Lara Höfler

Die Veganer-Geschichte 2

Kendra

 

„Wir brauchen Erdnussbutter.“ „Ich will aber keine Erdnussbutter!“ „Pech gehabt, dann ist mehr für mich da!“ „Igitt, nein die kaufen wir einfach nicht, sonst können wir keine Müsliriegel mehr kaufen!“ „Du hast deine blöde Marmelade gekriegt, dann krieg ich auch Erdnussbutter, dann eben keine Müsliriegel!“ „Aber ich BRAUCHE die Müsliriegel und du isst sie auch!“ „Und die Erdnussbutter ist sogar noch billiger als deine Marmelade. Und ich krieg ja nie was von den Müsliriegeln, du versteckst sie immer!“ „Liv hat Chips UND Multivitaminsaft gekriegt, und mir wollt ihr die Marmelade UND die Müsliriegel nehmen!“ „Hey lasst mich da raus, ihr wisst, ich mag keine Milch!“ „Kendra, sag du doch auch mal was!“ Aha, jetzt wurde ich wieder miteinbezogen. „Maya nimmt billigere Marmelade und Emma kriegt die Erdnussbutter. Dann können wir noch Riegel nehmen, von denen Emma auch mal was abkriegt, Maya.“

Maya zog murrend ab, während Emma ihr triumphierend hinterhersah. Ich hatte manchmal das Gefühl, die beiden – und auch Liv – waren, seit wir zusammen wohnten, immer kindischer statt erwachsener geworden. Früher hatte Liv immer mit Maya diskutiert, jetzt war es eher Emma. Und sie stritten über wirklich alles. Wer länger im Bad gebraucht hatte, wer den Klodeckel offengelassen hatte, wessen Haare im Waschbecken hingen, wer mit Abwasch dran war, wessen Sachen überall herumlagen, wer zu laut Musik hörte, wer die Haustür mal wieder nicht zugeschlossen hatte und eben, was eingekauft wurde. Meistens musste ich dann Recht sprechen, aber mein Urteil wurde dann auch immer akzeptiert.

Einmal die Woche gingen wir zusammen einkaufen, wir hatten es abwechselnd versucht, doch das war noch schlimmer; einmal hatte sich Maya zu Nutella hinreißen lassen, dafür Emmas Gummibärchen weggelassen (ich bin mir sicher, dass sie das mit Absicht gemacht hat, auch wenn sie’s hinterher leugnete), Emma hat es kalt lächelnd hingenommen, aber beim nächsten mal als sie dran war, hat sie Popcorn und Chips gekauft und dafür eben nicht Mayas ekelhaftes Eiskaffee-Pulver. Maya ist fast durchgedreht. Ohne das Zeug kommt sie inzwischen fast nicht mehr durch den Tag. Seitdem gehen wir immer zusammen.

Inzwischen waren Gott sei Dank fast fertig mit dem Einkaufen. Es gruselte mich jede Woche vor dem Einkauf, da es immer die gleiche Diskussion war. Ich will das nicht, ich will aber das… wie kleine Kinder. Einmal hab ich sie rausgeschickt, alle beide. Es fängt immer erst mit der Frage an, was wir kaufen, doch meistens entwickelt es sich dann zu irgendeiner Lebensweise-Diskussion; es ging damit los, dass Liv eben keine Milch trinkt und dafür Multivitaminsaft braucht. Dann wollte Maya auch keinen Schinken. Das fand Emma nicht okay. Dann erwiderte Maya, dass Emma auch keine Suppe mag. Emma: Aber du doch auch nicht! Maya: Aber darum geht es doch gar nicht! Emma: Stimmt, es geht darum, dass Liv keine Milch mag. Maya: Lenk jetzt nicht vom Thema ab! Emma: Aber das tu ich doch gar nicht, darum ging es doch am Anfang… Maya: Doch, du lenkst ab. Machst du immer.

Emma: Mit dir kann man ja nicht mal ein Gespräch führen, ohne 20mal von dir unterbrochen zu werden, das ist –  Maya: Stimmt ja gar nicht! Emma: Da- schon wieder! Liv: Also ich nehme den Saft jetzt einfach mal, okay? Maya: Nein tust du nicht! Sonst kaufe ich Suppe! Ich (völlig verzweifelt): Ja aber du magst doch gar keine Suppe! Maya: Eben! Ich: Wieso willst du sie dann kaufen? Maya: Aus Prinzip. Ich setze zur Antwort an. Aber: Emma: Ach du mit deinem beschissenen Prinzip! Lässt du auch aus Prinzip die Haustür offen? So dass jeder raus und rein kann, wie er lustig ist? Maya: Das muss ich mir nicht sagen lassen, von jemandem, der- nein, dafür bin ich zu gut erzogen. Emma: Oh, jetzt kommen wieder deine tollen Andeutungen, das solltest du dir auch mal abgewöhnen. Maya: Zieh doch aus, wenn ich dir nicht passe! Emma: Wieso ich, zieh du doch aus! Maya: Ja, vielleicht mach ich das! Ich: RAUS!!! ALLE BEIDE!!! VERZIEHT EUCH UND LASST EUCH NICHT MEHR BLICKEN, BEVOR IHR GELERNT HABT, MITEINANDER AUSZUKOMMEN!!!

 

Als wir nach Hause kamen, ließ sich Emma erst einmal aufs Sofa fallen und Maya kniete sich vor unser DVD-Regal, so dass es an mir und Liv hängen blieb, die Einkäufe einzuräumen. „Oh nein“, stöhnte ich. „Ist es schon wieder so weit?“ Maya strahlte mich an. „Ja! Ist das nicht klasse?“ Jeden zweiten Samstag  schauten Emma und Maya den ganzen Tag Charmed. Ich hasste diese Serie und anfangs beklagte ich mich  darüber, dass die gesamtem 8 Staffeln, die sich Emma und Maya zusammen gekauft hatten, ständig liefen und sogar ICH, die sie nie freiwillig gesehen hatten, könnte jede Folge detailgenau zusammenfassen. Also wetteten wir, und ich verlor. Ich hatte ein paar Folgen wohl doch noch nicht oft genug gesehen. Aber das lässt sich ja ändern. Also läuft bei uns jeden zweiten Samstag Charmed rauf und runter, und ich konnte nichts sagen. Deshalb war ich dann auch fast immer bei Dennis. Im selben Moment klingelte es unten an der Tür. „Das ist Dennis!“ rief ich erleichtert, „wir wollen ins Kino.“ „Ausnahmsweise mal.“ Liv zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte ja Recht. In letzter Zeit waren wir ständig im Kino. Unter anderem auch, weil man da nicht reden durfte. Dennis und ich diskutierten ständig, nicht über uns, sonder über das Aussehen der Leute auf der Straße, aktuelle Nachrichten, den Ausbau des Flughafens, Grammatik, Urlaubsorte, kurz: Über alles. Liv war jedes Mal aufs Neue fassungslos, wie wir stundenlang darüber argumentieren können, ob Socken in Sandalen jetzt in Ordnung sind oder nicht. Emma, die Hobby-Paartherapeutin behauptet, wir wollen nur den Problemen unserer Beziehung ausweichen. Aber wir haben überhaupt keine Probleme. Aber wenn ich das sage, antwortet Emma, dass man immer erst mal leugnet. Und Maya sagt, dass gerade das unser Problem ist, nämlich dass wir keins haben. Niemand lebt immer friedvoll. Deshalb denken wir uns banale Sachen aus über die wir streiten können, weil Streit zu jeder gesunden Beziehung gehört. Ist ja gut zu wissen, dass alle andern besser über unsere Beziehung Bescheid wissen als wir.

„Hat Dennis nicht auch eigentlich einen Schlüssel?“ riss Liv mich aus meinen Gedanken. „Ähm, ja. Naja – nein.“ „Wie jetzt?“ „ Also er sollte einen kriegen, wir wollten einen machen lassen, aber irgendwie ist bis jetzt nichts draus geworden. Maya und Liv tauschten einen bedeutungsschweren Blick, doch bevor ich etwas dazu sagen konnte, kam Dennis rein. „Hey“ sagte er und küsste mich zur Begrüßung auf die Wange. Ich bemerkte, wie Liv sich grinsen abwandte. Sie behauptet nämlich immer, Küsse auf die Wange seien der Anfang vom Ende jeder Beziehung. Darauf erwidere ich immer, woher sie das wissen wolle, ihre Beziehungen seien ja nicht einmal lang genug, um einen Anfang vom Ende zu haben. Maya, die sowohl Livs stumme Belustigung, als auch meine Reaktion darauf (ich hatte schon Luft geholt um eine ärgerliche Bemerkung zu machen) bemerkt hatte, griff ein. „Viel Spaß im Kino, jetzt könnt ihr ja gehen.“ „Korb“, meine Emma trocken. Als wir gerade zur Tür rauswollten, warf Dennis einen kurzen Blick auf den Fernseher. „Ist das das Finale von Staffel fünf?“ Emma lachte schallend auf und Maya antwortete todernst: „Ja! Woher hast du das gewusst?“ „Das reicht! Dennis, wir gehen!“ Ich schüttelte fassungslos den Kopf und wandte mich dann nochmal an Emma und Maya. „Da seht ihrs! Wie kann man nur 182 einer total bescheuerten Serie-“ „Tschüss“, unterbrach Liv meine Tirade. „Ja, Tschüss.“ Dennis zog mich aus der Wohnung. „Lass sie doch einfach.“ Meint er im Flur. „Tu ich doch, ich mein ja nur-“ Er unterbrach ich mit einem Kuss. Ich hasste es, nicht das letzte Wort zu haben, aber dieses Mal beschloss ich, nachzugeben.

 

Maya

 

Kendra und Dennis waren keine fünf Minuten weg, da klingelte Emmas Handy. Sie verzog das Gesicht, als sie einen Blick aufs Display warf. „Das Studio.“ Emma arbeitete als Reporterin, sehr erfolgreich, da sie dank ihrer Gabe meist schon vorher am Ort des Geschehens war und lieferte somit meist die besten Reportagen. Manchmal schrieb sie auch für die örtliche Zeitung. „Ja? Okay… Nein, diesmal nicht… Ich bin auch nicht allwissend! ... Ha-ha… Uähh, klingt ja eklig, da bin ich mal froh, dass ich das nicht vorher gewusst hab… Okay, ich komme sofort. Gib mir ne Viertelstunde. Ciao.” Als sie auflegte, seufzte sie. „Ich muss los, da wurde mal wieder eine Leiche gefunden. Oder das, was davon übrig ist.“ Mit der Zeit hatte sich Emma an den Anblick verstümmelter Leichen gewöhnt, während ich noch jedes mal anfangen könnte zu kotzen, wenn sie nur darüber erzählte. Ihre beiläufige Art, über fehlende Arme und Beine, offene Brustkörbe und dergleichen zu reden, schockierte mich noch immer. Jetzt schien es geradezu absurd, dass sich Emma damals, als wir Christian gefunden hatten, sich ins Gebüsch übergeben hatte. „Tja, jetzt sind wohl nur noch wir zwei übrig“, meinte Liv, als sich Emma Jacke und Tasche geschnappt hatte und aus der Tür verschwunden war. „Wollen wir irgendwas machen? Den Nachbarn hinterher spionieren? Fremde Leute verarschen? Ins Cafe gehen? „Ich wär für Nummer 2 und 3.“ „Okay. Auf ins Cafe.“ Liv und ich hatten vor einiger Zeit entdeckt, dass es unglaublich lustig war, wildfremde Leute auf der Straße anzusprechen und unter anderem so zu tun als seien wir aus Frankreich und sprächen kein Wort deutsch und suchten einen Platz, den es gar nicht gibt. Oder wir machten Umfragen für eine Firma, die es ebenfalls nicht gibt. Aber, unser Favorit war, im Cafe Tussen zu beobachten und nachzumachen, meist aufgetakelte Teenager.

Am Anfang war es eine Art Mutprobe, so nach dem Motto „Traust du dich?“

Uns war klar, dass wir uns total zum Affen machten, aber zu sehen, wie verwirrt und hilflos unsere „Opfer“ waren, war es wert.

Dieses Mal hatten wir Glück. Ein paar fette, blondgefärbte Teenager a la „Jacqueline und Jenny“ saßen mit Chanel-Sonnenbrille ein paar Tische weiter in der Sonne, fühlten sich toll und beobachteten ein paar gut aussehende Kerle in unserem Alter, wofür sie es noch mehr verdient hatten, verarscht zu werden. Aber das fiel leider flach. Wir  durften uns vor den Kerlen nicht blamieren.

„Ich kann’s nicht mehr mit ansehen“, meinte Liv nach einer knappen halben Stunde. „Wie alt sind die Tussen? Zwölf? Die begaffen Kerle, die doppelt so alt sind wie sie!“ Ich verkniff mir eine Bemerkung darüber, dass Liv in dem Alter genau dasselbe gemacht hatte. Glücklicherweise war mit Livs Alter nicht auch das Alter der Kerle gewachsen ist, auf die sie stand. „Was willst du dagegen tun? Das Jugendamt einschalten?“, fragte ich ironisch. Liv sah mit gerunzelter Stirn von den Tussen zu den Kerlen und ignorierte meinen Tonfall. „Nein, die werden da nichts machen können, solange da nichts läuft.“ „Das musst du ja wissen“, spottete ich. „Ich muss was unternehmen“, meinte sie, stand auf – und ging eiskalt rüber zu den Kerlen. Sie trug ein weißes T-Shirt und ein Jeans-Mini, womit sie natürlich perfekt gekleidet war, um Kerle anzubaggern. „Liv! Aber-… du-…“ Doch sie war schon bei den Typen am Tisch. Sie wechselte ein paar Worte mit den beiden, dann setzte sie sich bei ihnen an den Tisch. Und wie ich erwartet hatte, keine zwei Minuten später, sah sie zu mir rüber – strahlend – und winkte mich heran. Ich wollte den Kopf schütteln, da es einfach nicht mein Ding war, sich zu wildfremden Kerlen an den Tisch zu setzen, doch Liv hatte so einen Blick drauf, der mir echt Angst machte und die Kerle waren wirklich scharf. Also ging ich rüber. Im vorbeigehen warf ich einen Blick zu den Tussis rüber, diem ich und Liv arrogant beobachteten. Ich lächelte selbstzufrieden und setzte mich an den Tisch.

