Es ist vier Uhr, die Matinee jedoch beginnt jeden Tag um elf und geht gegen halb eins zu Ende. Danach isst das Personal zu Mittag, ruht ein wenig und eröffnet um drei die Nachmittagsvorstellung. Heute füllt sich der Saal nur langsam. Normalerweise sind die Samstage besser, dann kommen die Leute und trinken nach dem Essen hier ihren Carajillo, im El Plata, im Tubo, in Zaragoza oder leiten ganz einfach ihr Wochenende ein und beginnen, sich zu betrinken. Andere, die Bauern aus der Umgebung, aus den Dörfern des aragonesischen Hochlands, beschließen ihren Stadtaufenthalt mit der zweiten Vorstellung im El Plata, bevor sie wieder aus der Hauptstadt aufs Land zurückfahren. Heute ist der Saal erst halb besetzt. Bauern sind da, viele mit ihren Frauen. Ein paar junge Soldaten, lärmende Gymnasiasten, schwarz gekleidete Studenten. Eigentlich das typische Publikum, nur weniger als an anderen Samstagen. Das Dreimannorchester hat sich um Punkt drei an die Instrumente gesetzt: Klavier, Schlagzeug, Saxophon. Sie sitzen im Hintergrund der kleinen Bühne, deren Rückwand mit einer Fototapete bespannt ist, auf der an einem tropischen Strand die Sonne untergeht. An den runden Säulen sind viele der Spiegelfragmente erblindet, die meisten davon abgefallen. Im Laufe der Jahre. Die Gäste sitzen an schmalen rechteckigen Kaffeehaustischen mit schwarzen Metallbeinen und weißen Marmorplatten. Das El Plata ist in den dreißiger Jahren zum letzten Mal renoviert worden, die Fototapete seitdem die einzige Erneuerung, sie stammt aus den frühen siebziger Jahren. Es ist nicht warm im El Plata, draußen regnet es, und der Klavierspieler, der mit einem angewiderten Blick ins Publikum schaut, hat sich über seinen weinroten Pullover mit V-Ausschnitt, unter dem er ein beiges Hemd mit grau gemusterter Polyesterkrawatte trägt, eine dunkelbraune Strickjacke gezogen, deren linker Ellbogen durchgescheuert ist, während auf dem rechten ein mit säuberlichen Stichen angenähter silbergrauer Lederflicken sitzt. Im Mund hält er einen Zahnstocher, den er sicher !
von Mund
winkel zu Mundwinkel balanciert und zwischendurch auch zum Reinigen seiner Fingernägel - es gab Paella, und Gambareste sitzen ihm unter den Nägeln - und zum Kratzen seines Ohrkanals verwendet. Der Mann ist Mitte Fünfzig. Der Schlagzeuger hat vergessen seine Filzpantoffeln aus und die Schuhe anzuziehen. Der Saxophonist gähnt und zeigt braune Zahnstummel. Die Kellner stehen gelangweilt in ihren Kellnerjacken an der langen Bar vorn, rechts neben dem Eingang. Da tritt der Pianist mit dem Fuß auf den Boden und ruft 'dos, tres, cuatro', und sie beginnen einen blechernen Paso Doble. Zwischen den Einsätzen gähnt der Saxophonist, der Schlagzeuger, die Hände mit den Schlagstöcken überkreuz haltend, holt sich schnalzend die letzten Gambareste aus den Zähnen. Das Publikum schaut nicht hin, denn wegen der Musik sind sie nicht gekommen. Die Soldaten verzehren fast nichts, sie werden sich während der gesamten Vorstellung an einem Carajillo festhalten, die Gymnasiasten haben sowieso kein Geld und trinken Bier, weil das am billigsten ist. Nur der eine oder andere Bauer tappt mit dem Fuß oder mit der Hand den lieblos gespielten Rhythmus mit, holt, wenn er ihn braucht, großkotzig einen Kellner in spacker Jacke heran und bestellt für seine Frau einen süßen Vino Rancio, oder einen anderen Dessertwein, weil Frauen so gern Süßes trinken und für sich noch einen Kognak. Die paar Frauen, die da sind, sitzen mit frisch gefärbten und dauergewellten Haaren, mit der Tasche auf dem Schoß und den darauf gefalteten Händen da und tun aufgeregt, obwohl sie sich langweilen und nur ihren Männern zuliebe, die ihnen hier die große Welt zeigen, mitgekommen sind. Lieber säßen sie in einem der prächtigen Cafés der Stadt und nicht in diesem zugigen Loch, wo, wenn die Tür zu den Toiletten sich öffnet, alte Urinschwaden wabern, dass sie sich das mit Kölnisch Wasser getränkte Taschentuch vor die Nase pressen müssen.
