war das Kind tot. Klar, Helena hatte es flink vertauscht und trug nun ein anderes , und zwar ein höchst lebendiges Kind in der Tasche. Sie hatte ihm vorsichtshalber eine angemessene Portion Halothan verpasst, denn es sollte nicht schreien. Das Mittel wirkte zwar erst nach ein paar Sekunden, aber das war egal...
Doch Claudia, die trotz des wehenerzeugenden Mittels und trotz des Schlafmittels darin immer noch ein wenig wach war, hatte ihr Kind gesehen. Und sie hatte es auch gehört. Es war nicht tot, nicht tot, nicht tot, nicht tot, nicht tot... Es war wie ein Alptraum, nicht tot, nicht tot, nicht tot, nicht tot... Noch Jahre später dachte sie an diesen Augenblick, als sie ihr Kind gesehen und gehört hatte. Aber niemand glaubte ihr. Auch der Arzt, der wenige Minuten später kam, herbei telefoniert von dem leicht schwachsinnigen Mädchen, konnte nur noch den Tod des Kindes feststellen. Es kam ihm zwar etwas seltsam vor, aber als er mit Helena gesprochen hatte, stellte er anstandslos den Totenschein aus. Warum tat er das? Ganz einfach, Helena hatte ihn in der Hand, einstmals Putzfrau bei ihm gewesen, hatte sie dann etwas anderes geputzt, nämlich ihn selber, und diesen Gefallen musste er ihr tun. Denn er war schließlich verheiratet, und seine Frau war maßlos misstrauisch und eifersüchtig...
 
Helena fühlte sich stark und mächtig. Dennoch hielt sie es für besser, wenn die Cousine samt Mann und brandneuem Baby das Dorf sofort verlassen würde. Die Geschichte war zu heiß, die Angelegenheit zu verzwackt, und dass zwei Kinder zur gleichen Zeit im selben Ort geboren wurden, das war zu auffällig.
Sie drängte also die Cousine, sofort die Heimreise anzutreten, koste es was es wolle. Nach hundert Kilometern sollten sie in das nächste Krankenhaus gehen und behaupten, das Kind wäre auf der Autobahn geboren worden. Die Rufsäulen wären zu weit weg und das Kind ganz schnell da gewesen Und sie sollten sich am besten nie wieder hier blicken lassen! Helenas Euphorie nach ihrem gelungenen Geniestreich war schon fast verflogen, denn die Cousine fand das kleine Mädchen nicht besonders anziehend. So was Undankbares! „Die mütterlichen Instinkte werden sich schon noch einfinden“, sagte sie giftig zu ihrer Cousine und drängte sie förmlich aus dem Haus.
Man war so schlau, ihre Anweisungen genau zu befolgen. Es gab nur eine kleine Komplikation mit dem Geburtsort der Kleinen, aber nachdem die Cousine reichlich herumgeheult und ihr Mann den Chefarzt des Krankenhauses fast auf Knien liegend gebeten hatte, die Geburtsurkunde hier auszustellen, weil er nicht wollte, dass sein Kind als Geburtsort „Autobahn zwischen dem Ort und diesem Ort“ im Personalausweis stehen hatte, gab die Krankenhausverwaltung nach, denn es kostete sie ja nichts. Die glücklichen Eltern spendierten eine Runde Sekt und fuhren dann gemütlich nach Hause.
Zirzas Mutter Helena, was bekam sie für diesen Deal? Keine Ahnung, sie behielt es für sich. Viel Kontakt hatte sie nicht mehr zu den Verwandten, die lebten ziemlich weit weg, dort wurde das Kind der Claudia Mansell aufgezogen, und keiner wusste, wie es ihm erging...
Einmal jedoch besuchte Helena ihre Cousine entfernten Grades. Sie sah das Kind, es schien ihm körperlich gut zu gehen. Es war nicht eigentlich hübsch, sah aber interessant aus mit den dunklen Haaren und den blauen schräggestellten Augen. Ihre Cousine hackte jedoch dauernd auf ihm herum, als ob sie ihm die leicht adelige Abkunft verübeln würde.
„Du glaubst wohl, du bist was Besseres!“ hörte Helena – und: „Ich prügele es schon aus dir heraus!“ Das Mädchen allerdings lächelte nur und zeigte sich unbeeindruckt. Gut gespielt, dachte Helena, denn sie hatte die gequälten Augen des Kindes gesehen.
Es bereitete Helena nicht viel Vergnügen, bei ihrer Verwandtschaft zu sein, möglicherweise hatte sie den Anflug eines schlechten Gewissens. Sie ließ von weiteren Besuchen ab und erfuhr Jahre später, dass noch ein Kind angekommen war, ein Sohn und dass er der erklärte Liebling seiner Eltern wäre. Sie zuckte mit den Schultern und dachte fast nicht mehr daran.
Allerdings machte sie ab und zu, wenn sie zuviel billigen Branntwein getrunken hatte, dunkle Andeutungen, die von ihrer Tochter Camilla gierig aufschnappt wurden.
Camilla, die sich später Zirza nannte, und zwar in Anlehnung an die Zauberin Circe, hatte damals in einer Ecke des armseligen Häuschens gesessen und alles mitgekriegt, ohne viel davon zu verstehen. Zirza, alias Camilla sammelte Informationen, egal über was und über wen. Und irgendwie bekam sie es heraus aus ihrer besoffenen Mutter, die sich doch tatsächlich Vorwürfe machte. Das war absolut lächerlich! Die alte Kuh wird sentimental, dachte Zirza höhnisch. Zu diesem Zeitpunkt war sie drei Jahre mit Archibald von Kampe verheiratet, sie hatte zwar eine Stieftochter aber kein eigenes Kind, und dann erfuhr sie, dass noch ein Sprössling dieser verdammten Sippe lebte, und zwar bei ihren eigenen Verwandten. Ein Schlag ins Gesicht! Aber es würde mit Sicherheit nie herauskommen, es war wasserdicht und absolut nicht knackbar. Ihre Mutter war mittlerweile tot, gestorben an Leberzirrhose oder aus Scham über ihre undankbare Tochter, die sie nicht einmal zu ihrer Hochzeit eingeladen hatte. Aber trotzdem informierte Zirza sich über die "Verwandte", die weit weg von ihr lebte, denn Information konnte nie schaden...
 
Im Jahre 2000
Zwei Stunden später hörte Rebekka allmählich auf zu weinen. Es war wie ein Sturzbach bei ihr gewesen, sie weinte über Morgaines Verschwinden und über ihre Wiederkehr, sie weinte über ihre Kindheit, über ihre Eltern, über ihre Beziehungen, sie weinte über all das, worüber sie ihr ganzes Leben lang noch nicht geweint hatte.
Und sie war im Moment so dankbar für jede körperliche Nähe. Vorhin war es Claudia gewesen, an die sie sich geschmiegt hatte und für die sie Worte des Dankes gemurmelt hatte. Warum? Weil Claudia an Morgaines Rückkehr geglaubt hatte, als Rebekka selber schon schwach gewesen war. Oder Archie, er war gekommen und hatte sie umarmt, klar doch, er hatte selber ein Kind und wusste wie es war, wenn... Auch Tante Bernadette war da gewesen. Die arme Tante Bernadette, die ihre Tochter und gleichzeitig ihre Enkelin verloren hatte vor fünfzehn Jahren, aber auch sie hatte Rebekka an sich gedrückt, und Rebekka musste wieder weinen...
