Die Anzeige einer Ferienwohnung brachte uns auf die Idee, Urlaub an der Nordsee zu machen. Schon im Frühjahr hatten wir mit der Nordsee gefreit. Während wir Prospekte wälzten, kamen uns Zweifel. Nach einem ewig langen Winter und einem verregneten Frühjahr wollten wir Sonne. So entschieden wir uns kurzfristig für den Süden. Nordsee im September, das klang gut.
Der Ort lag gegenüber von Spiekeroog. Im Prospekt sah die Wohnung traumhaft aus. Vorsichtshalber befragte ich noch eine nordseeerfahrene Nachbarin. Sie meinte: „Ein kleines Fischerdorf, fahrt doch lieber nach Cuxhaven, da sind mehr Geschäfte.“ Das Letzte, was ich im Urlaub vermisse, sind Geschäfte. Da mein Mann gerne einkauft, gab ich diese Mitteilung weiter. „Kleiner als das Nest, welches du auf Mallorca aufgetan hast, kann dieser Ort auch nicht sein", meinte er, „da fahren wir hin."
Drei Tage, nach dem wir den Mietvertrag abgeschickt hatten, lag eine Benachrichtigung der Post im Briefkasten. Mit Einschreiben-Rückschein wurde uns mitgeteilt, die Wohnung sei vermietet, da wir den Vertrag nicht zurückgeschickt hätten. Da gab die Vermieterin DM 8,60 Porto aus, anstatt mit einem Telefonat für eine Mark den Sachverhalt zu klären. Das war mir unverständlich. Ich rief sie an. Die Lösung war ganz einfach. Die Vermieterin oder ihre Büroangestellte hatte jeden Brief im Computer einfach überschrieben, ohne das Datum zu ändern. Mittlerweile hatten wir drei unterschiedliche Briefe mit gleichem Datum. Es war nichts zu machen, „unsere Wohnung" war vermietet. Sie bot uns eine andere an, natürlich teurer. Das hatten wir schon geahnt und im Vorfeld vereinbart, ein solches Angebot abzulehnen. Der Urlaub war mittlerweile in greifbare Nähe gerückt - ohne Wohnung. Das Glück war uns gewogen, relativ schnell fand ich eine Wohnung. In diesem Mietvertrag war ein Vermerk: Rücksendung bitte bis zum...
Da wir keine zwei Wochen bleiben konnten, beschlossen wir freitags zu fahren. Ich hatte gehofft, wir kämen um 14.30 Uhr los. Es wurde später. Bis Oberhausen war die Autobahn der reinste Horror. Dann sollten wir auf die A 31 wechseln, und ab da waren wir praktisch allein. Während ich darauf wartete, dass die Autos vor uns endlich die nächste Ausfahrt nehmen, beschleunigen oder sonst wie verschwinden würden, signalisierten die Warnblinkanlagen: Stau. Ein Stau ist ja nichts Ungewöhnliches, neu für mich war, dass die Leute ausstiegen, sobald die Autos standen. Bisher kannte ich nur, dass jeder erst einmal geraume Zeit abwartet, ob die Fahrt nicht weitergeht. Als dann die Sirenen zu hören waren, wurde in der Mitte eine Gasse frei gemacht, um Krankenwagen und Feuerwehr durchzulassen. Nach einer Stunde kam uns ein Polizeifahrzeug als Geisterfahrer durch diese Gasse entgegen. Auf dem Rückweg geleitete er einen Bestatter.
Irgendwann kamen wir auf die Idee, den Vermieter zu informieren, dass wir uns erheblich verspäten würden ‑ damit er die Wohnung nicht zwischenzeitlich vermietet. Endlich ging es weiter. Der Stau konnte sich nur schwer auflösen, da auf dieser Strecke ein etwa 30 Kilometer langes Stück fehlte. Die restliche Fahrt verlief problemlos. Wir fanden sogar die Straße auf Anhieb.
Am nächsten Morgen kam die große Überraschung. Abends hatten wir im Dunkeln und reichlich übermüdet nur noch die Wohnung gesucht. Im Hellen stellten wir fest, dass wir zwar im Zentrum, aber trotzdem sehr ruhig wohnten. Auf der einen Seite der Park, das Siel und gegenüber der Hafen. Der Hafen faszinierte uns immer wieder, er lebte. Die Fischer kamen im Laufe des Morgens in den Hafen zurück und liefen nachmittags wieder aus.
