Andre Schuchardt

Die Flüchtige: Im anderen Land. Ein Märchen






I
„Aufwachen,
du verschläfst sonst noch!“
drang eine Stimme an ihr Ohr.
Verschlafen
blinzelnd öffnete sie die Augen und sah neben sich das Gesicht
von B..
„Mmm“,
brummte sie, etwas verärgert darüber, geweckt worden zu
sein.
„Nun
steh schon auf!“,
sprach B. drängender.
Sie
schloss erneut die Augen, um sich nur kurz zu sammeln, da biss B. sie
sanft doch zu übermütig in die Seite. Plötzlich war
sie mehr als wach.
„Au!“
rief sie und stieß ihn unsanft davon.
Schlecht
gelaunt stieg sie neben ihn aus dem Bett und machte sich, B. zur
Strafe nicht beachtend, fertig. Der Raum war eiskalt, da das Fenster
von B. über Nacht offen gelassen wurde. Innerlich grummelte sie
vor sich hin, während sie vor Kälte zitterte.
Im
Hausflur begegnete sie E..
„Denkst
du bitte an den Müll?“
warf er ihr zu, während er an ihr vorbei in sein Zimmer eilte.
„Mach
du das doch!“ rief sie
ihm nach, immer noch schlecht gelaunt.
„Ach
und füttere die Ratten!“
ergänzte man aus E.s Zimmer.
Doch
das hörte sie nicht mehr, da sie sich im Badezimmer fertig zu
machen versuchte.
Später
ging sie mit B. Richtung Hochschule.
„Es
tut mir leid, das mit vorhin“,
sprach B., als sie sich davor verabschiedeten.
„Ja,
mir auch“, seufzte sie
und umarmte ihn kurz.
Auf
dem Weg durch den Innenhof huschte ein kleines, zierliches rotbraunes
Eichhörnchen schnell vor ihr über den Weg.
Die
Veranstaltung langweilte sie, doch musste sie sie besuchen. Ja, sie
musste sogar noch mehr, weshalb sie nach der Stunde sich vor in
Richtung des Lehrenden drängte, um mit diesem sprechen zu
können. Zahlreiche andere hatten denselben Plan, weshalb sie
sich bald eingequetscht wie auf dem Marktplatz fühlte.
„Ich
muss sie sprechen!“
rief sie, wie es etliche andere um sie herum zugleich auch taten.
Doch
erst als letztes sollte sie an die Reihe kommen.
„Ah,
sie“, sprach er und sah
sie musternd an.
„Wegen
der Arbeit...“, begann
sie, doch unterbrach er sie.
„Sie
sollten sie schon vor über zwei Wochen fertig haben!“
herrschte er sie böse an.
„Ja,
aber...“
„Kein
Aber. Ich gebe ihnen noch mal zwei Wochen. Wenn sie sie bis dahin
immer noch nicht fertig haben, können sie sich von dieser
Einrichtung endgültig verabschieden! Vergessen sie die großen
Denker nicht!“
Geknickt
und trotzdem sauer über dieses Verhalten, trottete sie davon.
Auf
dem Heimweg durchquerte sie den Park. Ihre Gedanken kreisten um die
Schwierigkeiten, die die Welt ihr bereitete und wie sie sie
vielleicht bewältigen könnte. Am liebsten würde sie
fliehen.
Plötzlich
bemerkte sie das kleine, zierliche rotbraune Eichhörnchen auf
dem Weg vor sich sitzen. Das Tier hatte eine Nuss zwischen den Pfoten
und sah still zu ihr auf. Erstarrt stand sie da und schaute zurück
zu dem Tier. Endlich bewegte es sich, vollkommen ruckartig und
unerwartet, und sprintete, die Nuss nun im Mund tragend, zu einem
Baum.
Sie
sah ihm nach und verspürte das Verlangen, ihm zu folgen. Doch
bald vergaß sie diesen Drang und sah gerade noch, wie das Tier
durch das Loch eines Buschwerks nah des Baumes verschwand.
Verwundert
grübelte sie über diese Begegnung nach, doch drängen
sich alsbald wieder ihre vorherigen Gedanken in den Vordergrund. Sie
ging weiter und mache nur unterwegs kurz Halt in einer Kneipe, um
sich dort bei einem Glas Bier zu besinnen und über den
bisherigen Tag nachzudenken.