Und jetzt saß Daniel neben ihr auf dem Sofa, und er streichelte geistesabwesend ihre Hand. Sie ließ es sich gefallen. Rebekka hatte Morgaine ins Bett gebracht, damit sie sich richtig ausschlafen konnte. Sie hatte die Nacht in der Krypta gut überstanden, und auch die eisige Kälte darin hatte ihr nicht geschadet. Wieder kamen Rebekka die Tränen. Daniel hatte Morgaine gefunden und zurückgebracht. Allerdings schien er nicht ganz bei der Sache zu sein, denn er guckte streng an die Wand, als ob er über irgendetwas nachgrübeln musste. Aber das war egal, sie strahlte ihn durch die versiegenden Tränen hindurch an und sagte: „Wie hast du das nur geschafft, Daniel?“
Er sagte nichts, sondern schaute sie nur prüfend an. Und allmählich wurde ihr ein wenig beklommen zumute. Was hatte er?
„Kannst du es jetzt wenigstens zugeben?“ sagte Daniel schließlich und ließ ihre Hand los.
„Was denn? Was soll ich zugeben?“ Rebekka hatte absolut keine Ahnung, was sie zugeben sollte. Und ihre Hand kam ihr auf einmal nutzlos und verlassen vor.
„Dass ich Morgaines Vater bin! Und rede dich nicht wieder mit damit heraus, dass sie keinen Vater braucht!“
„Aber...“ Rebekka wurde still. Er redete richtiges Hochdeutsch und nicht wie sonst mit der lässig abgekürzten Sprache des Ruhrgebiets. Und seine Stimme hatte so eindringlich und kalt geklungen, dass sie wirklich versuchte, in die Vergangenheit hineinzuschauen und sie zu ordnen. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie es tat. Sie überlegte krampfhaft, aber es kam nichts dabei heraus, bis dann auf einmal…
„Ich hab’ doch die Pille genommen“, meinte sie schließlich kläglich, aber in einem Winkel ihres Hinterstübchens war ihr dazu eingefallen: Sie hatte zwar die Pille genommen, aber sie hatte diese Darmgrippe gehabt, wieso hatte sie nicht früher daran gedacht... „Oh Gott!“ sagte sie entgeistert.
„Ich will gar nicht wissen, warum und wieso, es ist eben so.“ Daniels Stimme klang ein wenig zärtlicher als zuvor, was soviel hieß, sie klang wie die Stimme eines Eisbergs.
„Und woher nimmst du diese Gewissheit?“ Rebekka war trotz ihres wiedererlangten Erinnerungsvermögens immer noch skeptisch.
„Herrgott, Mädel! Ich habe eine Verbindung zu Morgaine, nur dadurch habe ich es geschafft, sie da raus zu kriegen.“
„Eine Verbindung? Was soll denn das für eine Verbindung sein?“ fragte Rebekka ungläubig.
„Es geschieht eben, ich glaube, ich kannte sie schon, als sie noch in deinem Bauch war...“
„Das gefällt mir jetzt aber gar nicht“, sagte Rebekka ärgerlich, denn sie hatte es nicht gerne, wenn jemand in ihr spionierte, sei es in ihrem Bauch oder sei es in ihrem Gehirn.
„Es war warm und dunkel und schaukelig...“
„Quatsch! Das war nur eine Einbildung pränataler Art!“
„Nein, das war es mit Sicherheit nicht. Später habe ich dann auch andere Sachen gesehen...“
„Und welche bitte?“
„Einmal habe ich mich selber gesehen, das war einwandfrei aus deinem Kopf heraus. Und ich habe Morgaine schon lange vorher im Traum gesehen, da wusste ich noch gar nicht, dass sie existiert...“
„Du spinnst ja wohl“, ereiferte sich Rebekka, die krampfhaft darüber nachgrübelte, warum er sich selber hatte sehen können. Von IHREM Kopf aus? So ein Quatsch! Und dann fiel ihr siedendheiß ein, dass sie wohl öfter an ihn gedacht hatte, und zwar wenn sie sich ähem... selber befriedigt hatte. Und dieser Gedanke brachte sie dermaßen aus dem Konzept, dass sie das andere, nämlich dass er Morgaine schon kannte, bevor er sie äääh... Das war zu verwirrend, jedenfalls hoffte sie, dass Morgaine nicht allzu viel davon mitgekriegt hatte, vor allem nicht von Daniels Körper...
„Ich glaube, dass Morgaine in Gefahr ist. Irgendjemand bemüht sich, sie in seinen Besitz zu bekommen.“
„Aber warum denn?“ fragte sie, obwohl ein Teil von ihr die Antwort schon wusste.
„Sie ist außergewöhnlich, unsere Tochter“, sagte Daniel und schaute sie voll an, um zu sehen, ob sie ihm widersprechen würde, aber sie tat es nicht, sondern starrte ihn nur an. „Sie kann irgendwie Bilder in unseren Köpfen sehen, sie kann Bilder schicken und andere lesen – und wer weiß, was sie noch alles kann.“
„Ja, sie ist außergewöhnlich.“ gab Rebekka zu, und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. „Sie ist so lieb und so gut, und sie weiß so viel. Aber was können wir tun?“
„Wir sollten heiraten!“
Heiraten? Rebekka konnte nichts dazu sagen. Und obwohl sie eine sehr realistische Person war – das dachte sie jedenfalls von sich – war der Gedanke verlockend und verführerisch. Vielleicht hatte sie im ihrem tiefsten Innersten das Verlangen, es irgendwann zu tun, das mit dem Heiraten. Aber so? So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Das war nicht gerade die Hochzeit, die ein Mädchen sich wünscht. Andererseits war das alles vollkommen egal, denn jetzt ging es um Morgaines Sicherheit. Aber wieso heiraten?
„Warum?“ fragte sie ratlos.
„Sie wäre dann weniger gefährdet“, sagte Daniel mit tonloser Stimme. „Du hattest doch einen seltsamen Unfall gestern, oder?“
„Beim Reiten, ja.“ Rebekka bewegte vorsichtig ihre verletzte Schulter, denn jetzt fühlte sie den Schmerz wieder, den sie seit gestern Abend wohl verdrängt hatte.
„Genau der. Der Sattelgurt sah nicht ganz normal aus, er kam mir vor, als hätte ihn jemand angeschnitten.“
„Oh Gott! Sag’ mal, wo ist denn eigentlich dieser neue Stallknecht abgeblieben?“
„Weg! Verschwunden! Hat sich nicht mehr blicken lassen.“
„Seltsam...“
„Sehr seltsam. Wirklich. Aber wenn er etwas damit zu tun hatte, dann war er nur ein Handlanger für irgendjemand anders. Vielleicht für eine Organisation, die so etwas erforscht. Ich habe von einem weißen Operationsraum geträumt.“ Daniel schüttelte sich leicht.
