Ingrid Grote

TOPP, die Wette... Teil 9

Samstag am frühen Abend:
 
   Als sie zuhause ankommen, sind die Wogen ihrer Empörung wieder einigermaßen geglättet. Anscheinend haben sich beide entschlossen, die Sache nicht mehr zu erwähnen.
   „Ich habe richtig Hunger!“ sagt Chris.
   „Ich fange sofort mit der Pizza an“, sagt Irma.
   „Ich helfe dir“, bietet Chris an, und Irma freut sich darüber.
   Sie lässt ihn den Schinken und die Salami schneiden, öffnet eine Dose Thunfisch, eine Schachtel mit Pizzatomaten und eine Packung mit Pizzakäse. Sie schneidet Pfefferschoten, Knoblauch und eine Zwiebel klein und fängt dann an, den Fertigteig leicht auszurollen.
   Sie belegen den Teig abwechselnd und finden es sehr lustig.
   Als die Pizza im Ofen ist, lässt Irma Spülwasser ein und beginnt, das schmutzige Geschirr abzuspülen. Chris greift sich ein Geschirrtuch und trocknet tatsächlich ab.
   Irma überkommt auf einmal ein seltsames Gefühl. Es ist, als ob sich alles in ihr auf einen Punkt zusammenzieht, auf einen aufregenden Punkt. Sie fühlt Chris’ Nähe so deutlich, sie ist so betäubend, so verführerisch, so überwältigend! Und wie er die Teller abtrocknet, das ist so unglaublich sexy. Das ist viel besser als eine Spülmaschine...
   Chris scheint es zu spüren, er hat wohl einen siebten Sinn dafür. Er schaut ihr kurz in die Augen, die wahrscheinlich leicht verschleiert aussehen – und hebt sie dann ohne weiteres auf die Arbeitsplatte.
   Er zwängt ein Bein zwischen ihre Schenkel, und dabei muss er sich nicht besonders anstrengen, denn sie hat ihre Schenkel schon bereitwillig für ihn geöffnet. Mit routinierter Hand knöpft er langsam ihr Kleid auf. Dann fängt er an, ihre Brüste zu streicheln, und das trotz BH. Was für ein irres Gefühl! Irma starrt ihn an wie hypnotisiert, und das intensive Gefühl verstärkt sich – irgendwo in den unteren Zonen ihres Körpers. Nein, eigentlich überall...
Gleich wird es passieren, sie hat es so vermisst. Und diese blöde Wette ist ihr egal. Sie spürt sein forderndes Bein zwischen ihren Schenkeln und versucht, noch ein bisschen näher heranzurutschen.
   „Hattest du mir nicht von einem schwulen Typen erzählt, der in einer Pornobar arbeitet?“
   Was ist das? Was quatscht er da? Er soll ihr lieber seine Zunge in den Hals stecken und dann was anderes von ihr küssen – oder was anderes in sie...  „Hmmmmm...“ stöhnt sie auf, legt ihre Arme um seinen Hals und drängt sich mit ihrem Körper noch näher an ihn.
   Aber er lässt sie los wie eine heiße Kartoffel.
   Irma sitzt da mit leeren Armen und empfindet ein furchtbares Gefühl des Verlustes. Sie muss schlucken. Das ist gemein, sie einfach hier hängen zulassen! Sie ist gefrustet und enttäuscht, aber das darf sie sich nicht anmerken lassen.
  „Ja und?“ sagt sie schließlich mit ruhiger Stimme.
  „Ich dachte nur so...“ Er lächelt etwas schief bei diesen Worten, dann nimmt er auf einmal ihre Hand, es ist die, die er in der Pornobar so hart umklammert hat, er drückt einen leichten Kuss darauf und sagt leise: „Es tut mir leid...“
Dann marschiert er aus der Küche heraus und lässt sie hier sitzen mit dem aufgeknöpften Kleid, dem erhitzten Gesicht und den unerfüllten Wünschen... Was tut ihm leid? Dass er sie hier sitzen lässt?
   Sie betrachtet ratlos ihre Hand. Sie scheint zu brennen, ein seltsames Gefühl. Er hat sie vorher noch nie auf die Hand geküsst.
   Irma lässt sich langsam von der Arbeitsplatte gleiten und knöpft ihr Kleid wieder zu. Wie oft hat sie das heute schon getan? Verdammt noch mal, ihre Knie zittern, sie ist ein wenig verwirrt, und außerdem hat er auch noch Verdacht geschöpft. Er ist nicht blöd, nein, das ist er wirklich nicht.
   Sie hört aus dem Wohnzimmer einen Fußballkommentar. Chris guckt wohl irgendeine Sportsendung.
