Dominik Umberto Schott

Novemberfahrt

Von wegen Bahnhofsromantik. Es ist feuchtkalt und ich steige schnell ein. Draußen am Waggon sehe ich noch das Schild Passau-Regensburg. Das nächste wichtige Schild ist das mit der durchgestrichenen Zigarette. Kaum Leute im Zug. Zwei Glastüren weiter liegen zwei Paar Beine im Gang. Man hat den Eindruck, daß die Bahn ihre tonnenschweren Metallmonster stur durch die Landschaft fährt, weil der Fahrplan es so will. Einsam aber unbeirrbar rattert der Zug nach Osten.
 
Im Nichtraucherabteil ist noch was geboten, was die Raucher nicht mehr mitkriegen: Der deutliche Geruch von altmodischen Zugwaggons. Eisen, Linoleum, Heizung...dieselbe unpersönliche Industrie-Mischung für erste und zweite Klasse.Die roten Sitzgestelle mit den Gepäckablagen hocken wie große Insekten da. Fest am Boden verschraubt und zu ewiger Starre verdammt – oder? Wer weiß, was sie nachts im Depot treiben, diese Biester!

Ein sanftes Ruckeln und die Landschaft fängt zu fließen an. Neben mir stricken zwei schöngeformte Hände weiße Wolle in einen Pulli. Das wird einer von den Pullis, der für Tomatensoße automatisch eine Einladung zum Sprung über den Tellerrand darstellt. Die Dame, zu der die strickenden Hände gehören, macht allerdings den Eindruck als wäre sie imstande, Spaghetti auf fleckfreie und elegante Art zum Mund zu führen.
Draußen dämmert es im Zeitraffer. Wir durchschneiden Dörfer. An den Schnittstellen eiserne Masten und stumpfe Gesichter.
In Regensburg wartet mein Verleger auf mich. Er wartet eigentlich nicht auf mich sondern auf einen Text. Aber bitte mit Inhalt – kein sinnfreies lalala. Soll ich einen Text schreiben über fremde Autos, die an nächtlichen Bahnübergängen blöd in die Gegend glotzen?
Oder über das kurze Voyeursglück, wenn der vorbeidonnernde Zug für den Bruchteil einer Sekunde Blicke in Bahndamm-Leben gestattet? Es muss etwas mit dem November zu tun haben und seiner gott-vernebelten Stimmung. Keine Zeit...Feiglosigkeit...Mutverlorenheit....irgendsowas. Ein Schlauchboot von oben. Das flüchtige Glück.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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