„Du hast davon geträumt? Aber wieso...“ Rebekka verstummte. Sie konnte sich nur langsam mit Morgaines Fähigkeiten abfinden.
„Es kam mit Sicherheit von Morgaine, sie kann wahrscheinlich auch in die Zukunft sehen, vielleicht träumt sie manchmal Dinge, die eventuell passieren werden unter bestimmten Umständen. Und ich kriege sie irgendwie mit.“
„Ein Operationssaal!“ Rebekka hatte erst jetzt das Wort verstanden, und sie wurde wieder blass.
„Und wenn das jetzt kein Zufall war? Was ist, wenn du stirbst?“ fragte er eindringlich. „Würden deine Eltern für Morgaine sorgen können?“
Rebekkas Gesicht wurde noch blasser. Ihre Eltern? Nein, nein, nein, um Gottes Willen! Nicht ihre Eltern. Nicht ihre Mutter, und erst recht nicht ihr Vater!
„Nein, das will ich nicht!“ sagte sie hart. „Da heirate ich doch lieber dich!“ Auch das konnte nicht sein. Warum hatten diese Worte ihren Mund verlassen, sie war ja total verrückt im Moment, vollkommen außer sich vor Glück, dass Morgaine wieder da war und auch total außer sich, weil sie sich Sorgen um ihre Tochter machte. Es stimmte, sie war außergewöhnlich. Und diese Sache mit dem Hineinblicken in anderer Leute Köpfe, das hörte sich zwar unwahrscheinlich an, aber wie sonst hätte Daniel Morgaine finden können in diesem Loch, in dieser Krypta, umgeben von Toten – und das alles nur erreichbar durch einen Geheimgang, von dem niemand etwas mehr wusste. Rebekka erschauerte, Tote, Skelette und Morgaine allein in dieser Dunkelheit... Dann fiel ihr schlagartig ein, dass noch jemand davon wissen musste, nämlich der Entführer. Sie fing an zu zittern.
„Aber ich habe keine Papiere...“ sagte sie hilflos.
„Das ist kein Problem. Es sollte nur schnell gehen. Am besten morgen. Wir brauchen nur deine Geburtsurkunde.“
„Die habe ich zu Hause“, murmelte Rebekka. Tatsächlich hatte sie bei ihrem Auszug aus dem Elternhaus kurzentschlossen alle wichtigen Urkunden und Unterlagen mitgenommen.
„Wir brauchen jemanden, der die Urkunde hierhin faxen könnte. Und er sollte sie mit der Post schicken. Per Einschreiben mit Rückschein natürlich. Und ich habe schon mit Archie gesprochen, er wird den Bürgermeister überreden, die Kopie anzuerkennen. Das Original werden wir dann später nachreichen.“
„Meinst du, das geht?“ fragte Rebekka zweifelnd.
„Ich hoffe es!“
„Dann rufe ich Sabine an, die hat einen Schlüssel.“
„Sehr gut, also morgen dann?“ Daniel lächelte sie an, aber es sah aus, als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders.
„Wo sind die Blumen, und solltest du nicht vor mir niederknien?“ sagte Rebekka in einem Anfall von Sarkasmus.“
„Es ist ja nur pro Forma.“
„Na du bist lustig! Meine Hochzeit hätte ich mir ein wenig... anders vorgestellt. Vor allem nicht so überstürzt.“ Na super, dachte Rebekka. Was bin ich für ein Glückspilz! Dann aber dachte sie an Morgaine und konnte es immer noch nicht fassen, dass sie wieder da war. Sie musste geschützt werden. Und auf keinen Fall sollte Morgaine in die schmierigen Hände ihrer so genannten Eltern geraten.
„Du hast von meinen...“ Sie machte eine winzige Pause, bevor sie fortfuhr, „Eltern geträumt?“
„Ich denke schon. Morgaine war etwas älter als jetzt und nannte den Mann Opa. Er war blond und sah irgendwie...“ Daniel redete nicht weiter, denn es kam ihm zum Bewusstsein, dass er wohl über seine zukünftigen Schwiegereltern sprach. Seltsamer Gedanke.
„Du wirst nichts mit ihnen zu tun haben“, Rebekka sah wütend aus, als sie ihre Eltern erwähnte. „Sie wissen nichts von Morgaine, und ich war seit Jahren nicht mehr da.“
„Wieso Rebekka? Was haben sie dir angetan?“
Rebekka sah aus, als würde sie gleich wieder anfangen zu weinen, und er wechselte das Thema und meinte: „Ich lass’ mir dann auch mal mein Stammbuch reinreichen.“
„Wie haben sie gewohnt?“ fragte Rebekka.
„Was, wer?“
„Na, meine Eltern…“
„Es war alles ziemlich abgewetzt und eng dort. Wie in einer sehr billigen Mietwohnung.“
„Dann haben sie das Haus verkauft und das Geld meinem Bruder in den Hintern gesteckt.“ Rebekka lachte auf, aber es war ein bitteres Lachen. „Oder vielleicht sollte ich besser sagen, dass sie es tun werden in ein paar Jahren...“
Daniel schaute sie an und schüttelte den Kopf. Sie schien ihre Eltern nicht besonders zu mögen, aber vielleicht würde sie ihm irgendwann einmal erzählen, warum das so war.
Daniel war auf einmal selber voller Zweifel. Empfand sie überhaupt etwas für ihn? Nichts deutete darauf hin. Und außerdem fiel ihm ein, wie Irmgard damals über Rebekka gesprochen hatte, von wegen dass sie mit jedem ins Bett gehen würde. Tatsächlich war sie sogar mit seinem besten Freund ins Bett gegangen, aber es war nichts draus geworden, denn sie war wohl vor dem Liebesspiel eingeschlafen. Danach war Lukas ein wenig sauer auf Rebekka gewesen, wahrscheinlich wegen gekränkter männlicher Eitelkeit... Danach werde ich sie auch irgendwann fragen, dachte Daniel. Und was trieb sie mit Archie? Die Beiden schlossen manchmal die Tür der Bibliothek von innen ab, man hörte nur gedämpfte Musik und ab und zu leises Lachen. Man konnte sich alle mögliche darunter vorstellen, und Daniel hatte viel Phantasie... Aber trotz aller Zweifel wollte er diese Heirat, erstens weil er Rebekka liebte – ja das tat er – und zweitens, weil er diesen Traum mit dem Kamin und dem Klavier in die Wirklichkeit bringen wollte. Es wäre gut für alle und besonders für Morgaine.
„Okay“, sagte Rebekka so locker wie sie konnte. „Ich rufe Sabine gleich an.“ Sie erhob sich vom Sofa, konnte ein leichtes Stöhnen nicht unterdrücken und hielt sich die Schulter.
Daniel schaute besorgt drein, und seltsamerweise freute sie das. Ich hab’s wohl nötig, dachte sie und war sehr erstaunt darüber. „Bleibst du hier bei Morgaine?“ fragte sie ihn.
„Sicher“, meinte Daniel.
