Christa Eva Walter

Als Gott die Erde erschuf... Fortsetzung

 

Als Gott die Erde erschuf und es gab nichts mehr zu tun, ruhte er sich in Irland aus.


Endlich!!! Castletownbere... von weiten konnte ich den Hafen erkennen, das Meer lag
vor uns wie ein ausgebreiteter Teppich. In dreier Reihen standen Schiffe dicht
nebeneinander, umgeben vom Betrieb der Menschen und dem Geschrei der Möwen.
In wenigen Minuten erreichten wir unsere Ferienanlage. Schon beim Aussteigen hatten
wir das Gefühl, man erwartete uns, schließlich waren wir auch schon lange unterwegs!
Ein Ehepaar die für diese Anlage zuständig waren begrüßten uns herzlich. Sie sprachen
beide deutsch und waren vor 20 Jahren nach Irland gekommen. Das Ferienhaus war
nett eingerichtet, die Lage prima, mit herrlichem Blick auf die Bucht, umgeben von
Bergen, die in der Abenddämmerung uns majestätisch grüßten. Ich holte tief Luft,
breitete meine Arme aus, so als wollte ich dieses wunderbare Bild umarmen,... ich
war angekommen,... nur die Müdigkeit zwang uns zum Ausruhen... und morgen war
ein neuer Tag, und sogleich dachte ich an ein irisches Frühstück! In den folgenden
Tagen machten wir erst einmal Sparziergänge um alles was es in Castletownbere zu
sehen gab, kennen zu lernen. Dieser kleine Fischerort, weit unten im Südwesten, wo
die Temperaturen fast jeden Tag so um die 25° Grad erreichten, war einer der
wichtigsten Fischereihäfen Irlands.

Durch den warmen Golfstrom begünstigt, konnte sich eine üppige Vegetation mit
herrlichen Fuchsienhecken und riesigen Rhododendronbüschen entwickeln. Wer
vermutete hier Palmen,... sie säumten den Weg zum Hafen und spendeten viel
Schatten. Unterbrochen wurde diese Idylle, von den Geräuschen der
heranfahrenden Schiffe und dem unaufhörlichen Geschrei der Möwen. Sie
waren vollbeladen mit köstlichen frischen Fischen, und in Windeseile wurde die
Ware zubereitet, um sie schnellstens zu den bereitgestellten Kühlwagen zu 
transportieren. Wenn dann riesige Container gefüllt wurden, fuhren sie los...
und aus dem kleinen Castltownbere wurde nun das "Tor zur Welt." Es war
jedesmal ein Erlebnis, den Fischern bei ihrer Arbeit zuzusehen, wie kamen sie
nur mit ihren endlosen Netzen zu recht und wie mühsam waren die Reparaturen,
wenn sie in Ordnung gebracht werden mussten. Aber alles ging ihnen so flink von
der Hand und eh man sich versah, waren sie schon wieder auf ihren Schiffen und
fuhren hinaus in die Weite des Ozeans.

 
 In Castletownbere gab es nicht nur guten Fisch, sondern auch ein irischisches
Frühstück, sollte man sich nicht entgehen lassen, dabei brauchte man Zeit,
aber was spielte Zeit für eine Rolle, wo doch die Uhren anders liefen, als in
der übrigen Welt!
Irland ohne Pubs,... undenkbar, sie sind das Wohnzimmer der Iren. Auch sie
reihten sich nebeneinander, wie die Schiffe im Hafen, mit bunten manchmal
auch schrillen Farben luden sie uns ein. Besonders gefiel mir ein einfacher Pub,
gleich um die Ecke, dort wo sich die Fischer trafen nach einem harten Tag,
man begrüßte uns, ohne uns zu beachten, waren wir Gäste? Wir spürten nichts
davon, wir gehörten zu ihnen, so einfach war das!  Wir nahmen Anteil an ihren
Gesprächen, an ihren Sorgen und Nöten, aber auch an ihrer Freude über einen 
guten Fang.


Es war eine 
Zugehörigkeit, als wäre man immer schon da gewesen,... ein
heimisches Gefühl!  
Abends dann wenn sich der Tag neigte, saßen wir oft am
Ufer und so weit das Auge blicken konnte, nahmen wir etwas auf, was uns schon
lange verloren gegangen war, eine unendliche Stille in der wir nicht wagten
unsere Stimme zu erheben. Ich spürte von Anfang an, dass mich dieses Land tief
berühren würde,... umgeben von Steinwällen, die uns schützten, und trotzdem
den Blick freigaben, um den Himmel zu sehen.  Unser nächstes Ziel führte uns
zum Dunboy Castle. Schon von weitem konnte ich die alten Ruinen erkennen,
sie waren eingetaucht in dunklen Wolken und ließen Geheimnisvolles erahnen!
Beim näheren erkunden, entdeckten wir nicht nur Ruinen, sondern viele kleine
Räume mit großen Fenstern, die geschmückt waren mit wildem Efeu.

