P A R A S I T
Ich war gerade damit beschäftigt, einer ganze Armada alter Frauen ihre Rentenschecks einzulösen, als Brommele von hinten an mich heran trat und mich leise darum bat in seinem Büro vorzusprechen sobald der Betrieb im Schalterraum mir das ermöglichte. Wenig später saß ich neben meinem Chef auf der Ledercouch. Wir waren nicht allein. Brommis Chefsessel war von einer dauerbewellten Lady im dunkelblauen Nadelstreifenkostüm okkupiert worden. Mein Filialleiter kauerte statt dessen neben mir auf der Couch und sah ziemlich unglücklich aus. Mit seiner unnachahmlich quäkenden Stimme stellte er uns vor, und erklärte mir kurz, dass Frau Ramovsky Sachbearbeiterin für Personalfragen aus der Konzernzentrale sei. Das frostige Lächeln, mit welchem Frau Ramovsky die einleitenden Worte meines vertrottelten Vorgesetzten begleitete, beunruhigte mich aber Brommele hob beschwichtigend die Hände:
„Es geht um Schröder.“,
sagte er leise und man konnte in seinem Gesicht ablesen, dass er sich schämte.
„Ist das nicht eine etwas ungewöhnliche Herangehensweise? Ich meine, allein schon, dass Sie mich als gewöhnlichen Mitarbeiter ohne Führungsfunktion zu so einer ganz offensichtlich disziplinarisch orientierten Unterredung hinzu ziehen?“
Während ich sprach, wich Brommele konsequent meinem Blick aus.
„Eine ungewöhnliche Herangehensweise für einen ungewöhnlichen Fall.“,
entgegnete Frau Ramovsky stellvertretend.
„Sehen Sie, laut ihrem Vorgesetzten sind Sie der einzige Mitarbeiter dieser Filiale der mit der, sagen wir, besonderen Arbeitsweise ihres Kollegen Schröders näher vertraut ist.“
Allmählich ging mir ein Licht auf. Ich wollte schon protestieren aber mein Instinkt schaltete sich ein und riet mir vorübergehend noch ruhig zu bleiben.
„Es muss Ihnen doch genauso klar sein wie uns, dass ein solches Verhalten nicht länger duldbar ist. Helfen Sie uns, Herr Patz, dann wird die Bank Ihnen bei ihrer Karriere helfen. Bedenken Sie, Sie sind jetzt 25. Wir könnten Sie bereits Ende des Jahres nach Frankfurt holen. Dann wäre endlich Schluss mit dem Überweisungen abtippen.“
Sie lachte über ihre letzten Worte und grunzte dabei mehrmals ungewollt. Als sie merkte, dass ihr Publikum auf der Couch auf die Pointe nicht mit ihr teilen wollte, blähten sich ihre Nasenlöcher. Beleidigt wandte sie sich ab und trank einen Schluck Kaffee.
„Der Vorstand möchte den Fall Schröder ein für alle Mal aus der Konzerngeschichte tilgen. Sie beide sollten, wenn Sie dabei nicht als Kollateralschäden enden wollen, besser kooperieren.“
Es hat Vor- und Nachteile, für eine riesige anonyme Firma zu arbeiten. Die Vorteile lagen in den festgelegten Tarifverträgen und dem leicht durchschaubaren Beförderungssystemen. Der Nachteil saß gerade im Sessel meines Chefs und fächerte sich mit meiner Personalakte Luft zu.
„Was soll ich machen?“,
hörte ich mich leise fragen.
Der Fall Schröder war in der Tat von solch ungewöhnlicher Natur, dass er meiner Meinung unter Denkmalschutz gehörte, anstatt aus der Firmengeschichte getilgt zu werden: Als einige Jahre zuvor in der Filiale meine Ausbildung begonnen hatte, war er noch ein Schaltermitarbeiter im direkten Kundenkontakt gewesen.
In jeder anderen Bank wäre eine so ungepflegte Erscheinung wie Schröder längst aus dem unmittelbaren Blickfeld der Kunden entfernt worden. Seine Spezialität war ein nur zonenweise getrimmter Mehrtagesbart welcher, zusammen mit den um die Mönchsglatze herab hängenden, schulterlangen Zottelhaaren das absolute Gegenteil von Seriosität verkörperte. Schröder hatte sich in meiner Erinnerung nie an die Kleiderordnung gehalten. Stattdessen trug er stets eines seiner zerknitterten, erdfarbenen Jacketts und ausgelatschte Turnschuhe, im Sommer auch gerne mal Flipflops.