„Aber bevor das alles über die Bühne geht, sollten wir sie fragen, ob sie es erlaubt.“ Das war Rebekka gerade eingefallen. Wenn Morgaine es nicht wollte, dann würde sie es auch nicht tun.
„Sie weiß es schon, und sie ist begeistert.“
„Oh!“ sagte Rebekka
 
Claudia, die im Souterrain des Herrenhauses wohnte, dort wo es im heißen Sommer kühl und im kalten Winter warm war, öffnete Rebekka die Tür.
Rebekka trat ein und setzte sich sofort auf das gemütliche große Sofa, das über sich ein Fenster hatte, durch das man auf den Hof des Herrenhauses gucken konnte. Rebekka kannte sich gut aus hier, und sie fühlte sich heimisch, egal ob alleine oder mit Morgaine hier war. Sie vermutete allerdings, dass Morgaine noch öfter hier war als sie. Morgaine liebte Claudia bedingungslos, sie liebte natürlich auch Andy und Archie, aber Claudia und sie zusammen zu sehen, das war, Rebekka fielen da keine Worte ein, oder doch, herzerquickend oder so was ähnliches. Trotzdem liebte Morgaine eine Person noch mehr, nämlich Daniel...
„Ich werde also heiraten“, sagte sie und nippte vorsichtig an dem heißen Kaffee, den Claudia ihr gebracht hatte.
„Und wie fühlst du dich?“ Claudia hatte sich neben sie gesetzt.
„Ich weiß nicht, es ist alles so plötzlich gekommen“, meinte Rebekka unsicher und schaute in die Kaffeetasse, als ob sie in ihr lesen könnte.
„Und du hattest wirklich keine Ahnung, dass er der Vater von Morgaine ist?“
„Nein! Nicht im geringsten.“ Rebekka wirkte nachdenklich, bevor sie fortfuhr: „Kann es sein, dass ich’s verdrängt habe? Aber so blöd kann man doch gar nicht sein...“
„Man kann ziemlich blöd sein“, sagte Claudia. „Aber gerade du, du bist nicht blöd.“
„Danke Claudia“, Rebekka musste lachen. „Aber in gewisser Hinsicht bin ich doch sehr blöd. Warum habe ich den Typen, den ich für den Vater hielt, nicht als Vater angegeben. Es ist doch viel besser, wenn das Kind weiß, wer sein Vater ist, als wenn im Ausweis oder sonst wo steht: Vater unbekannt...“
„Du warst dir also sicher, dass er der Vater ist?“
„Na klar, denn es war anscheinend die bequemste und die beste Lösung für mich. Und leider auch die teuerste...“ Rebekka grübelte immer noch darüber nach, wie es passieren konnte, dass sie Daniel nicht als Vater in Betracht gezogen hatte.
„Es war bestimmt nicht leicht für dich“, sagte Claudia mitfühlend.
„Ich wollte das Kind. Seltsam, ich wollte es. Vorher wollte ich nie eins haben. Ich hatte immer Angst, dass ich...“ Rebekka brach ab.
„Dass du damit nicht fertig wirst?“
„Natürlich“, sagte Rebekka. „Ich hatte Angst, wie meine Mutter zu sein. Jedenfalls habe ich im ersten Moment sogar an Abtreibung gedacht.“ Sie schaute Claudia wie um Verzeihung flehend an.
„Ich kann dich verstehen. Aber du hast es dann doch nicht getan.“
„Ich wollte es, seitdem ich es gespürt hatte.“ Rebekka lächelte. „Und außerdem hatte ich die Nase voll davon, durch die Kneipen zu ziehen und jemanden aufzureißen. Auf Dauer wäre ich dabei vor die Hunde gegangen. Ich wusste nur nicht, wie ich es finanzieren sollte, ich hatte zwar einiges gespart, aber nicht genug. Und dann rief mein Vater an und machte mir das Angebot, mir mein Erbe vorzeitig auszuzahlen. Es war recht wenig, aber 12000 Mark haben oder nicht haben... Es ist meine eiserne Reserve.“
„Er hat dich bestimmt übers Ohr gehauen“, meinte Claudia.
„Das ist normal bei ihm.“ Rebekkas Mund zitterte ein wenig.
„Ach Gott!“ sagte Claudia mitleidig und schloss sie in ihre Arme. Rebekka lehnte sich an sie und musste wieder weinen. Es war wie verhext, vorher hatte sie nie richtig weinen können, aber seit sie hier in Kampodia war, hatte sie sich zur Heulsuse entwickelt...
„Du solltest ein wenig mehr Vertrauen in Daniel haben“, sagte Claudia schließlich. „Ich glaube, er liebt dich.“
Rebekka befreite sich aus Claudias Umarmung, nahm eine Serviette vom Tisch und wischte sich damit die Tränen ab. „Aber er ist untreu und unzuverlässig, er hat mit mir geschlafen, obwohl er noch mit einer anderen fest zusammen war.
„Ach Kind, solche Dinge passieren. Aber jetzt ist er hier, er sorgt sich um dich und um Morgaine, obwohl es ja wohl schon länger her ist, seitdem ihr...“
„Fast fünf Jahre ist es her.“
„Er hat dich also nicht vergessen! Und Morgaine hat eine Verbindung zu ihm.“ Claudia fügte nachdenklich hinzu: „Bei uns in der Familie gibt es auch solche unerklärlichen Dinge...“
„Ich fühle mich nur so überwältigt, und ich habe Angst davor.“
„Manchmal ist Nachgeben das Vernünftigste. Und wenn man kein Risiko eingeht, dann ist das ganze Leben sinnlos.“
Dieser Satz setzte sich in Rebekkas Hirn fest. Allerdings auf englisch, nämlich: No risk, no sense, no fun…
“Und die Hauptsache ist doch wohl, was du für ihn fühlst.”
„Das weiß ich nicht“, gab Rebekka zu. „Er ist fantastisch im Bett, er ist Morgaines Vater. Er ist in meinen Gedanken, ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann, er verunsichert mich...“
„Das sollte wohl reichen!“ meinte Claudia und fing an zu lachen.
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KAPITEL VI - Teil 5 HOCHZEIT
 
Der Bürgermeister des Dorfes war massig von Figur und hatte einen ziemlich quadratischen Schädel. Er war natürlich auch gleichzeitig der Standesbeamte von Kampodia. Und er saß so massiv und selbstsicher hinter seinem riesigen Schreibtisch, dass er fast schon bedrohlich wirkte. Das war keine Täuschung. Dieser Herr war nämlich überaus geldgierig und außerdem bestechlich, wie Archibald von Kampe wusste. Der Bürgermeister stand sogar im Verdacht, ein Testament gefälscht zu haben, allerdings auf eine so plumpe Art und Weise, dass es dem blödesten Nachlassverwalter aufgefallen wäre – wenn in diesem Lande jemand Interesse an Rechtsverletzungen gehabt hätte. So aber verlief die Anklage im Nichts. Der Bürgermeister war noch im Amt, zwar leicht angeschlagen im Ansehen, aber er war für Archibald von Kampe in diesem Falle sehr nützlich. Archibald hatte sich schnell von Daniel überzeugen lassen, dass diese Hochzeit das Beste für Morgaine wäre. Archibald war nämlich immer noch entsetzt über die Tatsache, dass die kleine Morgaine auf seinem Gut entführt worden war. Er hatte sich an Andromedas Verschwinden damals erinnert und daran, wie schrecklich es gewesen war.
