Karl-Heinz Fricke

Goslarer Geschichten

 

Goslarer Geschichten

Ein Lieblingsplatz für viele Bürger war eine Bank auf einem Halbrondell, das man in den Teich der Anlage hinein gebaut hatte. Stolz zogen zwei Schwäne ihre Bahn, und auf der kleinen Insel hatte man ein Entenhaus errichtet. Emsiges Flügelschlagen und das Geschnatter der Enten nahm kein Ende.Vielen Erwachsenen und Kindern war es ein Vergnügen die Entenschar zu füttern, die sofort ans Ufer kam. Aber nicht nur die Enten profitierten von den freiwilligen Gaben. Wenn man vom Rondell ins Wasser schaute, konnte man die grauen Rücken großer Karpfen sehen, die keinerlei Scheu zeigten und ebenfalls auf Brotstückchen warteten. Es wäre kein Kunststück gewesen die großen Fische mittels Schnur und Haken an dem ein Brotstück aufgespießt war, zu angeln. Den Kindern, die solche Gedanken hegten, hatte man erzählt, dass die Karpfen an einer Angel laut schreien würden. Diese unsinnige Warnung hielt die Kinder jedoch davon ab, es zu tun. So war dies ein Fleckchen totalen Friedens, umsäumt von riesigen Linden und Buchen. An vielen Sonntagen im Sommer wurde die Stille von den Klängen einer Musikkapelle unterbrochen, die sich auf dem Halbrondell plaziert hatte. In den Wintermonaten gefror das Wasser des Teiches und Kinder und Erwachsene zogen anstatt der Schwäne mit Schlittschuhen ihre Bahnen. Am Ende des Teiches steht noch immer der alte dickwandige, trutzige Turm, der ein Bestandteil der alten Stadtmauer der über tausendjährigen Kaiserstadt war. Etwa einhundert Meter auf dem Parkwege weiter befinden sich zwei weitere Teiche unterhalb der alten Stadtmauer, die man unerklärlicherweise Judenteiche nannte. Auch diese Teiche waren von Enten und Schwänen besucht, und Fische tummelten sich zwischen den wuchernden Wasserpflanzen. Als jedoch die Herrschaft des "Tausendjährigen Reiches" bereits nach 12 Jahren sein Ende gefunden hatte, schwammen auch mehrere Exemplare des Buches "Mein Kampf" in beiden Teichen.

Es war ein großes Glück für die alte Stadt, dass sie von den Bombardierungen der Alliierten verschont geblieben ist. Die Stadtväter gingen mit weißen Fahnen den heranbrausenden Fahrzeugen der Amerikaner entgegen, und verhinderten auf diese Weise eine Beschießung und Bombardierung der Stadt, die dann kampflos übergeben wurde. Die Sherman Panzer rasselten pausenlos weiter nach Osten. Die westliche und östliche Heer trafen sich schließlich an der Elbe, was gleichzeitig das Ende des Krieges bedeutete. Deutschland war zerschlagen, und die Träger des Reiches waren entweder gefangen, geflohen oder hatten Selbstmord begangen, und die großen Städte des Reiches lagen in Trümmern.

In der unzerstörten Kaiserstadt ging das Leben weiter. Allgemein herrschte bei vielen Hungersnot, und man war darauf bedacht, nach Möglichkeit alles zu tun, um nicht zu verhungern.Der Schwarzhandel blühte und Zigaretten hatten die Geldwährung übernommen, die Reichsmark hatte ihre Kaufkraft verloren. Viele Wert- und Kunstgegenstände wanderten auf die Dörfer als Gegenleistung für Lebensmittel, die die Bauern entbehren konnten. Inzwischen hatte man den "Eisernen Vorhang" heruntergelassen und das Land in zwei Teile gespalten. Es wurde sehr bald augenscheinlich, dass Väterchen Stalin seine Ambitionen, die Welt zu erobern, auszudehnen gedachte, was allerding auf den Widerstand der Westmächte stieß. Gemeinsam hatte man die braune Pest besiegt, aber nun begann man, sich auf die kalte Art zu bekriegen, was ein großer Gewinn für die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen bedeutete. Der Wiederaufbau der Städte wurde vorangetrieben, und nachdem die Währungsreform stattgefunden hatte, und alles in den Geschäften wieder angeboten wurde, ging es dem deutschen Michel in der ausgerufenen Bundesrepublik wieder gut, während die östlichen Brüder und Schwestern der Willkür der Sowjet Union ausgesetzt waren.

Mit dem Wirtschaftswunder begann dann der Aufschwung der Wirtschaft und der Name "Made in Germany" erhielt wieder seine alte Bedeutung für Güte und Qualität. Es ging aufwärts und der allgemeine Lebensstandard erreichte nie vorher erreichte Höhen.. Auch in der alten Kaiserstadt tat sich etwas. Wie Pilze schossen neue Wohngebiete und Geschäftsviertel aus dem Boden. Das Auto hielt seinen Siegeszug auch beim "Kleinen Mann", und die bereits bestehenden Autobahnen wurden erweitert und Neue geschaffen. Westdeutschland wurde das Urlaubsziel vieler Ausländer und große Transporter brachten ihre Güter aus den freien europäischen Staaten ins Land. So begann eine Zeit des Wohlstandes und der Wuchs einer gesunden Mittelklasse.

