Meggen Welch

Ein verregneter Freitag

An einem typischen Januar morgen öffnete Stacy die Tür und trat in den strömenden Regen hinaus. Mit den Stöpseln des iPods in den Ohren marschierte sie in Richtung Schule. Als sie dort ankam erwartete sie, wie immer, eine Schar übermüdeter, demotivierter und schlechtgelaunter Schüler. Stacy hob sich nicht besonders von der Masse ab, sie lief mit der Kapuze tief im Gesicht, durch die Gänge und sah weder besonders erfreut noch hellwach aus. Das allerdings änderte sich, als sie Scott sah. Er sah sie an und es war als würde die Sonne für immer verschwinden, alles wirkte mit einem Schlag noch trostloser als vorher. Unwillkürlich schauderte sie und ging etwas langsamer auf ihn zu. Er umarmte sie nicht wie immer, doch  er fixierte sie mit seinen stahlgrauen Augen und schien sie beinahe zu durchbohren. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, ihr blieb die Luft weg und sie musste stehen bleiben. Irgendwas stimmte an ihm nicht, er war normalerweise ein freundlicher, offener und fröhlicher Mensch. Er war einfach anders. Plötzlich spannte sich sein ganzer Körper, er drehte sich um und ging. Verwirrt starrte sie ihm nach und beobachtete ihn auch weiter als er seine Sachen nahm und in den Klassenraum ging. Wie in Trance starrte sie auf die Tür die sich soeben hinter ihm geschlossen hatte.
 
„Ms.Williams, wie lange haben sie noch vor auf dem Gang zu stehen?“, zerrte sie die piepsige Stimme von Mr.Cotton, dem Geschichtslehrer, in die Wirklichkeit zurück. Wortlos folgte sie ihm und setzte sich auf ihren Platz. Nach einer Doppelstunde Geschichte war endlich Pause und sie lief so schnell sie konnte, ohne dabei zu rennen, zu ihrem gewöhnlichen Treffpunkt mit Scott. Ungeduldig wartete sie auf ihn. Und als er dann endlich kam, war sie verwirrter als zuvor. Als er so vor ihr stand, sah sie, dass er sehr blass geworden war. Sein Blick war so als hätte er einen Geist gesehen. Sie starrte ihn an und er kam ihr vor wie eine verwelkt Blume. Nichts war mehr übrig von dem sonst so strahlenden und lachenden Scott. „Scott, was ist los?“, flüsterte Stacy besorgt und wollte ihm eine Hand auf die Schulter legen, doch Scott wehrte ihre Hand mit einer barschen Geste ab. „Nichts ist los! Ich wollte dir nur sagen, dass du mich gefälligst in Ruhe lassen sollst! Ich brauch dich nicht mehr. Verstanden? Also mach einen Abflug. Du nervst!“ Sie konnte nicht glauben, dass er sie gerade so angefaucht hatte. Tränen stiegen ihr in die Augen und Stacy rannte raus in den Regen. Erst lief sie ziellos über das riesige Schulgelände, aber dann ging Stacy wieder zurück, nahm ihre Sachen und ließ sich von der Schulkrankenschwester eine Schulbefreiung geben.
 
Stacy war völlig von der Rolle. In Gedanken vertieft ließ sie ihre Füße selbst entscheiden wo sie hinwollten. Immer wieder fragte sie sich, was mit Scott sein könnte. Stacy nahm sich fest vor ihn am Nachmittag anzurufen und sich bei ihm zu entschuldigen, weil sie einfach weggerannt war. Ihre Vernunft sagte ihr natürlich ER müsse sich entschuldigen, aber schließlich war er ihr bester Freund und sie konnte ihn nicht einfach hängen lassen, wenn es ihm doch anscheinend so schlecht ging.
 
Gegen 3Uhr war sie sicher, er musste zu Hause sein. Blind wählte sie seine Nummer und hörte wie es klingelte.
 
„Scott Walker, hallo?“
 
„Hier ist Stacy, leg jetzt bitte nicht auf!“
 
„Was willst du?“, in seiner Stimme schwang ein Hauch von Überraschung und Verzweiflung mit.
 
„Also, erstmal will ich wissen was mit dir los ist…Du bist doch nicht ohne Grund so…so…anders zu mir.“ Stacy kämpfte gegen den Klos in ihrem Hals.
 
„Hör zu Stacy…Ich kann jetzt nicht mit dir reden. Sei in einer Stunde an der alten Linde.“ Er hatte aufgelegt.
 