 

Spätnachmittags kamen wir zurück in die Wohnung, wir waren noch mit den Kerlen spazieren gewesen, Kendra war noch nicht wieder da, sie würde wahrscheinlich vor morgen gar nicht mehr wiederkommen, aber Emma war da, sie saß mit einer Tasse Tee auf dem Sofa und starrte mit leerem Blick auf den Fernseher, aber irgendwie schien sie gar nicht mitzukriegen, was sich auf dem Bildschirm abspielte, sie schien uns auch gar nicht bemerkt zu haben, erst als Liv nochmal zur Haustür schlich und sie mit voller Kraft zuwarf, schreckte Emma so sehr zusammen, dass sie sich den Tee überschüttete. „Scheiße! Ihr-“ Wir begannen zu lachen. Dann hörten wir, wie von unten jemand an die Decke klopfte. „Die Alte von unten schon wieder.“ Liv verdrehte die Augen. Unter uns wohnte eine seltsame alte Frau, die sich ständig darüber aufregte, was wir für einen Krach machen.  Dann sagten wir jedes Mal, dass neben uns ein paar Studenten wohnten, die ständig Techno hörten und wir die übertönen müssen. Nicht mal der Vermieter hört auf die Verrückte. Wir sind uns auch sicher, dass sie uns belauscht, aber das können wir wiederum nicht beweisen. „Wo wart ihr denn so lange?“ „Shopping“, meinte Liv ohne rot zu werden. Emma grinste. „Das glaubst du doch selbst nicht! Wer diesmal?“ wandte sie sich an mich. „Zwei süße Typen aus dem Cafe. Und was ging dir so spannendes durch den Kopf?“ „Ich weiß nicht.“ Emma war inzwischen aufgestanden und zur Küche gegangen, um sich den Tee aus dem T-Shirt zu waschen. „Das war schon der zweite Mord nach diesem Muster. Die Polizei spricht nicht darüber, aber ich glaube, die kommen auch nicht weiter.  Könnte ich nicht mal-“ „Nein! Du wirst Nicole nicht anrufen!“ „Ach komm schon! Nur ein oder zwei Fragen!!“ „Nein, verdammt! Ist dir schon mal aufgefallen, wie sehr du sie nervst?“ „ ‚Ihr müsst hartnäckig sein und in Kauf nehmen dass die ganze Welt euch hasst.’ “ zitierte Emma. „Scream 3, glaube ich.“ „Eben!“, griff ich auf. „Ein Film! Und außerdem wurde die Tussi, die das gesagt hat, dreimal fast abgemetzelt, beweist das nicht genug?“ „Ha-Ha.“ „Nein im Ernst; wenn du Nicole anrufst, erzähl ich deinem Kameramann, dass du deinen Chef vögelst.” Emma lachte. „Du verwechselst mich wohl mit Liv.“ Liv riss empört den Mund auf, wollte etwas erwidern, doch ich war schneller. „Fragt sich, ob der Kameramann das weiß.“ „Was interessiert mich der Kameramann?“ „Du stehst auf ihn, das sieht ein Blinder mit Krückstock!“ „Jaja, das ist ja wie in der Grundschule. Ich könnte jetzt wieder mit Mike anfangen, aber-“ „Ja, mach nur, ich hab mich dran gewöhnt.“ „Sagt mal, geht’s noch?“ griff Liv ein. „Merkt ihr überhaupt noch?“ Wir schauten sie verständnislos an. Sie stöhnte entnervt auf und verschwand in ihrem Zimmer, nicht, ohne die Tür mit einer ausladenden Bewegung zuzuwerfen. Emma sah mich an. „Was ist denn mit der los?“ „Keine Ahnung. Hat wohl schon seit einer Woche keinen Kerl mehr gehabt.“ Emma lacht und aus Livs Zimmer tönte: „Das hab ich gehört!“

 

Kendra

 

„Ich muss los.“ „Wo willst du hin?“ Emma lächelte nur verheißungsvoll, nahm Tasche und Jacke und wollte gerade aus der Tür verschwinden, doch Liv war schneller. Sie stellte sich in den Türrahmen der Haustür und versperrte Emma somit den Weg. „Geh da weg!“ „Erst, wenn du mir sagst, wo du hingehst!“ Emma verdrehte die Augen. „Ein Date.“ „Ach was! Erzähl.“ Emma schien einen Moment mit sich zu ringen. „Kino. In einer halben Stunde.“ Liv wurde ungeduldig. „WER?“ Emma war einen Blick über ihre Schulter zum Küchentisch, wo Maya und ich saßen und gespannt lauschten. Sie senkte die Stimme. „Der Kameramann. Kyle.“ Liv grinste schadenfroh. „Der Kameramann! Ich habs gewusst! Du Flittchen!“ „Das muss ich mir von dir nicht sagen lassen.“ „Flittchen zu sein ist was Gutes! Ich bin auch eins.“ „Grund genug, keins zu werden.“ „Ich hab dich auch lieb“, erwiderte Liv, gab aber die Tür frei.

 

Maya

 

„Glaubt ihr, das wird was?“, fragte ich, als Emma weg war. „Weiß nicht. Sie scheint wirklich auf ihn zu stehen“, meinte Kendra und bekam plötzlich einen seltsamen Ausdruck in den Augen. „Aber vielleicht hat es auch nicht sollen sein. Vielleicht funktioniert es einfach nicht.“ Liv und mir war sofort klar, dass es hier nicht mehr um Emma und ihren Kameramann ging, sondern um Kendra und Dennis. „Vielleicht muss man einfach daran arbeiten“, warf ich vorsichtig ein. Sie sah mich an, schien aber irgendwie durch mich hindurchzusehen. „Aber wenn es doch nicht funktioniert, was dann?“ Ich hatte Zweifel, dass diese Frage an mich gerichtet war, also schwieg ich.

 

Nachdem auch Kendra wieder zur Arbeit verschwunden war, redeten Liv und ich noch eine Weile über Kendra und Dennis. „Ich hab das Gefühl, in letzter Zeit läuft es nicht mehr so besonders bei Kendra und Dennis“, überlegte Liv. „Und wenn sie sich trennen?“ fragte ich angsterfüllt. „Was soll dann sein? Keine Beziehung hält ewig.“ „Das war jetzt nicht die Antwort, die ich hören wollte. Das sind Kendra und Dennis, seit zehn Jahren zusammen und-“

„Eben“, fiel mir Liv ins Wort. „Zehn Jahre – das ist eine sehr lange Zeit. Das ist fast die Hälfte ihres Lebens.“ „Ja, aber wenn sie sich doch lieben…“ „Auch das muss kein Zustand für die Ewigkeit sein.“ „Aber es könnte…“ „Egal, wie es ist, es liegt nicht in unserer Hand. Und eigentlich geht es uns ja auch gar nichts an.“ Mit diesen Worten stand Liv auf. „Wo willst du hin?“ Sie verzog den Mund. „Ich muss noch „die perfekte Villa“ für diesen Ekel-Kunden fertig entwerfen. Ich lachte. „Noch ne Beziehung, die nicht funktioniert.“

 

„Kann ich heute Abend den Wagen haben?“ fragte ich zwei Wochen später beim Frühstück, „ich muss zu dieser schrecklichen Familienfeier.“ Kendra verzog mitleidig das Gesicht. „Du Arme. Was ist es? Goldene Hochzeit? 70. Geburtstag?“ Kendra hatte eine riesige Familie und kannte sich aus mit jeder Art von Familienfeiern; seit sie zwanzig geworden ist besonders damit, wie man sich unbemerkt von Hochzeitstagsfeiern wegstiehlt, was für eine Krankheit man für welchen runden Geburtstag vortäuschen muss, um nicht hinzumüssen,  und welche Ausreden gut für die normalen Geburtstage sind. Nur bei Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen und Beerdigungen, da muss man durch. „80. Geburtstag meiner Oma.“ Kendra überlegte einen Moment. „Großmütter sind meistens mitfühlend, wie wär es mit… richtig heftiger Migräne? Oder du kannst auch Regelbeschwerden nehmen.“ Ich musste grinsen. „Nein, danke, ich glaube, diesmal gehe ich hin. Juli ist da. Vielleicht hat sie was Interessantes zu erzählen. Juli, also eigentlich Juliane, war mein Kusine, 22 und so ziemlich die Einzige in meiner Familie, die nicht entweder total spießig oder total durchgeknallt war.

Also stand ich am selben Abend um 17.00 Uhr vor dem Cafe, in dem schon seit… sehr langer Zeit so ziemlich alle Familienfeiern stattfanden. Naja, eigentlich war es schon fast Viertel nach fünf. Ich hatte sichergehen wollen, dass Juli auch vor mir da war, sonst musste ich noch Smalltalk mit Claudia machen. Oder Jens, ihrem Mann. Oder Sonstirgendwem auf dieser „Party“. Dann wagte ich mich hinein. Natürlich waren alle schon da. Wahrscheinlich hatten sie alle Schlag fünf vor der Tür gestanden. Erst mal gratulierte ich Oma, dann nahm ich mir  ein Glas Orangensaft (Ich hasse Sekt und auf Familienfeiern zu trinken, ist sowieso keine gute Idee) und stellte mich zu Juli, die ein Glas Sekt in der Hand hielt und das Geschehen beobachtete. „Hey. Was gibt’s Neues?“ „Claudia hat sich die letzten 10 Minuten in den dramatischsten Tönen und in allen Einzelheiten darüber ausgelassen, wie „die kleine Svenja“ die Grippe hatte.“ „Ist „die kleine Svenja“ nicht auch schon dreizehn?“ „Vierzehn, um genau zu sein. Außerdem bezweifle ich, dass sie freiwillig hier ist, was Claudia aber niemals zugeben würde, wenn es nicht so wäre.“ „Ich entdeckte Svenja, sie stand in der Ecke, mit zusammengepressten Lippen und starrte grimmig ihre Mutter an. „Der Faltenrock und die Bluse waren bestimmt nicht ihre Kleiderwahl, oder?“ „Nein, eigentlich ist sie ja Gothic, aber ihre Mutter…“ „Die Arme.“ Ich hatte ehrlich Mitleid mit ihr. Claudia war schrecklich. Sie war zwölf Jahre älter als ich, sie hatte früher immer auf mich aufgepasst. Ich durfte kein Fernsehen gucken und musste Punkt acht im Bett sein. Einmal hab ich mich wieder rausgeschlichen, ihr Handy aus ihrer Jackentasche geholt und ins Klo geworfen. Ich glaube, seitdem hasst sie mich. „Sie war erst Emo, doch seit ihre Mutter das weiß, muss die zweimal wöchentlich zum Psychiater. Und Kickboxen darf sie auch nicht machen.“ „Ganz ehrlich; mit der Mutter wär ich auch Emo.“ Sie lachte.

„Also, wie wärs, wenn wir uns setzen, gleich gibt es Lachs“, verkündete in diesem Moment Grandma mit dem üblichen strahlenden Lächeln im Gesicht. Wahrscheinlich ist ihr das mit der Zeit angewachsen. Mit drei Kindern, darunter Hans, der Vater von Claudia, genauso spießig und unausstehlich, bleibt einem auch nichts mehr anderes übrig, als immer freundlich zu lächeln. Der Sohn von Hans und Katharina, seiner Frau, ist Jan, der hat wiederum Helena geheiratet, die war mal echt cool, aber inzwischen fügt sie sich nahtlos in die Reihe der Langweiler ein. „Ich hab deine Freundin, Emma, im Fernsehen gesehen. Sie hat über einen Mord berichtet, das kommt irgendwie in letzter zeit ziemlich häufig vor“, meinte Juli beim Salat. „Ich finde das ziemlich gruselig. Die Vorstellung, dass jeder der nächste sein könnte. So als Reporterin, nimmt einen das nicht ziemlich mit?“ Ich musste an Emma denken und ihre Art, über Leichen zu reden wie übers Wetter.  „Mmh… ich denke es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich daran zu gewöhnen.“

Das restliche Essen verlief sterbenslangweilig mit Smalltalk; Das Wetter, der Urlaub, die Noten der Kinder, Preiserhöhnung, blablabla… Juli und ich machten uns einen Spaß daraus, uns vorzustellen, wie das alles wirklich abgelaufen war; Ballermann statt Côte d’Azur, Regen und Saufen statt Sonne und Spaziergänge, Vieren und Fünfen statt Zweier und Einser…

Erst beim Nachtisch wurde es richtig interessant.

 Der 16-jährige Tom, Bruder „der kleinen Svenja“, räusperte sich verlegen. „Ähm, ich… ich will etwas…“ Oma, immer freundlich: „Nun sag schon. Mit dieser Familie kann mich nichts mehr schocken.“ Obligatorisches verhaltenes Lachen. Svenja lächelte Tom ermunternd zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ich war gespannt, was jetzt kommen würde. „Ich bin schwul.“ Bumms. Totenstille im ganzen Raum. Juli und ich sahen uns an und mussten uns die Hand vor den Mund halten, um nicht laut loszulachen. Der Rest der Gemeinde fand das weniger lustig. Bis auf Svenja, die strahlend in die Runde blickte. Oma fasste sich als erstes wieder. „Das ist völlig in Ordnung, Schatz.“ „Nein, das ist es nicht“, unterbrach Claudia mit schriller Stimme. „Er ist schwul! Das ist ja als ob… als ob…“ „Also ob ich lesbisch wäre?“, half Svenja mit gemeinem Grinsen nach. Ihr Vater warf ihr einen warnenden Blick zu. „Es ist ja nicht so, als hätte er Krebs oder so“, meinte Oma. Claudia sah so aus, als wäre sie ganz und gar nicht dieser Meinung. Anna und Jennifer, sieben und zehn, sahen fragend ihre Mutter, Helena,  an, die diesen Blick stoisch ignorierte. Also beugte ich mich zu Anna runter und erklärte: „Das ist, wenn ein  Mann-“ „Maya!“ Helenas Stimme war rasiermesserscharf. Ich lächelte nur freundlich. „Dann eben nicht.“ „Also“, ergriff Juli das Wort, „ich finde das auch völlig okay. Wir leben im 21. Jahrhundert, da ist das doch genauso normal wie Haare färben.“ „Das- müssen wir ja jetzt nicht ausdiskutieren. Das müssen wir nie ausdiskutieren.“ „Also totschweigen“, stellte Svenja klar. „Im 21. Jahrhundert“, hieb ich in dieselbe Kerbe.

Für den Rest des Essens wurde es kein einziges Mal mehr erwähnt, doch die Stimmung war – für die meisten – im Keller. Ich plauderte locker mit Svenja, und Juli unterhielt sich mit Oma über Homosexuellenehen.

