Dorian Kirschstein

Ich, mein Vater und ein Cabrio

 
Nach einem Besuch bei meinen Großeltern jagte mein Vater mal wieder laut singend mit 120 Sachen über die Bundesstraße und regte sich über harmlose Autofahrer auf, die er im nächsten Moment überholte. Meine Geschwister auf der Rückbank spielten derweil dem Lärmpegel nach Dritter Weltkrieg mit ihren Kuscheltieren. Ich auf dem Beifahrersitz klammerte mich an die Haribotüte, die ich von meiner Großmutter bekommen hatte und betete.
Hinter unserem Wagen brannte der Asphalt, die Bäume beugten sich gefährlich und die Schlaglöcher flohen. Obwohl es erst Nachmittag war, schaltete mein Vater die Scheinwerfer ein, weiterhin seinen Lieblingssong mitgröhlend. Geblendet vom Fernlicht endeten einige entgegenkommende Fahrzeuge im Straßengraben, andere wichen halsbrecherisch unserem verkannten Formel-Eins-Fahrer aus, der munter pfeiffend das Hupkonzert ignorierte. In den Kurven rutschte unser Cabrio auf die andere Fahrspur, sodass ich insgeheim schon Abschied von den Reifen genommen hatte. Meine Geschwister bemerkten von alledem nichts, da sie wohl nun mit ihren Kuscheltieren ein Hammerwerk zu besichtigen schienen.
Kurz vor der nächsten Ortseinfahrt bemerkte mein Vater, dass der Tank fast leer war, und bretterte mit eingeschalteten Scheibenwischern, die er anstelle des Blinkers aktiviert hatte, über ein Rasenstück. Da er die Tankstelleneinfahrt recht knapp verfehlt hatte, drehte er nun mit kreischenden Bremsscheiben und setzte unser Auto gegen einen Findling. Dann zerlegte er stolz die Gangschaltung und raste mit gedrückter Handbremse auf den Tankstellenvorplatz. Er schnappte einem BMW-Fahrer im Rückwärtsgang die Zapfsäule weg und stieß hektisch den Schlauch gegen das Blech, bis er bemerkte, dass er den Tankdeckel noch nicht geöffnet hatte.
Nachdem er vollgetankt hatte, setzte mein Vater sich wieder hinters Steuer und wollte losfahren. Es kostete mich wirklich viel Überzeugungsarbeit, bis er wieder aus dem BMW ausgestiegen war.
Im eigenen Wagen trat er nun das Gaspedal durch, stellte sich aufs Gaspedal, trat ein Loch in den Fahrzeugboden und ärgerte sich. Als sich die Handbremse löste, schoßen wir zurück auf die Fahrbahn. Mein Bruder brabbelte irgendetwas von Kirmes.
Wir fuhren (konnte man es mit gutem Gewissen „fahren“ nennen?) durch die Dämmerung Richtung heimwärts, als meinem Vater die überaus glorreiche Idee kam, seine Sonnenbrille aufzuziehen. Zunächst suchte er sie im Handschuhfach, während ich alle Mühe hatte, den Wagen auf der Straße zu halten. Dann kam er zu dem Schluß, dass sie wohl auf der Rückbank liegen müsse. Meine Geschwister waren da keine große Hilfe; sie immitierten so orginalgetreu einen Flugzeugstart, dass man sich nicht denken hören konnte. Das hätte meinem alten Herrn sicher nicht geschadet, als er über seine Lehne nach der Brille angelte. Als wir die unfreiwillige Abkürzung über eine Acker nahmen, muss sie unglücklicherweise runtergefallen sein und mein Vater öffnete sich laut über die vielen Straßenschäden auslassend das Verdeck. Als er nach hinten gestiegen war, nahm ich auf dem Fahrersitz Platz und versuchte, Schlimmeres zu vermeiden. Zum Beispiel, dass eines der Kuscheltiere verloren ging.
Wir rasten auf einige Bäume zu; mein Vater sprang auf und jubelte, kletterte zurück und ließ sich, kurz vor einem dicken Ast, wieder auf das Polster fallen, von dem ich mich dummerweise noch nicht ganz zurückgezogen hatte. Auf der Nase hatte er seine heißgeliebte Sonnenbrille, mit der er garantiert nichts mehr sah. Kritisch wurde es aber erst, als das Radio ausfiel.
Panisch schrie mein Vater „Ruhe bewahren!“ und gab Gas. Am Fenster flogen die Autos, Bäume und Fußgänger nur so vorbei; letztere hatten auch einen Hang zur Windschutzscheibe. Das Nervenbündel neben mir winkte wie wild und warf das Warndreieck aus dem Wagen. Während er seinen Sitz nach hinten schraubte, hupte er sehr ausdauernd mit den Füßen und redete auf den Wagen ein. Er war kurz davor, mit seinem Fallschirm, den er immer dabei hatte, abzuspringen, als ich ihn darauf hinwies, dass wir längst gehalten hatten. Die Mauer war gerade zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen!
Ich könnte ein Liedchen von solchen Fahrten singen, aber dass mein Vater sang, reicht ja schon. Ich finde, irgendwann sollte er doch mal den Führerschein machen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.07.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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