Allein seines äußeren wegen hätten Schröder schon längst Disziplinarmaßnahmen drohen müssen aber der gutmütige Brommele ließ sich, trotz einiger bei ihm eingegangenen Kundenbeschwerden, zu keinen einschneidenden Maßnahmen hinleiten. Schröder galt als ausgesprochen kompetenter Berater und wäre unter normalen Umständen sicherlich lange vor Brommele zum Filialleiter befördert worden. Es war ihm anzumerken, dass die Arbeit mit den Kunden ihm wichtig war und er sich dabei Mühe gab, also hielt Brommele all die Jahre den Kopf für ihn hin.
Problematisch wurde das ganze, als die Sache mit Schröders Stimme passierte. Die offizielle Erklärung für seine plötzlich aufgetretene Heiserkeit war eine seltene chronische Stimmbandentzündung aber böse Zungen behaupteten hinter vorgehaltener Hand, Schröder hätte sich bei einem legendären Pauli-Spiel so sehr verausgabt, dass sein Organ sich wohl niemals wieder vollständig davon erholen würde. Jedenfalls krächzte er von da an nur noch, was seinem Gesamteindruck alles andere als zugute kam.
Unsere Filiale lag in einem Wohngebiet mit einer Rentnerquote von 70%. Diese Leute standen schon Todesängste aus wenn sich während der Busfahrt zur Bank ein Schwarzafrikaner neben sie setzte. Trafen sie später am Tresen noch auf den heiseren Schröder, kam es vor, dass sich der Kunde weigerte, den Rentenscheck aus der Hand zu geben. Schröder wirkte auf diese Menschen einfach wie die Inkarnation eines Phantombildes aus Aktenzeichen XY Ungelöst. Es kamen neue Beschwerden und diesmal umgingen einige der misstrauischen Alten unseren Brommele und wandten sich direkt an die Hauptfiliale.
Ein Jahr nach Beginn meiner Ausbildung hatten Schröder und Brommele ein langes Gespräch in dessen Büro. Es war klar das der Filialleiter dem Druck nicht länger gewachsen war. Schröder musste gehen. Er tat es mit versteinerter Mine und aufrechtem Gang, ohne sich auch noch ein einziges Mal umzudrehen.
Doch nur wenige Wochen später stand er überraschend wieder vor uns. Er brachte seinen äußerlich nicht weniger suspekt wirkenden Halbbruder mit, der sich recht zügig als fähiger Rechtsanwalt für Arbeitsrecht und im übrigen als
Koryphäe auf diesem Fachgebiet entpuppte. Der Halbbruder schnüffelte zunächst in unserer Filiale. Er stellte allen Mitarbeitern intelligente Fragen und als er mit uns fertig war stieg er in seinen Porsche und fuhr nach Frankfurt, wo er den hohen Tieren aus der Zentrale auf den Zahn fühlte.
Das ganze sei eine Diskriminierung eines körperlich behinderten Mitarbeiters hatte der Halbbruder später bei einer öffentlichen Aussprache der Parteien in unseren Räumlichkeiten zu Protokoll gegeben und dabei mit keiner einzigen Wimper gezuckt während Schröder selbst auf seinem Platz Mühe hatte, ein Lachen zu unterdrücken. Die aus Frankfurt angereisten Arbeitgebervertreter hatten bei dem Wort „behindert“ besorgte Blicke ausgetauscht. Der Staranwalthalbbruder war bekannt dafür Medienwirksame Skandale aus dem Nichts zu zaubern, deshalb hatte man sich schließlich im kleinen Kreis zusammengesetzt um eine „behindertengerechte“ Lösung für das Problem zu finden. Schröder hatte gesiegt.