Als ich gegen 23.00 Uhr bester Laune nach Hause kam, saßen Kendra und Liv auf dem Sofa und schauten Matrix. „Hey.“ „Warum bist du so gut gelaunt?“ fragte Liv, als ich mich neben sie aufs Sofa fallen ließ. „Der Sohn meiner Kusine ist schwul. Hat ihr so richtig ihr beschissenes Lächeln verdorben. Jetzt mag ich ihn noch mehr.“ Liv lachte, Kendra schüttelte den Kopf. „Wo ist eigentlich Emma?“, fragte ich ein paar Minuten später, als Neo gerade mit Agent Smith in der U-Bahn kämpfte. „Sie hat was gesehen und musste noch darüber berichten.“ Kaum hatte sie diesen Satz zu Ende gesprochen, hörte ich einen Schlüssel im Schloss und Emma kam rein. „Schließ ab, wenn du drinnen bist.“ Tat sie und trat in Wohnzimmer. Ihre Haare und ihre Klamotten waren nass. „Ich hasse den Januar“, sagte sie und ging ins Bad, um sich ein Handtuch für ihre Haare holen. „Nicht nur, dass die Leiche eklig war, es hat in Strömen geschüttet.“ „Hat dir der Kameramann nicht seinen Schirm geliehen?“, fragte Liv ironisch. „Ich war jetzt dreimal mit ihm aus, langsam sollte er auch für euch einen Namen kriegen. Er heißt Kyle. K-Y-L-E. Kyle.“ „Kapiert“, erwiderte Liv. „K-A-P-I-E-R-D.“ Kendra sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Liv bemerkte ihren Fehler und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Vergesst es.“

Inzwischen stand Neo in der Telefonzelle. „Wen er da genau anruft, hab ich noch nie verstanden.“ „Ich auch nicht“, meine Liv und hielt die DVD an. „Gehen wir ins Bett.“

 

Emma

 

In dieser Nacht lag ich noch lange wach. Wenn ich nur Nicole anrufen könnte… vielleicht könnte ich ihr sogar helfen… Mit meiner Fähigkeit… Diese Morde waren wirklich schlimm… Und irgendeinen Zusammenhang gab es, das spürte ich… Vielleicht würde ich eine Vision bekommen, wenn ich nur Nicole… Ach was solls. Ich schwang mich aus dem Bett und schlich rüber zu Mayas Zimmer und lauschte an der Tür. Alles still. Ich bemühte mich, so leise zu sein wie noch nie und machte die Tür auf. Maya lag da in ihrer unmöglichen Schlafposition und schlief – wie ich hoffte – tief und fest. Einen Moment lang hatte ich ein schlechtes Gewissen. Sollte ich das wirklich tun? Es ist zum Wohl der Allgemeinheit, redete ich mir ein und schlich zu ihrem Bett. Da, ihr Handy. Zum Glück an. Für die Arbeit musste sie immer erreichbar sein. Ich griff nach dem Ding. Im selben Moment begann es zu vibrieren. Ich verkniff mir einen Fluch und drückte die Auflegen-Taste. Maya drehte sich plötzlich um, machte die Augen auf und sah mich an. Ich hielt die Luft an. Dann, unendlich langsam, schloss sie die Augen wieder und schlief weiter, als wäre nichts gewesen. Oh mein Gott. Ich hatte das Gefühl, als wäre mein Herz stehen geblieben. Ich machte, dass ich wieder rauskam. In meinem Zimmer suchte ich Nicoles Nummer in Mayas Adressbuch. Ich übertrug die Home- und die Handynummer in mein Handy und legte Mayas Handy so leise wie möglich ins Wohnzimmer. Maya merkte sich sowieso nie, wo sie was hingelegt hatte. Wieder zurück in meinem Zimmer überlegte ich. Konnte ich sie jetzt noch anrufen? Ich schielte auf meinen Digitalwecker. 0:43. Mmh… trotz meiner Ungeduld verschob ich es auf Morgen. Nicole würde wohl wenig begeistert sein, wenn ich sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss. Und ich brauchte sie bei guter Laune.

 

„Wo ist mein Handy?“ war Mayas erster – leicht panischer – Satz am nächsten Morgen. Ich bemühte mich, ein gleichgültiges noch-halb-im-Schlaf-Gesicht zu machen und zuckte mit den Schultern. „Ah hier. Wie kommt das da hin, ich leg es abends doch immer neben mein Bett?“ Ich brach fast in kaltem Schweiß aus, immer noch bemüht, mir nichts anmerken zu lassen. Warum überlegte sie am frühen Morgen so viel? Sie sollte froh sein, dass es noch da ist. „Naja, egal. Was steht heute an?“ Diese Frage  stellte sie fast jeden Morgen, nur um uns erwartungsvoll ansehen, und dann in ihrem Handy nachzusehen und uns das laut vorlesen zu können. Und da sie meistens auch über unsere Vorhaben und Termin genaustens Bescheid wusste (Maya hasste den Gedanken, dass überall um sie herum Leute waren, die ein eigenes Leben, Freunde, Erinnerungen und Geheimnisse hatten, Dinge, von denen sie nichts wusste und die sie auch nichts angingen. Also versuchte sie wenigstens uns, ihre Mitbewohnerinnen, genaustens zu überwachen und über unser Leben bescheid zu wissen.) wurde auch unser Tag noch mal durchgegangen und insofern hatte das auch für uns etwas Nützliches. Heute war Sonntag und somit hatten wir nichts Interessantes vor, außer eben dem allsonntäglichen gemeinsamen Kochen. „Was kochen wir heute? Kommt Dennis eigentlich auch?“ Kendra nickte, wirkte aber nicht gerade glücklich dabei.  „Wie wärs  mit… Spaghetti?“, schlug Liv vor. Maya und ich nickten ernsthaft und Kendra schüttelte lachend den Kopf. Zur Erklärung: Wir machten eigentlich immer Spaghetti. Wir hatten diverse andere Rezepte probiert, aber die waren entweder nicht „Sonntags-würdig“, ekelhaft oder zu kompliziert. Also Spaghetti. Manchmal bestellten wir auch beim Chinesen oder gingen Essen, wenn Kendra zum Beispiel einen Fall gewonnen hatte oder Maya einen Bonus kassiert hatte.

Wir frühstückten in Ruhe und bereiteten dann alles fürs Mittagessen vor. Gegen halb zwölf klingelte auch Dennis. „Hey.“ Er kam rein und ging erst mal auf Kendra zu, er wollte sie auf den Mund küssen, doch sie wandte ihr Gesicht von ihm ab. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sie auf die Wange zu küssen. Als sich Dennis daraufhin umdrehte, sah Maya Kendra fragend an und machte eine entsprechende Geste. Kendra erwiderte mit ebenfalls mit einer Geste: „Später.“

Das Essen verlief so schlecht wie noch nie. Normalerweise hatten wir sonntags immer viel Spaß, aber das ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen Kendra und Dennis versaute die ganze Stimmung. Zwischen den beiden herrschte eisiges Schweigen. Anfangs. Gegen Ende wären wir für Schweigen dankbar gewesen. Es fing alles damit an, dass Dennis sagte, er wolle mal das Salz. Maya gab ihm das Salz und er schüttete es über seine Soße. Kendra deutete das als persönlichen Angriff, sie war unglaublich stolz auf ihr Familienrezept für Pasta-Soße, also murmelte sie irgendwas von „Kein Geschmack“. Dennis stellte das Salz hin und sah sie aufmerksam an. „Was hast du gesagt?“ „Gar nichts, Schatzi“, erwiderte Kendra zuckersüß. Oh-oh. Schatzi war ein totales Tabu-Wort in ihrer Beziehung. Wir hatten alle der Diskussion beigewohnt, ob es nur kitschig oder richtig scheiße war, Kosenamen wie Schatzi, Hasi, Schnucki, oder so zu benutzen. Es war bei ihnen etwa damit vergleichbar, wenn eine von uns von ihrem Freund Schlampe genannt wurde. Dennis reagierte dementsprechend. „Ich liebe dich, Schnucki-Hasi.“ Ich sah wie Kendra ihre Fingernägel in ihre Oberschenkel krallte. „Und was ist mit Marina? Die auch?“ Dennis sog scharf die Luft ein. Dieses Wort war in ihrer Beziehung sogar noch verbotener als Schatzi. Marina war in der 12. mit Dennis im Englischkurs gewesen. Auf einer Party hatte sie geküsst (Dennis’ Version der Geschichte zufolge.), Kendra glaubte ihm natürlich nicht. Dann zog Marina weg. Doch dann, Jahre später, traf Dennis Marina wieder. Sie gingen zusammen zur Uni, was Kendra natürlich gar nicht passte. Marina war groß, schlank und sehr hübsch, und das war etwas, was Kendra ihr nicht verzeihen konnte. Marina wohnte zu allem Überfluss auch noch in der Nähe, war nett, lustig und immer noch mit Dennis befreundet. Wenn ich sie nicht hassen müsste, würde ich sei richtig mögen. Dennis sah Kendra ruhig an. „Sie ist eine Freundin und ich mag sie sehr.“ „Oh, du magst sie sehr.“ Kendras Stimme war bedrohlich leise. „Was erzählst du ihr denn alles?“ Maya schaute hastig auf ihr Handgelenk, wo zwar gar keine Uhr war, was aber in diesem Moment ziemlich egal war. „So spät schon? Ich muss los, ich will mich noch mit Jo- Leonie treffen.“ Ich sprang ebenfalls auf. „Ja- ich muss auch weg. Wir müssen los, Liv.“ Liv sah fasziniert zwischen Kendra und Dennis hin und her, die sich gerade gegenseitig scharf musterten. „Ich weiß nicht, was du meinst.“ Ich legte ihr die Hand auf die Schulter und drückte fest zu. „Doch, ich glaube das weißt du ganz genau.“ Widerwillig erhob sie sich und wir verließen die Wohnküche, während das Gefecht zwischen Kendra und Dennis immer heftige wurde. „Was hat das alles überhaupt mit Marina zu tun?“ „Mehr als du denkst.“ „Warum bist du so verdammt eifersüchtig?“ „Ich bin nicht eifersüchtig, sie kann dich gerne haben, ich will nur, dass du mir offen ins Gesicht sagst, dass da was läuft.“ „So, dann bin ich dir also egal.“ „Vielleicht bist du das, ja.“ „Weißt du, was dein Problem ist? Du hältst dich für unfehlbar, du kannst dir nicht eingestehen, wenn du einen Fehler gemacht hast, wenn du etwas sagst, dann ist das so und nicht anders, weil du ja immer über alles bescheid weißt. Sei ehrlich, nenn mir ein einziges Mal in den ganzen zehneinhalb Jahren, in denen du nachgegeben hast. Kein einziges verdammtes Mal, du-“ „Dann nenn du mir ein einziges Mal, bei dem du mich einfach mal hast etwas sagen lassen, ohne dass du gleich alles in Frage stellen musst, egal, was ich sage, du musst es anfechten-“ „Das stimmt doch gar nicht, ich habe nur-“ „Lass mich gefälligst ausreden!...“ So in etwa ging es weiter, als wir draußen auf dem Flur standen, Maya und ich Jacke und Schuhe anzogen. „Oh, mein Gott, da geht’s ja heftig her. Liv du- Liv!“ Liv stand da, ein Ohr an die Tür gedrückt und lauschte, wobei das gar nicht nötig gewesen wäre, Kendra und Dennis waren deutlich bis hier in den Flur zu hören. „Du meckerst immer an allen meinen Aussagen herum, egal was ich sage, es ist falsch!“

„Du-“ „Ich will damit ja nur sagen, dass-“ „Hör mir verdammt noch mal zu!“ „Von dir lass ich mir gar nichts sagen!“ „Okay, dann sollten wir uns trennen.“ „Okay, dann kannst du ja zu Marina gehen oder wer da sonst noch war!“ Als nächstes hörten wir ein lautes Klirren. „Da war nichts, verdammt noch mal!“ „Wenn wir jetzt getrennt sind, ist es ja eh egal.“ „Ist es nicht!“

„Komm, gehen wir, ich hör mir das nicht noch länger an“, sagte ich zu Maya und Liv. Diesmal stimmte sogar Liv zu.

Wir liefen draußen lange herum, beobachteten andere Pärchen und verglichen sie mit Kendra und Dennis. „Wieso können die eigentlich keine normale Beziehung führen?“, fragte Maya, als es gerade anfing zu schneien und wir vor dem geschlossenen Eiscafe ein Mädchen und einen Kerl sahen, das Mädel etwa 15, schlank und sehr hübsch, der Kerl etwa 18 und genauso gutaussehend. Die beiden küssten sich verliebt und sahen sehr glücklich aus.  „Warum können Kendra und Dennis nicht so sein wie die beiden?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Naja, jede Beziehung ist anders und wenn sie sich lieben und klarkommen…“ „Tun sie ja aber nicht! Falls dus vergessen hast, ihretwegen sind wir aus der Wohnung geflüchtet!“ „Sie waren doch so glücklich, was ist nur passiert?“ Liv wiegte den Kopf hin und her. Sie hatte bis jetzt nicht viel gesagt. „Du kannst nicht beurteilen, ob sie glücklich waren oder nicht, Schein ist nicht gleich Sein.“ „Sie müssen ja aber wohl mal glücklich gewesen sein, sonst wären sie doch nicht zehn Jahre zusammen gewesen. Sie werden sich doch nicht all die Jahre selbst belogen haben. Oder doch?“ Maya überlegte mit einem verzweifelten Ausdruck im Gesicht. Kendra und Dennis waren für sie immer der Inbegriff eines verliebten Pärchens gewesen. Wenn diese Beziehung nun in die Brüche ging, was würde das für sie, Maya bedeuten? Was würde es für uns alle bedeuten? Und, am allerwichtigsten, wie würden Kendra und Dennis damit klarkommen? Wir mochten Dennis wirklich, und wir fänden es schade, wenn er jetzt Kendras verhasster Ex-Freund wird. Auf der anderen Seite würde Kendra uns wahrscheinlich hassen, wenn wir die Freundschaft zu ihm aufrechterhielten. Wir gingen noch in ein Cafe, tranken etwas und wagten uns erst gegen drei wieder in die Wohnung. In der Wohnung war es beunruhigend still. Wir fanden weder Kendra noch Dennis im Wohnzimmer, also klopfte Maya leise an Kendras Zimmertür. „Kendra?“ Keine Antwort. Sie öffnete langsam die Tür. Kendra lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Maya trat von der Tür weg und machte eine ausholende Geste. Vor beratenden Gesprächen flüchtete sie meistens. Liv machte einen Schritt auf die Tür zu, doch Maya packte sie am Arm. „Nicht du“, flüsterte sie.  Die beiden sahen mich an. Ich atmete einmal tief durch und trat ein. Ich schloss die Tür hinter mir. Anscheinend hatte Kendra mitgekriegt was eben im Flur abgelaufen war. „Ihr müsst nicht so tun, als wäre ich todkrank.“ Darauf wusste ich nichts zu erwidern. „Er ist gegangen. Nachdem ihr weg wart, haben wir noch fast ne Stunde lang gestritten. Dann hat er die Tür hinter sich zugeknallt und war weg. Ich weiß jetzt nicht was ich machen soll. Ich meine… ich glaube, ich liebe ihn noch, und ich weiß nicht, ob wir jetzt getrennt sind, oder… aber irgendwas stimmt ja wohl nicht zwischen uns, hat vielleicht noch nie gestimmt, aber es ist doch 10 Jahre gelaufen, haben wir uns jetzt zehn Jahre lang was vorgelogen? Aber ich liebe ihn, Dennis ist mein Leben- naja, fast. Und wenn das alles nicht echt war, war dann nicht auch fast mein ganzes Leben eine Lüge?“ „Ähh…“ „Aber der Streit… ganz ehrlich, es tat nicht weh. Ich bin selbst darüber schockiert, aber es tat gut! Es hat sich gut angefühlt, alles mal rauszulassen, was mich seit zehn Jahren an ihm ankotzt. Seine Rechthaberei, seine Schmollerei, sein seltsamer Blick, wenn ihm was nicht passt…“ Sie richtete sich auf und sah mich direkt an. „Sogar, wie er sich räuspert, wenn er zu einem Verbesserungs-Vortrag ansetzt.“ Sie schlug mit beiden Armen neben sich aufs Bett. „Das ist doch nicht normal, oder? Ich meine, wenn ich ihn wirklich liebe, dann…Ich sollte ihn nicht trotz seiner Fehler lieben, sonder gerade wegen seiner Fehler.“ Ich musste lächeln. „Ja, das sagen sie immer in den Filmen und Büchern. Aber die Realität sieht leider ganz anders aus. Nur Liebe reicht eben nicht aus. Man muss hart an einer Beziehung arbeiten, damit sie funktioniert. Ansonsten führt sie über kurz oder lang in eine Sackgasse. Aber vielleicht ist es für euch noch nicht zu spät! Ihr müsst euch zusammennehmen und miteinander reden, vernünftig. Vielleicht ist eure Beziehung noch zu retten. Und wenn nicht… dann müsst ihr lernen, damit zu leben.“ Da Kendra nichts mehr sagte, stand ich auf und ging zur Tür. „Danke.“ Ich drehte mich um und lächelte sie an. Sie erwiderte es.