„Da
bist du ja endlich!“
fuhr E. sie an, als sie endlich wieder zur Tür ihrer Wohnung
hereinkam.
Der
Müll!, fuhr es ihr durch den Kopf, ich vergaß...
Doch
darum ging es E. nicht einmal. Zumindest zunächst nicht.
„Du
hast die Ratten nicht gefüttert! Nun ist eine gestorben!“
motzte er sie außer sich und wütend an.
„Oh...“,
murmelte sie, „tut mir
leid.“
Er
warf verärgert die Hände gen Himmel.
„Immer
tut es dir nur leid! Den Müll hast du auch noch nicht
weggeschafft!“
„Ich
werde mich darum kümmern“,
entgegnete sie erschöpft.
„Ja
ja!“ entfuhr es E. nur,
eh er wütend davon stapfte.
Kurz
ließ sie sich in ihrem Zimmer auf ihr Bett fallen, froh allein
zu sein. Nun freute sie sich lediglich noch auf B.
Vielleicht
eine Stunde später traf dieser denn auch ein.
„Warte
in meinem Zimmer, ich bin gleich zurück“,
begrüßte sie ihn nur kurz, da ihr der Müll wieder
eingefallen war.
Später
hielten sie andere Leute und Dinge auf und als sie nach wiederum
vielleicht einer weiteren Stunde endlich Zeit für B. hatte, sah
dieser sie bei ihrem Eintreten nur böse an.
„Hast
du etwa wirklich Zeit?“
fragte er lauernd.
„Ja,
ich habe soviel zu tun...“,
entgegnete sie kleinlaut.
„So
ist es doch immer mit dir!“
Nun
war ihre Geduld zu Ende. Genervt drehte sie sich von ihm weg, zog
sich an und verließ das Gebäude.
Zwei
Bier später ließ sie sich in derselben Kneipe wie Stunden
zuvor ein weiteres für den Weg geben und begab sich in den Park.
Auf einer Bank sitzend beobachtete sie den Himmel und die Natur,
während sie ihr Bier trank. Doch irgendwann war auch dieses leer
und sie ließ die Gedanken schweifen, döste bald ein wenig.
 
II
„Schlafmütze!
Immer nur schlafen, nie etwas tun! Nun wach schon auf!“
Aufgeschreckt
von diesen verärgerten Worten sah sie sich um, wer da gesprochen
hatte, doch sah sie nur ein kleines, zierliches rotbraunes
Eichhörnchen vor sich am Rande des Weges hocken. Hatte dies sie
angemeckert? Nein, konnte nicht sein.
„Faulpelz!“
sprach da das Tier und sah sie mit Verachtung in dem kleinen Gesicht
finster an.
„Was?“
entgegnete sie, vollkommen verwirrt.
„Taugenichts!“
fuhr das Tier sie ein letztes Mal an, drehte sich um und huschte
davon.
Das
konnte doch nicht sein.
„Warte!“
rief sie, rappelte sich auf und folgte dem Eichhörnchen, nur
leicht schwankend.
Doch
erneut verschwand es in dem Loch im Gebüsch. Aber diesmal folgte
sie ihm. Sie musste sich bücken und auf Händen und Knien
rutschen und kriechen, doch schließlich hatte sie es geschafft,
sie war hindurch gelangt. Und sie befand sich auf der anderen Seite.
Es
war dunkel und sie musste sich voran tasten. Ihre Hände fühlten
etwas weiches. Federn? Es war ihr, als würde sie sich durch
lange Federn tasten, die locker irgendwo weit über
herunterhingen.
Unvermutet
drang ein Licht vor ihr durch die Dunkelheit, umrahmt von diesen
federartigen Gebilden. Bald war es hell genug um zu erkennen, dass
sie immer noch nicht erkannte, von wo diese herabhingen, auch
blendete sie nun das Licht. Doch sie ging darauf zu und schließlich
trat sie hinaus ins Freie und sah erst gar nichts, vollkommen
geblendet.
Was
sie dann sah, verwirrte sie.
