Jörg Peckhaus

Auf dem Hirschen nach Berlin

eine etwas andere Eroberung der Hauptstadt

 

Es war an einem dieser sonnigen Frühsommertage, als sich gegen Abend Besuch eines  Freundes durch das basslastige Tuckern seines ‚Stags’ in der Einfahrt ankündigte. Unüberhörbar der V-8-Motor seines Triumph-Cabriolets, gezogen von 147 Pferden.

Ich saß gerade auf der Terrasse vor meinem Haus, als er lässig auf mich zukam:

„Ich komme gerade von einer Spritztour aus dem Bergischen Land. Seit der Wagen in der Werkstatt war, läuft er rund wie ein Uhrwerk.“

Er holte sich ein kaltes Getränk aus dem Kühlschrank und setzte sich neben mich.

„Anfang Oktober fahre ich mit ihm zu einem Stag-Treffen nach Berlin. Hast du nicht Lust mitzukommen?“

 

Der 1. Oktober war an diesem Morgen wolkengeschwängert. Ein ungemütlicher Freitag.

Wir luden meine Reisetasche in den Kofferraum des Triumphs, ich stieg – behangen mit meiner Videokamera – auf der Beifahrerseite ein, mein Freund setzte sich neben mich und startete den Motor. Der ‚Hirsch’ trabte langsam aus der Einfahrt auf die Straße.

Wir schlängelten uns die B51 hoch. Die Videokamera im Anschlag filmte ich einige Sequenzen durch die Frontscheibe. Kissen voll milchigen Nebels ruhten auf den Wiesen.

In Burscheid fuhren wir auf die A1 Richtung Dortmund.

Mein Freund schaltete im Overdrive einige Gänge höher, ich wurde immer tiefer in den Sitz gepresst. Langsam verzog sich der Nebel aus den Talmulden. Wir wechselten auf die A4 nach Kassel. Aus den Boxen dröhnte Southern Rock. Das Wetter klarte auf, die Wolken verzogen sich zugunsten blauen Himmels und sonnendurchfluteter Herbstlandschaft. Wieder nahm ich die Kamera zur Hand. Nach kurzer Fahrt auf der A7 verließen wir die Autobahn.

Frank öffnete das Verdeck des ‚Hirschen’ und wir rollten in abwechslungsreichen Kurven durch das enge Niestetal nach Witzenhausen. Der V-8-Motor schnurrte auf der B8 über Heiligenstadt  nach Nordhausen. Das Wetter war immer noch prachtvoll. Am Harz entlang tuckerte der ‚Stag’ über die Straße der Romantik nach Hettstedt. Indian Summer unterbrochen von malerischen Häuserketten und dem Duft frisch abgemähter Felder, rechts und links der prächtiger Alleen. Ich filmte weiter.

Es war unverkennbar, dass wir uns mittlerweile in Ossiland befanden. Neben frisch renovierten Fassaden zogen baufällige, fast ruinierte Häuser an uns vorbei. Hier hatte die Solidarität noch nicht flächendeckend den Zuschlag erhalten.

Wir verfuhren uns mehrmals auf dem Weg nach Köthen und bekamen allmählich Hunger.

Aus lauter Verzweiflung, keinen geeigneten Ort für eine Zwischenmahlzeit zu finden, machten wir kurz vor Dessau an einem ‚Burgerking’ Rast. Jetzt hatte uns die Zeit eingeholt und wir beeilten uns auf der A9 nach Berlin dem ‚Hirschen’ die Sporen zu geben. Es hatte sich merklich abgekühlt und wir brummten verdeckt Richtung Potsdamer Kreuz. Dort verfuhren wir uns Dank des Kartenlesers noch einmal. Ich hatte wieder Mist gebaut. Es dämmerte schon, als wir uns endlich in unserem Hotel in Spandau einfanden. Eine Viertelstunde später als vereinbart.

Unsere Erklärung war so knapp wie einfach:

Wir konnten den ‚Stag’ den bewundernden Blicken der Berliner nur mit Mühe entziehen.

 

Das Programm, das die Organisatoren dieses Stag-Treffens für uns bereithielten, war wie das Auto,

das uns so stressfrei nach Berlin gefahren hatte: ein Triumph eben.

In Spandau hatte das Oktoberfest begonnen. Also führte uns der erste Weg unserer Gruppe ins Brauhaus zu deftiger bayrischer Küche und Starkbier. Der Abend wurde feucht und fröhlich.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück war eine Stadtrundfahrt angesagt. Hier konnten wir mit eigenen Augen und einigen Kameras bewundern, wozu die Regierung den Solidaritätsbeitrag verwendet hatte. Berlin - eine wahrhaft aufblühende Metropole.

Wir verbrachten den Nachmittag zur freien Verfügung und trafen abends im Hotel wieder zusammen.

Wir, das waren an die 30 deutsche Stag-Fans und 10 Engländer, die bei einem Treffen britischer Oldtimer natürlich nicht fehlen durften. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Spandauer Zitadelle, wo uns nach mittelalterlichen Gepflogenheiten ein gar köstliches Mahl bereitet ward.

Auch wurde mit allerlei Schabernack uns Kurzweil dargeboten.

Die Frage, ob die englischen Gäste einen Eindruck von „deutscher Gemütlichkeit“ einfangen konnten, möchte ich an dieser Stelle nicht beantworten. Sie fühlten sich offensichtlich wohl.

Der letzte Morgen in Berlin begann mit einem Autokorso von 13 ‚Stags’, einer Besichtigungsfahrt zu der Zitadelle, die wir am Abend vorher in der Dunkelheit nur eingeschränkt hatten bewundern können.

Dort, wo nun alle unsere ‚Stags’ hintereinander auffuhren, konnte man interessante Einblicke in die Wehrhaftigkeit der Spandauer in den vergangenen Jahrhunderten gewinnen.

Nach einem Fototermin für die ‚Hirschen’ von Triumph vor der Siegessäule des Olympiastadions trafen wir uns zu einem letzten gemeinsamen Mittagessen im Clubhaus der Wasserfreunde Spandau neben dem Trainingsgelände von Hertha BSC.

Den Abschluss fand ein außergewöhnliches Oldtimertreffen wie selbstverständlich auf einem Ausstellungsgelände von anderen Oldtimern.    

 

Danach traten die Triumphaten aufs Gaspedal und ein bisschen wehmütig die Heimfahrt an.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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