Harry Schloßmacher

Vom einsamen Geist im Nichts zum "Action-Gott" im Kosmos?



Hinweise:

- Das Original nachfolgenden Beitrages wurde bereits in der taz vom 17.12.84 und im großen taz-Buch veröffentlicht! (War da aber noch doppelt so lang)
Die Resonanz in Form von Leserbriefen war damals beachtlich, so daß ich noch eine Stellungnahme schrieb und es wieder Leserbriefe in der taz hagelte.

- Außerdem ist dieser Text in der einschlägigen Website eines in der Szene recht bekannten schweizer Professorenpaares ausgestellt (ganz oben bei vielen anderen Beiträgen).
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Zwischen Unterhaltungswert des Weltalls und seinen unbegreiflich vielen Gestirnen scheint ein direkter Zusammenhang zu bestehen! Denn es leuchtet jedem ein: je mehr Himmelskörper da sind, umso mehr Action und Unterhaltung wird geboten. Soll es sogar spannende Action für ihn sein, so darf unser Schöpfer keine Ereignisse vorhersehen. Je weniger allwissend er ist, umso interessanter werden die vielen nacheinander wie nebeneinander laufenden Evolutionsprozesse und ihre zeitweiligen Ergebnisse für ihn sein. Vielleicht so, wie für uns eine Filmpremiere mit dem Reiz des Neuen versehen ist. Die Spannungsmomente fehlen, wenn wir ihn zum zweiten oder gar dritten Mal sehen. Ein allwissender Weltengott, der den Verlauf aller Ereignisse bis in kleinste Verästelungen in seinem gesamten Kosmos bis in alle Zeiten vorhersieht, für den gibt es nichts neues mehr. Er wird zusehends desinteressiert und trotz zahlloser Ereignisse auf zahllosen Welten unzufrieden, weil für ihn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert. Für einen Action-Gott, wie wir ihn vorfinden, wird dieser Reizverlust auf Dauer sehr unangenehm werden. Vielleicht gibt es auch deshalb keinen Allwissenden?

Erst im Kosmos kann der Action-Gott ungehemmt aus dem vollen schöpfen: gigantische Mengen unzählbarer Lebewesen auf zahlreichen Planeten stehen ihm dort (höchst-wahrscheinlich) zur Verfügung.
Für diesen Gott scheint nur Action Trumpf zu sein. Vielleicht tummeln sich auf vielen Trillionen Welten viele Tausend Trillionen verschiedene Geschöpfe. Jeder Zirkusdirektor und Designer hätte Wohlgefallen an dieser Farbenpracht und Formenvielfalt. Eine Supershow der Gastarbeiter, Schauspieler und Statisten (= tierähnliche Wesen, da sie nicht wissen, dass sie leben). Denn zu mehr als einem kurzen (Bühnen-)Auftritt auf ihren Heimatplaneten reicht es bei keinem der wohl viele Trillionen zählenden Todeskandidaten.



Pyrotechniker

Nicht nur Landschaftsgestalter und Erfinder mögen bei soviel Schönheit und Ideenreichtum der Natur auf wahrscheinlich unzähligen Planeten applaudieren. Imponierende Stärken unseres Allround-Himmelsmeisters auf Erden: paradiesische Strände, malerische Seen und herrliche Wälder.

Aber auch prächtige, saftig grüne und mit Blumen übersäte Wiesen, imposante Bergwelten oder fantastische Schneelandschaften sind eine Augenweide für jeden.

Aber fragen wir mal einen Psychoanalytiker, welches Psychogramm er einem Vater erstellen würde, der Hilferufe und Todesschreie seiner vielen Kinder einfach ignoriert, so wie jede Minute vielleicht Trillionen Hilferufe und Billionen Todesschreie universumsweit vom „Allgütigen" überhört werden?

