Silvia Milbradt

Die Träumerin

 
Als Sie über die alte Holzbrücke ging, stand die Sonne hoch am Himmel, Ihr war warm und wohlig zugleich. Hinter der Brücke begann Ihr Wald, jahrelang kam Sie fast täglich hierher, ja es war Ihr Wald und immer war Sie allein hier. Nur in der letzten Zeit nahm Sie die Arbeit mehr als sonst in Anspruch, aber heute hatte Sie auf Ihre innere Stimme gehört,  war den vertrauten Weg gegangen. Hier konnte Sie frei  in ihren Gedanken und Tagträumen schwelgen, dann  kam Sie jedes Mal glücklich und zufrieden danach nach Haus.
Sie liebte das Grün der Wiesen, der immergrünen Nadelhölzer und den Geruch des Mooses. Wenn Sie den ersten Baum passiert hatte, gewann Sie den Eindruck, als neigten sich alle Blumen, Gräser, Sträucher und Bäume Ihr zur Begrüßung entgegen.
Sie verbeugte sich mit einem freudigen „Hallo“, begrüßte alle Waldinsassen und Sekundenbruchteile später, stand alles im gewohnten Stand, wie vorher, kerzengerade. Die Mutter hatte, als Sie noch ein kleines Kind war, immer wieder gesagt: “du träumst mit offenen Augen“ und je älter Sie wurde, war Sie gewillt dem Glauben zu schenken.
 
Sie verwarf den Gedanken jedoch schnell, denn eigentlich war Ihr egal was die Mutter heute noch sagte, sie wusste dass Ihre Träume ein Bestandteil Ihres Selbst waren. Hier im Wald, raste kein Auto in Eile, huschten keine Menschen wie Ameisen im Getümmel, nein, hier kam es Ihr vor als stehe die Zeit still. Manchmal hatte Sie in der Eile vergessen ihre Armbanduhr abzulegen, ging aber wenn Sie es bemerkte zur uralten Eiche, hing die Uhr über den kleinsten Ast und wie eine Pforte schien es Ihr, als öffnete die Eiche den Weg und schloss sich wieder hinter Ihr.
 
Aber an diesem Tag war alles anders, sie war gerade 50 Fuß gegangen als eine kaum wahrnehmbare Stimme: “Au“ sagte und Sie abrupt wie angewurzelt stehen blieb. Nein, das konnte nicht sein, es war niemand zu sehen, sie war allein. Bestimmt hatte die Mutter doch Recht, sie  träumte mit offenen Augen.
 
Ein Wimmern drang an Ihr Ohr und Sie bückte sich hinunter in Richtung Waldboden. Vor Ihr lag eine endlose Decke von saftigen, grünen Moos, wohlriechend und tief grün erstreckte sich ein Teppich unter den vielen Tannen entlang. Mit Ihrem Handrücken streichelte Sie sanft hinüber, entfernte hier und da einige Tannennadeln und etwas Laub. Als Sie ihren Weg fortsetzen wollte, vernahm Sie laut und deutlich: l“Oh, Dankeschön, wie lieb von Dir! Sie haben mich schon so lange gedrückt und gepiekt, wie kann ich Dir nur danken“? „Ach was, ich habe es doch gern getan und wie du siehst hat es mir keinerlei Umstände bereitet“, sagte Julia mit einer Selbstverständlichkeit, die Sie selbst erschrak.
 
