Joachim Güntzel

Der Schenkel der Dirne

 

 
 
 
&       Ihr war, als hätte sie einen Schatten gesehen. Dort drüben, auf der anderen Seite des fast bis zur Decke reichenden Bücherregals. Sie versuchte, durch die Reihe der Bücher zu blicken, doch sie konnte nichts erkennen. Bibliothekssäle machten schon immer einen beklemmenden Eindruck auf sie. So voll mit Büchern und doch unendlich leer.
 

Sie stand kurz vor der Zwischenprüfung. Doch irgendwie war der erste Teil ihres Studiums nicht so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Was hatte sie sich eigentlich vorgestellt? Sicher nicht diese Szene vor drei Tagen. Sie hatte ihren Freund in flagranti mit einer anderen erwischt, wie in einem schlechten Melodram. Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben zu leugnen, es hätte auch keinen Sinn gehabt. Die ganze peinliche Angelegenheit wäre nur noch erbärmlicher geworden. Mit ihrer beigebraunen Reisetasche in der Hand stand sie in seiner Zimmertür, den höhnischen Blicken dieses stadtbekannten Flittchens ausgesetzt. Die Betten zerwühlt, in der Luft noch der Schweißgeruch der Leidenschaft. Erbärmlich. Warum hatte er ihr das angetan? Hätte er sich nicht in einem Hotelzimmer mit ihr treffen können? Musste es hier sein, in diesem Bett, in dem sie so oft… Ronnie, mit dem sie seit fünf Jahren zusammen war, hatte sie betrogen. Kaum war sie für ein paar Tage allein verreist, nutzte er die Gelegenheit aus. Pech gehabt, dass sie früher zurückkam. Jetzt wusste sie wenigstens, woran sie war. Besser heute als in zehn Jahren.

 

Bitterkeit stieg in ihr hoch. Lag es an ihr? Gab sie ihm nicht, was er brauchte? Sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob Ronnie sie je geliebt hatte. Na gut, das Leben würde weiter gehen. Arbeit war die beste Ablenkung von Liebeskummer, so hieß es doch. Also würde sie arbeiten. Vielleicht gab ihr diese Enttäuschung den nötigen Schub, um endlich die Zwischenprüfung abzuschließen und den ganzen Schutt hinter sich zu lassen. Das verdammte Buch musste doch hier irgendwo stehen. Wochenlang war es ausgeliehen, dabei brauchte sie es so dringend für ihre Seminararbeit. Die Bibliothek würde gleich schließen. Sie musste sich beeilen, wenn sie heute Abend noch ein Stück an ihrer Arbeit schreiben wollte. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken zu Ronnie schweiften. Ihre große Jugendliebe. Mit siebzehn hatte sie ihn kennen gelernt, er war einige Jahre älter. Sie wusste sofort, dass er der Mann ihres Lebens sein würde, dass sie keinen anderen wollte. Warum dachte sie gerade jetzt an diese alberne Schlagermelodie, wie ging sie doch gleich? Mit siebzehn hat man noch Träume… Ja, es war ein Traum gewesen, Ronnie, aber ich hätte ihn gerne weiter geträumt. Warum hast Du mich so sehr enttäuscht?
 

Wieder dieser Schatten, nur ein flüchtiges Huschen in ihrem Augenwinkel. Warum mussten Bibliotheken so sein? So einsam, so… Furcht einflößend. Das Gefühl beschlich sie, die Bücher hätten tausend Augen und würden sie mit leeren Blicken anstarren. Egal wie viel Leute sich hier aufhielten, zwischen den Regalen kam man sich immer so vor, als wäre man allein auf der Welt. Vor sich das geballte Wissen von Jahrhunderten, jedes Buch wie eine stumme Frage: Was weißt Du? Was hast Du heute gelernt? Sie hatte heute eine ganze Menge gelernt. Sie hatte gelernt, dass man seinen Freund nicht allein zu Hause lassen sollte. Dass man eigentlich niemandem trauen kann. Dass man letztlich allein ist, allein in dieser riesigen, verlassenen Bibliothek des Lebens.

 

Ihre Blicke schweiften suchend die Regale entlang, tasteten die Titel der unzähligen Werke ab. Müdigkeit begann von ihr Besitz zu ergreifen. Vielleicht sollte sie aufhören und nach Hause gehen, nach Hause in ihr Zimmer, das heute Abend noch leerer und deprimierender sein würde als sonst. Sie würde die Tasche aus dem Schließfach holen und zurück in Richtung Altstadt gehen. Zum Einkaufen war es inzwischen zu spät, aber vielleicht würde sie irgendwo noch einen Kaffee trinken. Hier in Tübingen war es nicht schwer, ein nettes Café zu finden; vielleicht würde sie in das kleine Stehcafé in der Hafengasse gehen, in dem sie sich neulich nach einer Vorlesung mit einer Freundin getroffen hatte. Danach würde sie ein heißes Bad nehmen und ihm dann einen langen Brief schreiben. Abrechnen und endgültig Schluss machen. Nur einen Blick noch in dieses Bücherregal… da endlich, da stand es! In Leder gebunden, der Rücken mit goldenen Buchstaben beschriftet. Sie griff nach dem Buch und erstarrte. Als sie die entsetzliche Bedrohung begriff, war es bereits zu spät. Sie versuchte sich zu wehren, der Umklammerung des Todes, der zwischen den Regalen auf sie gelauert hatte, zu entkommen, doch es gelang ihr nicht. Sie konnte sich nicht bewegen, kein Laut entrang sich ihrer Kehle. Das letzte was sie sah, waren diese Augen, diese kalten, seelenlosen Augen, die ihr das Leben aussaugen wollten, ihren Willen brachen. Sie fühlte nichts mehr, als sie zu Boden sank.

