Brigitte Fortströer

..und hast du auch genug geliebt?

 
..die Wucht des Aufpralls hatte mich ohne Vorwarnung aus dem Körper heraus katapultiert. Ein merkwürdiges, fremdartiges Gefühl durchströmte mich. Was war geschehen? Plötzlich vermochte ich mit ungewohnt scharfer Wahrnehmung, die alle Grenzen in sich aufzulösen schien, die gesamte Umgebung zu durchdringen. Nicht das kleinste Detail dieses unerwarteten Geschehens, das mich unvermittelt aus dem Leben geschleudert hatte, konnte mir entgehen. Mühelos las ich jeden Gedanken in den Köpfen der Komparsen, vermochte Unausgesprochenes zu hören, spürte die schockierende Betroffenheit, das blanke Entsetzen, das ihre Gesichter in tiefe Falten legte...    
 
Mir ging es gut. Ich hatte keine Angst, war völlig gelassen, fand mich sogar eher unbeteiligt, wie ein Zuschauer, der interessiert die Aufführung eines Bühnenstücks verfolgt. Was hatte das alles mit mir zu tun? Da lag ein Körper, der einmal der meine war, zu dem ich aber auf merkwürdige Weise keinerlei Bezug mehr hatte; einfach abgelegt wie einen alten Mantel, der mir nicht mehr passte. Ich war sozusagen unbemerkt aus der Hauptrolle herausgeschlüpft, hatte aufgehört zu existieren, zu leben.
 
.. aber nein, so stimmte das nicht, denn ich war ja noch da, mich gab es ja noch, oder besser das, was davon noch übrig war, ein formloses ICH sozusagen. Ich sah mit Augen, die es nicht mehr gab, hörte mit Ohren, die ich nicht mehr hatte und nahm mit Sinnen wahr, die ich allenfalls diesem toten Körper zugesprochen hätte. Wer auch immer dieses ICH nun sein sollte, es war jedenfalls noch ganz schön lebendig.
 
Mehr und mehr löste ich mich aus der Situation. Sie wurde für mich immer bedeutungsloser, bis sie schließlich ganz aufhörte, mich zu interessieren. Gleichzeitig driftete ich unaufhaltsam, wie von einem unsichtbaren Band gezogen, in eine andere Welt... grenzenlos, schwerelos, unfassbar, fremd und doch auf eine Weise vertraut... ich kannte dieses Gefühl und wusste intuitiv, wohin mich die Reise jetzt führte. Ein Meer wohliger Vorfreude umspülte mich, ließ mich lächelnd darin schwimmen. So frei und doch angenehm behütet und getragen hatte ich mich in meinem ganzen Leben nicht gefühlt, obwohl ich mich gerade danach immer so sehr gesehnt hatte.
 
Aber was hatte doch gleich dieser weise Meister zu mir gesagt, als ich mich wieder einmal traurig und verlassen nach Trost und Liebe verzehrte: „Was du suchst, ist jenseits der Form. Du wirst es in dieser Welt nicht finden.“ Und damit hätte ich eigentlich gleich meine Suche beenden können, denn ich wusste innerlich, wie Recht er hatte. Anstatt mich damit zufrieden zu geben, hatten mich damals diese Worte nur noch trauriger gemacht und das Leben erschien mir zeitweise ziemlich sinnlos. Erst jetzt, wo ich die Grenzen der Form hinter mir gelassen hatte, konnte ich den alten Weisen verstehen und ein Gefühl allumfassender Liebe umhüllte mich. Mit körperloser Leichtigkeit folgte ich meiner Sehnsucht, die mich dem Licht immer näher brachte. Nur da wollte ich hin... schon immer... jetzt kannte ich mein Ziel, wusste was mein Zuhause war: die sich unaufhörlich verströmende Quelle bedingungsloser Liebe... und ich flog mit Lichtgeschwindigkeit mitten hinein.
 
„...und hast du auch genug geliebt?“ stellte sich mir die Gretchenfrage, oder treffender ausgedrückt: mein Einlasspfand in den Himmel.  
 
Bedeutende und unbedeutende Szenen meines Lebens spulten sich in Kurzfilmen durch mein Bewusstsein, Bruchstücke, an die ich mich kaum bis gut erinnern konnte, die aber allesamt scheinbar einen geheimen Zusammenhang hatten. Viele Ereignisse erschienen mir jetzt wichtiger, als ich sie damals eingestuft hatte, obwohl oder gerade weil mir die Situationen damals weniger gut getan, sondern eher viel Leid beschert hatten. Ein unbändiges Sehnen nach Liebe und Erfüllung war mir als Kind in die Wiege gelegt worden und sollte sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben ziehen.  
 