Das darf doch nicht wahr sein, ging es Ihr durch den Kopf, Moos kann nicht sprechen und ich Träumerin antworte auch noch. Kaum hatte Sie den Gedanken zu Ende gebracht, da sprach es: “Ich wünsche Dir einen zauberhaften und verträumten Tag, liebe Julia“! Als Sie sich anschickte, in Ihren fröhlichen, versunkenen Gedanken weiter zu gehen, fragte es: „Kommst Du uns jetzt wieder öfter besuchen“? „Oh, Entschuldigung“, kam es Ihr gedrungen über die Lippen, „ich hatte in den letzten Wochen sehr viel Arbeit und kaum Zeit für andere Dinge“. Mit tiefer Stimme mischte sich nun die alte Eiche ein: “Gewiss doch, aber wir hatten angenommen, wir seien Dir wichtiger, als die Menschen in Deiner Stadt“. „Aber ja, dass seid Ihr mir doch auch“, traurig und gequält kamen die Wort aus Ihrem Mund. „Komm, setz Dich ein wenig zu uns“, forderte der Fliegenpilz Sie auf. „Aber wozu Ihr könnt meine Traurigkeit nicht gebrauchen, wenn Ihr lacht seid Ihr mir viel lieber“, kaum hatte Julia den Satz heraus gebracht liefen ihr schon die Tränen über Ihr hübsches Gesicht. „Oh je, seht nur, mit Euren Reden habt Ihr Sie total verschreckt, jetzt weint Sie sogar“. Mit diesem Satz nahm die junge Birke Julia bei der Hand und drückte Sie sanft aber bestimmend in das Gras. „Lass Sie nur reden, Sie kennen nicht das Herz eines Menschen“, kommentierte altklug die Birke das Geschehen. Julia schlang beide Arme vor Ihr Gesicht und weinte hemmungslos, alles andere um Sie herum vergaß Sie.  Als ihr jemand auf den Rücken tippte, stockte Ihr der Atem.
 
„Komm tanz mit uns“! Sie blickte auf und sah genau in das Gesicht eines Trolls. „Nein, bist Du süß, wohnst du auch hier“? fragte Julia. „Aber klar doch, du kleines Dummerchen, wir wohnen alle hier“, antwortete der Troll.
 
Wo vorher noch Steine und alte abgeschlagene Wurzelstümpfe waren, stand nun eine unzählbare Menge von Trollen. Sie nahmen Julia in Ihre Mitte und mit Ihr fing die ganze Schar an zu tanzen. Der größte und älteste, welcher Sie eben noch aufgefordert hatte, nahm eine Klampfe in seine winzigen Finger und fing an darauf zu spielen. Die schönsten Melodien brachte er hervor und alle sangen dazu, in einer Sprache welche Julia zuvor noch nie gehört hatte. Der ganze Wald schien sich zu bewegen, die Lobelien wiegten ihre Blüten, die Fingerhüte ließen ihre Hütchen erzittern und selbst die Kornblumen schwangen im Takt, einfach alle Waldblumen tanzten und jeder Baum gab dem anderen einen Ast zum fröhlichen Ringelreihen. Die Sonne lachte, ihre Strahlen schickte Sie auf alle Nasen und brachte einen jeden zum Lachen, es war ein ausgelassenes Fest. Julias Herz pochte ihr bis zum Hals und als Sie kaum noch genügend Luft bekam, ließ Sie sich erschöpft ins Gras fallen.
 
„Oh Ihr seid alle so wundervoll zu mir, ich liebe Euch alle“, sprudelte es aus Ihr heraus. „Das wissen wir, aber Du bist auch eine der wenigen Kindermenschen, die nicht auf uns herum trampeln. Nie hast Du auch nur einen von uns entwurzelt oder gar zertreten. Sag, es gibt doch sicherlich etwas was auch Dich glücklich macht. Hast Du einen Traum, den wir Dir erfüllen können? Wir lieben auch Dich und können nur glücklich sein, wenn Du es auch bist. Aber Du bist es nicht, deine Augen strahlen nicht, verrate uns warum“? „Ach wisst Ihr, ich bin so oft allein, nicht im äußeren, nein, sondern tief in meiner Seele. Mir fehlt ein Mensch der mich versteht, welcher nicht nur mit den Augen zu sehen vermag. Einen wirklichen Freund für das ganze Leben im Hier und Jetzt. Ich sehne mich danach ein liebendes Herz zu finden und unsere Seelen mögen sich verbinden. Aber wie könntet Ihr mir dabei helfen den Richtigen zu finden“? Traurig senkte Sie die Augenlider. „Ach, nichts einfacher als das, ich habe die Lösung. Ich bringe Dich zu unseren Kleeblättern, die kennen sich bestens mit solchen Menschendingen aus“, entgegnete Ihr eine lieblich Stimme. „Folge mir Julia, nun komm schon, ich habe noch wichtigeres zu tun".
 