Vor
ihr lag eine weite Wiese, doch keine gewöhnliche. Weich und
nachgiebig lag sie unter ihren Füßen, als sie darüber
voranschritt. Bunt bewachsen mit seltsamen Pflanzen und vielen
nichtpflanzlichen Dingen war sie, darunter kleinen Würfelchen
und vielen anderem. Vorsichtig fasste sie einen davon an. Er war
weich und nachgiebig wie Gummi. Dann erst fielen ihr die vielen
anderen, teilweise auch tierähnlichen Gummistücke auf. Es
gab Frösche, Schnecken, Echsen und kleine Bären.
Von
letzteren packte sie einen, nahm ihn hoch und öffnete den Mund,
um ihn zu essen.
„Hilfe!“
schrie es da plötzlich und biss ihr zahnlos in den Finger.
Mehr
aus Schreck denn aus Schmerz ließ sie es fallen, und
zurückfedernd fiel es zu Boden.
„Wag
das ja nicht noch einmal!“
zeterte das kleine Wesen zu ihr hoch und machte sich, sie kraftvoll
verfluchend, davon.
„Tut
mir leid...“, murmelte
sie verwirrt, derweil sich alles um sie herum in Bewegung setzte.
Die
Schnecken krochen davon, Echsen huschten davon, Frösche hüpften
davon. Verwundert sah sie dem Treiben zu, als ihr etwas an den Fuß
tippte. Sie sah herab und erkannte eins der Bärchen, etwas
größer als die anderen. Es wies sie an, es hochzuheben und
so tat sie.
„Du
bist nicht von hier, oder?“
fragte es sie und sie musste mit dem Kopf schütteln.
„Wo
bin ich hier?“ fragte
sie es.
„Na
in unserem Land! Und du hättest gerade fast einen der unsrigen
gegessen!“
„Das
tut mir leid... doch wer seid ihr?“
„Wir
sind natürlich die Bewohner dieses unseren Landes!“
Sie
sah ein, dass sie so nicht weiterkommen würde.
„Ich
bin einem Eichhörnchen gefolgt. Hast du es gesehen?“
„Natürlich!
Es ist da lang gelaufen!“
sprach das Bärchen und deutete irgendwohin.
„Kannst
du mir einen Weg zeigen?“
fragte sie hoffnungsvoll.
„Sicherlich!
Geh mal dorthin!“
sprach es und zeigte woanders hin.
Wie
angewiesen ging sie in die besagte Richtung.
„Lebt
hier eigentlich alles? Darf ich denn nichts anfassen?“
fragte sie, als sie Hunger verspürte und alles leckere vor ihr
davon huschte.
„Doch!
Ich zeig es dir gleich – Siehst du? Dort ist der Fluss!“
Tatsächlich
näherten sie sich nun einer Art Fluss. Er war nicht sehr breit,
doch sonderbar gelblich.
„Folge
dem Gelben Fluss bis zu seinem Ziel!“
wies das Bärchen sie an.
„Ich
danke dir“, sprach sie.
„Und
nun lass mich herab“,
wies es sie an und man tat wie geheißen.
Das
Bärchen stapfte zu einem Haufen der seltsamen Würfel,
umrahmt von ebenso seltsamen Blumen.
„Wenn
du Hunger und Durst verspürst, esse dies und trinke aus dem
Fluss“, sprach es und
verschwand nun endgültig im Getümmel der bunten Gummiwiese.
Als
das Bärchen entschwunden war, probierte sie von den Würfeln.
Sie waren klebrig und süß, doch gefielen sie ihr.
Daraufhin trank sie von dem Fluss und es war Bier.
Nach
einer Weile machte sie sich wieder auf den Weg.
Sie
folgte stets dem Flusslauf, der sich in leichten Bögen durch die
Wiese schlängelte. Bald wich der federnde, bunte Gummiboden
einer dunklen, harten Ebene. Statt Gummipflanzen fand sie hier zwar
von der Gestalt her gewöhnlich aussehende Pflanzen und sogar
vereinzelte Bäume vor, doch waren sie genauso dunkelbraun wie
der Boden, nur manchmal aufgehellt von weißen Blüten und
Tupfern.
Neugierig
fasste sie das Blatt eines Baumes an. Es war hart und kam ihr bekannt
vor. Sie brach das Blatt ab und probierte davon ein Stück. Es
war Schokolade. Sie nahm sich eine Handvoll der Blätter mit,
doch da sonst nichts weiter in dieser Ebene vorhanden war, sich
nichts und niemand bewegte, setzte sie ihren Weg bald fort.