Dann verließ ich das Zimmer.

 

„Schneider?“ „Nicole?“ „Ja, wer ist da?“ „Hier ist…“ Ich zögerte. „Oh, nein, ich glaube, ich weiß, wer Sie sind. Mayas verrückte Reporter-Freundin, oder?“ „Mayas Freundin und Reporterin ja, aber verrückt… naja egal, ähm… ich wollte fragen, ob du mir vielleicht irgendwas sagen kannst über den Fall mit den toten, verstümmelten…“ „Nein, wir dürfen nicht über laufende Ermittlungen sprechen, selbst wenn ich wollte.“ „Ja, aber vielleicht könnte ich helfen… das kling jetzt wahrscheinlich etwas seltsam, aber ich… ich kann etwas. Ich kann… Dinge vorhersehen. Außerdem habe ich Interesse am dem Fall. Persönlicher Art. Der Fall hat mir wirklich zu schaffen gemacht. Vielleicht, wenn- wenn du mir etwas über den Fall erzählen könntest… kann ich euch vielleicht helfen. Ich hielt den Atem an. Außer Kendra, Liv, Maya, Dennis und eben ein paar Leute bei der Arbeit wusste niemand von meiner Gabe. Aber ich hatte mich dermaßen in diesen Fall verbissen, dass ich einfach alles getan hätte, um ihn aufzulösen. „Ich- du bist ja völlig verrückt! Ruf mich nie wieder an!“ „Nein! Warte, ich kanns dir beweisen!“ „Kannst du nicht.“ Ich konzentrierte mich voll und ganz auf Nicole und was ich über sie wusste. „Bei dir wird’s klingeln in 2…1…“ Ich hörte durch den Telefonhörer dass ich richtig lag. „A-aber…“, stotterte Nicole am anderen Ende der Leitung. „Es ist dein Bruder, er hat seinen Job verloren und wurde aus seiner Wohnung geschmissen, er will bei dir wohnen, „nur für kurz“, was in seiner Sprache bedeutet für 8 Monate, dann wird er eine Tussi kennen lernen und zu ihr ziehen.“ „Du- du… Ich ruf dich zurück.“ Ich hielt es für ein gutes Zeichen, dass sie mich zurückrufen wollte. Natürlich konnte es auch nur so eine Floskel gewesen sein, was ich aber nicht annahm.

Und wirklich, noch am selben Tag, drei Stunden später, klingelte unser Telefon. „Hallo?“ „Ja…ähm, hier ist Nicole… ich kann selber kaum glauben, dass ich dich anrufe, aber… es hat gestimmt… mit meinem Bruder und… egal, ich hab mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen und vielleicht kannst du wirklich helfen… Wir müssen uns treffen. Und du musst schwören, niemandem ein Sterbenswörtchen zu erzählen…und du darfst es nicht für die Presse verwenden, was ich dir erzähle… Oh Gott, nur dafür, dass ich dich anrufe, könnte ich meinen Job verlieren. Wir treffen uns morgen. Um 17.00 Uhr. Am Eiscafe in Goddelau.“ „Okay.“ „Bis morgen. Und kein Wort!“ „Kein einziges.“ Ich jubilierte innerlich. Das war einfach gewesen als erwartet.

Den ganzen Tag fieberte ich dem morgen entgegen und versuchte mir Maya gegenüber nichts anmerken zu lassen.

Was Kendra betraf, so war sie in eine Art Automatik verfallen. Sie wirkte manchmal regelrecht wie in Trance, sie tat, was sie sonst tat, redete, lachte, aber irgendwie schien über allem was sie tat der Schleier von Dennis-ist-weg zu schweben. Wir kümmerten uns so gut wir konnten um sie, aber sie wusste ihre Trauer so gut zu verstecken, dass wir uns deswegen manchmal ziemlich dämlich fühlten. Das war eben Kendra; von nichts aus der Ruhe bringen lassen, immer bemüht, die Normalität beizubehalten. Manchmal hatte ich das Gefühl, unsere Wohnung könnte in Flammen stehen und Kendra würde erst noch ihren Kaffee fertig kochen und sich ein Brötchen schmieren.

Dann, endlich, war es morgen, siebzehn Uhr. Ich stand schon zehn Minuten vorher vor dem Cafe und trat nervös von einem Fuß auf den anderen, was aber auch an der Kälte lag. Es schneite und es waren -3°C. Es schneite immer dichter, so dass ich sie schlussendlich gar nicht kommen sah. „Hey.“ Ich erschrak. „Hi.“ „Gehen wir ein Stück?“ „Okay.“

„Also… was willst du wissen?“ „Also zuerst die Identitäten der Opfer.“ „Reiko Stein, 39, Hartv-IV-Empfänger, Juliette Karem, 20, Studentin und Veronika Held, 47, Hausfrau.

Keine Verbindungen, keine Gemeinsamkeiten. Es war auch ziemlich schwer, sie zu identifizieren. Vergraben, Verbrannt und im Rhein versenkt.“ „Woher wusstet ihr dann, dass es der gleiche Mörder ist?“ „Alle hatte ähnliche Verletzungen an den inneren Organen und am Gehirn. Außerdem wurden sie alle im Kreis Groß-Gerau gefunden.“ „Mmh…“ „Und, äh… hast du…“ „Nein, noch nicht. Aber kann noch kommen.“ „Willst du zum Leichenschauhaus fahren und sie dir mal ansehen? Vielleicht hilft das.“ „Nein danke. Ich krieg schon Würgereiz, wenn ich nur dran denke.“ „Maya sagt immer, du seist so hartgesotten, was Leichen angeht.“ „Sagt sie das? Naja, es geht… hin und wieder muss ich schon noch mal…“ Sie lachte. „Also… falls du noch Fragen hast, kannst du mich jederzeit anrufen.“ „Okay. Danke. Dann… geh ich mal wieder.“ „Okay.“ Ich wandte mich zum gehen. „Emma?“ „Ja?“ „Wie hast du Maya dazu gekriegt, meine Nummer rauszurücken?“ Ich grinste. „Gar nicht.“ Sie lachte erneut. Sie hatte wirklich ein schönes Lachen. „Okay. Ich glaube, ich wills gar nicht so genau wissen.“ Irgendwie mochte ich Nicole.

 

Wieder daheim war ich in Hochstimmung, da ich das Gefühl hatte, dass ich noch was über den Fall herausfinden würde. Ich konnte meine „Visionen“ nicht erzwingen, entweder sie kamen irgendwann, oder ich konnte sowieso nichts dagegen tun.  Ich setzte mich an meinen Laptop und hielt – gut gesichert und verschlüsselt – erst mal alles fest, was ich in Erfahrung gebracht hatte.  Ich hatte es gerade gespeichert, und wollte mir gerade eine Tasse Müsli machen, da kam Maya rein, ebenfalls bestens gelaunt. „Hey!“ „Hey. Warum bist du so gut gelaunt?“ Sie schien einen Moment zu überlegen, ob sie es mir erzählen konnte. Aber nur einen Moment. Maya trug ihr Herz größtenteils auf der Zunge. „Also. Ein Kerl. Von der Arbeit. Mark.“ „Hieß so nicht schon dein letzter Freund?“ Sie stöhnte genervt auf. „Er hieß Mike und er war nicht mein Freund!“ „Ach so, stimmt ja.“ „Auf jeden Fall… ist er Fotograf und sieht super aus und er hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehe.“ „Uuhhh! Wann?“ „Morgen Abend. Er holt mich um sieben ab.“ „Wir müssen ihn unbedingt sehen!“ „Natürlich.“ Noch während sie sprach, hörten wir von draußen, wie jemand die Tür aufschloss und Liv und Kendra kamen herein, beide heftig lachend. „Er hat…und…“ Kendra lachte so krass, dass sie keinen ganzen Satz mehr bilden konnte. Nach einigen Minuten (!) hatten sich die beiden so weit wieder eingekriegt und erklärten. „Da draußen lief so ein Kerl, so’n Hopper, mit seinem Handy die Treppe rauf, hat anscheinend mit seinem Kumpel gesprochen und meint grad so: „Ey, ich hab die so gefickt, ey die konnt nemmer!“  Dann hat der uns gesehen und war so voll schockiert, und dann ist der über die oberste Treppenstufe gestolpert und hat sich voll auf die Fresse gelegt.“ Nun begannen auch Maya und ich zu lachen. Ich hatte Kendra schon lange nicht mehr so unbeschwert lachen gesehen. Nicht mal, als sie noch mit Dennis zusammen war. Vielleicht hatte sie jetzt auch das endlich überwunden. Hoffentlich.

Am nächsten Tag war Maya schon um halb sieben fix und fertig. Nervlich.

Sie lief im Flur auf und ab, setzte sich aufs Sofa, sprang wieder auf und redete die ganze Zeit ununterbrochen. „Oh mein Gott, ich werde mich total blamieren. Er wird mich hassen.“ Sie zeigte plötzlich anklagend mit dem Zeigefinger auf uns, wir saßen gechillt um den Küchentisch und beobachteten sie. „Wenn ihr mich blamiert, bring ich euch um! Das ist mein erstes Date seit…“ Sie stand gerade vorm Flurspiegel und prüfte zum geschätzt 30.000. Mal ihre Frisur, dann hielt sie inne. „Oh mein Gott! Das ist mein erstes Date überhaupt! Ben habe ich aus der Schule gekannt und auf dem Schulfest sind wir zusammengekommen, also haben wir das praktisch übersprungen, und mit Chris, das war auf der Uni, da war keine Zeit für so was… Das ist mein erstes Date! Mike zählt nicht!“ fügte sie fauchend hinzu, als Liv schon grinsend den Mund öffnete, zweifellos, um auf Mike anzuspielen. „Oh mein Gott, ich werde mich blamieren…“ und wieder von vorne.

„Ich kanns nicht mehr mit ansehen“, murmelte Kendra um viertel vor sieben. Sie stand auf und packte sie an den Schultern. „Maya- Maya, hör mir zu. Der Kerl sieht gut aus, du siehst gut aus, ihr werdet einen tollen Abend verbringen, weil du klug, witzig, hübsch und geistreich bist.“ Maya sah sie zweifelnd an. „So und nicht anders wird es laufen.“ Maya rang sich ein kleines Lächeln ab. „Danke.“ Sie atmete ein- zweimal tief durch und setzte sich dann zu uns an den Küchentisch. Dort blieb sie auch sitzen, und bist auf das nervöse Trommeln ihrer Finger auf die Tischplatte, wirkte sie fast nicht mehr nervös. Als der Kerl schließlich um Punkt sieben klingelte, wirkte sie wie die Ruhe selbst.

 

Liv

 

Als er eintrat, bekam ich einen Moment lang fast keine Luft mehr. Der sah ja hammergeil aus!

Sogar noch besser als Dennis, und der sah schon ziemlich gut aus. Oh mein Gott! Und der hatte eine Ausstrahlung! Er hatte irgendetwas in seinem Gesicht, in seiner Haltung… es war einfach unbeschreiblich. Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber wenn es so wäre, dann hätte ich mich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Seine Augen waren tiefdunkelbraun, fast schwarz und ich konnte nicht anders, als ihn die ganze Zeit über anzustarren. Als Maya uns alle vorstellte, zwang ich mich, wegzusehen, aber es fiel mir unendlich schwer. „Mark- meine Mitbewohnerinnen; Liv, Kendra und Emma.“ „Freut mich.“ Er musterte mich und unter seinem Blick wurde mir ganz heiß. „Gehen wir?“, fragte Maya. „Okay. Nach dir.“

Maya lächelte glücklich und die beiden verschwanden aus der Tür.

„Was war das denn?“, fragte Kendra mich, kaum dass die Tür hinter den beiden ins Schloss gefallen war. „Was?“, fragte ich – wie ich hoffte – unschuldig. „Du hast ihn angestarrt, als wäre er ein gelb-karierter, sprechender Elefant!“ „Naja, einen Rüssel hat er ja“, sagte Emma mit einem dreckigen Lachen. „Du bist unglaublich“, erwiderte Kendra kopfschüttelnd. Emma lächelte sie verschlagen an. „Danke.“ „Das war kein Kompliment.“ Dann wandte sich Kendra wieder mir zu. „Du hast ihn total angestarrt. Fast die ganze Zeit über. Er gehört Maya.“ „Nein- Ja, du hast Recht aber- aber er sieht unglaublich scharf auf, das müsst ihr zugeben!“ „Ja, von mir aus, aber Dennis auch und den habt ihr nie angerührt. Oder?“, fügte sie leicht panisch hinzu. „Nein, natürlich nicht.“ Kendra entspannte sich wieder. „Aber darum geht’s ja auch gar nicht. Er ist Mayas Kerl. Lass die Finger von ihm.“ Sie stand auf, ging zum Sofa und schaltete den Fernseher ein. Damit war das Gespräch beendet.

 

Maya

 

Mir war nicht entgangen, wie Liv Mark angestarrt hatte. Und es machte mir Angst. Liv konnte jeden haben. Und wenn sie Mark wirklich wollte, konnte ich nichts dagegen tun. Also hatte ich Mark schon am ersten Abend fast abgeschrieben. Bis wir beim Essen saßen. Im Kino hatten wir nicht viel reden können, aber beim Essen wurde mir klar, dass er sogar noch toller war, als ich gedacht hatte. Und ich beschloss, um ihn zu kämpfen.