 

&       Emanuel Mathies beschloss, den Rest des Tages zu Hause zu verbringen. Er würde sich einen Stapel Akten mitnehmen und sie in Ruhe durcharbeiten. Hier in seinem Büro war das praktisch nicht möglich. Ständig klingelte das Telefon, Kollegen schauten herein und wollten etwas von ihm. Frau Neumeier, seine neue Sekretärin, wollte wissen, wo diese oder jene Ablage zu finden sei… Woher sollte er das wissen? Wenn er vollständig über das Innenleben seines Sekretariats Bescheid wüsste, könnte er ja gleich alles selber machen.

 

„Frau Neumeier, ich bin heute Nachmittag zu Hause zu erreichen, falls irgendetwas Dringendes vorliegen sollte. Sie haben ja meine Nummer. Sollte ich gerade außer Haus sein, bin ich über Handy zu erreichen. Die Nummer finden Sie hier auf der Liste…“

Er wühlte in einem Stapel von Papieren auf seinem Schreibtisch herum. Nach kurzer Zeit gab er die Suche auf.

„Na jedenfalls können Sie sich bei Bedarf die Liste mit den Mobilfunknummern aller Kollegen von Krugmann geben lassen. Nichts für ungut, aber ich muss noch einiges erledigen. Bis morgen!“

Nachdem er das Kommissariat verlassen hatte, hatte er nur noch ein paar Schritte zu seinem Wagen zu gehen, als sein Handy klingelte.

 

„Ja, hallo?“

„Spreche ich mit Kommissar Mathies?“ Die Stimme klang seltsam verfremdet. Vielleicht hielt sich der Anrufer ein Taschentuch vor den Mund.

„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“

Der Anrufer machte ein kleine Pause, wohl um die Aufmerksamkeit seines Zuhörers zu steigern. Dann sprach er mit leiser, fast flüsternder Stimme weiter.

„Ein Mord wurde begangen, Emanuel. Niemand hat es verhindern können, niemand wird bestraft werden. Eine junge Frau ist gestorben, und nur du kannst den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Es gab keine Spuren, keine Zeugen und keine Beweise. Die Lösung findest du im Schenkel der Dirne.“

 

Damit war die Verbindung unterbrochen. Sicher hatte sich irgendein Spinner einen schlechten Scherz erlaubt. Mathies nahm sich vor, sich nicht weiter zu beunruhigen und spürte doch gleichzeitig, dass dieser Vorsatz illusorisch sein würde. Eine halbe Stunde später, nach einem weiteren Anruf auf seinem Handy, war seine Ahnung zur Gewissheit geworden: Er stand in der Tübinger Universitätsbibliothek und sprach mit dem anwesenden Notarzt.

„Können Sie schon etwas über die Todesursache sagen?“

„Nein, Herr…“

„Mathies. Kommissar Mathies.“ Er hielt ihm seinen Dienstausweis unter die Nase.

„Dafür ist es wohl noch etwas früh“, antwortete der junge Arzt.

„Begründete Hypothesen?“ Mathies war als hartnäckig bekannt.

„Wie gesagt…“

„Vermutungen?“

„Würden Ihnen pure Spekulationen weiterhelfen?“ fragte der Arzt mit vorwurfsvollem Blick.

„Schon gut“, meinte Mathies und wandte sich der Leiche der jungen Studentin zu. Ihre offenen Augen starrten ins Leere, so als wäre dort etwas zu sehen, das den Menschen um sie herum verborgen blieb.

 

Der Tod existiert nur für die Lebenden, dachte Mathies. Denn wenn es keine Wahrnehmung eines Zustandes gibt, wie können wir dann sagen, dass sich jemand in diesem Zustand befindet? Wie kann jemand tot SEIN?
 

Als Mathies später zu Hause angekommen war, konnte er dem Drang nach einem Bier nicht mehr widerstehen. Er ging zum Kühlschrank und setzte sich mit der geöffneten Flasche auf sein altes Ledersofa.

„Auf dein Wohl, Ajax“, sagte er und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Ajax, das war ihm durchaus bewusst, war kein gewöhnlicher Gesprächspartner. Kein Mensch, kein Haustier oder etwas Vergleichbares. Ajax war eine kleine Büste, weniger als zwanzig Zentimeter hoch. Der antike griechische Held, der im Kampf vor Troja beim Streit um die Rüstung des getöteten Achill dem listigen Odysseus unterlegen war und darüber den Verstand – und in der Folge sein Leben – verlor: Er stand in Mathies Bücherregal und war ihm so etwas wie ein warnendes Vorbild. Nicht zu viel zu verlangen, nicht mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Er bedauerte Ajax, doch war ihm dieser tragische Krieger auch sympathisch. Vielleicht, weil er sich dem griechischen Helden verwandt fühlte. Es gab Kollegen im Kommissariat, die ihn wegen seiner kleinen Marotte, seiner Schwäche für griechische und römische Antike, für leicht abgedreht hielten. Seinen Spitznamen unter den Kollegen jedoch, Mathies der Zweite, verdankte er einem anderen Umstand. Eingedenk seiner norddeutschen Herkunft bestand er darauf, dass sein Name richtig, auf der zweiten Silbe, betont wurde. Er legte Wert auf sprachliche Korrektheit, auch um den Preis, von manchen als kleinlich betrachtet zu werden.