Man stellte ihm einen der Büroräume aus dem ersten Stock zu Verfügung. Ich besuchte ihn von da an regelmäßig, wann immer ich ein paar freie Minuten zu Verfügung hatte, und dann saßen wir beide an einem der schönen großen Fenster, plauderten und rauchten Joints. An seiner Tür war ein Messingschild angebracht worden. Dort stand irgend etwas von „Consultant Director“. Schröder hatte mir nicht erklären können, was für ein Job sich dahinter verbarg. Irgendwann schraubte er die Messingplatte wieder ab und benutzte sie fortan als Kokaintablett.
Wann immer er seine Anlage dort oben so laut aufdrehte, dass die Klänge von Bob Dillons „Never say Good Bye“ durch die Decke bis hinunter zu uns in den Schalterraum drangen, konnte ich nicht anders, als mich für den Hippie da oben zu freuen. Schröder war in meinen Augen nicht nur eine verdammt coole Sau, er wurde auch zu meinem ganz persönliches Idol. Nun wollte eine Frau Ramovsky, dass ich half ihm ein für alle Mal den Kopf zu waschen.
„Was hätte ich tun sollen?“, fragte ich Schröder am nächsten Tag in seinem Büro. Ich saß dort auf seinem Sofa und es ging mir schlecht. Er saß vor mir in seinem Drehstuhl und starrte ins Leere. Ich war gekommen, um ihm von der Unterredung mit Frau Ramovsky zu berichten, dass sie mich dazu verpflichtet hatte, ihr dabei zu helfen den traurigen Mann vor mir als Schmarotzer zu enttarnen. Unter dem psychischen Druck der durchtriebenen Personalchefin war ich schließlich eingeknickt und hatte ihren Plänen zugestimmt.
Den ganzen Vormittag hatte ich Angst vor diesem Moment gehabt, meinem Freund vor Augen zu treten und das ungeheuerliche zu gestehen, dass ich an einem Komplott gegen ihn beteiligt war. Ich hatte lange gebraucht, bis ich genügend Mut gesammelt hatte um an seine Tür zu klopfen. Dann war ich eingetreten und hatte feststellen müssen, das Schröder längst dabei war, seine Sachen zu packen. Frau Ramovsky hatte ihn nach dem gestrigen Gespräch angerufen und die Kriegserklärung persönlich überbracht, ohne ihm meine Mitwirken als Zeuge der Anklage zu unterschlagen. Er kapitulierte.
„Aber warum nur Schröder? Ruf deinen Halbbruder an. Der soll den Laden noch mal aufmischen. Hör mal, ich würde doch niemals ernsthaft gegen Dich aussagen, so was würde ich nie tun.“
Schröder blickte mich lange an, seufzte, und begann dann damit, das CD Regal leer zu räumen und in den braunen Umzugskarton zu seinen Füßen umzupacken. Dabei sprach er mit seiner heiseren Stimme zu mir. Er und der Halbbruder hatten Streit wegen einer Frau. Da sei nichts zu machen. Von der Seite war keine Hilfe mehr zu erwarten. Ich schluckte schwer. Ohne jenes Ass im Ärmel würde es tatsächlich schwer werden, die Produktivität Schröders innerhalb der Bank zu erklären. Das war das Ende einer ganz besonderen Karriere.
Ich fragte ihn mit bebender Stimme nach seinen Plänen und er schaute mich mit weisem Lächeln an und hauchte:
„Für einen wie mich ist ein Ende auch immer eine Chance, sich mit altem Wissen neu zu verwirklichen“. Er zwinkerte lustig mit den Augen und ich freute mich, dass der alte Mann noch lange nicht in die Knie gegangen war. Ich half ihm dabei, die Schubladen der kleinen Einbauküche leer zu räumen. Etwas besorgt erkundigte ich mich nach seiner neuen Bleibe, denn Schröder hatte seine alte Wohnung schon vor Jahren aufgegeben und war aus Sparsamkeit in sein Büro gezogen. Der Rausschmiss bedeutete für ihn gleichzeitig also auch zwangsläufig Umzug.
„Auf der Sonnenseite werde ich zuhause sein, Kumpel“, lachte Schröder auf meine Frage hin und ich empfand dass als eine gesunde Einstellung .
