Andre Aengels

Um Mitternacht auf dem Friedhof

 
[b]1[/b]
Die Nacht war hereingebrochen, und die ganze Stadt lag im ewigen schwarz der Göttin der Dunkelheit. Geräusche waren um diese Zeit nicht zu vernehmen, und wenn es doch einmal passierte, dann stammten sie von einer Eule oder vom Flügelschlagen eines anderen Vogels der nach seinem Mitternachtsimbiss ausschau hielt. Die Stadt „Lage” war an und für sich ein ruhiges und fast bescheidenes Dörfchen, wenn auch der Ausdruck Dorf auf Lage nicht unbedingt zutraf. Aber die Atmosphäre die Lage ausströmte war, weder die einer großen Stadt wie Bielefeld, noch von einer Stadt wie Detmold, welche sehr viel mehr möglichkeiten im Bezug auf Arbeit und kulturelle Aspekte besaßen. Der Zentralfriedhof von Lage, der fast an der Grenze zur nächsten Stadt lag, lag ebenfalls im dunkeln. Da die einzige Beleuchtung die der Friedhof vorzuweisen hatte, weiter oben auf einer Anhöhe zu finden war, und sowieso nicht sehr viel Licht spendete. Doch so dunkel, das man nicht einmal mehr seine eigene Hand vor Augen sehen konnte, war es nicht. Es war eher so, als ob man in den Keller eines Mehrfamilienhauses gehen, und sich nach einer Weile an das Dunkel gewöhnen würde. Der Friedhof war, da es fast Mitternacht schlug, nicht besucht von irgendwelchen Angehörigen die nach den verstorbenen Überresten ihrer Umtrauerten schauten, und hin und wieder mal das Grab säuberten, oder neue Blumen einpflanzten. Weshalb das ganze Gelände, welches schätzungsweise mehr als zweihundert Quadratmeter umfaßte, in absoluter Totenstille verharrte. Doch trotz der inzwischen schlafenden Stadt und ihrer Bewohner gab es immer noch eine Person, die anscheinend nicht ruhen konnte. Diese Person, welche im Augenblick nur als Silhouette zu erkennen war, ging gemäßigten Schrittes auf einen der Eingänge des Zentralfriedhofes zu; blieb einen kurzen Augenblick vor dem Eingang stehen und schaute sich um. Vom Wissen: Ihm war niemand gefolgt, und auch sonst war niemand in näherer Umgebung zu sehen, konnte er nun weitergehen. Das eiserne kleine Tor, welches selbst um diese Zeit noch weit offen stand, passierte er ohne Schwierigkeiten, eventuellen Lärm zu verursachen, und ging den gepflasterten Weg links entlang. Nach einigen etwas schnelleren Schritten und mehrfachem umsehen, kam er auf eine Bank zu, die unbeteiligt am Wegesrand stand. Kurz entschlossen setzte er sich auf sie, kramte in seiner Jackentasche nach Zigaretten und zündete sich daraufhin eine Zigarette an. Bei der Silhouetteartigen Gestalt handelte es sich um Franz Körner. Ein junger, fast jugendlich wirkender zweiundzwanzigjähriger, der seit mehr als zwei Jahren arbeitslos war, und von vornherein keine besonders guten Chancen auf einen Arbeitsplatz besaß. Da er Sonderschüler mit den schlechtesten Noten der ganzen Friedrich-Gohlem-Schule war. Und obendrein wollte er, wenn er überhaupt Arbeit finden würde, dann nur einen Arbeitsplatz haben, der seinem Können entsprach. Doch durch seine mehr als miesen Noten hatte er wie schon erwähnt fast keine Chance auf einen Job als Bürogehilfe oder ähnliches. "Mein Gott, wie makaber !", sagte Franz leise und gedankenverloren vor sich hin, während er sich seinen nächsten Schritt überlegte. Franz hatte einen ganz bestimmten Grund, um bei dieser Nachtschlafenden Zeit auf einem nicht besuchten Friedhof herum zu wandeln. Nicht das er einer von diesen Spinnern währe, die sich Nachts auf einen Friedhof einen kleinen Scherz erlaubten und auf eines der Gräber irgendwelche Graffiti