 

Nachdenklich hielt er den Zettel, den er sich unmittelbar nach dem Anruf des anonymen Anrufers notiert hatte, in Händen und las ihn zum wiederholten Male. Ein Mord wurde begangen, Emanuel.  Kannte der Anrufer ihn und redete ihn deshalb mit Vornamen an? Nicht unbedingt, er konnte seinen Namen zufällig in der Zeitung oder auch auf einem Hinweisschild im Kommissariat gelesen haben und nun den Eindruck einer Vertrautheit erwecken, die es nicht gab. Doch Mathies war nicht klar, was er sich davon erhoffte, welchen Vorteil er sich versprach. Vielleicht war das aber zu rational gedacht; welcher der vielen Spinner, die draußen herumliefen, brauchte schon nachvollziehbare Motive.

 

Mathies blickte auf die Uhr. Halb fünf. Seinen Aktenstapel hatte er achtlos neben seinem Schreibtisch abgelegt. Nun gut, sein Zuhausesein verlangte nach einer Rechtfertigung. Er setzte sich an den Schreibtisch und öffnete die oberste Akte. Ein ungeklärter Raubüberfall mit Geiselnahme vor zwei Jahren. Daneben die Akte, die er heute noch neu angelegt hatte, rein provisorisch, denn noch war es kein offizieller Mordfall, sondern nur ein ungeklärter Todesfall. Plötzlicher Tod einer dreiundzwanzigjährigen Studentin. Er versuchte sich zu konzentrieren. Es gab keine Spuren, keine Zeugen und keine Beweise. Er konnte nicht sitzen bleiben und ging auf den Balkon hinaus. Er blickte hinunter, sah den vorbeifahrenden Autos hinterher. Ein kleiner Junge stand an einem Kaugummiautomaten und trat mit dem Fuß dagegen. Die Lösung findest du im Schenkel der Dirne. Vielleicht wollte der Unbekannte, dass der Mord an der jungen Studentin – Mathies ging davon aus, dass es sich um einen solchen handelte – aufgeklärt wurde. Doch warum ging er dann nicht einfach zur Polizei und sagte, was er darüber wusste? Und was meinte er mit dem Schenkel der Dirne? Wohl kaum eine lebendige Frau; ein Lokal vielleicht oder ein Etablissement, eventuell war es ein Deckname. Mathies stocherte im Nebel, und das nervte ihn. Das nervte ich gewaltig.

 

Mathies war schlecht, er fühlte sich elend, kläglich; ob vor Hunger oder vor der Angst des Versagens, hätte er nicht zu sagen vermocht. Er ging zum Kühlschrank und fand einen Hering, auch eine halbvolle Packung Milch war da. Er goss etwas Milch in einen kleinen Topf, stellte ihn auf eine Herdplatte und schaltete den Herd ein. Hering in warmer Milch. Sein Patenrezept gegen jede Art von Übelkeit, seit er vor vielen Jahren für ein paar Wochen in Schottland gewesen war. „Eine schottische Delikatesse!“ hatte ihm die Dame in der Kantine damals versichert. Entweder es würde ihm so speiübel werden, dass sich übergeben musste und es ihm danach besser gehen würde, oder er überstand die Prozedur, was ihn wiederum moralisch aufrichten und sein Befinden bessern musste. Wie es ausging, konnte er vorher nie sagen. Genau wie die Sache mit der Nachricht. Wie die ausgehen würde, konnte er auch nicht sagen.

Er legte eine CD ein und stellte die Anlage auf mittlere Lautstärke. Chet Bakers Interpretation von „Somewhere over the Rainbow“ war jetzt genau das, was seiner Stimmungslage entsprach: Melancholischer Cool Jazz eines vom Leben Betrogenen; die Melodie brüchig und resignierend gespielt, als ob der Trompeter die Hoffnung aufgegeben hätte, diesen Regenbogen je mit eigenen Augen zu sehen. Das Hineinsinken in diese Erkenntnis, in die Erkenntnis, dass sein Leben ihm die Kehrseite zeigte, hatte etwas ungemein Schmerzhaftes und zugleich Befreiendes. Ja, er brauchte diese Phasen der Depression, um wieder auf die Beine zu kommen.

 

Als das Telefon klingelte, sprang er von seinem Sessel auf, als hätte eine defekte Sprungfeder sich geradewegs in sein Gesäß gebohrt, ohne sich von Sesselbezügen oder dem Stoff seiner Jeanshose aufhalten zu lassen.

„Mathies“, röchelte er in den Hörer.

„Emanuel, grüß dich. Geht´s dir nicht gut?“

„Oh, Manuela, hallo. Nein, alles in Ordnung. Ich habe nur gerade Hering… du weißt schon. Mir war etwas übel, und deshalb… wie geht´s den Kindern? Bringst du sie am Freitag oder soll ich sie holen?“ Es war seine Ex-Frau. Sie hatten sich mit sechzehn kennen gelernt und waren immer noch prima Kumpels. Das waren sie immer gewesen, wahrscheinlich waren sie deswegen auch geschieden.

