Michael Niemann

“Eine kurze Geschichte mit zu langem Titel“ (s. erster Satz)

„Eine kurze Geschichte mit ihrem Ende am Anfang und ihrem Anfang am Ende“ oder „Der Anfang vom Ende des gesunden Menschenverstandes“
 
Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute - was allerdings niemand bestätigen kann. Man weiß nichts von ihm. Aber Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, Ihnen offenbart er sich nun, weil er seit einiger Zeit das Gefühl hat, dass ein immer wiederkehrendes Schwindelgefühl von ihm Besitz ergreift. Sie wollen natürlich wissen, von wem hier die Rede ist, natürlich, das ist absolut verständlich. Aber dieser Mann hat eigentlich keine Identität von Belang, eine ausführliche Vorstellung seiner Person ist wirklich nicht so wichtig für den weiteren Fortgang dieser kurzen Geschichte, die, wie im Titel angekündigt, in der Tat mit ihrem Ende begonnen hat. Woraus sich die Frage ergibt: Wo ist dann ihr Anfang? So ungewöhnlich es ist, verehrte Leserinnen und Leser, und so sehr es von Ihnen abverlangt, sich auf eine völlig neue Sichtweise der Dinge einzustellen: Es gibt für diese Geschichte über einen Mann, dessen Identität nicht wichtig ist, noch keinen Anfang. Über ihre Hauptperson weiß man nur eines: Der Mann ist ein Philosoph. Ein einsamer Philosoph, der sein Leben nur einem Thema verschrieben hat: Er ist besessen davon, die endgültige Antwort auf eine uralte Frage zu finden: Was war am Anfang? Die Henne oder das Ei?

Dieser Mann sitzt allein an seinem Frühstückstisch, in Gedanken versunken, ein solches Ei betrachtend, ein bereits gekochtes, aus dem nun also eine weitere Henne nicht mehr entstehen kann, und zwar nur deshalb, so sagt er sich, weil es ihn gibt, weil er morgens immer frühstückt, weil bekannt ist, dass viele Menschen jeden Morgen frühstücken und man unter anderem deshalb Eier im Supermarkt verkauft, die dann gekocht werden können. Bringt ihn diese Betrachtung nun auf die richtige Fährte, lässt sich daraus irgendwie ableiten, was am Anfang gewesen sein muss? Er argumentiert: Eine ursprüngliche Henne, die dann ein Ei gelegt hat, ist undenkbar, denn zuvor muss ein Hahn eben dieses bewirkt haben. Und dann müsste geklärt werden, woher dieser Hahn kam, und das kann nach allem, was man bisher weiß, nur ein Ei gewesen sein. Wenn andererseits das Ei die Voraussetzung für die Henne gewesen wäre, dann hätte als weitere Bedingung gelten müssen, dass es damals keine Menschen gab, die es zu kochen und zum Frühstück zu verzehren gedachten. Und diese Bedingung hätte ja realistischerweise durchaus vorliegen können, denn Menschen gibt es noch nicht so lange.

Ja, dieser Denkansatz könnte den einsamen Philosophen der endgültigen Antwort auf die Frage, der er seine belanglose Identität gewidmet hat, einen Schritt näher bringen. Aber je länger er nachdenkt, um so mehr Zweifel überkommen ihn, so richtig schlüssig sind seine Überlegungen letztendlich doch nicht, seine Argumentation hat noch die eine oder andere Schwachstelle. Und schließlich sind es dann doch zu viele Einwände, die sich ihm im weiteren Verlauf des Frühstücks gegen seine ihm anfänglich so genial vorkommende Logik aufdrängen und ihn wieder entmutigen. Ein neuer Schub des bekannten Schwindelgefühls überkommt ihn. Er muss sich wieder einmal frustriert und verzweifelt eingestehen, dass er es drehen und wenden kann, wie er will - seine Versuche, die Kausalkette bis zu ihrem allerletzten Ursprung zurückzuverfolgen, werden wohl nie zu einem erfolgreichen Ende kommen. Es wird immer wieder eine neue Frage geben...und eine Antwort auf sie...und wieder...und so weiter...bis  - ja, das ist die letzte Konsequenz - bis an den Endpunkt der gesamten zurückliegenden Zeit. Oder bis zum Schopenhauerschen „Grund an sich“. Aber der ist ja nicht neu, den hat Schopenhauer bereits entdeckt, er ist kein Verdienst des Philosophen in dieser Geschichte. Und er wird ihm deshalb auch keinen Ruhm mehr einbringen. Ruhm, den er sich doch immer so sehr gewünscht hat.