Dann ein sehr großer Raum, mehr noch ein Saal, vielleicht ein Thronsaal,
Marmorsäulen gaben dem Innenraum Halt und ein wenig Glanz, aus längst
vergangener Zeit. Und wenn der Wind leise durch die Mauern blies, konnte man
mit etwas Phantasie, Geräusche wahrnehmen, vielleicht sogar Stimmen!
Erwartungsvoll lauerte ich auf etwas Ungewöhnliches,... ich dachte an eine
Zeitmaschine, oder wenn Steine reden könnten,... schließlich so habe ich mir
sagen lassen, ging hier auch einmal der Teufel ein und aus,... Iren hatten
zudem immer Geschichten bereit und diese hier war mir doch etwas
unheimlich!  Auch Steine haben hier eine besondere Bedeutung, deshalb wird
einmal Erbautes niemals abgerissen und so können wir heute noch herrliche
alte Mauerreste bewundern, bishin zu den alten Wikingersiedlungen, als sie
noch ihre Eroberungszüge machten und sich schließlich in Irland niederließen,
Familien gründeten, so wurden aus Eroberer, friedliche Leute und manchmal
mit etwas Glück, begegnen uns rothaarige Lockenköpfe,...  mit großen
Sommersprossen und lustigen Augen. 


Von Dunboy Castle ging mein Blick über eine weite Bucht, die sich schlängelte
bis zum offenen Meer, und gab nun eine Weite preis die mich für einen
Augenblick gefangen hielt, langsam dann glitt mein Blick wieder zum Ufer
zurück und ich konnte ein altes Schiff erkennen, das wohl vor vielen Jahren
hier gestrandet war. Es muss einmal ein sehr schönes Schiff gewesen sein,
denn man konnte noch die bunten Farben erkennen und sicherlich hatte es
auch eine Geschichte.

Für Augenblicke blieb die Zeit stehen und so ging es mir an vielen Orten,
Vergangenheit und Gegenwart reichten sich oft die Hand und verschmelzten
wieder im Einklang mit der Zeit... Man konnte hier auch viel einsame verlassene
Häuser finden und man ging nicht einfach vorbei, nein... man blieb stehen, denn
jedes einzelne Haus verbarg ein Schicksal und dies machte traurig. Wie war es
möglich, dass vor etwa 100 Jahren eine Kartoffelkrankheit eine so große
Hungersnot auslösen konnte, in einem Land das reich war an Fisch, Rindern
und Schafen!

Wieviele Menschen hatten aus dieser Hoffnungslosigkeit ihre Heimat verlassen
und wieviele versuchten hier zu überleben, bis Krankheit und Tod ihnen alles
nahm und übrig blieben ihre verlassenen Häuser! Ohne nach Schuld und
Schuldigen zu fragen, bleibt eine Erinnerung,... die heute noch wehtut!
Melancholie liegt wie ein Schatten auf ihren Gesichtern und selbst der Himmel
teilt ihren Schmerz, wenn er weint!...

An einem besonders schönen Tag, machten wir uns schon früh auf dem Weg,
die Sonne schien und der Himmel war klar, es war kein Wölkchen zu sehen.
Gerade richtig um einen Wandertour zu planen. Unser Ziel... von
Castletownbere nach Allihies! Je weiter wir uns vom Ort entfernten, desto
einsamer wurde es.
Um nicht vom Weg abzukommen, blieben wir auf der Landstraße. Unsere
Wegbegleiter waren nun Schafe, ab und zu konnten wir auch Esel entdecken.
Die Einsamkeit war unser Freund, die Luft zum Atmen ein Geschenk und das
satte Grün tat unseren Augen gut, wir fühlten uns wohl und meine Seele schlug
Purzelbäume. Die Straße schlängelte sich endlos dahin und nach jeder
Biegung folgte eine nächste. Inmitten eines Felsens, stand eine Marienfigur, sie
wurde hier sehr verehrt, denn frische Blumen zeigten uns, man scheute keinen
noch so langen Weg. Wir hatten nun einige Kilometer hinter uns, als wir uns
einer Schule näherten. Es muss wohl gerade Pause gewesen sein, als eine
Horde Kinder die Schule verließ.