„Ich bringe sie, so gegen sechs. Also ich mach´s kurz. Wollte nur schnell hören, ob irgendwas los ist. Also dann bis Freitag.“

„Ja, bis Freitag. Mach´s gut.“

„Tschüss.“

Die Verbindung war unterbrochen.

„Tschüss“, sagte Mathies, nachdem er aufgelegt hatte, „und fahr vorsichtig.“

 

&       Es geschah nicht häufig, dass in der kleinen, verträumten Universitätsstadt am Neckar ein Mord begangen wurde. Hier wurde studiert, in der Welt da draußen wurde gemordet. Mord war ein so… gewalttätiges Wort. Und es wirkte so fehl am Platz, wenn man den Blick von der Neckarbrücke auf die Schokoladenseite der Stadt warf. Der romantische Turm, in dem der weltberühmte Dichter die letzten Jahre seines Lebens in geistiger Umnachtung verlebt hatte, und die gegenüber verlaufende lange Platanenallee. Die romantischen Stocherkähne, die im Sommer von den Verbindungsstudenten auf dem gemächlich dahin ziehenden Fluss entlang gesteuert wurden. Die Neckargasse, die sich von Menschenschlangen gesäumt hinauf zur Stiftskirche wand. Konnte sich hier ein Mörder aufhalten? In der Bäckerei an der Ecke ein Mehrkornbrot kaufen und sich mit der Verkäuferin über das schlechte Wetter auslassen?

 

Kommissar Mathies wandte den Blick von den Fotos des Leichnams ab, der seltsam verfärbt erschien, die Augen weit aufgerissen, voll namenlosem Entsetzen.

 

Er schaute auf und blickte aus dem Fenster seines sterilen Büros auf den durchströmenden Verkehr auf der Schnellstraße Richtung Stuttgart. Vor gerade einmal drei Monaten hatte er die dortige Mordkommission verlassen und sich hierher versetzen lassen. Nur etwa eine halbe Autostunde von der Landeshauptstadt entfernt, und doch lagen Welten dazwischen. Zumindest dachte er das damals. Er hatte sich wohl getäuscht. Mörder nahmen keine Rücksicht auf den genius loci, den Geist des Ortes. Er griff zum Telefonhörer.

 

„Frau Neumeier, könnten Sie mich bitte mit der Gerichtsmedizin verbinden? Danke.“

Kurz darauf sprach er mit Dr. Hoyer, der die Leiche untersuchte.

„Guten Tag, Dr. Hoyer, Mathies am Apparat.“

„Herr Mathies, welch ein Vergnügen Ihre Stimme zu hören.“ Hoyer war ein Wichtigtuer, zweifellos.

 „Was kann ich für Sie tun? Halt, sagen sie nichts, ich kann es mir denken. Es geht um die junge Frau in der Unibibliothek, habe ich Recht?“

„Sie sind ein scharfsinniger Mann, Dr. Hoyer.“ Am anderen Ende der Leitung raschelte Papier.

„Nun, Herr Kommissar, ich noch nichts Definitives sagen.  Nach erstem Augenschein…“ Mathies war froh, dass er kein Gerichtsmediziner war. Eine junge Frauenleiche aufschneiden und in Augenschein nehmen…

„…handelte es sich um Herzversagen, das wohl einherging mit Erbrechen und…“

Dr. Hoyer zögerte. Dann räusperte er sich und fuhr in sachlichem Ton fort.

„Herzversagen, das einherging mit Erbrechen und Durchfällen. Es war uns noch nicht möglich, etwas über die genaue Ursache auszusagen.“

„Durchfall? Wie soll ich das verstehen?“

„So wie ich es gesagt habe. Ihr Körper wurde allem Anschein nach von starken Koliken heimgesucht, auf die der Körper mit den beschriebenen Symptomen reagierte. Doch die  Belastung war zu groß. Ihr Herz stellte wohl schließlich aus Protest seine Tätigkeit ein.“ Gerichtsmediziner haben einen seltsamen Sinn für Humor, dachte Mathies.

„Es ist keinerlei äußere Gewalteinwirkung erkennbar. Und… sie muss sehr qualvoll gestorben sein“, fügte Dr. Hoyer nach einer kurzen Pause hinzu. „Vielleicht eine Pilzvergiftung.“

 

„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Sie wissen, ich leite die Mordkommission. Das öffentliche Interesse verlangt eine Untersuchung“

„Verstehe.“

„Aber wenn ich einen Mord aufklären soll, dann muss ich zunächst einmal wissen, dass ein Mord begangen wurde. Und wie er begangen wurde.“

„Hören Sie, Kommissar, ich kann Ihnen nur das sagen, was ich im Moment feststeht. Die Frau ging lebendig und gesund in die Bibliothek und hatte wenig später einen Herzstillstand. Das ist alles was wir wissen.“

„Natürlich, Doktor, ich wollte auch keineswegs…“

„Das müsste ich mir auch verbitten.“

„Ja sicher, wie ich sagte…“

„Haben Sie noch weitere Fragen? Ich möchte nicht drängen oder unhöflich sein, aber es gibt noch einiges zu tun.“

„Nein, Herr Doktor, nochmals vielen Dank.“

 

Er legte den Hörer langsam auf. Keine Anzeichen einer äußerlichen Gewaltanwendung, vor allem aber keine Tatwaffe. Was war in der altehrwürdigen Königlichen Universitätsbibliothek geschehen? Mit einer abrupten Drehung seines Bürostuhls stand er auf. Doch er wusste weder wohin er gehen, noch was er tun sollte.