Was brauchte man für eine Eheschließung? Eine Geburtsurkunde. Gut, das war ein Knackpunkt, aber eine Kopie würde reichen. Ferner brauchte man ein polizeiliches Führungszeugnis. Das sollte der Bürgermeister beschaffen, er hatte den Draht dazu. Was noch? Das Aufgebot, das vier Wochen vor der Hochzeit ausgehängt wurde. Na, wen juckte das? Auch das konnte man umgehen...
Was Archibald dem Bürgermeister für seine nicht unbeträchtliche Mithilfe versprach, ist unbekannt, aber es hatte vielleicht mit Sex und wundergeilen Nutten und einem Stück Land zu tun, das Archibald gehörte und das der Bürgermeister lange schon als Bauland ins Auge gefasst hatte. Aber das ist reine Spekulation.
Und so kam es, dass Daniel und Rebekka sich schon am nächsten Morgen in einem nüchternen Büro wieder fanden, nämlich in dem Büro des Bürgermeisters von Kampodia, der gleichzeitig auch der oberste und einzige Standesbeamte von Kampodia war.
Ihre Trauzeugen waren Claudia Mansell und Archibald von Kampe. Beide Trauzeugen saßen neben ihnen. Und hinter ihnen saß das Kind der Braut, ein wunderschönes kleines blondes Mädchen mit leicht lockigem Haar und hellbraunen Augen.
Rebekka, die Mutter dieses süßen Kindes trug eine schwarze Hose, ein schwarzes T-Shirt und darüber eine taillierte beige Leinenjacke. Das war das Beste, was sie an Kleidung nach Kampodia mitgebracht hatte, außer dem Kleid, das sie in Brunswick gekauft hatte und das für den Sommerball bestimmt war. Aber wer hätte auch ahnen können, dass und überhaupt... Außerdem hatte sie ihr Haar von Claudia zu einem so genannten Bauernzopf flechten lassen, und sie sah gut damit aus, wie sie fand.
Daniel, der Bräutigam, trug blaue Jeans, dazu ein weißes T-Shirt und darüber eine schwarze locker sitzende Jacke, die elegant und trotzdem wahnsinnig bequem aussah und ihm ungemein gut stand. Das dachte zumindest Rebekka...
Die Trauungszeremonie lief geschliffen ab.
„Sie, Rebekka Steiner und Sie, Daniel Burkhardt sind hier in diesem Standesamt erschienen, um den Bund der Ehe einzugehen.“
Rebekka nickte zögernd, und Daniel sagte schlicht und einfach: „Ja.“
„Das Gesetz erlaubt neuerdings kombinierte Nachnamen. Der Mann kann zum Beispiel den Namen der Frau annehmen, oder die Frau kann zum Beispiel einen Doppelnamen tragen.“
Rebekka hatte sich noch keine großen Gedanken darüber gemacht, welchen Namen sie ab heute tragen würde. Eigentlich war es ihr egal, denn der Name ‚Steiner’ hatte ihr bisher nur Übles gebracht, also hieß sie ab jetzt Burkhardt. Aber irgendwie fühlte sie sich verloren, jetzt hatte sie gar keine eigene Identität mehr. Jetzt war sie nur noch Frau Rebekka Burkhardt. Aber in den USA war es noch schlimmer, da würde sie nämlich Missis Daniel Burkhardt heißen...
„Die Trauzeugen sind Claudia Mansell und Archibald von Kampe. Sie haben sich ausgewiesen durch Personalausweis. Sie wissen auch, dass das Kind Morgaine“, der Bürgermeister wusste nicht recht, wie er den Namen Morgaine aussprechen sollte, er sagte Morga-ine, „den neuen Namen der Mutter annehmen kann. Es kann aber auch den alten Namen der Mutter behalten, oder es kann den Namen des Vaters annehmen.“
Sie spürte, dass Daniel sie leicht anschubste und sie kurz ansah – und schaute wieder auf den feisten Bürgermeister. Feister Bürgermeister, das war zum Piepen. Das mit den Namen auch. Natürlich musste Morgaine das entscheiden. Sie schubste Daniel dezent zurück.
„Versprechen Sie, Rebekka, diesen Mann zu lieben, ihn zu achten und ihn zu ehren, bis dass der Tod Euch scheidet?“
„Ja, ich will!“, sagte sie leise und zögernd, denn so gehörte es sich wohl. Obwohl das mit dem leise und zögernd vielleicht nicht...
„Versprechen Sie, Daniel, diese Frau zu lieben, sie zu achten und sie zu ehren, bis dass der Tod Euch scheidet?“
„Ja, das will ich!“ sagte Daniel ohne zu zögern.
Rebekka fiel es kurz auf, dass von Treue keine Rede war, und das missfiel ihr sehr. Vielleicht hatte der Bürgermeister, der sehr triebhaft aussah, die Formel einfach abgewandelt...
„Dann erkläre ich Euch hiermit zu Mann und zu Frau. Geben Sie, Daniel, nun der Braut den Ring, der Euer Ehegelübde bestätigen soll.“
Oh je, Rebekka schaute Daniel schnell von der Seite an. Ohne Ringe würde es nicht gehen, und er hatte bestimmt nicht an Ringe gedacht. Alles andere war manipulierbar, die Geburtsurkunde, das Aufgebot und das polizeiliche Führungszeugnis, aber die Ringe nicht...
Daniel griff in seine Jackentasche und förderte ein Kästchen zu Tage. Rebekka sah ihm mit großen Augen fasziniert zu.
Er öffnete das Kästchen und sie sah zwei Ringe. Sie schimmerten ein wenig rötlich, sie hatten nicht die übliche gelbe Goldfarbe, sondern einen satten kupfernen Farbton. Sie waren nicht sehr breit, aber wunderbar abgerundet.
Er steckte ihr den kleineren Ring an den Finger, und er passte wie angegossen. Dann gab er ihr den größeren, und sie verstand. Den musste sie ihm an den Finger stecken. Sie tat es, und ihre Hände zitterten etwas.
„Und küssen dürfen sie die Braut nun auch“, sagte der feiste Bürgermeister mit einem leicht lüsternen Grinsen.
Daniel drückte sie an sich und küsste sie auf den Mund, aber nicht so richtig, wie Rebekka meinte. Aber es war ja alles nur pro Forma.
Und das war’s dann schon.
Claudia hatte einen Fotoapparat in der Hand und knipste mit Blitzlicht. Rebekka war ein wenig geblendet von dem Licht und hielt ihre Hand beschützend vor die Augen. Daniel machte das Licht anscheinend nichts aus.