„Du weißt, es ist nur vorübergehend…“ meinte Schröder zum x-ten Mal als wir das Sofa erschöpft vor meiner Wohnungstür absetzten. Statt eine Antwort zu geben stieß ich in hohem Bogen die Tür auf und machte zu eine tiefen Verbeugen noch eine einladende Geste. Diesen Mann empfing ich in meinen eigenen vier Wänden als Ehrengast. Schröder war seine Rührung anzusehen. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte ich, eine Träne in seinem Auge glitzern gesehen zu haben doch er genierte sich wohl seiner Gefühle wegen, wandte sich rasch ab und stiefelte die Treppe herunter, um flink noch die große Zimmerpalme aus seinem VW-Bus zu holen.
Dank seiner gesunden Weltanschauung brauchte mein Gast nicht einmal 2 Stunden, um sich in meiner 2 Zimmer Wohnung wie zu hause zu fühlen. Er umging dabei alle sonst üblichen Komplexe. Das Wohnzimmer, dass ich ihm als sein „Reich“ präsentiert und zu Verfügung gestellt hatte, betrachtete er fortan auch so. Bereits am Abend seiner Ankunft hörte ich ihn darin kräftig rumoren. Am nächsten Tag hatte Schröder das Wohnzimmer komplett umdekoriert. Es war ein regelrechtes Abenteuerinterieur, was er da in seinem kreativen Schub geschaffen hatte. Meine beiden Ledercouches hatte er zu einer Art Nest zusammen geschoben und noch zusätzlich mit dem peruanischen Wandteppich ausgepolstert. Das war der Schlafbereich. Der Wohnbereich seiner Wohnlösung bestand aus seiner abgewetzten Bürocouch, meinem Couchtisch, der alles überragenden Zimmerpalme und seinem Kühlschrank.
„Ich möchte so autonom wie irgend möglich bleiben, um Dir nicht zur Last zu fallen.“ erklärte er mir, als ich einen interessierten Blick in seinen Kühlschrank geworfen hatte. Ich erkannte in dem Inhalt Teile meines letzten Großeinkaufs vom Vortag wieder.
„Ich verstehe…“ sagte ich und nickte ernst.
„So musst du nicht immer in Küche laufen, wenn du Hunger hast. Im übrigen, Schröder…“, fügte ich dann doch noch mit etwas Nachdruck hinzu,
„…bist du alles andere als eine Last für mich. Hör auf Dich wie ein scheues Kaninchen aufzuführen, du bist hier zu Gast“
Schröder war kein Mann der großen Worte. Sein Dank spiegelte sich statt dessen im Gesicht wieder. Er lächelte schüchtern und fuhr damit fort, meinen Esstisch aus Walnussholz durch die Tür zu schieben. Das Erbstück meiner Großmutter hatte sich unglücklich im Türrahmen verkeilt. Mit dem Elan einer Siegertypen startete er einen geschmeidigen Anlauf und warf sich elegant gegen die widerspenstige Barriere. Es splitterte hässlich.
„Das Teil hat mich nun mal beim Denken gestört, weißt du.“
Ich hob eines der gebrochenen Tischbeine hoch und drohte ihm damit.
„Schon gut, schon gut“, lachte er ausgelassen über meine Drohgebärde,
„Ich bin der Gast, kein scheues Kaninchen.“
Es fiel Schröder sichtlich schwer, in meinen Vier Wänden einfach loszulassen. Er bemühte sich sehr…
Im Gegensatz zu Schröder lies meine Freundin Marlies sich regelrecht gehen, als sie am nächsten Tag von dessen Einzug bei mir erfuhr. Es war Ekel erregend, wie sie sich aufführte. In seiner Gegenwart hielt sie sich mit ihren Äußerrungen zwar zurück, schimpfte jedoch, sobald er einmal außer Hörweite war, in einem fort:
„Warum zum Teufel behauptest du jedes Mal, wenn wir über eine gemeinsame Wohnung sprechen, Veränderungen in der Wohnkultur würden dich stark belasten, und lässt dann von heute auf morgen so einen stinkenden Penner bei Dir einziehen, kannst du mir das mal bitte erklären?“.