Der Umgang in meiner Familie war eher kühl. Umarmungen und Küsse waren mir gänzlich unbekannt. Geborgenheit beschränkte sich auf ein warmes Dach über dem Kopf und genug zum Essen. Häufig wurde über Belanglosigkeiten gestritten und meine Geschwister ergötzten sich daran, mich zu provozieren. Verständnis und Liebe glaubte ich nur in anderen Familien zu sehen, wenn ich Freunde einträchtig beim Abendbrot versammelt sah, die scherzhaft das Alltägliche miteinander austauschten. Das machte mich oftmals neidisch und traurig, fachte aber gleichzeitig meine Sehnsucht nur weiter an.  
 
Zu lieben hatte ich in meiner Kindheit wohl nicht gelernt, sofern man das  überhaupt lernen kann. Ich glaube eher, dass die meisten Menschen das Lieben verlernt und unter Qualen aufgegeben haben. Dennoch war da dieses innere Drängen, meinen Gefühlen Ausdruck zu verschaffen, mich mitzuteilen, meine Freude und mein Leid mit anderen zu teilen. Ich konnte gar nicht anders, denn die Liebe war ja in mir. Mit einem ungeheuren Druck bahnte sie sich immer wieder einen Weg nach draußen, so sehr ich sie oft aus Angst, weiteres Leid ertragen zu müssen, zu unterdrücken suchte. Ich konnte sie nicht verbergen, wollte lieber meinen Brustkorb aufreißen und mein strahlendes Herz allen Menschen zeigen, so verletzlich es auch war. Sie sollten wissen, dass es Liebe gibt, auch wenn es manchmal schwer ist, sie unter all den schlimmen Dingen zu finden, die wir darüber geschichtet haben. Liebe ist immer da, wie die leuchtende Sonne hinter den Regenwolken.  
 
Am meisten konnte ich mich über die Freude anderer Menschen freuen. Aber leider wollten oder konnten sie meine Liebe oftmals nicht annehmen. Auch wenn ich ihre Ängste und Muster erkannte, tat das sehr weh und ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen, weil ich nicht glauben wollte, dass sie mich mit meinen Gaben abwiesen und sich lieber für das Leid entschieden. Sie waren viel zu sehr mit ihren Problemen beschäftigt, fühlten sich innerlich für alles mögliche und unmögliche schuldig oder beschuldigten andere und fanden deshalb, dass sie es einfach nicht wert waren, geliebt zu werden. Die merkwürdige Logik, dass man sich Liebe erst verdienen müsse, habe ich nie verstanden. Liebe ist! In jedem Menschen, immerdar. Aber die bequeme Opferrolle aufzugeben, die ja obendrein noch billige Zuwendung einbrachte, war dann doch zu viel des Guten.    
 
Bis ich das endlich begriffen hatte, musste mein Leben oft zur Bühne  kläglicher Dramen werden. Trotz allem konnte ich nicht anders, als einfach weiter zu lieben. Vielmehr war die Liebe in mir noch stärker geworden, so als wenn sie mit jedem Mal wachsen würde, je mehr ich davon verteilte. Weil ich aber so oft zurückgewiesen, verletzt und enttäuscht wurde, hatte ich mir eine Zeit lang vorgenommen, die Perlen nicht länger vor die Säue zu werfen und wollte mir sehr genau aussuchen, wem ich Liebe schenken wollte und wem nicht. Aber natürlich funktionierte das nicht. Liebe hat da ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn einmal das Gefühl, Liebe zu geben, da ist, dann kann man das nicht einfach abstellen, wie einen Wasserhahn, den man zudreht. Dann droht nämlich der Schlauch zu platzen.. und das hätte dann erst recht eine unkontrollierte Überschwemmung gegeben. Und schließlich sucht sich der Apfelbaum auch nicht aus, wer seine Früchte essen darf. Er streut sie einfach unter sich und lässt sie von denen aufheben oder pflücken, die mögen. Und über das Fallobst freuen sich am Ende noch die Würmer. Also entschied ich mich, einfach dem nachzugehen, was mir mein Herz zeigte, auch wenn es mich manchmal zu Menschen führte, die mir sehr weh taten.
 
