Andreas Rüdig

Von der Laus

Kommt ein 100jähriger zum Arzt und klagt: "Herr Doktor, Herr Doktor, ich schaue immer noch jungen, hübschen Damen nach." Fragt der Arzt: "Ja, und? Wo ist das Problem?" Antwortet der Greis: "Ich habe vergessen, warum."
Warum ich Ihnen diesen lahmen Witz erzähle? Ganz einfach: Ich bin guter Laune. Ich bin sogar bester Laune. Ich fühle mich nämlich bei meinem Menschen pudelwohl. Wenn ich über die Haut an seinem Schädel schreite, weiß ich, was ich an meinem Menschen habe. Er ist sehr gastfreundlich, wäscht sich zwar täglich die Haare und kratzt sich gelegentlich die Kopfhaut, läßt mich aber ansonsten in Ruhe.
Sehen Sie sich nur diese Haare an. Naja, eigentlich bekomme ich ja nur die Haarschäfte zu sehen; die Haarbälge liegen ja unter der Haut. Mein Mensch hat noch alle seine 99.563 Haare; ich habe sie alle gezählt. Und da das menschliche Haar 1 mm in 4 Tagen wächst, gibt es für mich auch immer Nachschub in puncto Futter.
Doch erzähl, Ottokar, wie geht es dir? Irgendwie sieht du ja gar nicht gesund aus.
 
Das ist auch kein Wunder, Willibald. Mein Mensch ist so ganz anders als deiner. Völlig kahl ist er. Kein einziges Haar ziehrt sein Haupt. Wo bei dir ein wunderbar dichter Wald vorherrscht, leide ich unter trostloser Ödnis. Du glaubst gar nicht, wie langweilig die Epidermis, die oberste, äußerste Hautschicht, sein kann.
Da hilft auch nichts, daß mein Mensch ein Toupet trägt. Wie, Sie wissen nicht, was ein Toupet ist? Das ist ein künstliches Haarteil. Stellen Sie sich ein engmaschiges Netz vor. In diesem Netz sind lange, feine Einzelhaare verwoben. Es gibt spezielle Friseure, die solche Toupets herstellen.
Ich mag Toupets nicht. Und der Grund dafür ist einfach. Es gibt Spezialkleber, mit denen man Toupets auf der Kopfhaut befestigen kann. Mein Mensch nutzt das aber nicht. Ihm ist das alles zu lästig. Er müßte sich dann ständig neue Spezialflüssigkeit kaufen, sie auf die Kopfhaut träufeln und das Toupet sorgfältig auf dem Kopf befestigen.
Folge: Das Toupet rutscht ständig auf seinem Kopf herum. Unangenehme Begleiterscheinung für mich: Ich muß ständig hin und her rennen. Für eine trächtige, schwangere Laus wie mich ist das sehr anstrengend.
Oh, oh, oh, was ist denn das? Wer drückt denn da? Dieser Idiot von Mensch rutscht mal wieder sein Toupet zurecht. Und preßt mich auch noch in die Lederhaut, also in die mittlere Hautschicht. Und ich bin prompt zwischen Talgdrüse, Schweißdrüse und Blutbahn festgeklemmt. Meine armen Kinder! Die ärmsten! Ich kann sie nicht an der frischen Luft zur Welt bringen, sondern muß die Entbindung zwischen Bindegewebe und Hautorganen vonstatten gehen lassen.
 
Meine Güte, was hat sich denn da für eine pulsierende Beule gebildet? Sie kitzelt. Sie bewegt sich. Sie sieht häßlich aus. Sie stört. Naja, erst einmal kratzen. Dann gehe ich zum Arzt.
 
Diese Beule sieht tatsächlich merkwürdig aus. Ich werde mal hineinstechen. Igitt!! Da kommt ja kein Blut heraus. Stattdessen breiten sich ganze viele Läusebabies auf der Kopfhaut aus. Schnell, das Desinfektionsspray. Und jetzt noch die Heilsalbe. So. Jetzt dürfte mein Patient wieder gesund werden.
 
Aua. Die Salbe brennt.
 
Meine Kinder ... meine Kinder... 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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