Als sie hinausgingen aus dem Gemeindesaal, schritten sie ziemlich verlegen und vor allem sehr schweigsam nebeneinander her. Es war ein wundervoller Tag mit herrlichem tiefblauen Himmel, an dem nur ein paar winzige Wölkchen zu sehen waren. Morgaine hüpfte um sie herum wie ein kleiner Hütehund, der seine Schäflein bewacht. Hinter ihnen gingen Archie und Claudia, und beide waren festlicher gekleidet als das Brautpaar selber. Rebekka schaute sich unauffällig um, und tatsächlich kamen ihr die beiden vor wie sizilianische Verwandte, die einem verlobten Paar folgten und aufpassten, dass es nicht zu vertraulich miteinander umging. Nun ja, da bestand hier überhaupt keine Gefahr. Rebekka konnte ein Kichern nicht unterdrücken, und Daniel sah sie erstaunt von der Seite her an.
Und verlobt waren sie ja gar nicht, sondern verheiratet. Verheiratet! Wie war das passiert? Gab es einen Ablauf der Dinge, den man nicht beeinflussen konnte? Womit hatte dieser Ablauf angefangen? Etwa damals vor fast fünf Jahren, als sie von Sabine erfuhr, dass sie Daniel am Sonntag im Café Klonk getroffen hatte? Ohne Irmgard natürlich. Irmgard, die geizige Kuh war mit einer Tante auf Mallorca, die Tante hatte sie eingeladen. Und Sabine hatte mit Daniel geschlafen, und er hatte sie die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hinauf auf Händen getragen. Ich hab’ ihn gefragt, wie es denn so läuft zwischen ihm und Irmgard, hatte Sabine außerdem erzählt. Und was hat er gesagt, hatte Rebekka gespannt gefragt. Er hat gesagt, Sabine musste losprusten, es läuft ganz gut. Es läuft ganz gut, wiederholte Rebekka, und beide fingen an zu lachen und konnten gar nicht mehr aufhören zu lachen.
 
Seitdem ist Rebekka, die seit ein paar Tagen von einer Darmgrippe geplagt wird, wie besessen von einem Gedanken, und der heißt: Ich will auch! Ich will auch! Er ist Irmgard nicht treu. Er hat mit Sabine geschlafen. Ob er auch mit mir schlafen würde? Natürlich bin ich nicht so hübsch wie Sabine, aber ich will es... Sie wird am nächsten Sonntag ins Café Klonk gehen, und hoffentlich ist bis dahin diese beschissene (im wahrsten Sinne des Wortes) Darmgrippe vorbei. Und tatsächlich ist die Darmgrippe vorbei, und sie fährt um zehn Uhr abends mit dem Fahrrad ins Klonk und trifft dort eine Bekannte. Das ist gut, denn so ganz alleine will sie nicht im Klonk sein.
Er kommt eine halbe Stunde später mit seinem Freund Lukas, mit dem Rebekka befreundet war bis vor ein paar Wochen, nachdem sie irgendwie im Bett gelandet sind und es im Sande verlief. Seitdem mag er sie nicht mehr besuchen. Egal! Ein anderer Typ will sie unbedingt sprechen, ein Typ, auf den sie vor ein paar Monaten scharf war, aber er wohl nicht auf sie – und jetzt auf einmal... Nein danke, jetzt ist es zu spät und sowieso egal! Sie schüttelt ihn ab und geht an die Theke, wo Daniel mit Lukas sitzt. Und es wird ein lustiger Abend. Sie unterhält sich blendend mit den beiden, Lukas scheint ihr nicht mehr übel zu nehmen, dass sie eingeschlafen ist, bevor was mit ihm passieren konnte, und Daniel schaut sie immer wieder so seltsam an. Sie sprechen über französische Katzen, und ob die Franzosen ihre Katzen siezen, und überhaupt über blödes Zeug. Das kommt von dem Sambucca, den Daniel reichlich ausgibt. Will er sie besoffen machen? Okay, das kann er haben....
Um ein Uhr, als der Laden zugemacht wird, schlägt sie den beiden vor, zu ihr zu gehen. Das will Daniel nicht, weil er seinen Hund versorgen muss, das arme Vieh ist den ganzen Abend allein zu Hause gewesen. Also zu ihm. Wie selbstverständlich geht sie mit. Sie nehmen den schwer angeschlagenen Lukas in die Mitte. Der Lukas ist so betrunken, dass er nur noch lallen kann, und laufen kann er auch kaum noch. Daniel ergreift hinter Lukas’ Rücken ihre Hand, zärtlich, wie sie meint – und sie schleifen den Lukas gemeinsam zu Daniels Wohnung, die gleichzeitig auch Irmgards Wohnung ist. Aber Irmgard ist ja nicht da, Halleluja!
Sie setzen den Lukas auf das Sofa, und Rebekka muss lachen, denn zu ihrer Belustigung ist es das gleiche Sofa, auf dem Daniel und Irmgard vor über einem Jahr so einträchtig zusammensaßen und über selbstgebackenes Brot faselten.
Sie selber setzt sich auf den Boden zu Daniels Füßen und streichelt den Hund, obwohl sie viel lieber Daniel gestreichelt hätte. Bis sie spürt, dass Daniel ihre Hand streichelt, mit der sie den Hund streichelt. Der Hund ist groß, aber sie hat keine Angst vor ihm.
Daniel lacht. Er legt eine CD auf, die er gerade gekauft hat - es handelt sich um einen Sampler aus den 80ern mit verschiedenen Gruppen, zum Beispiel den Talking Heads, oder Jimmy Somerville, Alison Moyet, Level 42 und und und... Rebekka ist begeistert und gerührt, es handelt sich um die Musik ihrer Jugend.
Daniel streichelt nun ihr Knie, und sie streichelt sein Knie. Der gute Lukas ist so besoffen, dass er überhaupt nichts davon merkt – das hofft sie jedenfalls.
Daniel lächelt hilflos. Was er sich bei dieser Sache so denkt, kann sie sich überhaupt nicht vorstellen. Was für eine Situation! Da sitzt sein bester Freund, gleichzeitig auch der beste Freund seiner Freundin, und könnte vielleicht mitkriegen, was sein bester Freund in Abwesenheit eben dieser Freundin so treibt. Das ist zu köstlich. Sie glaubt aber, im Moment ist es Daniel schnurzegal, was Lukas über ihn denkt - der Verstand setzt aus, das ist es. Wieso kommt sie darauf? Stimmt, sie hatten einmal darüber gesprochen, als sie sich bei ihm über Michaels Untreue beklagte. Aber wer ist Michael? Eine Person am Rande ihres Lebens und total unwichtig.
Denn sie und Daniel sind sich einig.
„Küss mich, Rebekka!“ kräht Lukas und richtet sich zum Schlafen auf dem Sofa ein. Sie küsst ihn sanft auf die Stirn und breitet eine Wolldecke über ihn.
Kurz darauf gehen Daniel und sie Hand in Hand ins Schlafzimmer, und der Hund folgt ihnen. Ob er wohl an sein Frauchen denkt?
Vor über einem Jahr war sie schon einmal in diesem Schlafzimmer, in diesem voll gestopften pseudoantiken Schlafzimmer. Damals fand sie es gar nicht lustig. Aber heute ist alles anders.