Scheiß Regen. Nichts los. Flucht Marie Sol und trinkt den Rest Kognak aus ihrer Kaffeetasse, bevor sie durch den Vorhang auf die Bühne tritt. Den enormen Busen hat sie in einen zu kleinen und engen Bolero gepresst, die schwarze Netzstrumpfhose ist ihr in der Matineevorstellung kaputtgegangen, und am rechten Oberschenkel ist das Loch nur notdürftig geflickt, der kurze Gauchorock reicht ihr gerade über den gewaltigen Hintern, der sich unter den gegebenen Bedingungen in ein ehrfurchtgebietendes Gesäß verwandelt, und auf dem Kopf trägt sie einen runden roten mit Goldschnüren bestickten Mexikanerhut von einem Meter Durchmesser. Wie sie wankend so dasteht, denn sie hat zum Mittagessen zu viel getrunken, läuft sie nach unten zu einem dreieckigen Keil zusammen, der in spitzen, roten Lackschuhen mit über zehn Zentimeter hohen Absätzen ausläuft. Die Schuhe sind so eng und klein und pressen ihre fetten Füße derart zusammen, dass eine Falte, die jeweils zwischen dem dicken Zeh und dem Zeigezeh beginnt, sich bis hoch zu ihrem Spann über den Fuß zieht. Der Applaus ist lau. Und statt, wie gewöhnlich, die Ansagen zu machen, die Gäste willkommen zu heißen und die Musiker vorzustellen, beginnt sie sofort mit einem Bolero von Antonio Machin. Da ihr Einsatz für das Orchester, das an eine andere Routine gewöhnt ist, überraschend kommt, brauchen die drei einige Takte, um sich zusammenzuspielen, und dem Gesang die korrekte Musik zu unterlegen. Marie Sol singt: „Ich habe keinen Vater. Ich habe keine Mutter. Habe niemanden, der mich liebt. Meine Mutter starb im Kindbett. Den Vater habe ich nie gekannt. Ich habe keinen Vater. Ich habe keine Mutter. Habe niemanden, der mich liebt." Und während sie den letzten Teil des Refrains singt, macht sie einen dicken runden Schmollmund und tut so, als wischte sie sich eine Kullerträne aus dem Auge. Da ruft einer der Bauern: Mach dir nichts draus, Süße, ich bin ja da! Und seine Frau stupst ihn unter dem Tisch an, hält sich im gespielten Aufruhr das mit Kölnisch Wasser getränkte Taschentuch vo!
r den Mu
nd und prustet über die Weltgewandtheit ihres Mannes. Der schreit laut nach dem Kellner und bestellt einen neuen Kognak, nachdem ihm Marie Sol eine Kusshand geblitzt und über das knackende Mikrophon zum Takt der Musik gesagt hat: Danke, mein Hübscher! Die Gymnasiasten johlen. Sie sitzen an den der Bühne am nächsten gelegenen Tischen und einige versuchen Marie Sol unter den Rock zu schauen. Das bemerkt sie und mit einem Fuß das Mikrokabel wegtretend, damit sie nicht darüber stolpert, beugt sie sich mit gerade durchgedrückten Beinen mit dem Oberkörper nach vorn, damit der Rock sich vorn anlegt, während er gleichzeitig hinten absteht, lacht verwegen anzüglich und dreht sich dann in eben dieser Haltung mit über den Boden trippelnden Schritten um und zeigt dem Publikum ihre Hinterseite, was den Soldaten Pfiffe entreißt, die Gymnasiasten befeuert, die Frauen der Bauern in affektiertem Entsetzen auf den Boden blicken lässt, was dazu führt, dass ihre Männer, die sich über den Schnurrbart streichen, als es geschieht, sie beruhigen. Denn so ist es immerhin in der Welt. Marie Sol singt: „Aber das schlimmste ist, keine Mutter zu haben. Was für ein bemitleidendes erbärmliches Wesen ich doch bin." Tanzt wacklige Schritte, soweit ihre Schuhe es zulassen. Dann Ende. Kusshände. Verbeugungen. Applaus. Noch lau. Abgang. Der Barmann spült Gläser. Der Saxophonist gähnt, denn der Pianist spielt eine kleine Soloeinlage. Die Bauern zwinkern sich untereinander zu und verziehen ihre Gesichter mit genießerisch angehobenen Brauen: Gut, dass wir hier sind! Da teilt sich der Vorhang, und die schwarzhaarige Marie Bel tritt auf. Schwarzes enges hochgeschlossenes Satinkleid. Schlitze bis zu den Hüftknochen. Leuchtend schieben sich weiße fleischige Schenkel daraus hervor. Schwarze Stöckelschuhe. Lack. Sie schwingt das Haar durch die Luft, fasst das Mikrophon auf eine Weise, die nur eine Assoziation zulässt, was die Soldaten zum Pfeifen und die Gymnasiasten zum Brüllen bringt, und die Bauern beruhigen ihre Frauen: Schau einfach nicht hin!!