 
Stacy starrte das Telefon an und überlegte was er wohl vorhatte. In einer Stunde…sie musste sich beeilen. Die „alte Linde“ stand etwa 2km außerhalb der Stadt an einem See. In dieser Jahreszeit war nie jemand dort, außer ein paar Spaziergängern, doch bei diesem Regen blieben selbst diese zu Hause. Zitternd vor Kälte stand Stacy vor dem Baumstumpf der, als sie noch klein gewesen war, der Lieblingsbaum von ihr und Scott gewesen war. Sie waren dort immer geklettert, haben unter ihm gezeltet oder sind von dort in den See gesprungen. Hier hatte ihre Freundschaft angefangen. Scott kam mit seinem Motorrad den kleinen geteerten Spaziergängerweg hinunter gefahren und Stacy machte sich sofort wieder Sorgen, dass er einen Unfall bauen könnte. Stacy war immer besorgt um ihn wenn er diese Höllenmaschine fuhr. Aber wenn er sie manchmal mitnahm, dann verstand sie warum er es so liebte auf ihr zu fahren. Sie fuhren selten zusammen, denn wenn sie hinten drauf saß, wollte Scott nicht schnell fahren. Er fürchtete sie könnte fallen, denn sie hatte ein Talent zum Fallen. Scott hielt etwa 10 Meter von ihr entfernt und kam auf sie zu gelaufen. Als er vor ihr stand, fiel ihr auf dass er einen zweiten Helm in der Hand hatte.
 
„Schnell, zieh ihn an und komm…wir müssen hier weg.“ Ohne nachzudenken folgte Stacy ihm und saß auch schon im nächsten Moment auf seiner Maschine. Sie fuhren so schnell, dass Stacy Angst bekam. Ihr Körper verkrampfte sich. Sie schloss die Augen und drückte sich fest an Scott. Er war noch nie so schnell gefahren. Es kam ihr vor als seien sie eine Ewigkeit gefahren und da hielt Scott auch schon an und machte sich mit einer hektischen Bewegung von Stacys Klammergriff los. Er riss sich den Helm vom Kopf und schüttelte seine schwarzen Locken. Für einen kurzen Augenblick bildete sich Stacy ein, ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben.  „ Na los, komm, beeil dich. Wir müssen da rein.“ Er wies mit einem Kopfnicken auf eine Höhle. Erst jetzt fiel Stacy die Umgebung auf. Sie waren an einem seltsamen Ort. Es schien mitten in der Pampa zu sein, aber trotzdem  gab es eine geteerte Straße und es war auch nicht verwildert. Dennoch war es irgendwie verlassen.
 
Scott machte Anstalten auf sie zuzugehen, drehte sich dann jedoch um und ging einfach voraus. Mit etwas Mühe stieg Stacy vom Motorrad und lief ihm hinterher. „Was machen wir hier?“ „Psst! Sei ruhig!“ Empört öffnete sie den Mund, bemerkte jedoch dann den ernsten Ausdruck in seinem Gesicht und schwieg.
 
Sie betraten die Höhle und gingen etwa 10Minuten  schweigend gerade aus. Plötzlich standen sie in einem großen runden Raum. Eine Sackgasse. In der Mitte stand ein großer runder Stein, er sah aus wie eine Tischplatte.  Scott hockte sich auf den Stein und starrte einige Minuten in die Luft. Dann sagte er: „ Was ich dir jetzt erzählen werde, wird das unglaublichste, absurdeste und hirnrissigste sein was du je gehört hast. Aber ich bitte dich, hör mir zu, denke darüber nach und dann fälle ein Urteil. Einverstanden?“ Stacy nickte. Gespannt setzte sie sich vor Scott auf den staubigen Boden und blickte mit großen, unschuldigen Augen zu ihm auf. Im Laufe seiner Erzählung wurde aus dem unschuldigen Ausdruck eine ausdruckslose Maske.
 