Ich konnte es ihr nicht erklären, da ihre Frage jedweder Vernunft entbehrte und im übrigen aus undurchdachten Hasstiraden zusammengeschustert war. Schröder, dessen sensibler Geist die von meiner Freundin ausgesandten Aggressionswellen wohl empfangen und deren Ursprung erkannt hatte, lud uns beide kurzerhand in seine Bude ein. Es war der entschlossene Versuch eines Friedensangebots. Schon beim Eintritt in Schröders Reich fiel Marlies die Kinnlade so weit hinunter, dass es mir direkt peinlich war. Als Schröder uns netterweise Dosenbier aus seinem Kühlschrank holte, schnitt Marlies mir hinter seinem Rücken merkwürdige Grimassen und zeigte dabei wild im Raum herum.
„Der setzt sich mit deinem Bier vor deinen Fernseher und du leckst ihm derweil noch die Stiefel. Was für ein Mann bist Du eigentlich?“, zischte Sie mir noch ins Ohr als ich Marlies behutsam aber mit Nachdruck aus der Wohnung schob. Ihr Benehmen war eine Schande.
Ich bemühte mich den restlichen Abend über, Schröder aus dem Weg zu gehen, aber als ich in der Nacht aufs Klo musste traf ich ihn mit einigen Fressalien beladen auf seinem Rückweg aus der Küche: „Du brauchst Dich deiner Freundin wegen nicht zu schämen“ keuchte Schröder. „Sie ist alt genug selber die Verantwortung für ihr Handeln zu tragen“. Ich hätte ihn drücken können. Er schlurfte mit der Palette Jogurt im Arm in sein Zimmer und das Geschehene war aus der Welt.
Drei Monate später war ich nach zwei Jahren Beziehung wieder Single und Schröder nach wie vor bei mir zu Gast. Marlies hatte sich mit unserer WG nicht anfreunden können. Bis zuletzt hatte ich mich darum bemüht ihr das Wertesystem einer wahren Männerfreundschaft zu vermitteln aber sie hatte sich konsequent gegen meine Ausführungen gesperrt. Am Ende hatte sie mich in einem hässlich ausgearteten Streitgespräch, in welchem auch noch eine Menge anderer Kleinigkeiten hoch gekocht waren, einen „blinden Vollidioten“ genannt und war gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie rief auch nicht wieder an.
Ich weinte viel, und Schröder, der sich an der Misere wohl irgendwie mitschuldig fühlte, überlies mich meinem Kummer und bewegte sich nur noch ganz leise durch die Wohnung um mich nicht zu stören. Manchmal war ich überzeugt davon, er sei längst wieder ausgezogen, doch dann klang verhalten wieder dieser rasselnde Husten durch die Wände und ich wusste in meinem Kummer, dass ich ja überhaupt nicht so allein war wie ich mich in jenen Tagen fühlte.
Die Arbeit in der Bank lies mich das eine Leid zwar bald vergessen, führte mir das andere Übel dafür um so mehr vor Augen. Geld. Ich hatte zu wenig davon und es fiel mir schwer meinen Freund darauf anzusprechen, aber die durch ihn verursachten Nebenkosten wuchsen mir dann doch langsam über den Kopf. Nicht nur, dass Schröder unter meinem Dach einen ausgesprochen guten Appetit entwickelt hatte. Er brauchte auch eine ungewöhnlich hohe Raumtemperatur zwischen 25 bis dreißig Grad, da seine geliebte Zimmerpalme nun mal aus den Tropen kam. Zudem war ich der, zugegebenen etwas spießigen aber in meinem Kopf nun mal stark präsenten Meinung, das die Gebühren für Rundfunk und dem Kabelkanal, de facto von ihm gezahlt werden müssten, da alle entsprechenden Geräte nun mal in seinem Zimmer standen und deshalb nur noch indirekt von mir genutzt wurden, etwa, wenn ich Nachts das Fernsehprogramm durch die Wand mithören konnte.
Eines Abends klopfte ich zaghaft an seine Tür, um dieses ungeliebte Thema mit ihm zu diskutieren. Er weigerte sich jedoch, mir zu öffnen da er sich, wie er mir durch die geschlossene Tür zurief, Gedanken über die Zukunft mache. Ich schrieb ihm also einen kurzen Brief, in dem ich ganz unverbindlich und eigentlich auch nur nebenbei das Thema Geld ansprach: „Ich weiß es ist unter Freunden spießig und angepasst über so was zu reden“ schrieb ich auf die Rückseite der letzten Heizkostenabrechnung, „ Niemand will, das du dich an der Miete beteiligst, schließlich bist du Gast aber vielleicht besteht für dich grad die Möglichkeit, die Rundfunkgebühren zu begleichen. Mein Dispo ist nämlich gerade ausgereizt…“ Ich schlich zum Wohnzimmer und schob den Zettel unten durch.