In das
Pianosolo hinein stellt Marie Bel nun das Orchester vor, und als der Schlagzeuger vorgestellt wird, hämmert er einen kleinen Wirbel, der mit einem Trommeltusch auf dem Becken endet. Der Saxophonspieler gähnt, und der Pianist nickt seinen Noten zu. Dann singt Marie Bel: „Heute nacht sprach ich mit dem Mond und erzählte ihm mein Leid." Ein Schenkel mit gesprenkelten Linien blauer Adern schiebt sich vor. „Der Mond gestand mir, dass er sich nie verliebte, immer allein war und nichts weiter tat, als am Meer zu weinen." Schlagzeugsoloeinlage. Tanzschritte mit imaginärem Partner mit erhobenen Tanzarmen, und dazu dreht sich Marie Bel um und zeigt ein Dekolleté, dass ihren Rücken bis hinab zu ihren kugelrunden Hinterbacken zeigt, und die Spalte zwischen den Kugeln blinkt dunkel und verführerisch. Pfiffe. Johlen. Rufe: Süße! Meine Schöne! Was für ein Arsch! Neue Gäste sind gekommen, und Kellner bahnen sich ihren Weg durch die Tischreihen, tragen volle Tabletts. Applaus. Abgang. Marie Sol nimmt das Mikrophon aus Marie Bels Hand und kommt gleich auf die Bühne gestürmt. Das kann sie jetzt, denn sie trägt flachere Schuhe, dazu einen Badeanzug mit grünblauen Pailletten besetzt, die einen Funkenregen über die Bühne sprühen. Rote Netzstrümpfe: „Was stört es dich, wenn ich trinke? Was stört es dich, wenn ich verkomme? Da du mich ja nicht mehr liebst!" Traurige Lieder und die Bauersfrauen wippen nach dem zweiten Dessertwein mit den Füßen oder wiegen den Kopf hin und her. „Vergiss mich! Vergiss meinen großen Schmerz! Ja, das Trinken schadet mir, aber meine unerfüllte Liebe zu dir, fügt mir größeren Schaden zu." An der Tür gibt es eine kleine Rangelei, weil ein Kellner ein paar Kinder verscheucht, die sich an der Barriere vorbei bis ins Innere geschlichen haben. Alter Hurenbock! Schreit einer der Kleinen. Morgen schmeißen wir dir die Scheiben ein!
Wenn das die Jugend von heute ist, sagt einer der Bauern, der weit hinten in der Nähe der Tür sitzt zum Kellner, der sein Glas erneut mit Fundador füllt, dann will ich nichts davon wissen!
Sind alles nur die Sozialisten schuld. Scheiß drauf!, sagt der Kellner und schüttet ein.
Genau was ich immer zur Frau hier sage! Macht der Bauer. Dann zu seiner Frau: Nicht? Und die nickt. Jawohl, mein Herr! So kann aus Spanien nichts werden. Nichts! Sag ich! „Ich muss dich vergessen, dich aus meinem Leben drängen, mir die Seele zerreißen. Oh, der furchtbare Schmerz!" Dazu lacht Marie Sol und wirft Kusshände und Fluten von Pailettensprenklern ins Publikum.