Wir verbrachten einen tollen Abend, ich hatte schon lange nicht mehr an einem Abend so viel gelacht hatte. Ich überlegte sogar, ihm von Mike zu erzählen, aber ich beschloss, dass es am ersten Abend noch zu früh war. Aber irgendwann würde ich es ihm erzählen.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich sofort alles haarklein Emma, Liv und Kendra, aber Kendra lächelte die ganze Zeit über seltsam abwesend, irgendwie erinnerungsselig, Emma hatte den Kopf schief gelegt und schien auch nur mit halben Ohr zuzuhören und bei Liv war die ganze Zeit über zu beobachten, wie sich bei jedem Atemzug ihre Naseflügel weiteten, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie sich angestrengt zu konzentrieren zu versuchte, es aber nicht schaffte. Also testete ich sie. „Und nach dem Kino sind wir auf den Blocksberg gefahren  und dann sind wir splitternackt ums Lagerfeuer getanzt, so gegen Morgengrauen haben wir dann noch ein junges Kalb gebraten, das wir zuvor gejagt hatten und…Also wenn euch das alles nicht interessiert, könnt ihrs sagen!“ Kendra schreckte auf. „Tut mir leid, ich war nur… so einen tollen Abend hab ich mit Dennis auch mal gehabt…“ „Kendra, nein nicht vergangenen Zeiten nachhängen! Das ist die schlechteste Methode, um über einen Kerl hinwegzukommen, glaub mir, ich muss das wissen.“ Oh ja, das musste sie. Ich führte Buch über Livs Ex-Freunde. Und es waren wirklich viele. Vierzehn, seit wir fünfzehn gewesen waren. Und davor auch noch mal eine beachtliche Zahl. Wenn man bedenkt, dass Kendra in derselben Zeit nur einen Typen hatte, ist das schon krass. Auf sie traf wirklich zu, was schon über Edie aus Desperate Housewives gesagt wurde: „Ihre Eroberungen waren zahlreich, vielfältig und legendär.“ Und das waren sie wirklich. Acht Deutsch, drei Türken, ein Amerikaner, ein Spanier und ein Grieche. Vier Mal wars „die große Liebe“, zweimal „Mr. Right“, dreimal der „Mann fürs Leben“ und einmal ein „Seelenverwandter“ (ein Türke, wer sonst?) und vier Mal wars schon vorbei, bevor ihr ein passender Begriff eingefallen ist. Ihre kürzeste Beziehung hielt elf Stunden, die längste 7 Monate, aber durchschnittlich hielt sie es mit keinem Kerl länger als 2-3 Monate aus. Kendra, Emma und ich schlossen meist Wetten ab, wie lange die Beziehung hielt oder wie lange sie diesmal Single war. Länger als sieben Wochen war sie nie Single gewesen (Sie hatte sich vor zwei Wochen von dem letzten getrennt), einmal nicht mal einen Tag, aber normalerweise so etwa drei Wochen.

„Du darfst gar nicht erst damit anfangen, den Kerlen hinterher zutrauern, so wird aus dir nie ein gutes Flittchen!“ Wir mussten lachen und somit war das Thema erst mal vom Tisch.

Die nächsten Tage und Wochen verliefen ruhig, ich traf mich noch ein paar Mal mit Mark und Emma weiter mit Kyle. Anscheinend war es den beiden wirklich ernst. Wir hatten ihn kennen gelernt, er war wirklich in Ordnung. Liv hatte in der Zeit schon wieder zwei Neue (Zwei Deutsche, sechs Tage, eineinhalb Wochen, dazwischen neun Tage.) Kendra bekam wieder bessere Laune und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie noch Kontakt mit Dennis hatte, aber solange sie uns das nicht sagen wollte, würde ich auch nicht danach fragen.

 

Emma

 

Nach eineinhalb Monaten, in denen ich nichts mehr über den Fall mit den drei Leichen gehört oder in Erfahrung gebracht hatte, wurde ich doch etwas unruhig. Also beschoss ich an einem freien Nachmittag, dass ich mir die Fundorte der Leichen  mal anschauen würde. Schon beim ersten hatte ich Erfolg. Ich stand da im Feld und drehte mich langsam um mich selbst, während ich nach Anhaltspunkten in der Landschaft suchte. Dann sah ich es. Der große Pharma-Konzern Kerm hatte in der Nähe ein großes Gebäude, erkennbar schon weit über den angrenzenden Wald hinweg. Irgendetwas – Zweifellos meine Fähigkeit – sagte mir, dass ich mich dort mal umsehen sollte. Also fuhr ich hin, doch als ich vor dem wirklich riesigen Gebäude stand, wurde mir doch etwas mulmig. Aber ich riss mich zusammen und ging um den Komplex herum, bis ich zum Besuchereingang kam. Ich ging durch die große Eingangshalle und meine Schritte hallten laut auf dem marmornen Boden. Dann stand ich vor der Rezeption. Die Empfangs-Tussi sah so aus wie man sie sich vorstellt; Brille, Bluse und Rock. „Guten Tag, was kann ich für sie tun?“ Ihr aufgesetztes Lächeln kotzte mich sofort an. „Ja, ähm… ich würde mich hier gern einmal umsehen.“ „Haben sie einen Termin?“ „Nein.“ „Dann ist das leider nicht möglich.“ Noch so ein Satz und schlag dir in deine blöd grinsende Fresse. Gerade als sie sich wieder ihrem Computer zuwandte, kam eine ältere Dame, wechselte ein paar Sätze mit ihr und ging wieder. Ich setzte ein genauso bescheuertes Lächeln auf wie sie und beugte mich zu ihr runter. „Lisa. So heißen sie doch, oder? Sie sind auf Probe hier. Ob es dann gut wäre, wenn ihre Mentorin“, ich nickte zu der älteren Dame, die gerade aus der Eingangstür verschwand, „wissen würde, dass sie den PR-Chef vögeln?" Ihr fiel total unsexy die Kinnlade runter und sie starrte mich an, als wäre ich der Nikolaus und sie wäre nicht brav gewesen. Ich lächelte weiterhin nur freundlich. „Wären Sie so freundlich?“ Ich deutete auf die Tür zu meiner linken, durch die man in das eigentliche Gebäude kam. Sie brachte immer noch kein Wort raus, öffnete die Tür aber. „Danke.“ Ich trat durch die gläserne Schiebetür, sie schloss sich hinter mir und ich war allein in einem großen Flur. Hier war alles ernüchternd steril und weiß, wie in einem Krankenhaus. Ich ging den Korridor entlang. Dann gelangte ich zu einem Aufzug. Ich stieg ein und fuhr unschlüssig ein paar Mal auf und ab, während ich mir überlegte, was ich hier eigentlich wollte. Dann stiegen auf einmal viele Leute zu, sodass ich beim nächsten Halt aussteigen musste. Mit mir verließ noch ein Kerl mit Aktentasche und Anzug, sowie Glatze und Brille den Aufzug. Draußen lief ich den Gang hinunter, er ebenfalls. Zu meiner Linken gingen Türen ab, zu meiner Rechten war eine große Fensterfront, durch die das Licht in den kühlen Korridor fiel. Als ich am Ende des Korridors unentschlossen stehen blieb, war der Kerl immer noch da. Er kam auf mich zu und nahm mich am Arm. „Fräulein, Sie…“ Mehr hörte ich nicht, da ich plötzlich alles wusste. Ich riss mich los und redete, furchtbar erschrocken, drauf los. „Sie waren das! Sie sind tot! Es ist schiefgelaufen, sie-“ Dann wurde mir klar, was ich gerade tat. „Es tut mir leid, ich… Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, ich… Ich geh dann mal besser“, murmelte ich und ging zur Treppe. Ich sprang die Stufen hinunter, lief die Eingangshalle hinunter, auf dem Parkplatz begann ich zu rennen, als ich am Auto angekommen war, riss ich die Tür auf und setzte mich rein. Ich legte die Hände ans Lenkrad und die Stirn darauf und atmete erst einmal tief durch. Es war ein streng geheimes Projekt gewesen. Sie waren zu Schweigen verpflichtet worden. Es gab keine Akten über die Testpersonen. Sie wussten, dass es gefährlich war. Und manche starben. Und sie wurden aus dem Weg geschafft. Von jemandem, dessen Gesicht mir vage bekannt vorkam. Braunhaarig. Kein sehr auffälliges Gesicht. Aber es kam mir bekannt vor. Und der Name… Verdammt, warum wusste ich den Namen nicht?

 

Kat

 

Sie saß in ihrem Auto und hatte die Stirn aufs Lenkrad gelegt. Nach ein paar Minuten fuhr sie los. Der Chef hatte gesagt, sie musste weg. Sie wusste zu viel. Das würde einfach werden.

 

Emma

 

Erst in Griesheim bemerkte ich, dass ich nicht alleine war. Ein dunkelgrüner Kombi folgte mir. Ich machte einen Umweg, aber er war noch da. Als der Fahrer zu merken schien, dass ich ihn bemerkt hatte, holte er auf. Mein Handy steckte in der Freisprechanlage. „Anrufen, Kendra Hofmann“ sagte ich, nachdem ich hastig ein paar Tasten gedrückt hatte. Es klingelte, in meiner Empfindung eine Ewigkeit. Der grüne Kombi war immer noch da. Und er kam immer näher. „Hi, Emma, weißt du was? Ich bin wieder mit Dennis zusammen, wir-“, tönte Kendra fröhlich aus dem Lautsprecher. Er war schon direkt hinter mir, obwohl ich so schnell wie möglich fuhr. „Kendra, hör mir zu, ich werde verfolgt, ein grüner Kombi mit dem Kennzeichen GG-JK- Scheiße!“ Er war direkt neben mir. „Kerm, der Pharmakonzern, hat- Aaaahh!“

 

Kendra

 

Die Verbindung war schlecht, ich hatte fast kein Wort verstanden, doch dann hörte ich, wie Emma schrie, dann ein lautes Krachen, gefolgt von einem Knirschen und Splittern von Glas. „Emma? Emma!“ Die Verbindung brach ab. „Verdammt!“

 

Ich rief sofort die Polizei an, auch wenn ich denen nicht wirklich sagen konnte, was passiert war. „Meine Freundin hat mich angerufen, von ihrem Handy aus und hat gesagt, dass ein grüner Kombi sie verfolgte, dann hat sie geflucht und dann hat sie was von Kerm gesagt und dann hat sie geschrien und dann hat es gekracht und die Verbindung ist abgebrochen.“ „Wissen Sie, wo sie in etwa war?“ „Nein, sie hatte einen freien Nachmittag und war mit unserem Auto unterwegs und sie… ich weiß es nicht!“ Ich brach fast in Tränen aus, weil ich nicht wusste, was mit Emma war. „Seit wann war sie weg?“ „Also, so in etwa seit halb drei, sie… ich weiß es nicht!“ Maya kam rein. „Was weißt du nicht?“ „Emma hatte einen Unfall, also wahrscheinlich, ich weiß es nicht und ich weiß nicht wo sie ist und…“ „Kommen sie aufs Revier und wir werden nach ihr im Umkreis von 25 km suchen, vielleicht sogar mit Hubschrauber, da es einen konkreten Anlass gibt…“ „Wir hörten wie jemand mit dem Typen am anderen Ende redete. „Ich erfahre gerade, dass hier ein Unfall gemeldete wurde, kurz vor Griesheim… Ein blauer Smart ist gegen einen Baum gefahren, die Fahrerin liegt im Krankenhaus, es ist Emma-“ „Emma!“ Ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte oder mir erst Recht Sorgen machen sollte. „Wir kommen sofort rüber.“ „Wir werden die Angehörigen benachrichtigen.“

 

 

„Ihr Zustand ist kritisch, aber stabil.“ Ich hasse diesen Satz. Und außerdem wollen sich die Ärzte damit rausreden. Das ist so ein Satz wie „Du siehst aber gut aus“, der nur eine Floskel war, weil man sich um die Wahrheit drücken will und höflich sein will. Und kritisch, aber stabil ist nicht gut, selbst wenn es stimmt. Selbst wenn sie tot wäre, könnte man ihren Zustand als „kritisch, aber stabil“ bezeichnen. „Können wir zu ihr?“ „Im Moment ist ihre Familie bei ihr und danach sollte sie besser keinen Besuch mehr haben. Vielleicht sollten sie besser nach Hause gehen.“ Korb. Wir wurden eiskalt rausgeschmissen.

 

Kat

 

Ich stand nah bei ihnen, allerdings nicht so nah, dass es auffällig gewesen wäre, aber so nah, dass ich alles mithören konnte. Scheiße. Es war nicht gut gelaufen. Sie lag im Koma, und solange sie hier im Krankenhaus war, kam ich nicht unbemerkt an sie ran, das Risiko war zu groß. Das würde ihm nicht gefallen. Aber immerhin war sie fürs Erste aus dem Weg.

 

Maya

 

Aber so leicht ließ sich Kendra nicht abweisen. Sie trat einen Schritt vor, so dass sie dem Arzt direkt in die Augen sah, keine zwanzig Zentimeter von seinem Gesichte entfernt. „Hören sie mir mal zu“, sagte sie, sie sprach leise und langsam, so dass es fast bedrohlich klang. „Emma ist seit der ersten Klasse unsere beste Freundin, wir wohnen seit fünfeinhalb Jahren mit ihre zusammen in einer Wohnung, wir wissen Dinge über sie, die ihrer Familie die Haare zu Berge stehen lassen würden, ich war die Letzte, die mit ihr gesprochen hat, bevor sie sie ins Koma gefallen ist, und sie wollen uns sagen, wir können nicht zu ihr?“ Der Arzt sah für einen Augenblick verunsichert, fast verängstigt aus, dann fasste er sich wieder. „Ähm…ja, wenn ihre Familie wieder rauskommt, können Sie kurz zu ihr.“ Kendra setzte so abrupt ein freundliches Lächeln auf, dass es direkt unheimlich war. „Danke.“

Nach etwa zehn Minuten kam ihre Familie aus ihrem Zimmer. Ihre Mutter sah fertig aus, rang sich aber ein Lächeln ab, als sie uns sah. „Danke, dass ihr gekommen seid.“ „Das ist doch selbstverständlich.“ Wir gingen zu ihr rein. Sie sah irgendwie blass und verloren aus in dem großen Krankenhausbett, mit den ganzen Geräten um sie herum. Ich hasse Krankenhäuser. Sie vermitteln immer einen Eindruck von Krankheit, Tod und Trauer. Emmas Gesicht war ausdruckslos. Ich fragte mich, was sie wohl unmittelbar vor dem Unfall gedacht hatte. Ob sie gewusste hatte, was passieren würde? Wenn ja, warum hatte sie es nicht versucht zu verhindern? Wer war der Fahrer des Kombis? Und vor allem: Was hatte Emma so Brisantes in Erfahrung gebracht, das es um jeden Preis zu verstecken galt?