Am darauf folgenden Abend durchfuhr mich ein tüchtiger Schreck, als ich mit unseren Einkäufen in die Küche trat und dort am Tisch sitzend seine Gestalt im dunklen ausmachte. Mir fiel vor Schreck die Tüten mit aus der Hand. Während ich Lebensmittel vom Fußboden zusammen räumte sah er mich mit abwartender Mine an. Vor ihm auf dem Küchentisch lag der Brief, den ich ihm geschrieben hatte und ich hätte dieses verfluchte Stück Papier am liebsten einfach vernicht.
„Guck mal…“ setzte ich an, aber er machte nur eine verächtliche Handbewegung und deutete mir an, sich dazu zu setzen.
„Du willst Geld von mir, dass ist doch nur verständlich.“ setzte er röchelnd an. Vor Scham hätte ich im Erdboden versinken können. Was dann kam, war eine Erniedrigung schlechthin. Schröder packte das aus, was ihm auf seiner hohen Kante noch verblieben war, nämlich so gut wie nichts. Spekulative Börsengeschäfte aus seiner Zeit noch als Angestellter hatten alles geschluckt. Seine Schulden mussten immens sein.
„Ich hab einfach gar nichts mehr, verstehst du?“, heulte er, und dann schniefte er tief und überreichte mir mit zitternden Händen ein schmutziges Geldbündel. Tränen sammelten sich in meinen Augen. Natürlich weigerte ich mich, anzunehmen. Wir saßen noch lange zusammen in der Küche und tranken das Dosenbier aus, dass ich mitgebracht hatte.
„Verkauf doch wenigstens deinen Bus, Schröder. Der bringt Dir zumindest ein bisschen Geld ein, so dass du nicht immer dieses Gefühl haben musst, mir permanent auf der Tasche zu liegen. Aber Schröder schniefte nur und erzählte mir mit weinerlicher Stimme, das er mit genau jenem Bus damals bis runter nach Afghanistan ist und für ihn eine Menge Erinnerungen im Fahrzeug zu erschnuppern seien. So was könne man doch nicht einfach verkaufen, meinte Schröder und ich gab ihm Recht und schwor mir gleichzeitig, nie wieder so egoistisch gegenüber einem Freund zu sein. Bevor ich mich schlafen legte, zerknüllte ich den verdammten Brief und schrieb ihm einen neuen, in dem ich meine Entschuldigung für das Vorgefallene formulierte. Wir haben nie wieder über jenen Abend gesprochen.
Wie genau es zum Ausbruch des furchtbaren Streits zwischen Schröder und mir kommen konnte, ist mir im Nachhinein mehr als schleierhaft. Es war in den ersten Tagen des neuen Jahres gewesen. Schröder wohnte nun weit über ein halbes Jahr bei mir. Er hatte sich weitgehend wieder aufgerappelt.
Ich hatte gar nicht gewusst, was Schröder für ein ausgezeichneter Gärtner war. Etwa ein Drittel des Wohnzimmers verwandelte er in eine Art Feuchtbiotop. In der Muttererde züchtete er diverse Sorten Nachschattengewächse und psychoaktiver Pilze, die er im Internet dann verkaufte. Er verdiente Geld und ich freute mich für ihn.
Den Wohlstand sah man ihm auch an. Er war dicker geworden, wirkte nicht mehr so hager, und trug nun immer wenn er ausging Schlangenlederschuhe und ein teueres italienisches Jackett. Sein ganzes Image hatte sich grundlegend gewandelt. Schröder, das Steh auf Männchen hatte es allen gezeigt.