Die Zeit vergeht während der zweiten Vorstellung des Tages, und das Geschäft läuft doch noch, denn es kommen mehr Menschen. Marie Bel singt in einem Tigerkostüm mit Peitsche, was den Saal zum Brodeln bringt. Der Pianist zieht sich zwischen zwei Auftritten seine Strickjacke aus, denn ihm ist durch das Spiel warm geworden. Der Saxophonist gähnt nicht mehr. Der Schlagzeuger hat bemerkt, dass er noch seine Pantoffeln trägt, für einen kurzen Moment erwogen, nach hinten zu gehen, um sie gegen seine Schuhe auszutauschen, den Gedanken aber verworfen. Marie Sol hat den Rest der Flasche ausgetrunken und betritt noch vor vier in einem Kostüm die Bühne, das eigentlich nur für die letzte, die Nachtvorstellung vorgesehen ist: Um den Hals ein Band, von dem etwa dreißig vielleicht zehn Zentimeter breite und bis zu den Knien hinabreichende Stoffstreifen in blassen Pastelltönen hängen und um die Hüfte unter den losen Stoffstreifen eine Schnur, an der grellbunte Ballons verschiedener Form - längliche, runde, ovale - als eine Art von Lendenschurz befestigt sind. Hochhackige Schuhe. Die blond gefärbten zum Ansatz hin dunkel werdenden Haare wild auftoupiert, den Mund verwegen geschminkt, in der Hand einen riesigen mindestens siebzig Zentimeter langen giftgrünen Plastikkamm mit fünfzehn Zentimeter langen Zähnen. Die Soldaten trampeln mit den Füßen und lassen eine Rakete steigen, die Gymnasiasten werden ganz still, als sie bemerken, dass das Marie Sols einzige Bekleidung ist, die Bauersfrauen können nach dem dritten Wein einfach darüber lachen, die Bauern klopfen sich auf die Bäuche und machen eindeutig anzügliche Gesten. „Lass mich deine Nahrung sein. Lass mich durch alle Poren deines Körpers in dich eindringen und dich ernähren. Mit den Augen sollst du mich verschlingen."
Darüber muss geredet werden! Schreit aufgebracht der Barmann. So geht das nicht! Nachher kommen wieder die Bullen, und wir kriegen Schwierigkeiten. DAS ist nur für nachts, DAS hat tagsüber keinen Platz hier. Dass die das nicht kapiert! Und der Kellner mit dem er spricht, macht eine Geste mit der rechten Hand, spreizt aus der Faust den Daumen und den kleinen Finger ab und weit auseinander und mit dem Daumen auf seinen Mund zeigend, deutet er an, dass sie zu viel trinkt.
Und das kommt auch noch dazu! Krakeelt der Barmann. Von mir kriegt sie nichts mehr.
„Durch alle Öffnungen deines Körpers dränge ich, dein Nektar, deine Verpflegung." Dazu Rumbaschritte. Gellende Pfiffe aus dem Publikum. Pianosolo. Da zückt Marie Sol einige lange Nadeln mit bunten Plastikköpfen, beugt sich hinab zu den Gästen, und ein Student, ein Gymnasiast, dessen Freunde ihm sofort zuklatschen, ihm auf die Schulter hauen: Mensch, Macho, das machst du! brüllen, ein Bauer, dessen Frau hinter vorgehaltener Hand mit dem Kopf schüttelt und durch zusammengepresste Finger: Skandal! ruft, ein Soldat, der sich nicht recht traut und mit rotem Gesicht die Nadel in Empfang nimmt, was Marie Sol bemerkt und ihm eine Extrakusshand bläst, was ihn noch mehr erröten lässt.
Helft ihr mir? Ruft Marie Sol mit lispeliger Babystimme durchs fiepende Mikrophon und geht fragend ein wenig in die Hocke. Na, wenn die Esels nicht tun, mach ich's! Schreit ein Bauer, der im Hintergrund allein an einem Tisch sitzt. „Und entschuldige, wenn ich dir..." sie hat dem Publikum den Rücken zugewandt und tänzelt verwegen an der Kante der Bühne entlang und wirft schmelzende Blicke über ihre Schulter. „...bei all dem deine Unschuld stehle. Meine Liebe soll dich füttern. In deiner Brust will ich ruhn." Sie stippt den Po vor, und der Soldat pikst auf ihr Handzeichen mit der Nadel in einen der Ballons, der mit einem Knall zerplatzt. UNO! Brüllen die Gymnasiasten und Studenten. DOS! Als der Bauer zusticht. TRES! Jetzt fast der gesamte Saal bis auf die Bauersfrauen. CUATRO! Das war der Gymnasiast. „Lass mich deine Nahrung sein. Lass mich durch alle Poren deines Körpers dringen, mit meiner Liebe dich durchdringen. Dich um den Verstand bringen." CINCO! Und dann bis zehn und von der Schnur um die Hüfte hängen nur noch schlaffe Gummiehülsen herab, jetzt öffnet sich bei jedem Schritt der Vorhang aus Stoffstreifen.
Macht mal die Tür auf, dass Durchzug kommt! Schreit einer der Soldaten.
Orchestereinlage und Marie Sol tanzt und sorgt mit den Händen für Durchzug. Greift sich dann den Kamm vom Klavier, und die im Publikum, die es schon kennen, stoßen die anderen an und sagen, sie sollen aufpassen, was jetzt kommt, und freuen sich und lachen und reiben sich die Hände.