sprühen würden. Er war auch keiner von diesen Gruselgestalten die sich Nachts um ein Grab versammelten, und alte magische Sprüche aus einer Hexenfibel vorlasen, und hofften, das sich aus dem Grab die verstorbene Person erhob. Franz Körner war weder abnormal veranlagt, noch hatte er große Lust sich für, wie er sagen würde: "...solch einen Schwachsinn seine kostbare Zeit zur verfügung zu stellen !" Doch sein spezieller Grund, sich auf einen Friedhof zu trauen, und dann auch noch um diese Zeit - es war gerade zwölf Minuten vor Mitternacht, wie er mit einem Blick auf seine beleuchtete Armbanduhr feststellte -,sollte vorerst im dunkel seines Geistes verborgen bleiben. Kurz bevor Franz' zweite Zigarette bis auf die Schrift runtergebrannt war, setzte er sich auf, und begann wahllos die zahllosen kleinen Gehwege entlang zu schlendern. Er hatte es nicht im geringsten eilig. Die Gräber, an denen er vorbei ging, waren alle ausnahmslos in einem gepflegten Zustand und vermittelten nicht den Eindruck als ob es niemanden gäbe der sich ab und zu mit jenen Gräbern beschäftigte. Auf eines der Gräber hatte man sogar ein kleines Muster gemeißelt, welches stark an eine schwarze Rose erinnerte. Bei näherem hinsehen aber erkannte Franz, das es sich eher um einen schwungvoll eingravierten Totenschädel handelte. Die Person, die die Grabsteine herstellte, wollte wohl seine ganz persönliche Note zur Grabsteinaufbesserung beitragen, dachte Franz. Die folgenden Gräber in den nächsten Gängen waren eher belanglos und fast langweilig. Weshalb Franz sich gar nicht erst vor eines dieser Gräber stellte um sie sich besser ansehen zu können. Vor ihm lag ein etwas größerer Bereich, der zu vier anderen Richtungen, mit jeweils einer Grabreihe pro Seite, zeigte. (Also so etwas wie eine Kreuzung) Fast in der Mitte dieses Bereichs stand ein riesiger schattiger Baum, der in der jetzigen Beleuchtung fast wie ein Gespenst mit hunderten von Armen wirkte. Neben dem 'Gespensterbaum', wie ihn Franz sofort taufte, stand groß und breit ein, aus Eisen bestehender Abfallkorb in dessen innerem sich ein großer Haufen toter Pflanzen befand. Zu seiner rechten befand sich ein, in die Erde eingebauter Wasserhahn, mit einem leicht lädierten Kopf. Franz dachte für ein paar Sekunden, er müsste ausprobieren, ob immer noch Wasser daraus hervorkommen würde. Doch das lies er dann doch bleiben und schlenderte weiter geradeaus, direkt auf den 'Gespensterbaum' zu. Kurz nachdem Franz am Baum vorbeigegangen war, und überlegte ob er sich jetzt einen geeigneten Platz für sein Vorhaben aussuchen sollte, da wurde er plötzlich aus dem Hinterhalt angegriffen, und zu Boden geworfen. Für kurze Zeit benommen und äußerst verwirrt, blieb er erst einmal liegen, und stieß seinen Angreifer mit einem seiner Füße weg, was auch auf anhieb klappte. Das sofortige abtauchen der dunklen Gestalt vor Franz, und ein schmerzhafter verkrampfter Laut, ließen ihm genügend Zeit um wieder auf die Beine zu kommen. Etwas torkelig, und noch nicht ganz Geistig wieder da, griff sich Franz erst einmal an die Wirbelsäule, welche durch den plötzlichen Angriff ziemlich schmerzte. "Verdammt, was soll das, man ? Bin ich etwa ein Trampolin ?", fragte er wütend. Die schemenhafte Gestalt, die mit jeder zehnten Sekunde mehr an Deutlichkeit gewann, und somit für Franz besser zu sehen war, kam langsam, sich den Bauch mit einem Arm stützend, mit leichtem Stöhnen wieder hoch. "Tut mir leid, aua... Ich dachte du wärst jemand anderes", entschuldigte sich die Gestalt, die