 

 

Später fuhren Liv und ich nach Hause, Kendra wollte die Nacht über bei Emma bleiben, morgen früh würde sie von Liv abgelöst, die morgen frei hatte, und ich war morgen Abend dran. Wir waren keine zwei Minuten daheim, da klingelte das Telefon. Ich ging ran. „Hallo, ich bin June. Vielleicht hat Emma schon mal von mir erzählt?“ Oh ja, natürlich hatten wir schon von June gehört. Es war die June, die es mit fünf geschafft hatte, Emma davon zu überzeugen, dass sie einen neuen Haarschnitt bräuchte und sie, June, ihn ihr besorgen könnte. Danach durften sie sich wochenlang nicht sehen und June bekam nie wieder eine Schere in die Hand. Es war auch die June, die es mit acht für eine gute Idee gehalten hatte, so ziemlich alle ihre Klamotten einem Kinderhilfswerk zu spenden, da sie die Werbung über Kinder in Afrika so gerührt hatte. Sie durfte monatelang kein Fernsehen mehr schauen. Und es war auch natürlich die June, die mit dreizehn erfolgreich versuchte, im kältesten Winter seit Jahren, die Heizung der Schule lahm zu legen, sodass es notgedrungen kältefrei gab. Zwei Wochen Suspension für diese eigentliche Heldentat. „Ähm, ja, Emma hat dich ein, zweimal erwähnt.“ „Ich wollte fragen, ob ich vielleicht bei euch wohnen kann, Emma und ich stehen uns sehr nahe und ich will jetzt in ihrer Nähe sein.“ „Ja, natürlich.“ Ich konnte es mir nicht verkneifen. „Solange du versprichst, uns nicht die Haare zu schneiden.“ Sie musste lachen. „Das hat sie dir erzählt! Hat sie auch erzählt, dass sie, als ich mit sechs einen ersten „Freund“ hatte, so neidisch war, dass sie mir weisgemacht hat, wenn ich ihn anfasse, wächst mir auch ein…“ Trotz der relativ ernsten Situation musste ich lachen. Als ich mich wieder eingekriegt hatte, fragte ich: „Wann kommst du denn in etwa an?“ „Ich nehm den nächsten Flieger, ich bin gerade in Berlin, morgen so gegen zwei.“ „Okay. Wir…“ „Macht euch keine Umstände, ich nehm ein Taxi.“ „Okay, dann bis morgen.“ „Tschüss.“ Als ich ins Wohnzimmer kam und immer noch grinste, sah Liv mich fragend an. „Ich weiß, es passt jetzt gar nicht… Aber du glaubst nicht, was Emma im Kindergarten gedreht hat!“

 

Kendra war just heute wieder offiziell mit Dennis zusammengekommen. Besonders glücklich hatte sie aber schon vor Emmas Unfall nicht wirklich gewirkt. Als sie am nächsten Morgen aus dem Krankenhaus kam, wirkte sie müde und abgespannt und ging erst einmal ein wenig schlafen, gegen viertel vor drei kam dann auch June an. Sie faszinierte mich vom ersten Augenblick an. Es klingelte nicht an der Haustür, sondern an unsrer Wohnungstür, ich öffnete ihr, sie wuchtete zwei riesige Koffer in den Hausflur und setzte sich darauf. „Puh! Warum habt ihr keinen Aufzug?“ „June! Ähm, wie kommst du hier rauf?“ Sie sah mich an, als wäre ich bescheuert. „Über die Treppen?“, fragte sie ironisch. Da ich anscheinend immer noch nicht sehr intelligent aussah, fügte sie hinzu: „Unten ist gerade jemand aus der Haustür gekommen und da bin ich eben rein.“ „Warum hast du nicht geklingelt, wir hätten dir geholfen!“ „Ich will keine Umstände machen.“ „Machst du nicht.“ „Das sagt man immer, selbst wenn ich verlangen würde, dass ihr nur noch veganisch kocht, solange ich da bin.“ Ich starrte sie an. „Bist du Veganerin?“ „Ich habs versucht, aber nicht mal ne Woche durchgehalten. Ich schaffs nicht mal ohne Fleisch. Ziemlich schwach, was?“ „Ne, gar nicht. Willst du was trinken?“ Während sie ein Glas Wasser trank, musterte ich sie. June stammte eindeutig aus Emmas Puertoricanischer Seite der Familie. Sie war dunkler als Emma und hatte noch wilderer Locken. Sie war hübsch, sehr hübsch sogar, sie hatte grüne Augen und irgendwie eine gewisse Ausstrahlung, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht definieren konnte. Sie trug ein cremefarbenes Top und eine hellblaue Jeans, die Liv auch hatte. June bemerkte meinen Blick. „Mein Name ist Juanita Ricarda Parker, ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, 1,79 groß, wiege 58 Kilo, habe einen Zwillingsbruder, wohne in Berlin, mein Lieblingsfilm ist Elektra und meine Lieblingsserie ist Heroes, ich mache gerne Yoga und noch lieber gehe ich klettern, ich schlafe gerne lange und mein größter Traum ist es, einmal den Mount Everest zu besteigen. Willst du sonst noch was wissen?“ Ich war völlig überrumpelt durch ihre Direktheit. „Ähm… Nein…“ „Kann ich zu Emma ins Krankenhaus?“ „Ja, natürlich. Ich bring dich hin.“  Auf der Fahrt stellte sich heraus, dass June nicht nur direkt und offen war, sondern auch ziemlich neugierig. „Erzähl mal was von euch. Was macht ihr in eurer Freizeit? Was arbeitet ihr so? Streitet ihr euch oft?“ „Also, in unserer Freizeit machen wir manchmal was zusammen, wie Eis essen gehen oder Kino, aber Emma muss ziemlich oft weg, wegen ihrem Beruf und ihren „Vorhersehungen“, Liv ist meisten mit irgendeinem Kerl unterwegs, Kendra hatte sich eigentlich immer mit Dennis getroffen und ich… saß dann alleine daheim, also hab ich dann immer mit Freunden getroffen, wie Nicole, sie arbeitet bei der Polizei und Emma will sie immer ausquetschen, was mich total aufregt, überhaupt streite ich ziemlich oft mit Emma, dann muss Kendra meistens eingreifen, wenn sie nicht gerade arbeiten ist, sie hat gerade in einer Kanzlei angefangen, Liv bei einem Architekten und Emma ist eben Reporterin. Und ich hab eben als Innenarchitektin angefangen. Ich hatte angefangen, Mode zu studieren, aber das dauerte mir zu lange. Jetzt bin ich eben so kreativ. Und was machst du so?“ „Ich bin Arzthelferin bei einem Zahnarzt. Ich wollte Zahnmedizin studieren, aber irgendwie hab ich das nicht so auf die Reihe gekriegt.“ Ich grinste. „Kenn ich.“ Inzwischen waren wir am Krankenhaus angekommen. Wir gingen rein und trafen vor Emmas Zimmer auf Liv. „Wie geht’s ihr?“ „Sie liegt im Koma, wie solls ihr gehen?“, antwortete Liv übellaunig, wie immer, wenn sie zu wenig Schlaf gehabt hatte. Sie war schon um halb sieben am Krankenhaus gewesen. Jetzt musterte sie June abschätzig. „Ich nehme an du bist June.“ „Und du bist Liv.“ June ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, was Liv noch ungnädiger stimmte. „Bleibst du heute bei ihr? Der Arzt sagt, sie kann jeden Moment aufwachen.“ „Das sagen sie immer. Aber ja, ich bleibe heute bei ihr.“ „Gut, dann kann ich ja gehen.“ Liv wandte sich ab und ging den Flur runter, ohne sich noch mal anzusehen. Ich sah June entschuldigend an und hastete hinter Liv her. „Was sollte das denn?“, fragte ich Liv im Treppenhaus. „Was für eine eingebildete Kuh!“ „Stimmt ja gar nicht, du warst schon unhöflich zu ihr, bevor ihr zwei Worte gewechselt hattet!“ „Ich hab sie gesehen und wusste, dass ich sie nicht leiden konnte.“ Natürlich. Das war Liv. June hat sich von ihrer schlechten Laune nicht einschüchtern lassen und das hasste Liv. Andererseits, wenn June gekuscht hätte, hätte das Liv mit Sicherheit auch nicht gepasst. Also beschloss ich, Liv erst mal damit in Ruhe zu lassen und zu warten, bis sie bessere Laune hatte.

 

Liv

 

Die Autofahrt verlief schweigend. Maya schien sich nicht zu trauen, mich noch mal anzusprechen, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, denn so hatte ich Gelegenheit, nochmal darüber nachzudenken, was im Krankenhaus passiert war. Ich hatte da gesessen, auf der Bank, mit nem Kaffee und so meinen Gedanken nachgehangen, da setzte sich jemand neben mich. Ich hasste es, wenn sich irgendjemand neben mich setzte. Aber es war nicht irgendjemand. Es war Mark. Mayas Mark. „Hey. Du bist Liv, oder?“ Ich sah überrascht auf. „Ja.“ Maya hat mir von dem Unfall erzählt. Schlimm.“ „Und was machst du hier?“ „Mein Freund arbeitet hier als Arzt und ich wollte mir mal anhören, wie es um Emma wirklich steht.“ Ich zog die Augenbrauen hoch. „Soll das heißen, er hat uns angelogen?“ „Hat er gesagt: Kritisch, aber stabil?“ Ich musste grinsen. „Siehst du. Das würde er selbst sagen, wenn er wüsste, dass sie es nicht schafft.“ „Aber sie schafft es doch, oder?“ „Ja. Ausnahmsweise stimmt „Kritisch, aber stabil.““ Ich entspannte mich. „Und wie geht’s dir sonst so?“, fragte er mich. „Gut. Auf der Arbeit hab ich grad ein tolles Projekt gekriegt, aber heute habe ich mir freigenommen. Was arbeitest du eigentlich so?“ „Ich bin Verkaufsleiter. Furchtbar spannend.“ Er grinste. „Ich wollte eigentlich schon immer Architektur studieren und es macht mir echt Spaß, auch wenn die Kunden manchmal etwas seltsam sind, und da ist so ein Mitarbeiter, der-“ Ich stockte. Warum erzählte ich ihm das alles? Ich kannte ihn doch eigentlich gar nicht. Außerdem war er „Mayas Kerl“, wie Kendra immer wieder betonte. Als hätte er meine Gedanken gelesen, lächelte er und sagte: „Ich hole uns einen Kaffee.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung und somit stand er auf und verschwand in Richtung Kaffee-Automat. Ich sah ihm hinterher. Ich spielte mit dem Gedanken, einfach zu verschwinden. Aus Loyalität zu Maya. Aus schlechtem Gewissen. Aus Feigheit. Aber ich blieb. Aus Dummheit. Als er zurückkam und mich immer noch auf der Bank sitzen sah, strahlte er, als hätte er schon damit gerechnet, dass ich mich aus dem Staub mache. Er reichte mir meine Kaffee und wir redeten. Lange. Es war, als würde ich ihn schon ewig kennen. Er war witzig und nett und konnte echt gut zuhören. Und auch er hatte viel zu erzählen. Er erzählte von der Arbeit, von seinen Freunden, über seine Hobbys und seine Erlebnisse. Ich hörte ihm gerne zu. Und ich sah ihn auch gerne an. Ich redete mir ein, dass das in Ordnung sei, dass man attraktive Menschen immer gern ansah, dass das ja nicht gleich was zu bedeuten hatte. Ich hätte ewig noch mit ihm da sitzen können. Doch gegen halb eins sah er auf die Uhr und sagte „Oh, ich muss los. Also, bis zum nächsten Mal. Ciao.“ Und weg war er. Und ich saß da und grübelte. Fast zwei Stunden lang. Und kam schlussendlich zu dem Ergebnis, dass ich auf dem besten Weg war, mich in ihn zu verlieben.

 

Wieder daheim rief ich erst mal Joyce an, wir arbeiteten zusammen und sie war im letzten Jahr außer Maya, Emma und Kendra eine meiner besten Freundinnen geworden. Und jetzt brauchte ich jemand Neutrales. Jemand, dem ich alles erzählen konnte. Jemand Außenstehendes. „Hallo, das ist der Anschluss von Joyce, ich bin im Moment nicht da, vielleicht hab ich auch einfach keine Lust ans Telefon zu gehen, auf jeden Fall, hinterlasst mir eine Nachricht und ich ruf euch zurück. Oder auch nicht.“ „Joyce, wenn du jetzt nicht da bist, hasse ich dich auf ewig! Also geh ans Telefon!“ Ich wartete einen kurzen Moment. „Joyce, verdammt! Meine Welt geht unter und du chillst irgendwo, ruf mich an, wenn du zurück bist. Wenn ich dann noch lebe.“ Ich legte auf und grübelte. Maya kam rein, nahm sich das Telefon und verschwand wieder. Ich hätte ihr am liebsten etwas hartes, schweres hinterher geworfen. Denn eigentlich war ja sie schuld. Nein, war sie nicht, und das wusste ich auch. Aber es war einfacher, ihr die Schuld zu geben. Nach fast einer weiteren Stunde grübeln, kam ich zudem Ergebnis, dass ich ihn einfach nicht mehr sehen durfte. Das Resultat hätte ich zwar auch früher haben können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich konnte nicht länger einfach so rumsitzen, und so beschloss ich, rauszugehen und vielleicht nach ein paar Typen Ausschau zu halten.