Warum hat unser Weltenschöpfer Wesen mit einem scharfen, kritischen Verstand und einer hohen Gefühlssensibilität erschaffen (wie z. B. uns Menschen), wenn er sie allerorts seine Unvollkommenheit, Fehlerhaftigkeit und Brutalität bzw. Unterlassene Hilfeleistung spüren lässt?



Warum der makabere Umweg über die Zwischenstation Erde ?

Warum überhaupt der kurze Abstecher der Individuen in ein unvollkommenes, kampf- und konfliktreiches Diesseits, wenn dauerhafte, vollkommene Harmonie und Glückseligkeit nur das Paradies (falls es eines gibt?!) im Jenseits zu bieten hat?

Warum denn dieser makabre Umweg über die Zwischenstation Erde?

Eine Mutter schickt ihre Kinder ja auch nicht zur Imbissstube, wenn sie zuhause ein besseres Essen für ihre Zöglinge hat!

...Dieser Schöpfer ist ein guter Steuermann für großflächige, weitreichende Planeten – und Sonnensysteme. Eine wissenschaftliche Koryphäe ohnegleichen (in allen Disziplinen!). Ein Superprofessor aller Bereiche der Naturwissenschaft!

Zudem ist er ein exzellenter Feuerwerker. Wir brauchen uns im „Nahbereich" nur einmal Gewitterblitze und die Eruptionen der Sonne anzusehen, sowie uns in der kosmischen Weite einmal das Bild eines Super-Nova Ausbruchs vorzustellen.

In der komplizierten, unsichtbaren Welt der Gefühle fehlt ihm aber anscheinend jede Orientierung. Speziell menschliche Gefühle wie diverse Ängste vor Krankheit, Tod, Krieg etc. kennt er nicht. Wäre er ein gütiger, mitfühlender Gott, so müsste er in Tränen zerfließen, bei all dem Kummer, Leid und den Sorgen, von denen viele Menschen ein Leben lang begleitet werden.
Wenn wir Menschen uns nicht selbst stützen und gegenseitig seelischen Beistand leisten, dieser Weltenlenker hat kein wirksames Konzept gegen die zahlreichen Ängste, Grausamkeiten und Irritationen, die unser Leben beherrschen und größtenteils von seinen Gesetzmäßigkeiten verursacht, zumindest von ihm geduldet werden.

Oder dient die riesige Planetenkulisse zwischen brillantem „Höhenfeuerwerk" in Form der unzählbaren Super-Nova Ausbrüchen, Gigant-Eruptionen auf gelben, blauen und roten Sonnen, Kometenschweife, Sternschnuppen (und dergleichen mehr) nur dem schönen Ausblick eines hoch oben thronenden Herrgottes?

Wäre es nicht besser gewesen, von einem supergigantischen Weltall abzusehen und den Schwerpunkt auf die Ausstattungsqualität nur weniger Planeten und die zufriedenstellende Lebensqualität einer übersichtlichen Anzahl Geschöpfe zu legen ? ?

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten!" (taz vom 19.02.85)

(Erläuterungen zu meinem Gottartikel, taz v. 17.12.84, und Antwort auf Leserbriefe)