nun die Form eines, etwa einen Meter vierundsiebzig großen Jungen annahm. "Naja... Jetzt wo du weißt, das ich, ich bin, und nicht jemand anderes, kannst du ja aufhören mich als Trampolin zu sehen. Ach übrigens... Es tut mir leid, wenn ich ein wenig arg zugetreten habe. Ich konnte nicht sehen wohin ich ziele." "Macht nichts, macht nichts. Ist schon o.k. ! Ich heiße übrigens Hannes, Hannes Bertramm", stellte sich Hannes vor und reichte Franz die Hand. "Und ich bin Franz Körner, angenehm !" Beide schüttelten sich die Hände. Übrigens, was machst du eigentlich um diese Zeit auf dem Friedhof hier ?", fragte Franz erstaunt, weil er sich nicht erklären konnte was ein normaler Mensch ausgerechnet hier um Mitternacht zu suchen hatte. "Das gleiche könnte ich dich fragen", gab Hannes postwendend zurück. "Ich will mich umbringen, wenn du nichts dagegen hast !", gab Franz knapp zurück. "Aha ! Na gut, wie du willst. Also ich für meinen Teil habe eine Wette verlohren, und muß nun solange hier ausharren bis ich mir entweder vor Angst in die Hose mache, oder bis einer meiner Freunde kommt und sagt das ich wieder nach Hause gehen kann." Franz war nicht ganz klar warum Hannes ihn dann von hinten angesprungen war, anstatt zuerst nachzufragen wer er war. Doch diese Frage wollte er erstmal nicht stellen. Statt dessen hielt er es für besser zunächst eine Schweigeminute einzulegen und gar nichts zu fragen. Hannes schien das bemerkt zu haben, denn als er das nachdenkliche Gesicht von Franz sah, fragte er: "Wieso willst du dich eigentlich umbringen ?"
[b]2[/b]
"...und das ist dann der ganze Grund, warum ich zum Entschluß kam, mich umzubringen !" Als Franz mit seiner Geschichte fertig war, und bemerkte, daß er Hannes in den letzten zwanzig Minuten mehr über sich und sein mieses Leben erzählt hatte als seiner eigenen Mutter, mußte er unwillkürlich anfangen zu lachen. "Warum lachst du ?", fragte Hannes verblüfft. Er konnte nicht ganz verstehen, warum Franz in solch einer miesen Lage mit solch einem miesen Lebenslauf auch noch lachen konnte. "Entschuldige,", sagte Franz lachend, "aber mir ist gerade klar geworden, das ich dir mehr über mein Leben erzählt habe, als meiner eigenen Mutter." "Und was ist bitte daran so komisch ?", fragte Hannes noch verblüffter, weil er der Ansicht war, die Pointe des ganzen nicht verstanden zu haben. "Ach... Eigentlich gar nichts !" Franz war plötzlich wieder ernst geworden. "Ach so", lächelte Hannes flüchtig, und hörte gleich darauf wieder auf mit lächeln. Es entstand eine fast beängstigende Pause zwischen beiden, die sich mehrere Minuten hinzog. Und wahrscheinlich hätte sich diese Pause noch länger hingezogen, wenn nicht plötzlich aus mehreren Richtungen gleichzeitig Geräusche zu hören gewesen währen. Diese Geräusche waren dumpf; fast schon grollend und hielten mehrere Sekunden an. So als ob in einiger Entfernung ein Werwolf auf der Lauer liegen, und gleich angreifen würde. "Was war das ?", schreckte Hannes hoch, und schaute wild um sich. Franz, der nicht so schnell erschrak, und schon einige Geräusche dieser Art gehört hatte, sagte ruhig: "Wahrscheinlich ist das der Vorausläufer eines Gewitters. Keine Angst ! Das schlimmste was uns passieren kann ist, das wir nass werden !" Durch diese professionell wirkende Diagnose dieses Geräusches von Franz wurde er etwas ruhiger, war aber noch lange nicht überzeugt. Hannes setzte sich langsam wieder. Kurz darauf kam wieder dieses dumpfe Grollen, doch dieses mal vereinzelt, und ganz eindeutig aus etwa vier Metern Entfernung. "So so !", wurde Hannes nervös, "Entweder hat sich das Wetter gedacht: >Hhm, wie wär's wenn wir mal von der Erde aus unser Unwetter starten ?