   Irma hat sich mittlerweile beruhigt, denkt aber immer noch an die verpasste Gelegenheit. Was für eine Schande, so etwas auszulassen! Er ist halt ein Mistkerl, er will sie niedermachen, will ihr zeigen, dass sie ein Nichts für ihn ist, will ihr zeigen, dass er ihren Körper besitzt. Und dass er nicht so scharf auf sie ist, wie sie auf ihn. Gut, er besitzt ihren Körper. Doch sonst besitzt er nichts von ihr!
   Und diese Entschuldigung war bestimmt nur ein Trick von ihm, um sie weich zu klopfen. Oder war es kein Trick? Denn eigentlich hat sie die Wette ja schon verloren, aber er hat es vielleicht gar nicht gemerkt. Sehr seltsam...
   Eigentlich fühlt sie sich gar nicht übel. Der Duft der Pizza verbreitet sich appetitanregend in der ganzen Wohnung, und direkt im Zimmer nebenan sitzt ein attraktiver Mann und schaut Fußball.
   Es kommt ihr unheimlich vertraut vor, und dann fällt es ihr ein: Die Samstagabende im Haus ihrer Eltern, als sie noch ein Kind war. Die beiden waren furchtbar ineinander verliebt gewesen, und Irma hatte manchmal gedacht: Wenn ich mal alt bin, so um die dreißig. dann will ich auch noch so furchtbar verliebt sein. Blöderweise ist sie noch nie so richtig ‚ohnewennundaber’ verliebt gewesen, und das mit fünfundzwanzig. Ist das normal?
   Und außerdem muss sie daran denken, wie sehr ihre Eltern es sich wünschen, dass sie studiert und nicht mehr in diesem Büro arbeitet, wo sie, wie ihre Eltern wissen, zwar sehr erfolgreich ist, aber sie könnte weit Größeres leisten. Irma lächelt in sich hinein. Die alten Herrschaften haben Recht. Sie hat sich entschlossen. Sie wird Tiermedizin studieren, hier in der Stadt gibt es eine Uni, die das Fach anbietet, eine von fünf in ganz Deutschland. Sie hat einiges gespart, und sie könnte nebenbei arbeiten, natürlich nicht in dieser Pornobar. Jetzt kann sie drüber lachen. Sie weiß gar nicht mehr, warum sie sich vorhin so über Chris aufgeregt hat. Er hat sie zwar hart angefasst, aber dieser Kuss und die Entschuldigung waren die Sache wert. Ihre Hand glüht immer noch so sonderbar... Und den Rest des Studiums werden ihre Eltern freudig finanzieren. Es wird trotzdem hart werden, aber sie ist stur, liebt Herausforderungen, und sie will so wenig Geld wie möglich von den Eltern annehmen.
   Jedenfalls erscheint ihr dieser Tag vertraut normal, es ist ja fast, als wäre sie mit einem Mann verheiratet, der gerade die Sportschau guckt, während sie als Ehefrau, die nebenbei eine sehr gute und vor allem nicht geldgierige Tierärztin ist, gerade das Abendessen macht. Was sie natürlich nicht immer tut, manchmal macht Chris es, er hat ja mehr Zeit als sie... Meine Güte Irma, was träumst du da, das ist doch total unrealistisch. Weiß ich, sagt Irma zu sich selber, aber es ist so total gut, und ich kann nicht damit aufhören...
Sie deckt den Tisch auf dem Balkon. Es ist immer noch schwülwarm, und es wird bestimmt ein Gewitter geben.
   Irma träumt weiter: Und später werden sie vielleicht irgendwelche Freunde besuchen oder ins Kino gehen und dort Händchen halten, oder mehr. Auch nicht unangenehm...
   Irma holt die Pizza aus dem Backofen und stellt sie zum Abkühlen auf die Arbeitsplatte.
   Sie findet in der Abstellkammer einen annehmbaren Rotwein, den sie vor zwei Wochen bei einer dubiosen Grillparty abgestaubt hat. Ein richtig netter Typ hatte sie dorthin eingeladen, und sie waren über Nacht geblieben, weil keine S-Bahn mehr fuhr. Sie hatten in einem klitzekleinen Wohnwagen geschlafen, eng aneinander, aber natürlich nicht miteinander! Er war zwar nett, aber einfach nicht ihr Typ. Was hatte sie sonst noch so gemacht? Genau, Kneipen besucht. Und ein paar Mal war sie tatsächlich zu Hause geblieben, weil sie zu nichts Lust hatte.
   Was hatte Chris wohl um die gleiche Zeit getrieben? Ist bestimmt besser, es nicht zu wissen, denn der Chris aus ihrem Tagtraum hat nichts mit dem wirklichen Chris zu tun. Obwohl es schön wäre...
 
Ende Teil 9

Alle Irma-Chris Geschichten sind auf meiner Homepage, und zwar dort:
http://ingridgrote.de/html/bucher.html
Ingrid Grote, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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