Norbert Schimmelpfennig

Ein paar zynische Naturkatastrophen

 
Es schien ein normaler Tag an der Nordsee zu werden – obwohl sich das Klima jetzt im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kaum noch normal verhielt: Zugefroren war das Meer hier schon lange nicht mehr, stattdessen hatten in letzter Zeit immer wieder Stürme hier getobt. Und die See hatte sich insgesamt weiter vorgeschoben, weil der Meeresspiegel allmählich höher stieg.
An diesem Tag stand eine junge Reisegruppe am Ufer und schaute in die Ferne. Am Tag zuvor hatten sie sich noch im Trubel der Berliner Innenstadt aufgehalten und dort einer Zeremonie beigewohnt:
Kürzlich erst war das letzte Auto ohne Katalysator stillgelegt worden und wurde nun gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf einen Sockel gestellt – als ein weiteres Gedenken des Unheils, das sich die Menschen selber zufügten.
Hier aber genoss die Gruppe die Stille an der See. Als fast alle schließlich weitergingen, blieben zwei ihrer Mitglieder noch zurück:
Senta, die sich immer Sentanilla nannte, und Simon, der schon seit seiner Kindheit Spiemon genannt wurde, weil er auf langen Fahrten öfter speien musste und auch bei Wetterwechsel manchmal Migräne mit Erbrechen bekam.
Beide beobachteten eine große Welle, die gegen einen großen Stein in ihrer Nähe schlug, und hierzu meinte Spiemon zu Sentanilla:
„Wenn ich diese Welle nicht gegen den Felsen, sondern auf dich spüle…“
„… dann denkst du an Doktorspiele!“ erwiderte sie. Doch ehe sie weiterreden konnten, sahen sie etwas:
Und zwar löste sich aus dem großen Stein eine weibliche, durchsichtige Gestalt mit langen, wehenden Haaren, die zu ihnen sprach:
„Jetzt reicht nicht nur endlich einmal wieder das Meer bis an diesen Felsen, genau wie vor etwa zehntausend Jahren, am Ende der Eiszeit – nein, jetzt hat auch jemand dazu ähnliche Witze gemacht wie mein Vater. Ihr solltet mir aber gut zuhören: Ich heiße Auniei und habe einen Teil meiner Seele einst in diesem Felsen hinterlassen –als Wächter vor der Flut. Eure Sprache habe ich immer wieder aufgeschnappt, wenn Menschen hier vorbei gegangen sind.
Doch zunächst zu meiner Kindheit: Als ich ganz klein war, jagte unser Stamm hier Mammute. Als diese Tiere so laut trompeteten, fragte ich meinen Vater:
‚Warum machen die Mammute so einen Lärm?’
Er erwiderte:
‚Weil sie schon dafür üben, später in unserem Magen zu trompeten!’
‚Ach, dann ist immer so ein Tier in meinem Bauch, wenn er knurrt?’ fragte ich weiter, worauf er entgegnete:
‚Nein, kein ganzes Tier, sondern nur ein Stück von ihm, wie du bald sehen wirst!’
 
Einige Zeit später, an einem nebligen Wintertag, wollten meine Eltern im Meer Fische fangen, wobei ich ihnen von einer Düne aus zusah.
Während sie sich abwärts bewegten, erzitterte der Boden für einen Moment leicht.
‚Sogar dem Boden ist kalt’, meinte mein Vater dazu.
‚Das finde ich nicht so witzig’, erwiderte meine Mutter. ‚Schließlich sind in früheren Zeiten bei solchen Erschütterungen schon ganze Höhlen eingestürzt!’
Als dann meine Eltern gerade die Fischernetze in das Wasser tauchten, schlugen plötzlich die Wellen höher. Meine Mutter wunderte sich:
‚Wieso auf einmal dieser Seegang? Es weht doch nur ein schwacher Wind!’
‚Vielleicht sind das die Fische, die Angst davor haben, bald an unserem Feuer zu landen!’
‚Hörst du nicht auch das Grollen in der Ferne, das immer näher zu kommen scheint?’
‚Ja, ich höre es auch. Vielleicht kommt nun doch ein heftigerer Wind, und wir werden hier schön nass werden!’
Das Unglück geschah schneller, als man vermuten mochte. Was auch immer auf dem Meeresboden geschehen war - im Nu rollte eine Welle auf die Küste zu und verursachte schon Lärm, noch bevor sie in dem Nebel zu sehen war. Auf einmal schlug sie mit einer Höhe von etwa zehn Schritt ans Ufer, begrub meine Eltern, die gerade hoch rennen wollten, unter sich und riss sie mit sich fort. Ich stand gerade noch hoch genug, um nicht von ihr erfasst zu werden.
Später wurden ihre Leichen gefunden und in ein Boot gelegt, in welches man ein Loch geschlagen hatte. Als die Ebbe kam, schoben ein paar Stammesmitglieder das Boot ins Wasser und sahen zu, wie es sich langsam entfernte und allmählich unterging, soweit man das in dem Nebel erkennen konnte, der sich den ganzen Tag nicht gelichtet hatte.
Als Erwachsene drängte ich dann darauf, dass sich der Stamm vom Meer entfernte, das auch damals immer höher stieg.
Soweit zu mir, und nun zu euch: Ich sehe abermals eine große Katastrophe auf die Erde zukommen – nicht nur hier, sondern auch jenseits des Ozeans – also seht euch vor! Ich bin jetzt müde, muss in den Felsen zurück!“’
Sentanilla und Spiemon fragten sich, ob Auniei irgendetwas in Amerika gemeint haben könnte. Beide entstammten Familien, die im Exportgeschäft tätig waren und überlegten, ob sie verstärkt auf die asiatischen Wachstumsmärkte und etwas weniger auf die USA setzen sollten. Hierin bestärkten Sentanilla und Spiemon ihre Eltern in der Folgezeit – eine richtige Entscheidung, denn alsbald brach der Vulkan unter dem Yellowstone-Park aus, so gewaltig, dass die Umgebung in einem großen Umkreis zerstört wurde und die amerikanische Wirtschaft zusammenbrach.
Bis hin zur Nordsee waren kurzzeitig Erschütterungen zu spüren.
So gab es nun Tsunamis
Ohne Amis.
Aber Wirtschaft
mit viel Erholungskraft
-       wegen der zu aufstrebenden Ländern offenen Türen.
 
Letztlich war die Eruption aber nicht der schlimmstmöglichen Kategorie zuzuordnen, und so erholten sich langsam auch die USA wieder von der Katastrophe. Die Erderwärmung wurde durch die viele Vulkanasche in der Atmosphäre gebremst – freilich nicht für immer, was besonders Sentanilla und Spiemon bewusst war.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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