Inzwischen begann es im Osten zu gären. Die Ostblockstaaten, unter der Sowjet-Knute, erkannten den allgemeinen Fortschritt im Westen und begannen das Paradies der Arbeiter und Bauern zu hassen. Demonstrationen, die in früheren Jahren brutal niedergewalzt wurden, nahmen mehr und mehr Gestalt an, da auch der wirtschaftliche Ruin seinen Einzug gehalten hatte. Es war selbst dem neuen sowjetischen Herrscher klar, dass eine umwälzende Änderung eintreten müsse, die dann im Zuge neuer Reformen auch Wirklichkeit würde, was das Ende des Kalten Krieges bedeutete und allen Bewohnern der Ostländer die Freiheit bescherte. Damit fiel auch die Berliner Mauer, und der Wiedervereinigung des deutschen Volkes stand nichts mehr im Wege. Das dieses Geschehen aber auch an dem Wohlstand der Westbewohner zehren würde, hatte man anfangs wohl nicht erwartet, als sich aber die Massnahmen verhärteten, um den Menschen im Osten in großzügiger Weise die Vorzüge der Demokratie zu zeigen, und auch Volksdeutsche aus anderen östlichen Ländern heim ins Reich kamen, begann es im Wirtschaftswunderland zu kriseln. Privilegien, die für viele Jahre als selbstverständlich zur Tagesordnung gehörten, wurden plötzlich beschnitten, was das Missfallen der Westbewohner zur Folge hatte. Daran hat sich in den Jahren nach der Wiedervereinigung nichts geändert, und ein erwarteter neuer Aufschwung der Wirtschaft ereignete sich indessen nicht. Im Gegenteil, die Mechanisierung und automatisierte Industrie führte zur Arbeitslosigkeit. Ostbewohner strömten ins Schlaraffenland des Westens und mischten sich neben anderen europäischen Fremdarbeitern u.a.aus Italien und der Türkei unter die Bevölkerung und an die Werksbänke in den Betrieben. So enstand eine neue Bevölkerungsschicht. Die Müller, Meier, Schulze und Schmidt bekamen neue Nachbarn, die fremdlautende Namen tragen, und auch das Sprachgewirr der Fremdsprachen in der Öffentlichkeit ist nicht zu überhören. Selbst Afrikaner sind darunter, die sogar in den Kader der Fußball Nationalmannschaft augenommen wurden, weil sie anhand ihrer Geburt automatisch als deutsche Staatsbürger gelten.

Ein schwarzgelockter Türke sitzt auf der verwitterten Bank auf dem Rondell am alten Teich. Neben ihm ein weizenblondes deutsches Mädchen. Er hat einen Arm um ihre Schulter gelegt, und beide schauen den Schwänen zu, wie sie ähnlich einem Jet einen Streifen hinter sich herziehen. Als die Sonne im Zenit stand, erhoben sie sich und strebten der Stadt zu, um in einer Imbißstube eine Currywurst zu erstehen. Hinterher wandelten sie noch durch die Straßen, blieben an verschiedenen Schaufenstern in der Fußgängerzone stehen, wurden beim Weitergehen von der Menschenmasse hintzer ihnen weitergeschoben, bis ein Lieferwagen den Weg zum größten Teil versperrte. Einzeln gingen sie an Blumentöpfen vorbei, die man vor einem Blumengeschäft einfach auf die Straße gestellt hatte. Ein Mann hinter einem Tisch warb für Küchengeräte, gerade einen Rotkohl halbierend. Ein anderer mit einem Zylinderhut auf dem Kopf stand hinter seiner Drehorgel, aus der alte Gassenhauer ertönten. Das Mädchen summte das alte Lied mit, das einst Vico Torriani sang. "Adio Donna Grazia." Am Ende der Straße saß ein jüngerer Mann auf einem Stück Pappe. In dem Blechteller vor ihm lagen einige Münzen. Seine Augen waren von einer Sonnenbrille verdeckt, und der braune Mischlingshund lag mit dem Kopf zwischen den Pfoten unbeweglich neben ihm. Auf dem Marktplatz standen hunderte Touristen und hörten dem Glockenspiel zu. Aus dem alten Marktbrunnen, den ein goldener Adler krönt, fließen seit Jahrhunderten Wasserströme. Gerade fuhr die rote Stadtbahn vorbei. Eine Reihe von offenen Wagen von einer kleinen Zugmaschine gezogen. Vorne ein Fremdenführer, der während der Rundfahrt auf alle Sehenswürdigkeiten aufmerksam macht und auf Bauten, die im Mittelalter gebaut worden waren, Fachwerkhäuser mit ihren alten Schnitzereien und Inschriften. Dann über die Brücke des Baches, der quer durch die Altstadt fließt. In früheren Jahren nahm der Bach den Unrat der Bewohner auf. So konnte man von Küchenabfällen, leeren Büchsen bis zu toten Katzen alles Mögliche im flachen, klaren Wasser finden. Ein neues Bild bietet sich dem Betrachter heute. Mitten im Flußbett sieht man auf Betonsockeln dekorative Skulpturen zeitgenössischer Kunst. Ein altes, hölzernes Mühlenrad dreht treu und brav die breiten Schaufelräder, und vom nahen Schulhof hört man den Lärm der Kinder in den Pausen. Ein altes Mütterchen, von Osteoporose den Rücken gekrümmt, überquerte mühsam das alte Kopfsteinpflaster, nickte aber freundlich einem Passanten zu, der vor ihr den Hut zog.
 
Karl-Heinz Fricke  18,07.2008

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