<, oder, was ich jetzt eher glaube: Wir sitzen tief in der Scheiße." Kerzengerade stand Hannes nun vor Franz auf den Pflastersteinen, und schaute nervös in sämtliche Richtungen. "Tja... ääh... Vielleicht sollten wir uns schleunigst ein wenig von unserer Position weg bewegen, oder was meinst du ?", fragte Franz der nun ebenfalls ein wenig nervös wurde. "Gute Idee !", pflichtete ihm Hannes bei, und begann zu rennen. Franz hatte ein wenig Mühe, mit der plötzlichen Spontanität von Hannes Schritt zu halten. Doch schließlich schaffte er es nach einigen Metern ihn einzuholen. Unglücklicher Weise waren beide weiter in den Friedhof hineingerannt, anstatt gleich einen der Ausgänge zu suchen. Weshalb beide nach etwa vierhundert Metern aufhörten zu laufen, und sich zunächst eine Verschnaufpause gönnten. Völlig außer Atem, von Seitenstichen geplagt, fragte Franz als erster: "Sind wir ihn... ich meine, es... oder was immer sie auch ist, los ?" Hannes schaute sich um. "Ich schätze schon." Doch so ganz konnte er sich nicht glauben. An einem der umliegenden Grabsteine gelehnt, schnappte auch Hannes ein wenig nach Luft. Während sich Franz hinhockte, und hoffte, auf diese Weise aus dem Blickwinkel des Verfolgers zu verschwinden. Es half jedoch nichts. Kaum hatten sich beide ein wenig erholt, hörten sie auch schon wieder dieses Geräusch. Ängstlich fragte Hannes ohne sich umzudrehen: "Ist er schon wieder da ?" Franz, der ein wenig mehr Mut besaß, und eigentlich sowieso nichts zu verlieren hatte, drehte sich vorsichtig in die Richtung, aus der er vermutete das von dort das Geräusch kam. "Und ? Siehst du ihn oder es ?", fragte Hannes nach, der die Angst in seiner Stimme nicht mehr verbergen konnte. Flaches Atmen, seitens Franz, der, wie Hannes aus den Augenwinkeln sehen konnte, sich keinen Millimeter rührte, verriet ihm, das auch er plötzlich von einer fast übermächtigen Angst befallen war. "Heilige Mutter Gottes... Ich bin zwar nicht gläubig, aber... Mein Gott !..." "Was siehst du ?", fragte Hannes erneut, ohne sich rühren zu können. So etwas wie das, was er da gerade anstarrte, war ihm in seinem bisherigen Leben noch nie untergekommen. Es war so unglaublich, das er vor Angst kaum sprechen konnte. Weshalb er zuerst nur sinnloses Zeug brabbelte, bevor er seine Angst, das auszusprechen was er bereits auf der Zunge hatte, überwand. "Mein Gott !", wiederholte er, "Ich schaue gerade einem echten, lebendigen Zombie in die Blutunterlaufenen Augen !" Franz war nie für die üblichen Schauermärchen, die man sich für gewöhnlich am Lagerfeuer erzählte, zu haben. Da er von Natur aus ein recht bodenständiger Mensch war, und auch sonst keinen einzigen Horrorfilm für bare Münze nahm. Viel weniger noch, hätte er einem Menschen geglaubt, der ihm unter Einsatz seines Lebens geschworen hätte, einen waschechten Untoten im Park oder sonstwo herumspazieren sehen. Doch diese Situation in der Franz jetzt steckte, war realer als so mancher Film über das Paarungsverhalten von Affen im Dschungel. "Bitte sag' mir, daß das nur ein grausamer Scherz ist, o.k. ? Ich bin dir auch nicht böse !", bettelte Hannes, der kurz davor war in Ohnmacht zu fallen. Franz schüttelte benommen den Kopf. "Ooh, mein Gott, hilf mir...", sagte Hannes mehr zu sich selbst und wendete seinen Kopf gen Himmel. Plötzlich setzte sich der, bis dato unbeweglich