Sie knöpft langsam sein Hemd auf, während er sie anstarrt. Und dann fängt er selber an, ihre Bluse zu öffnen, er schiebt seine Hand in ihren BH, hebt ihre Brüste hoch und küsst sie. Jetzt starrt sie ihn an und stöhnt leise auf. Sie drängt ihren Mund an seinen Oberkörper und saugt sich mit ihren Lippen dort fest, während sie gleichzeitig versucht, ihre Hose auszuziehen. Auch er hat es sehr eilig, seine Hose auszuziehen, aber beide halten trotzdem Körperkontakt bei ihren Bemühungen, ihre Kleider loszuwerden, und es geht, es geht, obwohl es eigentlich unmöglich ist.
Eine Liebesnacht beginnt, die voller Zärtlichkeit ist. Rebekka denkt verschwommen, das ist, weil es nur einmal und nie wieder ist, aber dann hört sie auf zu denken. Sie spürt seine Hände auf ihrem Körper, auf ihren Brüsten, auf ihrem Bauch, sie dringen überall ein und sie genießt es stöhnend. Seine Lippen folgen seinen Händen. Und sie stöhnt noch mehr. Sie glaubt es nicht ertragen zu können, aber er will nicht in sie eindringen, nicht sofort, bis sie anfängt zu wimmern, ihn mit ihren Beinen umfängt und er nicht mehr anders kann. danach liegen sie eine Weile stöhnend da, er noch auf ihr, noch in ihr – und sein Mund hat ihren Mund geöffnet.. Sie können nicht nah genug beieinander sein, es ist, als hätten sie ihr Leben lang darauf gewartet, es hier in diesen Ehebetten zu treiben...
In den Pausen, die sie im Liebesspiel machen, unterhalten sie sich. Über nichts Wichtiges, sie unterhalten sich über ihre Körperteile und Daniel sagt, dass sie eine überaus süße, na ja, er spinnt... 
Sie treiben es erst in dem einen Bett und danach in dem anderen, ab und zu auch am Kleiderschrank, und sie lassen nichts aus, flüstern sich Schweinereien zu. Und immer noch hören sie den Sampler der 80er Jahre aus dem Nebenraum, Billy Idol vor allem mit seinem Flesh for Fantasy... Manchmal singt Rebekka mit, aber sie singt es anders als Billy, nämlich: Face to face and fact to fact, you see and feel my sex-attack… Und Daniel lacht dann und bringt sie zum Singen, aber anders. Seltsam, vorher hat sie noch nie gesungen beim Akt. Es war immer krampfhaft gewesen, nie richtig erfüllt – und vor allem immer schnell vorbei. Aber am schönsten ist dieses Stück von Jimmy Somerville: It ain't necessarily so. Dieses Klavier, dieser Chor am Ende, dieses kühle Saxophon, so wahnsinnig gut geblasen. So sanft geblasen... Und wie es sich dann in die Höhe schwingt. Oh Gott! Oh Daniel! Später singt Rebekka: Is necessarily so… Is necessarily so…
Als es draußen heller wird, werden sie ruhiger. Trotzdem küssen sie sich immer noch, ihre Zungen versuchen, sich zu vereinen, und sie halten sich fest. Rebekka hat ihren Kopf an Daniel Brust gelegt, und er streichelt ihr gedankenverloren übers Haar. Dann wendet sie sich tiefer, und Daniel fängt an, lauter zu atmen, trotzdem streichelt er immer noch ihr Haar, obwohl es nun tiefer ist...
Als es nicht nur draußen, sondern auch im Zimmer heller wird, kommt Rebekka allmählich zur Besinnung. Was tut sie hier? Es ist nicht richtig. Und was ist los mit ihm? Was hat Irmgard mit ihm angestellt, oder vielmehr NICHT angestellt. Er ist ja vollkommen ausgehungert nach körperlicher Liebe.
Und was ist mit IHR los? Sie hat sich noch nie so gefühlt, körperlich so befriedigt und trotzdem noch hungrig – und gleichzeitig seelisch  nicht angekotzt. Das ist seltsam, aber es ist vorbei. Hat sie etwa ein schlechtes Gewissen? Ja, doch, ein wenig. Irmgard war mal eine Freundin irgendwie, hat zwar nicht lange gehalten, aber trotzdem. Solidarität unter Frauen? Kommt drauf an, wie sie sind. Aber Irmgard hat Daniel nicht verdient. Die mit ihrem Geiz, und sie ist ja auch nicht da! Trotzdem ist es unrecht von Rebekka. Und von Daniel erst recht unrecht! SIE ist schließlich nicht gebunden, aber er ist mit Irmgard  liiert, sie wohnen zusammen, und trotzdem betrügt er sie. Die Männer sind alle Schweine, sie hat’s doch gewusst! Andererseits, wie kann man so einen Mann so oft alleine lassen, so einen Supertypen? Nur um sich den Hintern und die Titten an irgendeinem Strand umsonst bräunen zu lassen. Was will diese Frau eigentlich? Ach was, es soll ihr egal sein. Aber sie fühlt sich wie eine Ehebrecherin.
„Du bist so süß“, meint Daniel, während er sich anzieht. Er muss zur Arbeit. Er arbeitet bei seinem Onkel als, sie hat es nicht richtig verstanden, als Statiker? Er hat das Eye-Q zwar noch, aber er arbeitet nebenbei. Er ist anscheinend seriös geworden.
„Bin ich das?“
„Wir konnten uns doch früher immer schon gut leiden“, behauptet er.
„Ach ja?“ Komisch, das hat sie früher nie bemerkt. Er war immer so unerreichbar für sie, sie hat vor Schüchternheit nie den Mund in seiner Gegenwart aufgemacht, na ja ab und zu doch... Klar, sie war auf so auf ihr eigenes Elend fixiert, so auf die Idee ihrer Unscheinbarkeit und Unwichtigkeit, dass jeder sich sofort schwer abgeschreckt fühlte.
Daniel macht ihr immer noch Komplimente, die sie nicht ganz versteht, weil sie sich auf ihre Weiblichkeit beziehen. Gibt es da so viele Unterschiede zwischen Frauen? Muss wohl so sein.
Wieder kommt er zu ihr hin, umarmt sie und küsst sie. Sie wehrt ihn ab, sagt: „Ich habe vielleicht einen Geschmack im Mund...“ „Hast du nicht“, sagt er, „und wenn, wäre es mir egal.“ Sie kann nicht anders und schlingt ihre Arme um ihn und küsst ihn zum letzten Mal. Ihre Zungen dringen tief in den Mund des anderen ein, und sie bleiben still stehen... Bis Rebekka sich losreißt.
„Ich gehe“, sagt sie zu ihm. „Ich muss mein Fahrrad abholen.“
„Ich fahre dich hin“ sagt er und wischt ihre Einwände mit einer kurzen Handbewegung beiseite.
Lukas liegt immer noch schlafend unter der Wolldecke, als sie gemeinsam die Wohnung verlassen. Auch der Hund liegt mittlerweile im Wohnzimmer, vielleicht ist es ihm im Schlafzimmer zu unruhig gewesen.