 
„Also…“, fing er an „meine Familie ist, wie du weißt, eine sehr alte Familie, mit vielen Geheimnissen. Du erinnerst dich sicherlich noch daran wie wir früher immer versucht haben hinter die Geheimnisse zu kommen…“ Bei diesen Erinnerungen lächelte Scott und Stacy schien es als sei der alte Scott für ein paar Sekunden wieder da, nur um dann wieder hinter diesen harten, grauen Augen zu verschwinden. „Nie haben wir irgendwas raus gefunden, aber jetzt, jetzt weiß ich alles über meine Familie. Jetzt weiß ich warum ich geboren wurde. Es fällt mir schwer das zu sagen, aber ich muss. Also…mhh…Ich bin kein Mensch. Na ja was heißt kein Mensch…eher...kein normaler Mensch. Du bist zum Beispiel verletzlich, sterblich und denkst in einem Raster. Siehst die Welt als Welt eben. Ich aber bin nicht sterblich. Meine Bestimmung ist es, nicht zu sterben, verstehst du was ich meine?“ Er fuhr fort ohne auf eine Antwort zu warten, ihre Augen verrieten ihm was sie dachte. „Okay…anders…Ich bin nicht auf der Welt um Mensch zu sein. Ich wurde geschickt.“ Er schwieg, vermied es sie anzusehen und wartete.
 

 

 

 
 „Du wurdest geschickt? Also bitte…von wem denn das?!…Willst du mich verarschen?!“ Wütend stand Stacy auf und funkelte ihn an. „Du machst mich in der Schule dumm an, schleppst mich hierher und erzählst mir dann so einen Scheiß? Sag mal, tickst du noch ganz richtig?!“
 
 Plötzlich sah sie etwas in seinen Augen. Enttäuschung, Trauer, Angst und Verzweiflung. Seine Stimme war nur noch ein Flehen, als er sagte: „ Bitte ich sag dir die Wahrheit!“ Stacy war verwirrt. Sollte sie ihm das glauben? Er hatte sie noch nie in den 10Jahren die sie sich schon kannten, belogen und nun erzählte er so was. „Also gut…wenn du kein Mensch…kein „normaler“ Mensch bist…dann bist du was?!“ Er antwortete nicht gleich und schließlich sagte er nur: „Ein Gesandter.“ Wortlos setzte sie sich neben ihn und flüsterte: „ Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“ Er legte einen Arm um sie und hob ihr Kinn sanft an. „Glaube mir.“  Und sie glaubte ihm. Lange saßen sie da und schauten sich in die Augen. Und dann, ganz plötzlich wurde Stacy klar, dass dieser Tag ihr gesamtes Leben soeben verändert hatte.
 
„Stacy…“ Scotts Stimme war nur noch ein heißeres Flüstern: „ Ich muss dir noch was sagen...ich…ich glaube ich habe mich in dich verliebt!“  Sie antwortete nicht, sondern küsste ihn nur scheu auf die Lippen und genoss das Gefühl, als sich seine Arme um sie legten.
 
 Minuten lagen sie sich in den Armen und genossen das Gefühl der Geborgenheit. „Du, Scott,  was wird nun passieren?“ „Ich weiß es nicht, Stacy, ich weiß nur, dass es eine harte Prüfung wird. Jetzt da ich weiß, was du für mich empfindest, kann ich dir noch etwas verraten. Ich wache über diese Gegend. Ich bin ihr Schutzengel. Aber nicht so ein Schutzengel wie die Menschen denken, nein, ich bin dazu da um gegen die Herrschaft des Bösen zu kämpfen.“ „Du bist ein Engel?“ „Ja, und wenn die Zeit gekommen ist wird das Gute gegen das Böse kämpfen und ich werde ein Heer anführen. Irgendwann wird der Moment kommen in dem die Zeit stillsteht und ein Kampf beginnt, der so alt ist wie die Zeit selbst.“ Als hätte er ihre Gedanken gelesen lächelte er und sprach mit gedämpfter Stimme weiter: „Nein, es ist nicht die Apokalypse und  die Welt wird nicht untergehen, denn das Gute wird gewinnen. Alles wird gut, ich verspreche es dir.“ Schließlich führte er sie aus der Höhle und Scott brachte Stacy nach Hause.
 
An der Tür verabschiedete er sich mit einem langen Kuss und Stacy ging verwirrt aber glücklich rein und direkt ins Bett. Sie dachte nicht mehr über seine Worte nach, dachte nicht daran was es bedeuten könnte, wenn es diesen „Kampf“ wirklich geben sollte, wollte nicht daran denken was mit ihrem geliebten Scott wohl passieren konnte. Genauso wenig wie sie darüber nachdachte, was er da eigentlich behauptete, ohne jeglichen Beweis. Sie wusste, alles wird gut, weil er es versprochen hatte. Und alles wurde gut, weil sie beide daran glaubten.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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