erscheinende Zombie wieder in Bewegung. Langsam, aber sicher kam er, von einem grollenden Schnaufer begleitet, auf die beiden, am Boden festgewachsenen Jungen zu. Immer näher und näher kam er ihnen, fast bereit beide mit seiner übermenschlichen Kraft in die Arme zu schließen, und sie für immer in sein Totenreich zu entführen. Ganz unerwartet, aber bei weitem nicht früh genug, spürten beide plötzlich einen unwiderstehlichen Drang die Beine zu bewegen, und davon zu laufen. Franz war der erste. Er stieß einen fast gellenden Schrei aus, der seinem Freund Hannes genug Zeit und Mut verschaffte, um selber auch von der Stelle zu kommen. Beide rannten los. Ziellos ! Völlig orientierungslos ! Bloß weg von diesem Zombie ! Und beide schafften es. Dieses mal rannten sie nicht so langsam wie zuvor, und hielten auch nicht eher an, als bis einer von ihnen vor Erschöpfung und schmerzenden Seitenstichen fast umgefallen währe. "Was machen wir jetzt bloß ?", fragte Hannes, der vor Luftknappheit kaum sprechen konnte und deshalb den Satz nicht klar aussprechen konnte. "Keine Ahnung. Oder vielleicht doch... Wir sollten zunächst den Ausgang finden, und dann schnellstens Hilfe holen", schlug Franz vor. "Ja, natürlich. Wenn einer fragt sagen wir einfach: >Wir wurden von einem Untoten Zombie angefallen !<", gab Hannes ironisch zurück. Das leuchtete Franz ein, weshalb er diesen rettenden Gedanken vorerst in seine geistige Schublade für 'Unmögliches' steckte. "Aber was machen wir dann ?" Ratlos wie eh uns je standen beide da, und wussten zunächst nicht, was sie tun sollten. "Sollen wir etwa gegen diese Kreatur kämpfen ?", fragte Franz mehr sich als seinen Leidensgenossen und neuen Freund. "Viel Spaß dabei !", wünschte Hannes, und gab ein leichtes, etwas spöttisches lachen von sich, was in dieser Situation mehr als unangebracht war. "Also komm', ja ? Du sitzt genauso tief in der Scheiße, wie ich. Und ein Ausweg ist vorerst nicht in Sichtweite !" Franz war sauer.
"O.k. o.k. Also... Was machen wir ?"
"Ich habe absolut keine Ahnung !", gab Franz zu.
"Ach du verdammte... Vorsicht, hinter dir !...", schrie Franz plötzlich. Für Hannes war das ganze ein wenig zu schnell gegangen, weshalb er sich nur verdutzt umdrehte, und einen, immer näher kommenden Zombie sah. Franz machte sich bereit zum Blitzstart, was auch Hannes vor hatte. Doch leider stand Hannes ein großer Grabstein im Weg, über welchen er nun sehr unelegant fiel. Franz hatte bereits drei, vier Meter hinter sich gebracht, bremste jedoch abrupt, da er jetzt bemerkte das sein Freund ihm nicht folgte. Er schaute sich um. Hannes lag vor dem Grabstein, über den er gefallen war; der Zombie kam immer näher. Franz wollte ihm zuhilfe eilen, doch es war bereits zu spät. Der Untote hatte ihn schon am Genick gepackt, und zerrte ihn ohne große Mühe ein paar Zentimeter über den Grasboden. Anschließend nahm er ihn mit seiner anderen Hand hoch in die Luft. Wie ein sich windendes Tier baumelte Hannes an dem, zum größten Teil verwehsten Arm. Nicht in der lage sich zu befreien. Gurgelnde Laute drangen aus seiner Kehle, die der Untote fest umklammerte. Hannes war kurz davor zu ersticken ! Franz ging verwirrt, und völlig Planlos hin und her, und schrie: "Hannes ! Hannes, mein Gott... Verdammte Scheiße ! Hannes..." Aber nichts konnte den Untoten dazu bewegen, den fast leblos wirkenden Körper von Hannes wieder frei zu geben. Es war ganz eindeutig klar was dieser wollte: Der Zombie wollte Hannes als Nahrungsquelle missbrauchen, um neue Kraft zu bekommen.