 

&       Am folgenden Tag, nach einem nochmaligen Telefonat mit dem Gerichtsmediziner, hatte Mathies die Gewissheit, die er brauchte: Die junge Studentin war an einer Vergiftung gestorben. Doch waren nicht Pilze die Ursache, sondern Aconitum napellus, der Blaue Eisenhut. Alle Teile dieser giftigsten Pflanze Europas enthalten Aconitin, ein Alkaloid, dessen tödliche Wirkung schon im Altertum bekannt war. Besonders hoch ist die Konzentration in der Wurzel, drei bis sechs Milligramm wirken tödlich. Doch wie es in ihren Körper gelangte, war ein Rätsel. Gegessen hatte sie die Pflanze nicht, das hatte die Untersuchung ihres Mageninhalts gezeigt. Konnte es ihr jemand mit Gewalt verabreicht haben? Dann hätte es Spuren eines Kampfes und äußere Verletzungen geben müssen. Dr. Hoyer vermutete eine dermale Aufnahme, denn die R24-Klassifizierung von Aconitin zeigte an, dass das Gift durch einen Hautkontakt in den Körper eindringen konnte. Doch war noch unklar, ob die toxische Wirkung in diesem Fall ausreichend stark war, um eine tödliche Reaktion auszulösen. Möglicherweise waren weitere Substanzen im Spiel, die die Aufnahme durch die Haut verstärkten, wie bei den mittelalterlichen Hexensalben, die Menschen dazu brachten zu glauben, dass ihnen Flügel wachsen würden. Die Frage jedoch, die sich Emanuel Mathies stellte, war eine andere: Wie? Wie bringt man einen Menschen dazu, zwischen zwei eng beieinander stehenden, hohen Bücherregalen das tödliche Gift des Blauen Eisenhutes aufzunehmen, während überall um ihn herum andere Menschen Zeuge sein könnten?

 

Erneut ging er die Tatortfotos durch, eines nach dem anderen. Bei einem Foto stutzte er, nahm ein Vergrößerungsglas zu Hilfe. Ja: Unter einem der Regale lag etwas, kaum für das bloße Auge zu erkennen, aber eindeutig ein Gegenstand. Ein Buch? Er griff zum Telefonhörer und rief die Spurensicherung an. Danach hatte er es sehr eilig.

 

„Frau Neumaier, ich bin die nächsten zwei Stunden außer Haus. Handy bitte nur in dringenden Fällen!“

„Ist gut, Chef.“

„Bis später.“ Er beugte sich über ihren Schreibtisch und lächelte ihr leicht zu.

„Und nennen Sie mich nicht `Chef´, ich habe einen Namen.“

„Ich weiß, Herr Mathies, Chef.“

Sie lächelte zurück. Dann begann sie geschäftig in einigen Papieren zu wühlen.

Nachdem Mathies seinen dunkelblauen Flanellmantel angezogen hatte, verließ er das Büro. Auf dem Weg nach unten hätte er fast Hagen, seinen Kollegen vom Drogendezernat auf der Treppe umgerannt. Mit einem Sprung auf die Seite rettete der sich.

„Die Mordkommission im Einsatz! Es gibt Aufzüge, Herr Kollege!“

„Geht zu langsam“, rief Mathies nach oben, „Entschuldigung!“

„Kein Problem, aber an Ihrer Stelle würde ich den zerknautschten Trenchcoat anziehen.“

Mathies hörte ihn nicht mehr. Er stieg eilig in seinen Dienstwagen, reihte sich in den Verkehr ein und fuhr in Richtung Innenstadt.

 

Das Buch… Es war nach der Auffindung der Leiche von der Spurensicherung als mögliches Beweismittel aufgenommen und auf Fingerabdrücke untersucht worden. Das war natürlich aussichtslos; außer der Abdrücke der jungen Studentin hatte man etwa zwanzig weitere entdeckt, zum großen Teil unbrauchbar. Seitdem stand das Buch wieder an seinem Platz im Bücherregal der Bibliothek, hoffentlich unberührt. Vom Handy aus hatte er die Bibliothekarin verständigt und angeordnet, dass der Zugang zu dem betreffenden Regal von beiden Seiten abgesperrt wurde.

 

Als er vor dem klassizistischen Bonatzbau der Universitätsbibliothek in der Wilhelmstraße ankam, hatte er nur einen kurzen Blick übrig für die Gesichter von Dante Aligheri, Shakespeare und Goethe, die über den rechts des Eingangs gelegenen Fenstern in die Fassade gemeißelt waren. Unter anderen Umständen hätte er gerne einen Blick in den Sonderlesesaal geworfen und die Atmosphäre darin aufgenommen, doch dafür war keine Zeit. Er wurde bereits am Eingang von einer aufgeregten Dame mittleren Alters in Empfang genommen. Etwa eine Minute später stand er vor dem Buch. Er nahm es mit Schutzhandschuhen vorsichtig aus dem Regal und verstaute es in einem durchsichtigen Plastikbeutel.