Aber er möchte Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, nun beweisen, dass er auch etwas unverkrampfter sein kann und es hin und wieder schafft, sich von seinen nutzlosen Gedanken zu lösen. Augenzwinkernd und mit einem gewitzten Lächeln nimmt er daher das Ei aus seinem Eierbecher, legt es vor sich auf den Frühstückstisch und verpasst ihm durch lässiges Antippen mit der Spitze seines Zeigefingers einen leichten Stoß. Es rollt auf die gegenüberliegende Tischkante zu... und fällt...als der Philosoph kurze Zeit darauf jedoch nicht das von ihm erwartete Geräusch hört, das man normalerweise vernimmt, wenn ein weich gekochtes Ei auf einem Fußboden aufplatscht, wird er blass, und seine Stirn legt sich noch stärker in Falten als ohnehin schon. Das Ausbleiben des Aufplatschens spottet allen Erfahrungswerten, die er in seinem bisherigen Leben gesammelt hat. Er steht völlig hektisch und verwirrt von seinem Stuhl auf und geht um den Frühstückstisch herum. Und nimmt plötzlich zur Kenntnis, dass hinter der gegenüberliegenden Seite des Tisches ein riesiges Loch klafft. Mit starrem Blick und offenem Mund schaut der Philosoph dem Ei hinterher, das in einen bodenlosen Abgrund fällt. Und in diesen wäre er in seiner ganzen Hektik fast selbst hineingefallen. Und wenn er nicht gestorben ist, dann hat er das Aufplatschen des Eis bis heute noch nicht gehört.

Aber das ist natürlich noch nicht das Ende dieser kurzen Geschichte, ein solches Ende würde ihrem Titel nicht gerecht werden. Der geschilderte Vorfall hat den Philosophen so sehr verstört, dass ihn das Schwindelgefühl nun in einer nie zuvor gekannten Heftigkeit erfasst. Wie in Trance schaut er auf das bisher Erzählte der Geschichte zurück. Da steht es in ihrer ersten Zeile: Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute! Und wie in der Überschrift angekündigt, soll diese Aussage das Ende dieser kurzen Geschichte sein. Und der Philosoph schaut nach vorne, wo gemäß ihrem Titel der Anfang stehen müsste. Aber da steht noch nichts. Natürlich, für Sie schon, verehrte Leserinnen und Leser, aber nicht für den Philosophen, er schreitet gewissermaßen synchron zu jedem weiteren Wort dieser Geschichte voran und weiß demzufolge noch nicht, ob ihm ihr Anfang wirklich noch bevorsteht. Sein Schwindelgefühl wird unerträglich. Aber er kämpft dagegen. Er wehrt sich. Er atmet tief durch und beginnt zum ersten Mal in dieser Geschichte zu sprechen. Ja, verehrte Leserinnen und Leser, seine Stimme zittert zwar und ist sehr schwach, aber er spricht nun zu Ihnen, um nicht ständig mit sich selbst beschäftigt zu sein:

„Es war einmal...die Hauptperson einer kurzen Geschichte,...die mit ihrem Ende... beginnt...und mit ihrem Anfang...sozusagen...aufhört...wie war der doch noch gleich, der Anfang...ach so, ja, es hat ihn bisher noch nicht gegeben, der soll erst noch kommen...also, weiter geht’s...“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.06.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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