Franz, der immer noch hilflos hin und her tänzelte, wie ein Boxer der kurz davor war seinem Gegner den entscheidenden Schlag zu verpassen, schrie immer wieder den Namen seines Freundes. Es half jedoch nichts. Hannes' Arme hingen nun schlaff und völlig kraftlos an den Seiten runter, während sich die Hand des Untoten immer noch wie ein Schraubstock um seine Kehle schloss. Franz sah, das Hannes nicht mehr atmete, und geriet in Panik ! Er schaute sich hilfesuchend um, nach irgend etwas das er wie eine Waffe benutzen konnte. In der Dunkelheit war es noch viel schwieriger etwas geeignetes zu finden, um dem Freund eine geringfügige Hilfe zu sein. Doch schließlich fand Franz zu seinem erstaunen etwas, das er für sehr geeignet hielt. Es war ein, etwa einen Meter langer eiserner Stab, der im Gebüsch gelegen hatte, und den Franz hastig aufhob. Ein kleines Kind hatte jenen wohl irgendwo gefunden und dann in dem Gebüsch versteckt, damit ihm niemand dieses Spielzeug wegnehmen konnte. Überglücklich schickte Franz ein schnelles Stoßgebet zum Himmel rauf, in der Hoffnung das ihn das Kind - wer immer er oder sie war - hören konnte und wußte das Franz dankbar war. Zu allem entschlossen lief Franz einen großen Bogen um den Zombie herum, blieb wenige Schritte hinter ihm stehen, und hielt kurz inne. Allen Mut zusammen nehmend, noch einen Schritt auf die Rückseite des Untoten zugehend, holte Franz aus. Ein kurzer wütender Schrei ertönte, der den Zombie aufhorchen und ihn umdrehen lies. Danach schnellte die Eisenstange hervor ! Im fahlen Mondlicht sah es für den Bruchteil einer Sekunde so aus, als ob Franz ein blitzendes Schwert in seinen Händen hielt. Ein knackendes Geräusch das darauf folgte, verriet, das der Arm des Zombies brach und zu Boden fiel. Mit ihm auch Hannes. Erneut holte Franz mit seiner Eisenstange aus, nahm noch einmal alle Kraft die er noch zur Verfügung hatte zusammen, und schlug zu. Dieses mal traf er mit ungewöhnlicher Präzision den Hals des Zombies. Die Eisenstange ging glatt durch. Ein weiteres krachen von Knochen war zu hören. Dann fiel der Untote wie ein nasser Mehlsack auf den Boden. Jetzt war er wirklich tot ! Schwer atmend lies Franz die Stange zu Boden fallen, und währe fast selbst vor Kraft- losigkeit auf die kleine Grasfläche gesunken. Doch statt dessen besann er sich wieder, und ging schnell auf Hannes zu, der zum Teil auf Gras und zum Teil auf hartem Pflaster gelandet war. Ohne zu zögern schüttelte Franz ihn, haute ihm eine runter, und begann schließlich mit einer notdürftigen Wiederbelebung. Es brauchte ein wenig Zeit, aber dann kam Hannes wieder zu sich, und hustete sich erstmal frei, um wieder Luft zu bekommen. Er fasste sich an den Hals, da dieser ihm unheimlich weh tat. Er wusste zuerst nicht was passiert war, bis er sich wieder besann, und den Rest des toten Zombiekörpers sah. Nach einer Weile sah er Franz an, doch da ihm der Hals immer noch weh tat konnte er ihm - jedenfalls noch nicht - sagen wie sehr er ihm zu Dank verpflichtet war, das er ihm das Leben gerettet hatte. Statt dessen hielt er Franz seine Hand entgegen und steckte den Daumen steil nach oben. Was Franz signalisierte das alles wieder o.k. war.
[b]3[/b]
Noch bevor sich Hannes ganz erholte hatte, und sich mit Franz auf eine Bank setzen konnte, hörten beide plötzlich ein beifallartiges Geräusch von höchstens zwei Händen das sich offenbar hinter ihnen befand. Anschließend kam aus dem Schatten der hinteren Gräber eine große Gestalt auf beide am Boden befindlichen Jungen zu. Der Schatten lichtete sich, und so konnten beide die Person gut sehen. Es war ein Mann. Schätzungsweise nicht älter als dreißig; gut gebaut, mit einem recht kräftig wirkenden Kreuz. Er war gut einen Meter neunzig groß. An seinem Gürtel hing auf der rechten Seite ein langes, im Mondschein blitzendes Schwert, das von ihm offenbar gut gepflegt wurde, da es sehr scharf aussah. Etwa zwei Schritte vor Hannes und Franz kam er zum stehen, klatsche noch ein paarmal, lies dann seine kräftigen Arme sinken und sagte: "Wirklich beeindruckend, mein Junge ! Wirklich gut ! Du bist tatsächlich geeignet !" Etwas benommen, und sehr überrascht fragte Franz nur: "Wer sind Sie denn ?" Eine leichte Verbeugung angedeutet, antwortete er bereitwillig: "Ich heiße K-1 ! Was selbstverständlich