Nach
einer Weile tauchte vor ihr ein Wald auf. Er sah völlig
gewöhnlich aus, bis auf den geringen Umstand, dass er gänzlich
in Lila und seltener auch in Schwarz gehalten war. Teilweise hingen
erneut die federartigen Pflanzen von den Bäumen, mit denen sie
bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, sämtlich in
verschiedenen Arten von Lila, doch meist heller als die, welche sie
bei ihrer Ankunft gesehen hatte.
Er
verströmte eine warme, beruhigende Aura, so betrat sie ihn
zuversichtlich. Es gab keine Wege, also folgte sie weiter dem
Flusslauf und trank dann und wann einmal einen Schluck von diesem.
Irgendwann
begegnete sie der Ratte.
„Guten
Tag meine Kleine, was führt dich hierher?“
Kleine?
Waren Ratten nicht immer kleiner gewesen als sie? Erst jetzt fiel ihr
auf, dass ihre Hände anders aussahen. Verwundert betrachtete sie
sie. Verändert wirkten sie, doch konnte sie nicht genau
bestimmen, warum. Und warum wirkten die Bäume so groß?
„Kinder
wie du sollten hier nicht alleine sein. Wo gehst du hin? Lass mich
dich begleiten!“ bot
ihr die Ratte nett an.
Doch
sie achtete nicht auf die Ratte. Sie musste die Wahrheit über
sich selbst herausfinden. Wo konnte sie sich hier selbst betrachten
und erklären? Ihr fiel der Fluss ein. Ihr Spiegelbild war
verschwommen und undeutlich. Geistesabwesend spielte sie mit ihren
Zöpfen. Waren die schon immer da gewesen? – Natürlich.
„Hast
du vielleicht etwas zu essen bei dir? Ich verhungere“,
sprach die Ratte bittend.
Nachdenklich
knabberte sie an einem der Schokoladenblätter und achtete nicht
auf die Ratte. In der Ferne sah sie Schmetterlinge zum Tanz
aufwarten. Begeistert sprang sie auf und lief ihnen nach, jedes Mal
freudig lachend, wenn sie ihren Fängen entfleuchten und erneute
Kreise in der Luft zu drehen wagten.
„Warte,
ich komme mit!“ rief
ihr die Ratte hinterher und eilte sich.
Stolpernd
kam sie auf die Beine und rannte dem Mädchen nach, doch verfing
sie sich alsbald im Gestrüpp und stolperte, nun nicht mehr
freikommend.
„Warte!
Bitte hilf mir hier raus! Ich werde sterben!“
quiekte die Ratte vor Angst, doch hörte sie bereits niemand
mehr.
Die
Schmetterlinge leiteten das Mädchen tiefer in den Wald, fern des
Flusses, eh sie unerwartet verschwanden und das Mädchen nun
allein im Dunkel zurückließen. Verloren stand sie da und
sah sich nach allen Seiten um, doch war sie gänzlich allein.
„Hallo?“
rief sie ins Dunkel und fürchtete sich.
Und
nichts geschah.
Sie
fühlte sich allein und verlassen. Sich auf den Boden setzend,
fing sie lautstark an zu weinen.
„Warum
weinst du denn?“ fragte
eine sanfte, tiefe Stimme bald.
Überrascht
hörte sie auf zu weinen und sah auf. Da stand vor ihr ein großer
Hund und blickte sie sanft an.
„Wer
bist du?“ fragte sie
ängstlich.
„Ich
bin der Bernhardiner. Und du?“
sprach der Hund und lächelte sie freundlich an.
Doch
sie musste den Kopf schütteln.
„Ich
weiß es nicht mehr – ich dachte, ich wüsste es“,
sprach sie und Tränen rollten ihr über die Wange.
„Weine
nicht – ich weiß, wer dir da helfen kann!“
sprach der Bernhardiner.
„Sicher?“
fragte sie, nun ein wenig hoffnungsvoller.
„Steig
auf meinen Rücken, ich bringe dich zu ihnen!“
lächelte der Hund.
Sie
fasste Vertrauen, strich über den Hunderücken, spürte
das weiche Fell und zog sich hoch. Auf seinem Rücken ruckte sie
kurz hin und her, bis sie fest und sicher saß.
„Halte
dich fest!“ sprach der
Hund.
Sie
krallte sich in seine Nackenhaare.
„Und
los!“ rief er und
sprintete davon.
Schnell
rannte er durch den Wald, sprang über Steine, Büsche, Bäche
und Wurzeln. Selten einmal sahen sie einen anderen Bewohner des
Waldes, doch bald kamen sie an ihrem Ziel an.
„Wir
sind da“, sprach er.
Sie
standen vor einem großen, verzierten Tor. Es war aus dunklem
Holz und umstellt von zahlreichen Bäumen, die den Blick darauf
verbargen, was hinter dem Tor liegen mochte. Auf ihm selber zeigten
sich Bilder der Landschaften, die sie auf ihrem Weg durchquert hatte
und Wesen, die sie gesehen hatte, doch auch noch zahlreiche andere,
die ihr bisher unbekannt waren.
Der
Bernhardiner kniete sich nieder, damit sie leichter absteigen konnte.
„Hier
muss ich dich nun verlassen. Ich wünsche dir auf deinem Weg noch
viel Glück“,
sprach er. Und machte sich ohne ein weiteres Wort wieder davon.
Sie
sah ihm kurz nach. Als er im Dunkel in der Ferne verschwunden war,
drehte sie sich um und sah sich erneut das Tor an. Sie erkannte das
Bärchen und den Bernhardiner in den Verzierungen, doch nirgends
einen Knauf, ein Schlüsselloch oder einen Klopfer. – Nichts,
um das Tor zu öffnen. Sie schickte sich an, mit der Faust
anzuklopfen, da öffnete sich das Tor plötzlich wie von
alleine.
Eine
gähnende, endlose, schwarze Dunkelheit erwartete sie.
„Hallo?“
rief sie hinein, doch niemand antwortete.
Während
sie noch überlegte, ob sie nun eintreten solle, huschte ein
kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen an ihr vorbei und
verschwand im Dunkel hinter dem Tor.
„Kenn
ich dich nicht?“
murmelte sie verwirrt.
„Warte!“
rief sie und eilte dem Tier hinterher.
Konnte
sie sich anfangs noch im Dämmerlicht, dass von draußen
durch das Tor hereindrang, den Gang entlang bewegen, so ging das
nicht mehr, nachdem sich das Tor plötzlich geschlossen hatte.
Doch der Gang leuchtete wie von selbst, glühte in einem
schimmernden, grünlichem Licht. Die Wände schienen mit
leuchtendem Moos bewachsen zu sein. In der Ferne vor sich sah sie das
kleine Tier davonhuschen und ohne einen Blick zurück zu werfen,
eilte sie ihm nach.
Der
Gang knickte recht bald rechtwinklig ab nach Rechts, bald nach Links,
so dann wieder Rechts und immer so fort und oftmals spaltete er sich
auch in zwei oder drei weitere Gänge auf, doch ließ sie
sich nicht beirren und folgte stets weiterhin dem kleinen Tier.
Endlich
erreichten sie ein weiteres Tor. Das Eichhörnchen huschte durch
ein kleines Loch neben dem Tor, zu eng für das Mädchen.
Doch
dieses Tor hatte einen Knauf, ein Schlüsselloch sowie einen
Klopfer. Letzteren benutzte sie, um brav anzuklopfen.
„Wenn
du meinst es tun zu müssen, trete ruhig ein“,
ertönte eine Stimme von der anderen Seite des Tors.
Vorsichtig
drehte sie am Knauf und zog am Tor. Leicht schwang es auf. Sie betrat
einen runden Raum, der bis auf ein paar große Kissen am Boden
vollkommen leer zu sein schien. Ein weiteres Tor befand sich auf der
anderen Seite des Raumes.
Behutsam
schloss sie das Tor hinter sich wieder.
„Wenn
du erschöpft bist, setze dich doch“,
sprach es in ihrem Rücken.
Erschrocken
drehte sie sich wieder dem Raum zu, wo nun auf den Kissen ein älterer
Mann saß. Ein kurzer weißer Vollbart zierte sein Gesicht,
seine weißen Haare waren kurz und er war in weite, weiße
Gewänder gekleidet. Er lächelte freundlich und deutete auf
die Kissen vor sich.
Sie
setzte sich ihm gegenüber.
„Wer
sind sie?“ fragte sie.
„Was
glaubst du, wer ich bin?“
„Sie
kommen mir bekannt vor...“,
murmelte sie.
„Dann
werde ich das wohl auch sein. Woher kennst du mich denn?“
„Ich...ich
weiß es nicht. Ich glaube, ich wusste es einmal.“
„Was
führt dich zu mir?“
Sie
deutete auf die Löcher neben beiden Türen.
„Das
kleine Tier – Ich bin ihm hierher gefolgt.“
„Das
Eichhörnchen? Warum bist du ihm denn gefolgt?“
„Ein
Gefühl...ich musste es tun...“
„Woher
kommst du?“
„Ich
weiß es nicht mehr“,
sprach sie und blickte traurig drein.
„Weißt
du denn, wer du bist?“
„Nein,
aber ich sollte es wohl.“
„Warum
siehst du aus wie ein kleines Mädchen?“
„Ja
bin ich denn keins?“
entgegnete sie und runzelte verwirrt die Stirn.
„Du
bist, was du glaubst zu sein. Warst du schon immer ein Kind?“
„Ich
glaube schon...“
„Ich
glaube das nicht. Ich glaube, du fliehst nur vor etwas, vor dir.
Gefällt es dir hier?“
„Schon,
aber... Ich will zurück...“
„Zurück
wohin?“
„Ich
weiß es nicht mehr“,
sprach sie verzweifelt.
„Warum
bist du geflohen?“
Eine
schwache Erinnerung kam in ihr auf.
„Ich
wollte allein sein...es ist alles zuviel. Ich bin müde.“
„Was
ist zuviel?“
„Mein
Leben...all die Aufgaben...all die Menschen, die etwas wollen...“
„Und
da fliehst du lieber?“
„Hier
habe ich keine Aufgaben...“
„Was
ist mit den Menschen, die dich lieben? Sie werden sich sorgen. Warum
sprichst du nicht mit ihnen, ob sie dir helfen?“
„Ich
möchte machen, was ich will...“
„Und
sie würden das nicht verstehen? Dir nicht helfen?“
„Vielleicht...“
„Was
stört dich?“
„Es
ist zuviel, zu anstrengend...“
„Lohnt
es sich nicht? Einfacher wirst du es nicht bekommen. Warum arbeitest
du nicht mit dem, das du hast?“
„Ich
weiß es nicht...“
„Vielleicht
weißt du es doch. Gehe durch das Tor hinter mir“,
sprach er und deutete auf ebendieses.
Und
sie tat wie ihr geheißen.
Der
nächste Raum hatte dieselbe Form wie der andere, doch war dieser
hier reicher ausgestattet. Anstelle von Kissen gab es Liegen und
einen Tisch, bedeckt mit Geschirr und Nahrung. Ein Kamin spendete
Wärme. Pflanzen und Blumen bedeckten die Wände. Ein älterer
Mann lag auf einer der Liegen, sein langes Haar und sein dichter
krauser Vollbart bereits grau, gekleidet in ein graues Gewand. Er
lächelte sie an und deute auf die Liege sich gegenüber.
„Setz
dich doch“, sprach er.
Und
so tat sie.
„Nimm
dir etwas zu essen. Fühlst du dich wohl?“
Sie
nahm ein paar Trauben, doch schüttelte sie den Kopf.
„Was
macht dir zu leiden?“
„Mein
Leben...“, seufzte sie.