Nach einem wunderschönen, sonnigen Wochenende regnete es montags. Kein Problem, wir hatten genug zum Lesen eingepackt. Als es dienstags auch noch regnete, fiel uns ein, dass wenige Minuten von uns entfernt ein Tee‑Seminar angeboten wurde. Die Idee, den Regentag für das Seminar zu nutzen, hatten andere auch. Anstelle der erwarteten 20 Gäste saßen schließlich etwa 50 Personen in der guten Stube. Wir lernten, wie Ostfriesen ihren Tee trinken. Zucker (Klümpjes) kommt in die Tasse, dann wird Tee eingegossen und anschließend mit einem Löffel Sahne eingeträufelt, damit kleine Wolken aufsteigen. Getrunken wird, ohne umzurühren. Zu den Informationen über die Geschichte des Tees gab es immer wieder eine Runde Tee. Wird der Löffel über die Tasse gelegt, heißt das, ich mag nicht mehr. Die Seminar‑Leiterin erzählte, im Nachbarort gäbe es einen Teeladen, wo der Inhaber den Tee nach der Wasserhärte der jeweiligen Gegend mischt. Unsere Tischnachbarin berichtete, der Laden wäre sehenswert. Und wir würden was verpassen, wenn wir seinen Besitzer nicht kennen lernten.
Nachmittags machten wir uns auf den Weg in den Nachbarort. Teeläden hatten wir schon einige besichtigt. Sie waren meist in Weiß und Blau dekoriert, und der Duft lockte die Besucher schon von weitem an. Solch einen Laden fanden wir im Hafen nicht. Irgendwann ging uns auf, es musste der Laden sein, vor dem wir standen. Wir traten ein und standen in einem Gemischtwarenladen, wie wir ihn seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatten. Selbstbedienung war noch nicht eingeführt. Jeder Kunde wurde mit der gleichen Ruhe bedient. Jedem Kunden wurden die Kniffe der Teezubereitung erklärt. Die erstandenen Artikel wurden sorgfältig eingepackt, damit sie den Transport unbeschadet überstehen würden.
Wir kauften Tee, einen Tee‑Besen, der verhindern soll, das Teereste in die Tasse gelangen, und einen Sahnelöffel, um Wölkchen zu produzieren. Meinem Mann hatte es die Messing‑Teedose angetan, die der Kunde vor uns gekauft hatte. Der Deckel dieser Dose war gleichzeitig das Tee‑Lot. Die letzte Dose wurde für ihn aus dem Fenster geholt und ein passender Karton gesucht. Die anderen Kunden warteten geduldig.
Wir waren einer Meinung, das Tee‑Seminar und der Besuch im Teeladen waren ein schöner Abschluss für einen wunderschönen, erholsamen Urlaub. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Heimweg. Als wir in Höhe der Unfallstelle waren, meinte ich: „Wenn wir früher losgekommen wären, wären wir wahrscheinlich vor dem Stau gewesen." „Oder", meinte mein Mann, „wir wären zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und wären in den Unfall verwickelt worden." Wo er Recht hat, hat er Recht.
Helga Pütz
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2008.
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Der kleine Kobold Mallefitz
von Sabine Kwyas
Nach hundert Jahren unbeschwerter Kindheit bekommt der kleine Kobold Mallefitz von seiner Mutter seine zukünftige Lebensaufgabe erklärt. Da Kobold en Menschen als Schutzengel dienen, bekommt auch Mallefitz einen kleinen Schützling zugewiesen, den er vor den alltäglichen Gefahren bewahren soll. Es ist das kleine Mädchen Lea, dass Mallefitz mit ihrer Ungestümheit und ihrem Temperament ganz schön auf Trab hält. Doch da der fleißige Kobold sich vorgenommen hat, der beste Schutzengel der Welt zu werden, läßt er Lea niemals aus seinen wachsamen Augen und verhindert somit oftmals die kleinen Unglücke des Lebens. Bis zu dem Zeitpunkt als sein Schützling schwer krank wird und sich ihm überstarke Gegner in den Weg stellen, da beginnt für Mallefitz ein Kampf auf Leben und Tod.
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