... Die Setzerin: „außer, Gott amüsiert sich über sogenannte denkende Wesen, die glauben zu wissen, wie er sich fühlt!"
Dabei weiß ich mich bei meinen Gott-Interpretationen in guter Gesellschaft mit zahlreichen Kirchenvertretern. Jene erwecken u.a. beim „Wort zum Sonntag" den Eindruck, als hätten sie bei einem kürzlich geführten Telefoninterview heiße Tips vom Allmächtigen erhalten und wüßten nunmehr, was er denkt, fühlt, von Menschen erwartet und weiterhin mit uns beabsichtigt. „Ich weiß, daß Gott..." oder „Gott möchte..." oder „Gott will..."etc., gehen besagten Predigern bedenkenlos locker über die Lippen, so als sei (den ansonsten unbegreiflich dargestellten) Gott zu zitieren die selbstverständlichste Sache der Welt.
Ich bin für Konsequenz und Offenheit. Entweder wir sind uns darin einig, daß Gott unfaßbar, unbegreiflich, unerklärlich und somit Tabu für alle ist, oder jeder hat das Recht, Gottes Aktivitäten und Passivitäten zu bewerten und seine mutmaßlichen Eigenschaften zu etikettieren. D.h. konkret: Wenn irgendwelche Personen, Gruppierungen oder Institutionen besagtes Tabu ignorieren und trotzdem meinen, Gott mit nicht nachprüfbaren hohen Bewertungen wie allmächtig, allgütig oder allwissend verbinden zu können, so hat wohl jederman das Recht, auch seine ganz persönliche Gottesbewertung vorzunehmen.

Schon für Leibniz, deutscher Philosoph und überzeugter Christ, war das Elend dieser Erde, geduldet von einem allgütigen Gott, ein unlösbares Paradoxon. Er wundert sich in seiner bekannten „Theodizee", daß wir nicht auf der besten aller Welten leben. Er sagte sich, wenn es einen allgütigen Gott gibt, dann hätte er uns die beste aller Welten erschaffen müssen. Ist er zudem allwissend, dann hätte er wissen müssen, wie sie beschaffen ist, und ist er allmächtig, so hätte er sie erschaffen können. Auch die größten Optimisten, „Verdrängungsspezialisten" oder „Scheuklappenträger" müßten aber erkennen, daß wir nicht auf der besten aller Welten leben ! !
Wie Leibnitz habe ich versucht, höchste Ansprüche an einen Weltenlenker zu stellen, der mit den hochtrabenden Reizwörtern Allmacht, Allwissenheit und Allgüte tituliert wird. Der Prüfstand menschlicher Logik, Gefühle und Fantasie scheint mir dafür ausreichend zu sein. Zweifelsohne haben wir hierfür wichtige, bei Gesundheit gut funktionierende Sensoren: Unsere sensiblen Gefühle können vorzüglich Angenehmes von Unangenehmem, Brutalität von Zärtlichkeit und Güte sowie Allgüte (nicht endendes, äußerst ausgeprägtes selbstloses Wohlwollen) von Nichtgüte unterscheiden. Zudem verfügen wir bei Gesundheit über einen nicht zu verachtenden Intellekt, gepaart mit einem Bündel effektiver Sinnesorgane, allesamt ausreichend, um Macht zu erkennen, zu bewerten und Macht von Allmacht und Ohnmacht zu unterscheiden. Genauso verhält es sich mit Wissen, Allwissen und Nichtwissen.

Wohin wir unsere Sinnesorgane auch wenden, überall bekommen wir die Handschrift jenes unbestimmbaren Gottwesens zu spüren. Dieses bislang nicht geortete Überphänomen völlig neuartiger Qualität mag „in uns",. „um bzw. über uns" oder gar in einem fernen Winkelzug seines supergigantischen WeltaIls beheimatet sein - vieleicht auch in einer anderen Dimension bzw. Welt. (...)
Seine Taten zumindest sind ( auf der Erde und soweit darüber hinaus unsere optischen und akustischen Geräte... reichen) sicht-, hör-, fühl- und somit bewertbar!
Ereignissen im Universum müßte bei der Analyse göttlichen Schaffens und Wirkens eigentlich die Hauptrolle zukommen. Aktivitäten und Phänomene des Allmächtigen sind ( bei ca. einer Milliarde Billionen Sterne und Planeten! ) verständlicherweise zu 99,999... Prozent dort zu finden und nicht auf der Erde! Um es noch deutlicher zu machen: Ich kann das Gesamturteil über ein Rockkonzert mit zahlreichen Bands auch nicht von der Qualität nur einer Rockgruppe abhängig machen.
(...)