Diese Frau musste wohl der eigentliche Auslöser unserer Auseinandersetzung gewesen sein. Mirja war zunächst so etwas wie eine Stammkundin für Fliegenpilze gewesen. Er hatte sie kennen gelernt, als er damit begann sie persönlich mit der Ware zu beliefern. Mirja war etwa seine Altersgruppe, also Anfang bis Mitte fünfzig, und sie hatte fast ihr ganzes Leben als Beamtin in Hauptarchiv des Rathauses gearbeitet, bis eine Hausstauballergie sie von heute auf morgen in den gelobten Rentnerhimmel katapultiert hatte. Sie bezeichnete sich ab sofort als Medium und bot spirituelle Sitzungen an, bei denen sie unter anderem in Kontakt mit den Seelen von Verstorbenen trat oder aber die Zukunft weissagte. Eben für diese Arten von Dienstleistungen benötigte sie Schröders Fliegenpilze, da es ihr ohne Drogen nicht gelang, dass, was sie das schwarze Tor nannte, zu öffnen.
„Spiritualität ist eine hohe Kunst“, sagte sie mir eines Morgens, mit barem Busen und merkwürdigen , darauf aufgemalten Hyroglyphen ,als ich ihr im Flur begegnete. Sie hatte ihre eigene Wohnung untervermietet und war zwischenzeitlich bei Schröder eingezogen. Beide sparten seit geraumer Zeit.
Aber Mirja litt unter schwerem Rheuma und vertrug das feuchtheiße Klima in Schröders Wohnraum nur schlecht. In Anbetracht dieses Leidens hielt Schröder es für angemessen, mit mir die Räume zu tauschen. Ich hatte dem nichts hinzu zu fügen.
Es war abenteuerlich, in seinem Feuchtbiotop zu leben. Wie sich herausgestellt hatte, war die Raufasertapete der ideale Nährboden für einen seltenen Schimmelpilz mit stark halluzinogener Wirkung. Schröder schabte wöchentlich den blaugräulichen Belag in ein schlankes Holzgefäß und verkaufte dann das Zeug für 40 Euro per Gramm in seinem Etno-Shop. Alles schien besser und besser zu laufen. Mirja hatte ihre spirituellen Sitzungen der Einfachheit halber zu uns in die Wohnung verlegt. Fortan klingelte es oft an der Tür und wildfremde Menschen geisterten über den Flur in das Schlafzimmer. Schröder selbst verzog sich dann meist in die Küche. Insgeheim glaube ich, dass die Klienten seiner Freundin ihm ein bisschen auf den Geist gingen.
Eines Nachmittags begegnete ich ihm in der Küche, wie er mit missmutigem Gesichtsausdruck am Küchentisch saß und in einem Brief las.
„Das war´s, Junge, du fliegst hier endgültig raus.“, murmelte er leise ohne von dem Blatt aufzusehen, als ich an ihm vorbei zum Kühlschrank schleichen wollte. Ich blieb abwartend stehen, als Panik in mir hoch kroch.
„Was hab ich denn gemacht, Schröder“.
Sein Kinn bebte vor Erregung und mit ihm sein Bart und die Krümel, die sich darin verfangen hatten.
„Du hast gar nichts gemacht, das ist es ja gerade.“
Brüllte er plötzlich los, sofern man das Röcheln aus seinem Munde überhaupt so bezeichnen konnte.
„Du denkst einfach nicht nach und reitest so deine Mitmenschen in die Scheiße!“
Ich war auf einem der Küchenstühle zusammengesackt. Seine Worte waren wie Schläge und ich duckte mich instinktiv.
„Hier!“ Schröder haute sich mit der flachen Hand auf seinen mittlerweile zu einer Geleeartigen Masse verkommenen Bauch und setzte ihn so in Wallungen.
„Guck Dir den Wanst ruhig an. Das ist deine Schuld. Du kaufst ein. Du bist für unsere Ernährung zuständig. Du denkst nicht nach. Ich werde fett. Na vielen Dank auch.“
Ich zitterte vor Erregung.
„Nu mach aber mal nen Punkt.“, rief ich.
„Ich kann ja wohl nicht auch noch“-
„Da!“ unterbrach er mich triumphierend. Er war aufgesprungen und fuchtelte nun mit seinem schwammigen Zeigefinger unter meiner Nase herum.
„Da! Genau so was mein ich. Ich kann ja wohl nicht. Das darf man doch nicht. Du könntest doch auch mal. Wie du schon redest, Mensch.“
Er schnaubte ungläubig. Dann begann er damit, mich trotz seiner lädierten Stimme gekonnt nachzuäffen.