Mit Männern teilte ich viele schöne Stunden... aber wenn es um die Liebe ging, wussten die meisten nicht, wovon ich überhaupt sprach.. Liebe? Nähe? Vertrauen? „Gemeinsam einsam“ zerstörte todsicher jede Beziehung. Wenn ich gebraucht wurde, war ich der Fels in der Brandung. Aber wenn ich selbst einmal jemanden brauchte, stand ich allein auf weiter Flur.. alle hatten genug mit sich selbst zu tun, waren in ihrem eigenen Leid verhaftet. Da war kein Platz für mich... Und wie sollte nun mein Bedürfnis nach Liebe gestillt werden? Hatte ich nicht auch ein Recht darauf, geliebt zu werden?? Immer wenn ich diese Fragen stellte, war es meistens aus mit der Freundschaft. „Du verlangst zu viel, du hast zu hohe Erwartungen!“ waren ihre letzten Worte. Und damit hatten sie sogar Recht, denn ich hatte ja immer noch Erwartungen. Es sollte ja immer noch etwas an mich zurückfließen.. und zwar gefälligst von demjenigen, dem ich etwas gegeben hatte. Der Arme war dann meistens ziemlich überfordert und musste fluchtartig das Weite suchen!
 
Es musste anders gehen! Ja, genug geliebt hatte ich – mit ganzem Herzen, war ganz darin aufgegangen. Diese Frage konnte ich mit ruhigem Gewissen beantworten. Aber auch ich wollte geliebt werden, war zeitweise regelrecht süchtig danach, was mein menschliches Umfeld meistens dazu antrieb, sich noch weiter von mir zu entfernen. Also drängte sich mir die Frage auf, wenn mich schon kein anderer lieben wollte, warum liebte ich mich dann nicht einfach selbst? Ganze Bibliotheken waren mit solchen Ratgebern gefüllt. Ich war doch nicht von der Liebe anderer abhängig! Wozu brauchte ich die überhaupt? Tolle Idee!!  
 
Ich hatte dabei nur vergessen, dass ich immer noch der Meinung war, dass mir etwas fehlte, das ich mir unbedingt geben oder irgendwo abholen musste. „Wenn ich doch nur endlich Liebe bekommen würde, dann wäre ich glücklich, vollständig und ganz. Dann ginge es mir endlich gut und ich könnte die Suche auf der Stelle beenden!“ geisterte es mir oftmals durch den verworrenen Kopf, wobei ich mir mächtig schlau vorkam. Zwanghaft liebte ich meinen Körper, liebte meine Eigenschaften, kurz, ich liebte mich und liebte und wenn ich nicht gestorben wäre, dann würde ich mit dem Blödsinn wohl heute noch weiter machen! Nie wurde ich das Gefühl los, dass es jemals genug war. Immer fehlte noch etwas. Ich war nie zufrieden, so wie ich mir den glückseligen Zustand wahrer Liebe vorgestellt hatte. Genau, es war ja auch nur eine weitere Variante, eine weitere Vorstellung von der Liebe. Das war es also auch nicht. Aber was konnte ich tun?
 
„Gar nichts“ röhrte scharfsinnig meine innere Stimme mit ironisch schallendem Lachen. „Wie bitte?“ durchzuckte es mich zornig und dem Ende nahe. „Waren die ganzen Anstrengungen etwa umsonst?“ „Ja!“ gackerte der geheime Klugscheißer weiter. Dieses besserwissende Etwas meldete sich immer nur dann, wenn gar nichts mehr ging und ich tief in der Klemme saß. Ich war wohl im wahrsten Sinne so ziemlich auf die falsche Spur geraten. Ein dicker Kloß saß mir in der Kehle. Oh, oh, das bedeutete nichts Gutes! Ich schluckte und entschied mich, besser mal aufmerksam zu lauschen.
 
„Du kannst gar nichts tun, sondern nur sein. Was willst du woanders finden, was schon immer in dir war? Dir fehlt absolut nichts! Du bist unendliche Liebe. Da gibt es nichts hinzuzufügen. Lebe es doch endlich!“  
 
Wow, diese Ansage ließ mich unter einer ergreifenden Gänsehaut erbeben. „Hättest du mir das nicht schon früher sagen können?“ stotterte ich entgeistert in die Stille. „Klar,“ kam die prompte Antwort, „aber du warst so sehr mit der Suche beschäftigt, dass du nichts hören wolltest!“  
 
War das jetzt Erleuchtung? Da hatte ich mich mein ganzes Leben lang abgestrampelt und nach etwas gesucht, das ich niemals verloren hatte. „Besser spät als nie,“ konnte ich mir die zynische Bemerkung nicht verkneifen. Mit einem Mal durchschoss mich ein Strom bedingungsloser Liebe. Ich fühlte mich, als wäre ein Staudamm in mir gerissen. Ich war plötzlich so erleichtert, dass ich meine Arme ausstrecken und fliegen wollte... unendlich leicht und frei, nichts konnte mich mehr am Boden halten...
 
...in dem Moment krachte es, hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall, ein Bersten, Klirren und Knirschen... dann war alles still... Heiliger Frieden breitete sich über mich. Ich war reinste Liebe, löste mich darin auf, verlor jede Form, war allumfassend, pures Sein in der Ewigkeit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.08.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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