„Haben Sie vielen Dank, dass Sie so schnell reagiert haben“, sagte er an die Bibliothekarin gewandt. „Sie haben wahrscheinlich ein Unglück verhindert.“

„Was ist denn so schlimm an diesem Buch?“ fragte die Bibliothekarin.

„Ein höchst gefährliche Lektüre…“ entgegnete Mathies leise; er war sicher, dass eine neuerliche Untersuchung Spuren von Aconitin nachweisen würde. Dann erst warf er einen Blick auf den Titel des Buches: Prostitution im Römischen Reich.

 

&       Abends lag Mathies angezogen auf seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Hier liegen und mit den Augen die Tapete auf und ab wandern. Sagte man mir: Machen Sie eine typische Handbewegung – ich würde antworten: Nein, das geht nicht. Ich mache stattdessen eine typische Augenbewegung. Ich wandere mit den Augen die Tapete auf und ab, während ich im Bett liege; ich prüfe und vergleiche das Muster. Ich bin allein.

 

Mathies fühlte sich allein. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er ratlos war, kämpfte gegen die aufsteigende Wut an. Er zwang sich dazu, nachzudenken, zermarterte sich sein Gehirn, doch das versagte ihm den Dienst. Morgens stand er mühsam auf und quälte sich zum Dienst; abends verkroch er sich ins seine Höhle und zog sich die Decke über den Kopf. Ein Buch, das zur tödlichen Waffe wurde… warum?

Es kostete Emanuel Mathies zwei schlaflose Nächte und zu viele abendliche Whiskeys. Es dauerte seine Zeit, bis er die losen Fäden zusammenfügen konnte. Ein Mord ist geschehen, Emanuel… Die Lösung findest du im Schenkel der Dirne… Prostitution im Römischen Reich… Ein Bild stieg langsam, zögerlich, fast schüchtern  vor seinem inneren Auge empor. Ein Gedanke begann sich zu formen, noch unaussprechlich zwar, doch als Umriss erkennbar. Er sah die Bibliothek vor sich, die Studentin, die auf dem Boden lag und mit aufgerissenen, leeren  Augen an die Decke starrte. Das Buch, das einige Schritte von ihr entfernt halb unter einem Regal lag. Das Buch, das ihr den Tod gebracht hatte. Warum? Warum musste gerade sie sterben, Corinna Schans; was hatte sie an sich, das sie zum Opfer gemacht hatte? Routinearbeit, die auf ihn wartete: Die Familie befragen, Freunde, den Freund, wenn es ihn gab, Vermieter, Professoren… nach dem Motiv suchen.

 

Das Motiv… Irgendetwas passte noch nicht zusammen. Da war dieser Anruf auf seinem Handy gewesen. Der rätselhafte Hinweis, und dann das Buch mit dem Titel, der auf seltsame Weise zu dem Hinweis passte, ihn ergänzte, auf etwas zu deuten schien…

 

Dann, plötzlich, hatte er die Lösung. Auf einmal war sie da, zeigte sich ihm in ihrer nackten Klarheit und lächelte ihm zu. Zunächst erschien sie unglaublich, absurd, geradezu obszön. Doch je mehr er sich gegen sie wehrte, umso mehr zwang sie sich ihm auf. Jemand spielte ein schmutziges Spiel, und er war eine Spielfigur, genauso wie die tote Studentin in der Bibliothek. Ein Buch, das zur tödlichen Waffe wurde… Wahrscheinlich hatte der Mörder das Buch unter Verwendung eines gefälschten oder gestohlenen Ausweises ausgeliehen und es so lange behalten, bis es angemahnt wurde. Dann hatte er es präpariert, es entgegen den Gepflogenheiten selbst an seinen Platz zurück gestellt und der Bibliothekarin Bescheid gegeben. Sie hätte es kurze Zeit später aus dem Regal geholt und zur Abholung bereitgelegt, wäre ihr nicht die Studentin zuvorgekommen. Ja, so musste es gewesen sein. Es hätte jeden treffen können. Es ging nicht um die junge Frau, sie war ein Zufallsopfer. Es ging um ihn, um Mathies.

 

Unnötig, das Buch aus der Bibliothek nochmals anzusehen, seine Abbildungen zu betrachten. Er wusste, was er darin finden würde. Als er endlich seinen inneren Widerstand aufgab, war im auch klar, was er tun musste. Er musste sich an den Ort begeben, an dem die Lösung auf ihn wartete. Er musste nach München fahren.

 