 

Kendra

 

Ich hatte gerade über die Beziehung zwischen Dennis und mir gegrübelt, da sah ich Liv im Hausflur, ihre Jacke anziehend. „Wo willst du hin?“ Sie erschrak. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, dass ich da war. Vielleicht dachte sie, ich sei bei Dennis. „Raus“, sagte sie. „Einfach nur raus.“ „Super Idee. Ich komm mit.“ Mir war egal, ob Liv alleine sein wollte, aber in diesem Moment wollte ich raus und vielleicht sogar Liv von meinen Grübeleien erzählen. Ich war mir nämlich nicht mehr so sicher, ob das mit Dennis und mir wirklich das richtige war. Wir hatten beschlossen, dass wir es noch mal miteinander versuchen wollten, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es einfach nicht mehr klappte. Zwischen uns war etwas zerbrochen. Liv und ich liefen schweigen die Treppen hinunter. Und ich versuchte, nicht sie sofort mit meinen Problemen zu überrollen. Eigentlich war ich ja gar nicht so der Typ, der ständig Rat bei anderen sucht, aber mit Dennis war das etwas anderes. Mit Dennis war alles etwas anderes. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich nicht ganz normal war, aber bei Dennis verhielt ich mich wahrscheinlich wie jede andere. Wahrscheinlich waren wir wie jedes anders Pärchen Vielleicht war das unser Problem. Vielleicht war es aber auch, dass wir einfach… Liv und ich waren nicht mal die Straße runtergekommen, da konnte ich nicht mehr an mich halten: „Liv… Also Dennis und ich- glaubst du das wird noch mal was?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, redete ich weiter. „Wir sind ja wieder zusammen, aber irgendwie ist es nicht mehr dasselbe. Ich weiß, wir sind gerade mal vierundzwanzig Stunden wieder zusammen, aber ich hab das schon gestern gespürt, als ich ihn getroffen habe… Ich liebe ihn noch, also glaube ich, aber ich weiß nicht, in unserer Beziehung ist irgendwas seltsam, war irgendwie schon immer, aber gestern ist mir das erst richtig klar geworden, dass irgendwie… Naja, du weißt schon was ich meine! Zweifel. Nagende Zweifel. Ich hab sie immer unterdrückt, aber vielleicht ist er doch nicht der Richtige. Vielleicht kann ich mit ihm auf Dauer nicht glücklich werden. Ich war ja nie mit einem anderen zusammen. Woher soll ich dann wissen, dass ich ihn liebe? Vielleicht hab ich mir zehn Jahre lang was vorgelogen. Aber zehn Jahre! Ich meine, so blöd kann man doch nicht sein, dass man zehn Jahre lang nichts merkt, aber…“ „Kendra…“ „Ich weiß nicht, aber ich glaube, er spürt das auch. Aber zehn Jahre… Irgendwas muss uns doch verbinden, auch wenn-“ „Kendra…“ „Zehn Jahre, Liv! Das ist ewig! Ich glaube, ich habe nie so richtig-“ „Kendra, was würdest du sagen, wenn ich dir sagen würde, dass ich mich in Mark verliebt habe?“ „Vielleicht sollten wir mal reden. Richtig, meine ich. Ob das mit uns noch Sinn hat. Ob-“ Ich starrte sie an. „Du hast WAS?!“ Mit einem Mal vergaß ich Dennis und mich. Liv sah mich an, als würde sie erwarten, dass ich sie jeden Moment schlage. „Sag das noch mal.“ „Nein, ich meinte nur so rein theoretisch.“ „Hast du oder hast du nicht?“ „Nein.“ Ich sah mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Vielleicht ein bisschen.“ „Liv! Er ist-“ „Mayas Kerl, ich weiß.“ „Mir gefällt dein Ton nicht.“ „Pech.“ „Warum, verdammt? Du könntest jeden haben. Jeden. Du könntest sogar ihn haben, aber das wäre nicht fair, Maya gegenüber. Sie war nicht mehr so richtig verliebt seit…“ Ich überlegte. Und mit jeder Sekunde, die ich überlegte, wurde Liv panischer. Und ich ließ sie zappeln, obwohl mir längst eingefallen war, wann Maya das letzte Mal so richtig verliebt gewesen ist. Wenn man das Handy nicht mitzählt, das sie unbedingt haben wollte, dann war das sogar noch in der Mittelstufe. Aber bei Maya wusste man nie so genau. Mit dem Kerl auf der Uni war sie ein halbes Jahr zusammen gewesen, dabei wusste sie selbst, dass sie gar nichts von ihm wollte. Manchmal war Maya wirklich seltsam. „Aber sie… Du… Er… Ich…“ Liv war völlig hilflos und einen Moment lang tat sie mir leid. „Liv, bitte, versprich mir, dass du nichts mit ihm anfängst.“ „Ich…“ „Schwör auf dein Leben!“ Sie sah mich schockiert an. Aufs Leben zu schwören war bei uns heilig und dieser Schwur wurde auch nie gebrochen. „Ich… Aber…“ „Du kannst es nicht. Das heißt es ist ernst. Das heißt du würdest ihn dir angeln. Und Maya? Sie wäre am Boden zerstört. Und ganz nebenbei würde sie dich bis an ihr Lebensende hassen. Dann würde sie ausziehen. Dann würden Emma und ich auch drunter leiden. Und nur weil du-“ „Jetzt übertreib mal nicht so! Ich hab ja nicht gesagt, dass ich was mit ihm anfangen werde. Ich hab genau genommen nicht mal gesagt dass ich es würde. Und falls doch… dann werde ich es Maya sagen. Das bin ich ihr schuldig.“ „Das ist ja wohl das mindeste. Sie hat wenigstens verdient, dass du ehrlich bist. Und vielleicht wird sie dich dann nur bis an dein Lebensende hassen.“ Liv sah mich an, als wäre das nicht gerade ein großer Trost. „Gehen wir wieder heim.“ „Und was ist mit dir und Dennis?“ Ich sah sie überrascht an. „Du hast mir zugehört?“ Sie lachte. „Ja, hab ich. Du hast ewig über dich und Dennis und euere Beziehung lamentiert.“ „Uh, lamentiert, du willst wohl intellektuell wirken, was?“ „Ich will nicht nur so wirken, ich bin intellektuell.“ „Klar, und ich bin Julia Roberts.“ „Toll, dich kennen zu lernen, ich bin Liv, 25 und intellektuell.“ „Ha-Ha.“ Inzwischen waren wir wieder an unserem Haus angekommen. Oben in der Wohnung fanden wir Dennis, der in der Küche saß und mit Maya plauderte. Als die beiden uns bemerkten, drehte sich Maya, die mit dem Rücken zur Tür gesessen hatte, um und sah uns mit einem Blick nach dem Motto „Ihr habt mich mit dem da alleine gelassen!“ an. „Kendra, schön dass du da bist. Ich wollte dich fragen, ob wir was machen wollen.“ „Ja, klar.“ Was redete ich da, ich wollte daheim bleiben und auf June warten und mit Lisa telefonieren und… Genau genommen wollte ich einfach nicht mit Dennis zusammensein. Aber das konnte ich ihm natürlich nicht sagen, und so stand ich fünf Minuten später schon wieder vor der Tür. „Gehen wir was essen?“, fragte er, wie ich fand, viel zu ernst. Ich nickte.

 

Liv

 

„Was sollte eigentlich dieser Blick als wir reingekommen sind?“, fragte ich Maya, nachdem Dennis(mit todernstem Blick) und Kendra(mit verzweifeltem Blick) gegangen waren. „Er hat… er ist…“ Maya war sprachlos. Und das war wirklich selten. „Er hat sich die ganze Zeit über die Beziehung zwischen ihm und Kendra ausgelassen. Ohne Pause! Eine halbe Stunde lang!“ Eine halbe Stunde nicht zu Wort zu kommen, war für Maya etwa gleichbedeutend mit einem Jahr im Keller bei Wasser und Brot. „ ‚Ich liebe sie, aber ich weiß nicht, ob es noch einen Sinn hat… Seit dem Streit ist es nicht mehr wie vorher… Manchmal geht sie mir total auf die Nerven… blablabla und so weiter. Eine halbe Stunde!“ „Oh mein Gott, eine halbe Stunde, das ist ja wirklich schrecklich“, erwiderte ich ironisch. „Ist es auch!“ sagte Maya verzweifelt. „Ich meine er… dann soll er Schluss machen!“ Ich sah sie schockiert an. „Das ist doch nicht dein Ernst! Neulich war es noch ein Weltuntergang für dich, wenn Kendra und Dennis sich trennen würden, und jetzt würdest du ihnen dazu raten?“ Sie zuckte nur die Schultern. „Ich meine… wenn er Zweifel hat, soll er mit Kendra darüber reden und vielleicht kommen sie ja zu dem Schluss, dass es das Beste für sie ist.“ „So einfach ist das nicht!“ „Warum nicht?“ Plötzlich fiel mir ein riesiger Unterschied in Kendras und Dennis Denkweise und der von Maya auf. Maya würde Dinge ändern, die zwar schlecht sind, aber bis jetzt immer gelaufen sind. Kendra würde sich damit abfinden und einen Weg finden, wie sie daraus das Beste macht. Maya ist eher ein praktisch denkender Mensch, sie versteht nicht, warum die Leute aus aller Welt nicht einfach alle Englisch reden können, so als Einheitssprache, wo das doch viel einfacher wäre. Kendra lernt lieber zwanzig verschiedene Sprachen, sie findet sich eben damit ab, aber Maya würde sofort Englisch als Einheitssprache einführen, wenn sie die Autorität dazu hätte, Kendra versteht das nicht, es ist doch immer gut mit tausenden verschiedenen Sprachen gelaufen. Nur so als Beispiel. Und so fände Maya es eben viel einfacher, dass Kendra und Dennis sich trennen, wenn sie beide das Gefühl haben, dass etwas seltsam ist, Kendra käme das (zumindest aus diesem Grund) niemals in den Sinn, es läuft doch, sie sind zusammen und kommen klar, warum also etwas ändern, was doch zehn Jahre lang in Ordnung war? Und somit war es sinnlos, dass die beiden sich auseinandersetzten, da beide Denkweisen nicht das Non-Plus-Ultra waren.

Also schüttelte ich den Kopf. „Es ist ihr Problem, nicht deins. Und sie werden es schon irgendwie lösen.“

 

Maya

 

„Er hat Schluss gemacht!“ Sie stürmte herein, feuerte ihre Jacke und ihre Tasche in die Ecke. „Er hat einfach Schluss gemacht! Er zieht weg!“ Es war halb eins nachts, ich hatte schon geschlafen, ich war durch Kendras Getrampel im Treppenhaus wach geworden, und brauchte einen Moment um zu schalten. „Wer?“ „Dennis!“ Ihre Stimme war so schrill, dass sie fast nicht mehr wie sie selbst klang. Sie stürmte ins Wohnzimmer, wo Liv, die vorm Fernseher gesessen hatte, erschrocken auffuhr. So aufgebracht hatte ich Kendra noch nie erlebt. Sie ließ sich aufs Sofa fallen. „Er macht Schluss!“ rief sie zum dritten Mal. „Einfach so! Er hat einen Job gefunden in Hamburg! Was, in drei Teufels Namen, will er in Hamburg?“ „Ich weiß nicht, vielleicht will er-“ „ ‚Kendra ich ziehe nach Hamburg.’ Hat er gesagt. Das mit Hamburg ist doch nur eine Ausrede, ich bin mir sicher, er wollte einfach nicht mehr. Er ist feige. Alle Kerle sind feige. Zehn Jahre! Zehn gottverdammte Jahre waren wir zusammen und er macht Schluss.“ Ich wechselte einen vielsagenden Blick mit Liv, den Kendra zum glück nicht bemerkte. Kendra wirkte nicht deprimiert oder traurig, sondern einfach nur aufgebracht darüber, dass Dennis denn Schlussstrich gezogen hat, mit dem sie auch schon liebäugelte. Zwischen ihnen war es einfach nicht mehr das gleiche seit dem Streit. Irgendetwas zwischen ihnen war zerbrochen.

Ich war, ehrlich gesagt, nicht überrascht, dass es zu Ende war. Kendra und Dennis waren für mich so etwas wie das Non-Plus-Ultra-Pärchen geworden, aber trotzdem war in letzter Zeit zwischen ihnen was verdammt schief gelaufen. Liv schien ähnlich zu denken, sie nagte gedankenverloren an ihrer Unterlippe und runzelte die Stirn, als Kendra mit ihrer Tirade fortfuhr. „Er. Hat. Schluss. Gemacht. Gott, ich kann es noch gar nicht fassen. Was passt ihm nicht an mir? Ob er eine Neue hat? Oh, wenn ja, dann schwöre ich bei Gott, dass ich die Schlampe eigenhändig erwürgen werde und ihn gleich mit!“ Langsam fing sie an, mir Angst zu machen. Kendra war eigentlich kein sehr emotionaler Mensch, aber in diesem Moment war sie so aufgebracht, dass ich mich fragte, was bei ihr noch so unter der Oberfläche schwelte.

Außerdem, dass sie auch überlegte hatte, Schluss zu machen, darüber sah sie in diesem Augenblick großzügig hinweg, und ich hatte nicht vor, sie daran zu erinnern.

 

Am nächsten Tag kam auch June wieder in die Wohnung. „Ihr Freund ist jetzt bei ihr. Kevin, oder so.“ „Kyle.“ „Sag ich doch. Er sieht gut aus. Woher kennt sie ihn?“ „Er ist ihr Kameramann.“ „Aha.“ Wir saßen beim Frühstück, Kendra, die June noch nicht gesehen hat, musterte sie interessiert. Liv saß da und tat so, als sei mit ihren Gedanken woanders, aber ich wusste, dass sie konzentriert lauschte, sie wollte sich nur nicht am Gespräch beteiligen müssen. June setzte sich zu uns. Liv erwachte aus ihrer Starre und begann, sich Cornflakes einzuschütten. Als sie danach Multivitaminsaft darüber goss, sah June sie interessiert an und legte den Kopf schief. „Du magst keine Milch?“ Liv sah sie an, als hätte sie sie eben erst bemerkt. „Nein. Milch ist eklig.“ June grinste und griff nach dem Kaffee. „Ich treff mich heute Abend wieder mit Mark“, verkündete ich.

 

Liv

 

Ich versuchte konzentriert, mir nichts anmerken zu lassen, auch wenn ich spürte, wie Kendra zu mir rübersah und auf eine Reaktion von mir wartete. Ich sollte es ihr sagen. Nicht, wenn da noch nichts läuft. Und da wird auch nie was laufen. Also ihr verschweigen. Sie anlügen. Ich lüge ja nicht. Ich sage ihr nur… nichts. „Du solltest dich auch vielleicht mit einem Kerl treffen. Nur so aus Spaß. Nichts Ernstes. Nur so… halt… du weißt was ich meine!“, sagte Maya zu Kendra, die sie daraufhin mit dem Todesblick strafte. „Ich bin ja schon ruhig“, murmelte Maya. Aber ich wollte noch ein bisschen bohren. „Wer wäre denn so dein Typ, Kendra? Außer Dennis“, Todesblick, diesmal für mich. „Ich bin auf jeden Fall wählerischer als du, ein Kerl muss ja nicht mal dein Typ sein, damit du ihn nimmst, nur unter sechzig und geil.“ „Korb“, kommentierte Maya. Kendra versuchte abzulenken. „Wer ist denn so dein Typ, June?“ „Gar keiner. Ich bin lesbisch.“ Kendra verschluckte sich an ihrem Kaffee und mir fiel der Löffel in die Cornflakes, so dass Multivitaminsaft über den Tisch spritzte. Nur Maya lächelte interessiert. „Echt? Aha.“ Kendra hustete immer noch, sie wurde rot im Gesicht und ich klopfte ihr besorgt auf den Rücken. „Geht’s?“ Sie nickte, schaffte es schließlich auch, aufzuhören zu husten und trank weiter ihren Kaffee, als sei nichts gewesen. June sah in die Runde. „Ist das ein Problem für euch? Soll ich ausziehen?“ Maya und Kendra beeilten sich den Kopf zu schütteln und zu verneinen, also sahen die drei mich an. „Liv?“ Die erste Frage nein, die zweite Ja, dachte ich, doch auch ich schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Das ist komplett in Ordnung.“ Maya grinste sofort wieder. „Genau. Du stehst ja auch auf total hässliche Kerle und wir haben dich nicht vor die Tür gesetzt. Noch nicht.“ Und damit war auch dieses Thema erledigt.