nicht mein richtiger Name ist, sondern eher so etwas wie ein Psydonym. Ich bin Zombiejäger von Beruf, und wurde auf dich angesetzt." Eine winzige Pause entstand, in der sich alle drei ein wenig sammelten. "Gottverdammte Scheiße...", flüsterte Franz halblaut, bevor er sich dem Zombiejäger wieder zuwendete und ihn anschrie: "Wenn sie die ganze Zeit hier in der Nähe waren, warum haben Sie uns dann nicht geholfen ?" K-1 schaute seinen Gegenüber überrascht an, und sagte zu seiner Verteidigung: "Nahja... Das ist nicht ganz einfach, weißt du ? Die Organisation, der ich angehöre, wollte dich prüfen, um zu sehen ob du als Zombiejäger geeignet bist !" Von Franz gestützt, standen Hannes und er vom Boden auf. "Hätten Sie mich nicht einfach fragen können, ob ich Lust habe für ihre Organisation als Zombiejäger zu arbeiten ?", fragte Franz nun in einem normalen aber wütenden Tonfall. "Naja, also so einfach ist das ganze auch wieder nicht ! Ich kann schließlich nicht einfach so auf dich losmarschieren, dir auf die Schulter tätscheln, und dich fragen: >Hey, du, hättest du nicht Lust als Zombiejäger zu arbeiten ?< Nein, das geht nicht ! Wie schon gesagt, die Organisation musste dich in Aktion erleben, um ganz sicher zu sein, das du geeignet bist." "Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche, aber ich habe im Augenblick genug von Zombies ! Ich kann fürs erste keine Zombies mehr sehen, geschweigedenn töten." Franz war zu erschöpft, als daß er es sich überlegt hätte vielleicht doch dieser ominösen 'Organisation' beizutreten. Er wollte zunächst nur eines: Nach Hause gehen, und richtig ausschlafen ! "Na gut, wie du willst", sagte der Zombiejäger, "Aber falls du es dir doch anders überlegst..." Er kramte in der Innentasche seiner Jacke und holte ein rechteckiges Stück Papier hervor. "Hier, meine Karte !" Franz nahm die Visitenkarte entgegen. Dann verabschiedete sich K-1 der Zombiejäger, ging in die Dunkelheit des hinteren Teils des Friedhofes zurück und verschwand. Franz und Hannes hingegen blieben an der Stelle stehen an der sie ihn verabschiedet hatten. Hannes, der sich jetzt zum größten Teil wieder erholt hatte, wandte sich an Franz der ihn immer noch stützte, und fragte: "Wirst du dich bei ihm melden, und den Job annehmen ?" "Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich werd' morgen darüber nachdenken.", meinte Franz etwas abwesend. Beide setzten sich in Richtung Ausgang in Bewegung. "Ist jedenfalls besser als sich umzubringen, oder keine Arbeit zu haben ! Wenn du Zombies jagst, hast du Arbeit, und wenn du dich wieder umbringen willst, brauchst du nur den Zombie zu bitten, dir zu helfen." "Herzlichen dank, Hannes, für deinen Tip ! Ich werd' daran denken, wenn ich wieder einmal einem Zombie begegne !", sagte Franz. Beide fingen an zu lachen. Für Franz war jedoch eines schonmal klar: Umbringen wollte er sich nicht mehr. Und wenn doch, dann bestimmt nie wieder auf einem Friedhof !

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Andre Aengels).
Der Beitrag wurde von Andre Aengels auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.06.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Andre Aengels als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Jesus und das Thomasevangelium: Historischer Roman von Stephan Lill



Einige Tage nach seiner Kreuzigung und Auferstehung trifft sich Jesus mit einigen Jüngern am See Genezareth. Auch Maria von Magdala, die Geliebte von Jesus, beteiligt sich an ihren Gesprächen. Sie diskutieren über die Lehre von Jesus und ihre Erlebnisse der vergangenen Tage. Es ist auch ein Rückblick auf ihre drei gemeinsam verbrachten Jahre.

Der Fischer Ruben und seine Tochter Sarah gesellen sich zu ihnen. Die Jünger befragen Jesus vor allem zu den Lehrsätzen, die später im Thomasevangelium stehen. Gemeinsam erörtern sie die Bedeutung dieser schwer verständlichen Lehrsätze. [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Horror" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Andre Aengels

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Aschenputtel - Wie es wirklich war von Andre Aengels (Satire)
Bohrender Schmerz - Teil 1 von Klaus-D. Heid (Horror)
Olga der Marienkäfer von Matthias Brechler (Romantisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen