Robert Kuehl

Blind Date

Als Mensch bist du faszinierend. Als Frau begehrenswert…

Es war ein wunderbares Blind Date, gestern. Ich war sehr gespannt auf dich, weil dein Brief zuvor dich zwischen den Zeilen manchmal recht mädchenhaft erssscheinen ließ. Dann deine Stimme am Telefon. Ich war sofort warm mit dir und hörte kaum, was du sagtest, sondern fast nur auf das Wie. Du sprachst sehr lebendig, manchmal ruhig und warm, manchmal fast lachend, voller Kraft und dann wieder sanft - ich fühlte mich wohl mit und in deiner Stimme.

Als wir uns dann gestern gegenüber standen, faszinierte es mich zunächst, wie sehr deine Augen im Einklang mit deiner Stimme waren. Ja, so hatte ich sie mir vorgestellt. Innerlich grinsend musste ich registrieren, dass mein zweiter Blick dann deinen kleinen Brüsten galt.

Ein merkwürdiger Moment war das. Weder mit Distanz, noch mit Nähe zunächst. Mit den Augen fingst du an zu lächeln, dann strecktest du mir die Hand entgegen. “Komm“, sagtest du und zogst mich in das Restaurant an einen ruhigen Tisch.

Es war mir absolut unmöglich, so geistvoll zu sein, wie ich’s mir vorher vorgenommen hatte. Mir fehlten Die Worte. Und du sagtest nix. Schautest mich nur an. Im Hintergrund war dein Blick abschätzend, konzentriert. Dann war es mir, als würdest du in meine Augen eintauchen wollen. Und dann die Erlösung: “Wollen wir was trinken?” fragtest du.

Von da an ging’s locker. Wir tauten beide auf und es wurde ein schöner Abend - mit viel Lachen, später tiefsinnigen, ruhigen Gespräche und ganz später ein Gastwirt, der vor uns einen Stuhl auf den Tisch stellte.

Irgendwie passte es nicht, als ich dir zum Abschied nur die Hand gab. Deshalb umarmte ich dich, aber auch das passte irgendwie nicht so richtig. Verlegen gingen wir auseinander.

Als ich dann heute aufwachte, musste ich lachen. Über mich, aber auch über dich. Darüber, wie blöd ich dir manchmal vorgekommen sein musste, und darüber wie schön es mit dir war. Schade, dass ich es dir nicht sagen konnte. Ich hatte ja deine Telefonnummer nicht.

Ich hatte ein leichtes Kribbeln im Bauch, als ich ins Bad ging, um mich zu rasieren. Ich schnitt Grimassen im Spiegel, pfiff den Radetzky-Marsch, pupste ausgelassen und lachte wieder. Ich konnte mich selbst nicht ernst nehmen mit dem ganzen Schaum im Gesicht.

Glücklicherweise war dann der Kaffee fertig. Ich verzichtete auf den Toast, setzte mich mit dem Becher an den Küchentisch und begann zu sinnieren, wie ich es nannte. Mit anderen Worten stierte ich vor mich hin - mal nachdenklich, blickend, mal blöde grinsend, aber ansonsten recht zufrieden mit meinem Leben. Außerdem war’s Sonntag, ich konnte es mir leisten.

Das Telefon unterbrach mich dann. Mutti rief an jedem Sonntagmorgen an, und ich meldete mich so fröhlich wie immer, damit sie wusste, dass es mir gut geht. Aber es blieb stumm in der Leitung. Nur Sekunden. Aber ich hörte ein Atmen und dann deine Stimme: “Ich bin’s“, ein wenig gepresst und verhalten.

“Halloooo…” atmete ich aus, und mein Bauch wurde hart.

“Es war schön gestern…,” leise und weich. Da war es wieder, diese Mädchenhafte, das fast wie Unsicherheit wirkte. Es zeigte dich sehr verletzbar.

“Ja,” musste ich lächeln, “das war’s wirklich.”

Schweigen. Und atmen.

“… aber wir sind nicht fertig geworden gestern,” fügte ich dann hinzu.

“Nein?” Jetzt spürte ich dein Lächeln und ich erinnerte mich deiner Augen. “Was möchtest du denn noch tun?”

“Ich sag’s dir nicht,” antwortete ich schmunzelnd, wobei ich selbst so gar keine Idee hatte, was ich damit hätte gemeint haben können.

Aber es war wieder da, unser Lachen. Und unser Reden. Und du.

Erst nach Stunden - ich fühlte mich mittlerweile richtiggehend erschöpft - legten wir auf. Deine Nummer stand auf meinem Telefonblock, deine Adresse hatte ich, und um sieben gab’s Abendessen bei dir…

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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