Eins muss man der alten Bestie lassen, sagt der Barmann, Stimmung kann sie machen.
Und Umsatz auch! Schreit der Kellner zurück und rennt mit vollem Tablett davon.
Vor dem Tisch der Gymnasiasten geht Marie Sol in die Hocke, dass sich die Jungen auf die Handknöchel beißen, und sie sucht sich einen aus und lockt ihn mit spitzem sich windendem Zeigefinger zu sich her. Der schmale Kerl steht zögernd auf, nachdem er sich umgesehen hat, um sicherzustellen, dass wirklich er gemeint ist, während seine Freunde ihn anspornen und ermutigen. Die Leute klatschen Beifall, das Orchester spielt verhalten ein Lied von Luz Casals. Marie Sol lässt nicht locker, und so geht er zu ihr an die Bühne. Zwischendurch trällert sie den Text mit leiser Stimme mit: „Wenn du leidest, denk an mich. Wenn du dich vor Schmerz verzehrst, dann denk an mich. Und wenn du mir das Leben nehmen willst, so denk an mich! Es war dein kindlicher Mund, der mich zu sündigen lehrte. Denk an mich." Nein, mein Hübscher, ruft sie, herauf mit dir, komm, komm schon! Zu mir! Und dreht sich, dass die Stoffstreifen fliegen und wirklich kein Zweifel daran besteht, dass Marie Sol darunter nichts weiter trägt, denn die Schnur mit den geplatzten Ballons hat sie noch während der letzten Takte ihres vorigen Lieds abgebunden. Und der Gymnasiast steckt die Hände zuerst in die Taschen, dass nur noch die Daumen vorschauen, dann zieht er sie hervor und verschränkt sie vor der Brust, die Hände hoch oben in den Achselhöhlen, dann lässt er sie baumeln. Komm, komm mein Süßer! Lockt Marie Sol ins Mikrophon, und das Publikum und nicht den Jungen auf der Bühne anschauend, fragt sie: Hast du denn schon mal ein kleines Kaninchen gekämmt? Und jeder im Saal, auch die Bauersfrauen, wissen, was ein kleines Kaninchen ist, und sie pfeifen und toben. Kleines Kaninchen, dass glaubst du doch selber nicht! Schreit einer quer durch den Saal. Ein ausgewachsenes Karnickel ist das! Und die Bauern klopfen sich auf Knie und Bäuche. Marie Sol winkt ab und sagt: Wenn ich mir dich so ankucke, und stemmt die Hände in die Hüften, dann ... und winkt ab. Singt dafür den Refrain besonders laut und zeigt mit dem Finger in dessen Richtung: „Und wenn DU DIR das Leben!
nehmen
willst, dann denk an mich!" Und schießt ihm einen spitzen, zuvor mit aufgeworfenen Lippen an der Kuppe befeuchteten Mittelfinger. Bewundernde Pfiffe gellen, sie gibt dem Jungen den Kamm, und das Publikum ist sofort wieder auf ihre Seite geschwenkt und lacht, aber der Junge weiß nicht genau, wie er ihn halten soll und schaut hilfesuchend seine Kollegen an, die ihn aber nur anstacheln, denn sie sind alle froh, dass sie nicht sind, wo er jetzt steht. Na komm, mein Süßer! Marie Sol wirft den Kopf in den Nacken, dass die Haare fliegen und zupft die Streifen wie einen Vorhang zu beiden Seiten weg, schiebt zur Musik sich wiegend ihre Hüften vor, und das rosige Fleisch schimmert üppig. Na los, mein Hübscher, dann kämm mal dein erstes Kaninchen! Und mit hochrotem Kopf streicht der Gymnasiast zittrig, dabei den überdimensionalen Kamm mit beiden Händen haltend, über ihre Scham. Und Marie Sol kneift dem Publikum ein übertriebenes Auge und reißt gleichzeitig mit dem Zusammenkneifen einen Mundwinkel schräg auf. Ganz still ist es geworden, nur der Schlagzeuger rührt mit den Besen einen zarten Wirbel und von Santa Pilar unten am Ebro, dröhnen die schweren Glocken viermal bis in den Tubo, bis ins El Plata. Und Marie Sol schreit: Genug! Küsst den verdutzten Jungen auf beide Wangen und schiebt in mild weg, nachdem sie ihm den Kamm aus den Händen genommen hat und schreit, dass das Mikrophon pfeift, denn sie hat sich ihm zu sehr genähert: Im El Plata! Im Tubo! In Zaragoza! An jedem Samstagnachmittag! In den brausenden Applaus hinein.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2008.
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von Herbert Genzmer
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