„Macht
es dir keine Freude?“
„Nun,
manchmal. Nicht immer. Es sollte einfacher sein.“
„Und
manchmal sollte man unangenehme Dinge erdulden, um am Ende mehr
Freude daran zu haben. Nimm doch ein paar Trauben“,
sprach er und deutete auf diese, doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein
danke. - Und es gibt zu viele unangenehme Dinge.“
„Mach
dir darüber doch nicht so viele Gedanken. Genieße die
guten Dinge. Vergesse die schlechten. Denk immer an die Guten und
schütze sie, freue dich an ihnen.“
„Ich
bin mir aber nicht sicher.“
„Zweifle
doch nicht soviel! Vertrau auf deine Freunde und die Menschen, die
dich lieben. Verschließe dich ihnen nicht, sondern spreche mit
ihnen, hab Vertrauen.“
„Ich
frage mich immer, ob es anders nicht besser wäre, einfacher,
schöner.“
„Sehn
dich nicht nach anderem! Ist es ähnlich wie das, was du hast,
dann ist es nutzlos. Denn einst hast du dich auch nach dem gesehnt
was du nun bereits hast. Ehre es also entsprechend! Und vergesse
nicht das, was du liebst, sonst wirst du es verlieren. Kümmere
dich um sie, dann bringen sie dir mehr Freude.“
„Das
versuche ich ja...“
„Versuche
es nicht nur, tu es. Erfreu dich eines schönen Lebens, doch
schade nicht anderen. Ziel deines Lebens ist die Freude. Doch gib
dich nicht Gelüsten hin. Hab Freude am Frieden und deinen
Freunden. Leb dein Leben, habe Spaß, und denke nicht so viel an
den morgigen Tag.“
Nachdenklich
nickte sie.
„Und
nun flieh nicht mehr. Gehe heim zu deinen Lieben. Erinnere dich
wieder an dich selbst. Und an sie. Gehe zu ihnen.“
Plötzlich
bemerkte sie das kleine Eichhörnchen, welches neben dem Ausgang
des Raumes hockte. Überrascht stand sie auf.
„Folge
ihm!“ sprach der Mann.
Das
Tor aus dem Raum öffnete sich und das Tier verschwand hindurch.
Sie folgte ihm durch einen langen, dunklen Gang. Irgendwann war das
Eichhörnchen ohne Vorwarnung verschwunden. Verwirrt stapfte sie
weiter den Gang entlang.
„Wach
auf“, klang plötzlich
eine Stimme dumpf aus dem Dunkel.
„Was?
Wer da?“ fragte sie und
sah sich um, doch sah nur Schwärze.
„Wach
auf!“ erklang es
erneut, lauter.
„Zeig
dich!“ rief sie und
ging sich umsehend weiter.
Unvermittelt
tauchte ein Lichtschein vor ihr auf. Sie hielt darauf zu.
„Wach
auf!“ ertönte es
ein drittes Mal.
Sie
meinte, das Eichhörnchen vor sich im Licht zu erkennen und
folgte ihm, tauchte ein in das blendende Licht.
III
„Jetzt
wach schon auf!“
Sie
öffnete die Augen und sah das Gesicht von B. vor sich.
„Was?
Wo bin ich?“ murmelte
sie verschlafen.
„Wir
sind im Park“,
antwortete er.
Langsam
erkannte auch sie diesen Umstand. Sie lag an einen Baum gelehnt, nah
eines dichten Gebüschs, durch das kein Mensch jemals würde
kommen können.
„Ich
habe dich hier gefunden. Ich habe mir Sorgen gemacht“,
ergänzte er und strich ihr über die Stirn.
„Du
sollst dich nicht so um mich sorgen“,
sprach sie und stand auf, doch schwankte und musste von ihm gestützt
werden.
„Würde
ich es nicht machen, wärst du mir egal“,
erwiderte er.
Sie
wollte etwas antworten, doch erinnerte sie sich an die alten Männer
und was sie ihr gesagt hatten. So lächelte sie nur und umarmte
ihn.
„Lass
uns zurückgehen“,
sprach er und sie nickte.
Bald
waren sie wieder daheim, wo E. sie erwartete.
„Na
endlich bist du wieder da, wir warten doch schon alle“,
sprach er und verschwand in einem anderen Raum.
„Komm
mit“, ergänzte B.
und nahm sie mit in diesen Raum, wo ihre Freunde sie erwarteten und
bereits feierten.
Später
war sie mit B. kurz allein.
„Es
tut mir leid, wie ich war“,
sprach sie.
Er
nahm sie in den Arm.
„Ich
weiß, wie du bist. Und ich bin immer für dich da. Wenn du
Zeit für dich brauchst, bekommst du sie, und tue nie etwas, das
du nicht willst.“
„Danke“,
sprach sie nur.
„Du
bist eines der wichtigsten Dinge auf dieser Welt für mich. Ich
möchte nur, dass du glücklich wirst. Ich liebe dich.“
ENDE 

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