Draußen regnet es sanft. Rebekka liebt diesen sanften Regen. Er wird sie immer an diese Nacht erinnern. Und an ihre zerwühlte Frisur auch, warum trägt sie die Haare auch kurz, entweder sind sie irgendwo platt gedrückt oder stehen irgendwo zu Berge.
Daniel drängt sie zu seinem Auto, es ist so eine Art Pick-Up-Wagen mit einer Ladefläche hinten drauf, und er hält ihr die Tür auf.
„Sehr umweltfreundlich!“ meint sie spöttisch. Mit Autos kann ihr kein Mann imponieren.
„Gehört meinem Chef“, sagt Daniel irgendwie entschuldigend, und sie steigt ein.
Daniel steigt auch ein und startet den Motor. Rebekka schaut nach rechts aus dem Fenster, um ihn nicht anschauen zu müssen.
„Soll ich sie rausschmeißen?“
„Wen? Was meinst du?“
„Na, Irmgard natürlich.“
„Du Idiot! Was soll das? Bist du total übergeschnappt?“ Männer sind wirklich naiv. Kaum schlafen sie mit einer anderen Frau, denken sie sofort, sie müssten die alte wegwerfen. Das ist nicht nett, nicht nett...
Er sagt nichts mehr, sondern schaut nur irgendwie so... Nein das ist nicht zu ertragen. „Und Irmgard ist nicht meine Freundin.“ Das muss sie jetzt sagen. Und sie meint damit eigentlich, dass sie nie mit dem Mann einer richtigen Freundin ins Bett gehen würde.
Er sagt immer noch nichts.
Mittlerweile sind sie beim Café Klonk angelangt, und sie will aussteigen, um auf ihrem Fahrrad nach Hause zu fahren. Aber er ist mit ihr ausgestiegen, hat ihr Fahrrad genommen und es auf die Ladefläche des Autos gelegt.
„Das ist wirklich nicht nötig“, sagt sie gereizt. Was will er noch? Warum dieses Hinauszögern von diesem Unsagbaren. Warum lässt er sie nicht allein. Dann könnte sie von ihm träumen. Nicht sehr lange natürlich. Sie ist eine realistische Person und weiß, dass es nichts bringt, jemanden hinterher zuträumen. Und außerdem mag sie den Regen, diesen sanften feuchten Regen, der ihr Haar vielleicht besänftigen wird. Und sie hat zwei Tage Urlaub.
„Blödes Zeug“, sagt er. Nun gut, wenn er unbedingt darauf besteht. Sie steigt wieder ein, denn ihr Fahrrad ist ja schon okkupiert, und während der Fahrt schaltet er den Kassettenrecorder ein.
Hör dir das an“, meint er auf einmal nach längerem Schweigen. „Genau das ist es!“
Sie hört unkonzentriert dem Text zu und bekommt mit: „Und dann im Regen stehen...“ Den Rest versteht sie nicht. Dann kommt: „Nie wieder, nie wieder, nie wieder...“
Kann sein, dass sie dieses Lied schon mal gehört hat. Ist von Ulla, keine Ahnung - und ganz gut. Aber sie will sich nicht mit irgendwelchen Plattentexten identifizieren. Nicht so wie Irmgard mit ihrem Marius und dem Ritter auf dem weißen Pferd – und auch nicht wie Daniel, sie will nichts aus zweiter Hand, vor allem keine Gefühle, und im Regen steht sie eigentlich ganz gerne.
Das Schweigen zwischen ihnen wird langsam richtig unangenehm, und sie ist froh, als sie endlich vor ihrem Haus ankommen und sie aussteigen kann. Er lädt ihr Fahrrad schweigend ab und setzt sich wieder ans Steuer. Immer noch schweigend.
„Mach’s gut Daniel“, meint sie noch sagen zu müssen. Sie fühlt ein fast unwiderstehliches Verlangen, ihn zu küssen, aber er schaut sie nicht an, sondern starrt vor sich hin. Also greift sie sich das Fahrrad und trägt es ohne zurückzublicken in den Keller des Hauses.
Kaum ist sie oben in ihrer Wohnung, fühlt sie einen seltsamen Stich, als ob ihr Herz schmerzt, aber sie will nicht sentimental sein, sie will nicht leiden. Es regnet gerade so sanft, und sie ist so müde, so befriedigt, so erschöpft... Und die Männer sind Schweine. Obwohl, ein bisschen netter hätte sie zu ihm sein können. Aber wozu? Er ist quasi verheiratet, seine quasi Frau kommt bald zurück, und Rebekka ist dann Legende. Also was soll’s? Aber es tut weh, und das will sie nicht. Außerdem ist diese Nacht sowieso aus dem Ruder gelaufen, sie weiß nicht, wie das passieren konnte. Sie hat sich tatsächlich fallen lassen, ganz tief fallen lassen, und das ist ihr so noch nie passiert. Bisher hat sie immer alles unter Kontrolle gehabt, die Lust, die zugegebenermaßen meistens schal und nicht der Rede wert war und die Liebe sowieso, die war nämlich nicht vorhanden. Aber jetzt ist es anders, was als Rache an Irmgard und Daniel gedacht war, die Verhöhnung dieser beiden als Liebespaar, das hat sich gegen sie gekehrt und lässt sie selber leiden.
 
Ein paar Tage später schellt es bei ihr an der Tür, und ein Typ begehrt Einlass. Er sucht eine Freundin von ihr. Er hat fast die gleichen Haare wie Daniel und ähnliche Augen, er bleibt über Nacht da, und er ist fürchterlich scharf auf sie. Fast so wie... Aber der ist Legende! Unzuverlässig! Untreu! Jetzt hat sie jemanden, der sie wirklich liebt. Obwohl er überaus stressig ist. Eigentlich ist er unerträglich mit seiner Arroganz, aber sie ist wohl empfänglich für... Für ihn? Nein. Für die Liebe? Nein. Also wofür? Sie hat keine Ahnung, und obwohl er stressig ist, bleibt sie fürs erste mit ihm zusammen.
Nach zwei Monaten wird ihr morgens übel. Okay, das ist nichts besonderes, manchmal ist ihr morgens vom Saufen übel oder wenn sie ihn neben sich im Bett sieht. Aber das ist etwas anderes, etwas Biologisches, etwas Mutterschaftsmäßiges. Aber er als Vater? Dieser servile debile und trotzdem sadistische geschwätzige Idiot? Nein danke. NIEMALS!
Sie wirft ihn aus ihrem Leben hinaus, und sie wird ihn niemals mehr so nahe an sich heran lassen, dass er die Wahrheit erfahren könnte. Zur Sicherheit zieht sie in eine andere Wohnung mit einer anderen Telefonnummer, die außerdem geheim ist. Sie hat kein schlechtes Gewissen dabei, denn dieser Typ hätte sowieso nicht genug Geld, um die Alimente bezahlen zu können...
 
Ende KAPITEL VI Holidays in Kampodia   © Ingrid Grote 2008
 
Fortsetzung folgt

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Der Beitrag wurde von Ingrid Grote auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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