„Schröder, denk dran den Kühlschrank zu schließen wenn du was rausholst. Schröder, pass auf das nicht wieder Wasser aus deinen Beeten durch den Fußboden runter zum Nachbarn läuft. Schröder, lass mich schlafen weil ich morgen arbeiten muss.“
Er war mittlerweile dunkelrot angelaufen und ich hatte große Angst, dass sein geschwächtes Herz in Verbindung mit den durch meiner Unachtsamkeit verursachten hohen Cholesterinwerten einfach nur explodieren würde.
Erschöpft ließ Schröder sich auf die Küchenbank zurücksacken. Mirja trat, angelockt durch den Lärm in den Raum und starrte uns an. Durch die geöffnete Schlafzimmertür konnte ich eine dürre ältere Frau ausgestreckt auf meinem Bett liegen sehen. Sie hatte eine Bongotrommel auf dem Bauch, auf der sie in vollkommen unrhythmischem Zusammenhang drauf schlug und dabei abwesend gegen die Decke stierte. Schröder hielt Mirja den Brief unter die Nase woraufhin sie aufstöhnte, mir einen vernichtenden Blick zuwarf und wieder zurück zu ihrer Klientin marschierte.
„Was steht denn jetzt in deinem Brief, dass du so auf mich einprügelst“, fragte ich unglücklich.
„Also erst mal ist das dein Brief…“. Zum Beweis hielt er mir den Briefkopf vors Gesicht.
„Und dann steht da nichts weiter drin, als dass Dir die Wohnung gekündigt wird.“, sagte er mit gespielt gleichgültiger Stimme. Seine zuckenden Augenbrauen verrieten hingegen die unterdrückte Erregung.
„Das heißt…“, stutzte ich ungläubig.
„Genau!“ half Schröder nach.
„Du fliegst hier raus. Und wir natürlich mit. Vielen Dank auch“.
Wie bestellt flog die Schlafzimmertür auf und heraus trat Mirja mit der geistesabwesenden Bongofrau im Schlepptau. Sie trug eine Reisetasche auf der Schulter.
„Idiot“ keifte Schröders Freundin in meine Richtung und war zur Tür hinaus verschwunden ehe ich etwas erwidern hatte können.
Es war zuviel für mich. Ich verschränkte die Arme auf dem Brief meines Vermieters bettete die Stirn darauf und fing an zu weinen. Alles war aus. Während ich heulte, drang der heisere Singsang Schröders in mein Ohr.
„Du hättest Dich vielleicht einmal auch um deine Mitmenschen sorgen sollen, Kumpel, dann währe es vielleicht nicht soweit gekommen. Wegen deinem Egoismus stehen jetzt unschuldige Menschen auf der Straße. Menschen, die dir gutgläubig das höchste Gut überhaupt geschenkt haben, nämlich ihre Freundschaft. Und du hast immer nur genommen und genommen. Wie eine Zecke hast du Dich voll getankt mit meiner Freundschaft und jetzt wo du bis obenhin gesättigt bist, lässt du dich einfach fallen. Ein Platz zum Schlafen und hie und da ein Bissen, dass war doch nun wirklich nicht viel verlangt im Tausch gegen den emotionalen Aderlass mit dem du mich geschröpft hast. Eieiei…“
Ich hörte, wie die Küchenbank energisch knarrte als sein schwerfälliger Körper sich davon erhob.
„Eieiei…“
Das Tapsen entfernte sich. Ich schloss die Augen. Für den Rest des abends drang immer der selbe Bob Dylan Song durch die Wohnung. „Going, Going, Gone“.
Schröder muss während der Nacht das Feld geräumt haben. Mit ihm ging die italienische Kaffeemaschine, die ich von meiner Tante zu Weihnachten bekommen hatte. Sie war edel verchromt gewesen und hatte in Sekundenschnelle Milch aufschäumen können. An ihrer Stelle klebte ein Zettel an der Küchenwand.
„Ich könnte dein Vater sein!“, stand da in krakelig gemalten Buchstaben. Ich verstand sofort was mein Freund mir damit sagen wollte. Es war eine Warnung. Vielleicht sogar eine Drohung. Auf jeden Fall war es etwas, dass ich mir bis heute sehr zu Herzen nehme.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Aarton Adenreich).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.06.2008.
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