Auf ihrer Schulter saß eine kleine Elfe und fuchtelte unruhig mit ihren Flügeln auf und nieder. Julia stand auf und die kleine Elfe, welche höchstens so groß wie eine Streichholzschachtel war, schwang sich federleicht in die Lüfte. In der Sonne schimmerten ihre Flügel wie buntes Seidenpapier und ihr Kleidchen leuchtete, als sei es aus feinstem Perlmutt. Julia rieb sich die Augen, zwickte sich in die Wange und konnte es nicht glauben, sie war wirklich hellwach, oder sollte Ihr ihre Phantasie einen solchen Streich spielen? „Nun beeil dich Kindchen, gleich wird es dunkel und ich habe nicht die ganze Nacht nur allein für Dich Zeit“.
 
Julia rannte so schnell Sie konnte und als Sie stehen blieb um nach Luft zu schnappen, war die Elfe bereits verschwunden. Aber wo befand Sie sich, sie stand mitten in einem Riesenmeer von tausenden Kleeblättern. Es war ein sagenhaft schöner Anblick und unter all den unzähligen Glücksbringern schien es Ihr, als ob eines von denen aufblinkte. Sie ging in die Mitte, bückte sich und schaute etwas verdutzt, als Sie richtige Buchstaben auf jedem einzelnen der 4 Blätter erkennen konnte und las: Pflück mich und ich wachse beständig nach. Du wirst mich für immer behalten, denn ich bin der Schlüssel zu Deinem Glück!
 
Kaum hatte Sie es gelesen schon versiegte die Schrift und das Kleeblatt lag in Ihrer Hand. Sollte es wirklich so einfach sein ging es Ihr durch den Kopf. Sie schaute erneut in die Hand, in welcher sich das Kleeblatt befand und in dessen Mitte blinkte es erneut auf:  JA
 
Sie wagte nicht auch nur einen einzigen Gedanken zu Ende zu bringen und lief freudestrahlend so schnell Sie konnte zurück zur alten Eiche. Es war finster geworden, alles schien zu schlafen, ihre Uhr hing immer noch an dem Ast, sie streift diese über das Handgelenk und erschrak. Es war bereits Mitternacht und Sie hatte den ganzen Tag im Wald verbracht. Mit einem glücklichen und zufriedenen Herzen machte Sie sich auf den Heimweg und kehrte den Wald den Rücken. Auf der Biegung, wo es steil über einen Schotterweg, ins Dorf abwärts ging, lagen viele glitzernde Sterntaler, diese erleuchteten Ihr den Weg.  Daheim angekommen legte Sie das Kleeblatt in ihre alte Schmuckschatulle.
 
 
Jahre später, Julia hatte niemanden von den Wald oder aber Ihren Erlebnissen erzählt, ging Sie mit einem Kindermenschen in Ihrem Wald spazieren. Auch Er liebte die Natur und wusste, wenn man Kummer oder Sorgen hat, lohnt es sich mit offenen Augen durch den Wald zu gehen, denn in jedem Tier, in jedem Baum, Strauch oder Blume wird einem die Allmacht einer großen Gabe bewusst. Und als Er sie fragte, ob auch Sie die blinzelnden Trolle gesehen hätte, war Sie erst ein wenig verwirrt und antwortete nicht. Doch als Sie auf dem Heimweg, den abfallenden Schotterweg gingen und er ganz selbstverständlich sagte: “Sieh nur die vielen Sterntaler  auf unseren Weg, sie leuchten uns nach Hause“, da wusste Sie es war mehr in Ihm, als nur ein Freund.
 
Als Sie wieder allein daheim war,  nahm Sie die alte Schmuckschatulle hervor und stellte sich die Frage,  was ist da mehr?  In goldenen Buchstaben leuchtete es auf dem Kleeblatt:
 
                                           „  ES IST LIEBE „
 
©Silvia Milbradt                  1989
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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