Eine Lehrerin begrüßte uns, sie machte uns einen gemütlichen Eindruck, doch
im Umgang mit den Kindern wirkte sie sehr energisch! Wir fragten sie wie weit
es noch bis Allihies war. Ohne zu zögern schlug sie uns vor, ca. 30 Minuten auf
sie zu warten, sie wolle dann nach Schulschluss ihre Tochter vom Strand
Allihies abholen und könnte uns auf dem Weg mitnehmen. Na, wenn das kein
guter Vorschlag war und eine Pause tat uns ebenfalls gut und so setzten wir
uns auf die Schulmauer und ruhten ein wenig aus.

Sie erzählte uns, dass in dieser Schule etwa 100 Kinder unterrichtet werden.
Wegen der großen Entfernungen werden die Kinder jeden Tag mit Schulbussen
abgeholt. Dass sie sich hier auskannte, merkten wir an ihrem Fahrstil, die
Kurven nahm sie wie ein echter Profi, mit Begeisterung schwärmte sie von
ihrem letzten Urlaub im Schwarzwald,... die herrlichen Wälder hatten es ihr
angetan,... manchmal dachte ich, konnte die Welt doch klein sein! In Allihies
angekommen, machten wir ersteinmal Rast,... ich betrachtete die kleine Straße,
die bunten Häuser und Pubs und dann für diesen Ort einen riesigen
Supermarkt,... das war verblüffend,... am Ende der Straße sah man die Berge,...
dies wiederum ergab ein wunderschönes Bild... als wäre hier die Straße zu Ende.
Nun hatten wir uns ein Guiness verdient, das herrliche dunkle Bier war eine
Belohnung. Nachdem wir uns gestärkt hatten, schlug mein Mann eine 

Übernachtung vor, doch ich fühlte mich noch so großartig, sodass wir uns
wieder auf dem Rückweg machten.

Um wenigstens einmal mit meinen Füßen den Atlantik zu berühren, lief ich noch
schnell zum Strand. Dass war ja unser eigentliches Ziel, nur das sich Allihies so
weit dahin zog, hatten wir nicht eingeplant und so machten wir uns auf den Weg. 
Als wir endlich Castletownbere erreichten, merkten wir wie erschöpft wir waren,
aber es war auch ein tolles Erlebnis, einmal der Natur so nah zu sein und sie
erwandert zu haben. Nach diesem anstrengenden Tag machten wir ersteinmal
Pause und entdeckten ganz in der Nähe ein Stone Circle, einen Kreis aus Steinen.
Noch heute macht man sich Gedanken, welche Bedeutung sie einmal hatten.

Wie fast alles in Irland, stieß man immer wieder auf geheimnisvolles, selbst auf
alten Friedhöfen lag ein Zauber. Es war schon recht merkwürdig, das Friedhöfe in
Irland mich in einer besonderen Weise anzogen, so als waren mir die Toten
vertraut, ich spürte ihre Nähe ohne Angst zu haben, ein Gefühl das mir eigentlich 
fremd war. Iren haben großen Respekt vor den Menschen, die nicht mehr unter
ihnen weilen, man sieht es an der Pflege der Gräber, die liebevoll geschmückt
sind und selbst der Menschen gedenken sie, die einmal in Ungnade gefallen sind,
jene die vor den Friedhofsmauern liegen und ein kleiner Blumenstrauß lässt sie
uns nicht vergessen!

Mit einer Wanderung in die Berge beendeten wir so langsam die schöne Zeit in
Castletownbere! Der alte vertraute Geruch nach gebündelten Torf stieg uns in
die Nasen, vorbei an Sümpfen und kleinen Mooren, konzentrierten wir uns, um
nicht vom Weg abzukommen. In der Ferne das Meer, das uns zur Orientierung
half,.. um wieder gut nach Hause zu kommen. Ich konnte die Tage zählen,... die
uns noch blieben, und leider mussten wir wieder unsere Rucksäcke packen.
Unsere Rückreise ging diesmal über Glengariff, von da aus weiter bis Killerney.
Gegen Abend erreichten wir dann Limerick, jetzt war es nicht mehr weit bis zum
Flughafen Shannon,... schon sehr früh ging die erste Maschine nach Düsseldorf!

Leb wohl Irland... mit deinen bunten Häusern... mit deinen aufgeregten Möwen,
wenn die Fischer heimkamen... mit deinen Steinen und Hügeln... mit deinen
Wiesen, wo sich die Blumen im Winde die Köpfe verbiegen... mit deinen
verlassenen Häusern, die immer noch auf Rückkehrer warten... mit deinen
Wolken, die mit der Sonne spielten... mit deinen Menschen, die für den Frieden
beten... mit deinen Kindern, die sich eine gute Zukunft wünschen...
in einem Land wo Gott sich ausruht... 

Leb wohl Irland...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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