&       Es war Sonntagmorgen, doch das kümmerte Mathies nicht. Der Königsplatz mit den beiden ihn flankierenden Museen, der staatlichen Antikensammlung und der Glyptothek – und an seinem Kopfende die etwas einschüchternd wirkende Fassade der Propyläen – war noch nicht sehr belebt. Ein grauer, regnerischer Himmel breitete sich über die wenigen Unerschrockenen aus, die es eilig hatten, trocken von einer Seite des Platzes auf die andere zu gelangen. Emanuel Mathies betrachtete nachdenklich die eindrucksvolle Frontseite der Museen mit ihren Säulenreihen und den imposanten Treppenaufgängen. Den Giebel der Glyptothek zu seiner Rechten zierten mehrere Figuren von antiken Helden, die mit Alttagstätigkeiten beschäftigt zu sein schienen; vielleicht waren es auch Vorbereitungen auf einen Kampf. Die Gestalt in der Mitte – die Göttin Athene? – schien ihren Segen zu geben. Mathies schauderte leicht und fragte sich, ob es ein ironischer Anklang auf das war, was ihm möglicherweise bevorstand. Er war sich nicht sicher, was ihn im Inneren der Glyptothek erwarten würde und hatte natürlich die Museumsleitung informiert. Er hatte auch mit den örtlichen Behörden geredet und darum gebeten, Polizeikräfte nur in Zivil und äußerst dezent im Hintergrund bereit zu halten. Es hatte ihn Mühe gekostet, sie davon zu überzeugen, dass nur er selbst diese Sache zu einem Ende bringen konnte. Er wusste, dass er seine Kompetenzen überschritt, er wusste, dass er andere und sich selbst in Gefahr brachte. Doch er wusste auch, dass sich alles in Luft auflösen würde, sobald er nicht allein handelte. Schließlich trat Mathies in das Gebäude ein. Um zehn Uhr dreiundzwanzig stand er vor dem Schenkel der Dirne.

 

Er betrachtete die Skulptur, besser gesagt den Rest, der von ihr erhalten geblieben war: Die junge römische Prostituierte, die mit geöffneten Beinen auf dem Schoß des Freiers saß. Obwohl der Oberkörper der Frau fehlte und der Blick des Betrachters in das seltsam leere Innere ihres Körpers fiel, war die ungezügelte Leidenschaft, die sie ausstrahlte, noch spürbar. Ihre Schenkel waren fein gearbeitet, mit den Knien umklammerte sie die Hüften des Mannes und stütze sich gleichzeitig auf dem Boden ab. Der Oberkörper des Mannes bäumte sich leicht auf.

 

Wo ist er? fragte sich Mathies. Sein ehemaliger Freund und Kollege, der vor fünfzehn Jahren hier mit ihm zusammen gestanden war. Thorben Folkhein, Toby. Sie hatten die Skulptur betrachtet, so wie er heute, und hatten anzügliche Bemerkungen gemacht. Zwei junge Männer, denen die Welt offen stand, so glaubten sie jedenfalls. Wenn ich jemals etwas verstecken müsste – ich meine richtig sicher verstecken, du verstehst, hatte Folkhein damals gesagt und dabei gelächelt, dann würde ich es hier tun. Ihn ihrem Schenkel.

 

Dann hörte er seine Stimme. 
 

„Du hast es also herausgefunden.“

Er stand plötzlich direkt neben ihm, so wie damals, vor fünfzehn Jahren. Mathies drehte sich zu ihm um.

„Thorben.“

„Emanuel.“ Folkhein lächelte, doch es war ein kaltes Lächeln. Aus den Augenwinkeln erkannte Mathies, dass der Kollege in Zivil, der etwa zehn Meter entfernt war, etwas in ein kleines Mikrofon murmelte, das unter seinem Mantelkragen angebracht war.

„Gib dir keine Mühe, Emanuel, die sechs Polizisten hier drin waren nicht zu übersehen.“ Folkheins harte Augen bohrten sich förmlich in ihn.

„Trotzdem bist du gekommen.“

„Natürlich, seit drei Tagen tue ich nichts anderes. Ich wusste, dass du früher oder später darauf kommen würdest. Ich wusste, dass du der Versuchung nicht würdest widerstehen können, im Schenkel der Dirne nachzusehen…“

Mathies Blick ging zur Skulptur, dann wieder zurück zu seinem Gegenüber.

„Gib dir keine Mühe, dort drin wirst du die Lösung nicht finden. Sie ist hier.“ Folkhein tippte sich an seine Schläfe.

„Warum wolltest du dann, dass ich herkomme? Und warum… warum musste die junge Frau in der Bibliothek sterben?“

„Sie war ein notwendiges Opfer“, antwortete Folkhein.

„Bedauerlich zwar, aber unvermeidlich. Anders hätte ich dich nie hier her bringen können. Und es ist doch schön hier, findest du nicht?“

 

Er machte eine weit ausholende Geste in den Museumsraum hinein. Mathies blickte schnell um sich und registrierte, dass die Zivilen dafür gesorgt hatten, dass sich im näheren Umkreis der beiden Männer keine Besucher mehr aufhielten. Gut. Er wollte mehr herausfinden.

„Du weißt“, sagte er, „dass du hier nicht mehr raus kommst. Ich werde dich festnehmen.“

„Natürlich wirst du das, Emanuel, natürlich wirst du das. Doch vorher willst du alles wissen, stimmt´s? Du willst wissen, warum.

Er war immer noch derselbe Toby wie vor fünfzehn Jahren. Überheblich, selbstgerecht, arrogant. Doch es war noch etwas hinzugekommen. Er war zum Mörder geworden. Wie, um alles in der Welt, ist es so weit gekommen, Toby?

Weißt du, warum?“ sagte Folkhein jetzt mit deutlich erregter Stimme.

„Weißt du, warum ich zum Mörder wurde, nur damit du heute hier stehen und dich mit deinem scheiß Bullengetue aufblasen kannst? Du Heuchler! Du weißt es wirklich nicht, was? Dann helfe ich deiner Erinnerung auf die Sprünge: Vor fünfzehn Jahren, mein Spind in der Akademie. Du konntest deine Neugier nicht zügeln, musstest unbedingt reinglotzen, als ich unter der Dusche war, was?“

 

Mathies versuchte sich zu erinnern. Konnte es das sein? War sein alter Freund und Kollege zum Mörder geworden, nur weil er, Mathies, gesehen hatte, was in seinem Spind war? Zwei Wodkaflaschen, eine davon fast leer?