Ob Ihr es wahrhaben wollt oder nicht: Die Erde ist nicht mehr der Nabel des Weltalls! Ich nehme doch an, daß das Weltbild des Aristoteles kurz vor der dritten Jahrtausendwende langsam ad acta gelegt werden kann. Wunschdenken ist ein schlechter Ratgeber bei einer objektiven Beurteilung. Es mag sehr bedauerlich sein, daß "die Krone der Schöpfung" erkennen mußte, letztlich nur eine "kosmische Ameise" auf dem Universumswinzling Erde zu sein. Wie mir die Aversion vieler Leser gegen außerirdische Erscheinungen zeigt, haben diese den "Karrieresturz" wohl nicht überwunden!? Vielleicht solltet ihr Euch desensibilisieren, indem Ihr öfter oder intensiver einen nachtklaren Sternenhimmel anschaut und ein Astronomiebuch lest - meine Gedanken werden dann weniger befremdlich sein. Außerdem müßt Ihr wissen, daß bislang nur ca. sechs Seiten ( von 60 ! ) meines Original - Manuskriptes abgedruckt wurden. Darunter leidet natürlich die Argumentation.(...) Ich verschmähe ebenfalls nicht die von Euch oft zitierte und bespöttelte Galaxis "M87". Auch Erdbewohner müßten verstehen, daß selbstverständlich das unvorstellbare Weltenzerstörungspotential eines Schwarzen Loches erheblich mehr das Image eines helfenden, beschützenden und "lieben" Gottes ankratzt als jegliche irdische Tötungsmaschinerie. Schlimm genug, wenn sich auf der Erde zeitweilig Millionen Menschen zerfleischen und dann kein Gott hilft oder diese Exzesse gar verhindert. wie ich es von einem wirklich weitsichtigen, mächtigen und kreaturliebenden Gott ohne weiteres erwarten kann. Wenn aber mutmaßlich Billionen Geschöpfe eines schrecklichen Todes sterben ... also ich sehe da schon qualitative wie quantitative Unterschiede.
(...)

„Gott ist in uns!" Ja gut - aber war er dann nicht auch in Caligula, Pizarro und Hitler ? ?

Denjenigen, die allzu sehr auf die „herrliche Unabhängigkeit" des Erwachsenseins pochen und den freien Willen als „non plus Ultra" ansehen, möchte ich zurufen: „Warum braucht Ihr noch einen allgütigen Gott, wenn Ihr so stark und souverän seid?"
(...)
Der Tenor in vielen Zuschriften lautet:
Wir, die ach so freien und unabhängigen Menschen, sind für alles Elend auf dem Globus selber schuld. Dazu einige Fragen:

1. Wenn Gott „in uns" ist, wie einige meinen, ist er dann nicht zwangsläufig mitschuld?

2. Stellvertretend für viele Beispiele der Art: Wo war Gott in Auschwitz? Es kann hier keiner mit der freien Willensentscheidung die grausigen Verbrechen entschuldigen oder erklären. Diese hatten zwar die Bewacher, aber die Juden, Roma, Sintis, Homos, politischen Gefangenen, u.A., waren besagter Freiheit beraubt!

3. Wer ist schuld an den abertausenden Menschenopfern, die seit jeher durch plötzliche, zumeist unvorhersehbare Erdbeben, Vulkanausbrüche, Sturm- und wetterbedingte Wasserkatastrophen, etc., auf der ganzen Erde zu verzeichnen sind? Des Menschen freier Wille ??


Harry Schloßmacher, Düren

Dafür, daß trotz Kürzungen Harry´s Beitrag zu seinem Artikel so umfangreich ausgefallen ist, bitte ich (d. s-in) bei den Lesern um Verständnis. Aus der Flut von Leserbriefen zu diesem Thema schließe ich jedoch auf ein reges Interesse. [ Aber jetzt ist dann gut, ne. dkze]
Harry Schloßmacher, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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