„Hör zu, Toby“, versuchte Mathies ihn zu beschwichtigen. „Ich habe nie…“

„Gib es doch wenigstens zu, du Heuchler!“ unterbrach ihn Folkhein und lächelte angewidert.

„Natürlich hast du den Oberen einen Tipp gegeben! Wolltest mir wohl nur helfen, wie? Wolltest mich vor mir selbst schützen, oder irgend so einen Mist! Ja, ich war ein Trinker damals, na und? Wäre ich deswegen ein schlechterer Polizist geworden als du? Wegen dir musste ich gehen, musste mit ansehen, wie du aufgestiegen bist und Kommissar wurdest. Nach mir hat kein Hahn mehr gekräht!“

 

Folkhein starrte ihn mit glasigen, stumpfen Augen an. Das kann doch unmöglich der Grund sein, dachte Mathies. Das doch nicht…

 

„Sag mir, dass das nicht wahr ist, Toby. Sag mir, dass du keinen unschuldigen Menschen umgebracht hast aus verletztem Stolz, nur um mir etwas zu beweisen, mir etwas heimzuzahlen!“

 

Thorben Folkhein war nun ganz ruhig. Eine undefinierbare Spannung lag in der Luft. Etwas kündigte sich an, etwas würde gleich geschehen, das spürte Mathies. Etwas… Als Folkhein weiter sprach, war seine Stimme zu einem Flüstern, fast einem Zischen geworden.

„Du sollst zu deinem eigenen Opfer werden, zum Opfer deiner Neugier! Nur aus diesem einen verdammten Grund stehst du hier: Damit du mit – mir – verreckst!“

Aus irgendeinem Instinkt heraus hatte Mathies sich so gestellt, dass die Kante der Wand, in die die Nische mit der Skulptur eingelassen war, fast direkt vor ihm verlief. Als Thorben Folkhein die letzten Worte herauspresste, blickte Mathies ihm fest in die Augen. Sein Gehirn raste und schrie ihm förmlich zu: Der Schenkel der Dirne! Weg von der Skulptur! Das Flackern in Folkheins Augen in dem Sekundenbruchteil, bevor er den Auslöser in seiner Hosentasche betätigte, war das letzte, was Mathies an diesem Tag sah. Er warf sich zur Seite, in Richtung des offenen Raumes und spürte noch die volle Wucht der Detonation an ihm vorbeiziehen. Doch was er abbekam genügte, ihm das Bewusstsein zu rauben.

 

&       Als Mathies im Krankenhaus erwachte, sah er als erstes den Baum vor seinem Krankenhausfenster. Er war grün. Ein Zeichen des Lebens. Ich lebe. Was war mit Toby, lebte er auch? Vom Flur her hörte er Stimmen und Schritte, die an der Tür vorbeigingen und sich wieder entfernten. Was mit Thorben Folkhein geschehen war, würde er früh genug erfahren. Die traurige Gewissheit, dachte Mathies bitter.

 

Offiziell galt der Fall bereits am Tag nach der Explosion in der Glypthothek als geklärt. Ein offenbar geistig verwirrter Mann hatte ein misslungenes Attentat auf einen Polizeibeamten verübt, um seiner Festnahme wegen des Mordes an einer Studentin zu entgehen. Durch die Umsicht des Polizisten und dessen „geistesgegenwärtige Reaktion“ konnte Schlimmeres verhindert werden. Natürlich bohrten die Medien eine Zeitlang weiter, stellten Fragen nach Motiven, Hintergründen, nach einem Schuldigen, nach dem Warum. Warum… Emanuel Mathies wusste keine wirkliche Antwort, noch nicht, dazu war alles noch zu frisch. Sicher, er hatte in Tobys Spind hineingeschaut – und nein, er hatte seinen Vorgesetzten keinen Tipp gegeben, wenigstens nicht bewusst. Er hatte Toby nicht verpfiffen, dessen war er sich sicher. War er sich sicher…? Wenn Toby damals nur mit ihm geredet hätte, alles wäre anders gekommen. Eine junge Frau würde noch am Leben sein, und Toby hätte sein Freund und Kollege bleiben können. Warum hast du nichts gesagt, Toby? Warum hast du zugelassen, dass dein Hass von dir Besitz ergriff?
 

 

Alles, was Emanuel Mathies an diesem Tag wusste, war eines: Er hatte eine Lektion gelernt. Mochten die Zeitungen am Tag nach einer Bluttat die Frage nach dem Motiv stellen, so oft sie wollten. Er würde nicht mehr nach Gründen fragen, sondern sich auf die Suche nach etwas anderem machen. Nach etwas, das tiefer lag, nach einer Flamme, die heißer loderte als glühende Kohlen und schmerzhaftere Wunden zufügte als jede Messerklinge es konnte. Er würde nach Besessenheit suchen.

(c) Joachim Güntzel

AKTUELL: Die Geschichte wurde in meinem soeben erschienenen Buch "Der Gefühlstütenwanderer. Dreizehn Geschichten am Limit" abgedruckt (bookmundo 2018, Hardcover), ISBN 9789463673181.
 

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