 

Maya

 

Nach außen hin schien Kendra es schnell überwunden zu haben, das mit ihr und Dennis, sie hatte in den folgenden Wochen viele Dates und Verabredungen mit verschiedenen Kerlen, niemals mit einem zweimal. An jedem hatte sie etwas auszusetzen. Und wenn es nur war, dass er nicht so lachte wie Dennis oder der Ton der Augen nicht der von Dennis war. Diese Vergleiche zog sie natürlich nie, aber wir konnten es uns denken. Es galt sogar beinahe die Faustregel, umso besser der Kerl war, umso eher gab sie ihm einen Korb.

In der Nacht nach ihrem achten Date fand ich sie im Dunkeln in der Küche sitzen, den Blick ins Leere gerichtet und die Packung Eis essend, die ich mir gerade holen wollte.  Ich setzte mich zu ihr. „Hey. Wie war deine Verabredung?“ „Er war nett, zuvorkommend, lieb, süß und gutaussehend.“ „Also schlecht.“ „Jaah!“ Sie begann zu heulen. Oh nein. Weinende Menschen verunsichern mich immer. „Er war perfekt, was hat mir an ihm nicht gepasst?“ Ich war mir nicht sicher, ob das eine rhetorische Frage war, also schwieg ich. „Er war perfekt…, aber er…“ Sie schluchzte laut auf. „Er war nicht Dennis.“, beendete ich den Satz für sie. „Nein, war er nicht. Keiner ist wie Dennis.“ Sie war fast so aufgebracht wie an dem Abend als er Schluss gemacht hatte. Nur diesmal regte sie sich eben nicht auf, sondern heulte. Und wie sie heulte. „Eigentlich… hab ich ihn gar nicht vermisst. Jedenfalls nicht bewusst. Aber als ich da mit… diesem Kerl saß, kam ein Pärchen vorbei. Und plötzlich war mir zum Heulen zumute und mir wurde klar, dass es für mich nie einen anderen als Dennis geben würde. Und dann hab ich den Kerl angesehen und er war nicht Dennis.“ Ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte, inzwischen war ich fast selbst am heulen. „Vielleicht… solltest du ihn anrufen.“ Kendra sah mich an, als hätte ich ihr geraten, mir dem Kerl von heute Abend in die Sahara durchzubrennen und dort ein Wasserwerk aufzumachen. „Ihn anrufen?“ fragte sie entgeistert. „Vielleicht hat er eine Neue. Er hat ein eigenes Leben. Ohne mich. Wenn ich ihn anrufe, wirkt das, als könnte ich nicht ohne ihn leben.“ „Kannst du doch auch nicht!“ „So, als ob ich schwach bin und nachgeben muss.“ „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Sie sah mich an, erschrocken über meine Lautstärke. „Du willst ihn nicht anrufen, weil du zu stolz bist, zuzugeben, dass du ihn brauchst?!“ „Tu ich ja gar nicht!“ „Du leugnest.“ „Ja- Nein- Es ist einfach nicht so!“ „Wenn du ihn nicht anrufst, tu ich es!“ „Es ist zwei Uhr nachts!“ „Na und?“ „Du bist verrückt!“ „Vielleicht fehlst du ihm ja auch!“ „Er hat Schluss gemacht!“ „Er ist weggezogen.“ „Er hätte nicht müssen!“ Wenn Kendra begann, grammatisch falsche Sätze zu bilden, war es wirklich schlimm. „Okay, du hast Recht. Du weißt was du willst und was das Beste für dich ist.“ „Ja, das weiß ich, aber du verarschst mich.“ „Ja, das tue ich.“ „Versuch mich nicht zum Narren zu halten!“ „Geh ins Bett und ruh dich aus.“ „Sag mir nicht, was ich tun soll! Ich geh jetzt ins Bett, ich hör mir deine Vorwürfe nicht noch länger an!“ Kendra ging in ihr Zimmer. Ich saß noch lange da, dachte nach, über Kendra und Dennis und aß die angefangene Packung Eis. Als ich zu keinem eindeutigen Ergebnis kam, ging ich gegen vier Uhr auch ins Bett.

 

Emma wachte wochenlang nicht auf, kein Grund zur Sorge, wie uns der Arzt versicherte, doch wir machten uns schon Sorgen. Und noch immer gab es keinen Hinweis darauf, wer der Fahrer des Kombis gewesen ist oder warum Emma aus dem Weg geschafft werden musste.

 

Und während dieser Zeit wurde June zu einer Art Kummerkasten-Tante in unserer WG. Kendra kam öfters zu ihr, meistens um über Dennis zu reden, sie kam einfach nicht über ihn hinweg. Die beiden, Kendra und June freundeten sich an und wurden richtig gute Freundinnen, was Liv June noch mehr hassen ließ, aus irgendeinem, bestimmt total idiotischen, Grund konnte Liv June einfach nicht ausstehen. Ich mochte June sehr. Und eigentlich hätte Liv June mögen müssen, denn June sah super aus und trotzdem keine Konkurrenz für sie.

 

Liv

 

Maya war jetzt fest mit Mark zusammen, ich traf ihn noch ein paar Mal, wenn ich bei Emma war, kam er manchmal (er sagte zufällig, aber ich glaubte ihm das nicht) vorbei und wir unterhielten uns. Aber da lief nichts. Wochenlang. Bis Maya diesen Brief bekam.

 

Maya

 

Ich bekam den Brief an einem Samstagmorgen, ich weiß noch, dass ich mich freute, als ich auf den Absender sah und feststellte, dass es keine Rechnung war, er kam von Sophie Lindner, zuerst wusste ich gar nicht, wer das war, doch in meinem Gedächtnis regte sich etwas. Sophie Lindner… „Sophie! Natürlich! Nicht Sophie!“ Kendra, gerade aus dem Bett gekommen, zog die Augenbrauen hoch. „Bitte?“ „Die Aussprache! Englisch, das klang besser.“ Ich öffnete den Brief, während Kendra gähnend den Kopf schüttelte und ins Bad ging. Ich überflog den Brief. „Ein Klassentreffen! In zwei Wochen! Oh mein Gott, ich hab nichts zum Anziehen!“ Das war Livs Stichwort. Sie kam aus dem Wohnzimmer. „Shopping?“, fragte sie strahlend. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, in letzter Zeit ging sie noch öfter einkaufen, sie wollte aus der Wohnung, wenn June da war. „Ja, auf jeden Fall.“ „Klasse. Ich geh mich umziehen.“

 

Als wir an diesem Abend wieder nach Hause kamen, hatte Liv viel mehr gekauft als ich, aber ich hatte eine schwarze Hose und dunkelrotes Top für meine Klassenfeier erstanden und, weil ich gerade so schön dabei war, eine passende beigefarbene Jacke. Ich freute mich total auf die Feier. Ich überlegte, warum ich mit den meisten eigentlich keinen Kontakt mehr hatte. Nach dem Abi… hatten wir uns alle irgendwie aus den Augen verloren. Mit Josie und Rani schrieb ich noch hin und wieder Mails, aber alle andern hatte ich seitdem nicht mehr wieder gesehen. Ich lud June ein, mit mir mit zu kommen, wir durften Freunde und Familie mitbringen und Mark konnte an diesem Abend nicht und ich wollte nicht alleine dorthin, da ich schon irgendwie ziemlich nervös war. Als ich schließlich zwei Wochen später mit June vor dem Restaurant stand, in dem die Klassenfeier stattfand, hatte ich regelrecht Panik. „June, es war eine bescheuerte Idee, hierher zu kommen, komm, wir gehen wieder heim…“ „Nein! Du hast dich so darauf gefreut und du wirst es dir ewig vorwerfen, wenn du jetzt wieder heimgehst, mal ganz abgesehen davon, was die anderen für einen Eindruck von dir bekommen, wenn du nicht kommst, immerhin hast du zugesagt.“ „Dass du immer so verdammt vernünftig argumentieren musst! Wenn du gesagt hättest „Nö, jetzt gehen wir rein“ hätte es das auch schon getan, ich wollte nur hören, dass es richtig war, herzukommen.“ Sie grinste. „Natürlich. Und jetzt komm.“

Kaum waren wir drinnen, sah June sich um, erblickte das Büfett, strahlte mich an und sagte: „Ich hol mir erst mal Bowle.“ Und ließ mich eiskalt stehen. Also schaute ich mich auch erst mal um, sah ein kleines Grüppchen Leute, von denen ich einige wieder erkannte und gesellte mich zu ihnen. Einer Frau, die ich als Claire erkannte, redete gerade. „… dann hält die die Flasche so von sich, es sprudelt über, läuft auf den Boden alles wird nass und ich so: „Warum hast du die Flasche nicht einfach wieder zugemacht?“ „Dann wär ich ja nass geworden!““ Die andern lachten, dann bemerkte mich Josie, die auch bei der Gruppe stand. „Maya! Oh mein Gott, du hast dich ja kaum verändert!“ „Das liegt vielleicht daran, dass wir uns erst vor zwei Monaten das letzte Mal getroffen haben?“, fragte ich ironisch. Josie lachte. „Stimmt. Hatte ich voll vergessen.“ Ich sah die anderen an. Ich erkannte noch Christie, Leonie und Hannah, die eindeutig schwanger war. „Herzlichen Glückwunsch! Weißt du schon, was es wird?“ „Ja, Zwillinge. Jamie und Cheyenne.“ „Und wo ist der Vater?“ „Sekt holen.“ Sie verzog das Gesicht. „Er darf ja. Ich hasse es.“ Wir lachten. „Was habt ihr eigentlich alle so  in den letzten Jahren gemacht?“, fragte ich. Es war irgendwie alles sehr seltsam. Alle diese Leute hatten vor sieben, acht Jahren zu meinem Alltag gehört, wir waren zusammen zur Schule gegangen, und dann, praktisch von einem Tag auf den andern, habe ich sie nie wieder gesehen. Am Anfang hatten wir noch Kontakt, aber das hat sich dann auch irgendwie alles verloren. Die meisten hatten studiert, oder hatten es zumindest vor. „Ich war in der PR-Branche“, sagte Hannah und Leonie erzählte, dass sie Hochzeitsplanerin geworden ist. Josie hatte Psychologie studiert und Christie ist Einzelhandelskauffrau. Sie hatte ihren Freund mitgebracht, Jens, der echt unterhaltsam war. Irgendwann fragte Josie: „Wohnt ihr eigentlich zusammen?“ „Oh ja“, sagte er. „Und wir schlafen in einem Bett.“ Er deutete mit den Händen eine Strecke von etwa zwanzig Zentimeter an. „So viel Platz hab ich! Wie kann ein einzelner Mensch sich so breit machen?!“ Wir lachten und Christie schlug ihn mit der Faust gegen den Arm, so wie sie es schon immer in der Schule gemacht hatte, wenn sich jemand freundschaftlich über sie lustig gemacht hatte. Es war wirklich wieder alles so wie früher. Ich redete auch noch mit den anderen aus der Klasse. Sophie war ja auf die Idee gekommen, die Feier zu veranstalten und hat gemeint, manche wären schwer auffindbar gewesen, Abby hätte sie sogar gar nicht bekommen. Als wir einmal so ziemlich alle beieinander standen, also Christie, Marty, Josie, Rani, Leonie, Blue, Sophie, Hannah, Janina, Claire und Caro, erzählte ich von Emma und ihrem Autounfall und das löste sofort eine heiße Diskussion aus. „Was hat sie denn vorher gemacht?“, fragte Marty. „Das wissen wir nicht, sie hat sich ins Auto gesetzt und gesagt sie muss weg, wir dachten sie geht zu Kyle oder so…“ „Wer ist Kyle?“, fragte Leonie natürlich sofort. „Das ist ihr Freund, ihr Kameramann.“ „Vielleicht ist er Schuld! Vielleicht wollte er sie umbringen, weil er eine andere hat, oder so“, ereiferte sich Josie. „Ist er in ihrem Testament begünstigt?“ Marty (so nannten wir sie immer in der Schule, eigentlich hieß sie Marita) zog die Augenbrauen hoch. „Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“ Josie blickte sie fragend an. „Wieso nicht?“ „Weil sie noch nicht mal ein halbes Jahr zusammen sind“, warf ich ein. „Vielleicht will sie jemand anders loswerden“, meldete sich Christie zu Wort. „Hat sie Feinde?“ Ich überlegte. „Nein, also eigentlich nicht… wenn man mal davon absieht, dass manche Leute über manche ihrer Berichtsthemen nicht so begeistert waren…“ „Das ist wohl kaum ein Grund zum Mord“, meinte Hannah stirnrunzelnd. „Es war ja kein Mord“, korrigierte Leonie. „Aber ein Versuch. Dass es nicht geklappt hat, ist unerheblich. Zwar gut, aber nicht wichtig“, stellte Sophie klar. Caro meinte: „War sie irgendwie anders in letzter Zeit?“ „Naja, sie war ein wenig öfter in Gedanken versunken als sonst…“ „Aber es kann doch nicht sein, dass es wirklich keinen Hinweis gibt! Irgendwas muss doch vorher passiert sein“, regte sich Blue auf. „Also eigentlich“, überlegte Claire, „wisst ihr ja gar nicht, dass es kein Unfall war.“ „Ja- Nein- also… das kann kein Unfall gewesen sein…“ „Wieso nicht?“ „Weil es viel aufregender ist, sich vorzustellen, dass es keiner war“, meine Janina. „Genau. Weil das ja auch so ein super Argument ist“, kommentierte Claire trocken. „Rani, was meinst du?“, fragte ich, da mir auffiel, dass Rani bisher geschwiegen hatte. „Also“, sagte sie gedehnt „Ich glaube, wenn ihr wisst, wo sie war…“ „Wissen wir aber nicht“, warf ich ein. „Hat sie euch denn nicht irgendwann mal erzählt, warum sie so in Gedanken versunken war?“, meinte Hannah. „Naja… da war so ein Fall über den sie berichtet hat, der hat sie richtig mitgenommen… Vielleicht habt ihr auch was davon gehört, diese drei Toten da… ihr wisst schon, welchen Fall ich meine!“ „Ach ja, natürlich, jetzt fällts mir ein, wo dus sagst“, meine Marty ironisch. „Nein, ich glaube, ich weiß wirklich, welchen du meinst“, sagte Caro aufgeregt. „Mit dem einen Kerl da, der so verbrannt war…“ „Genau! Wisst ihr da was drüber?“ „Nee…“ „Mm-mh…“ „Ich weiß immer noch nicht, welchen Fall ihr meint“, meinte Janina schulterzuckend. Claire stöhnte genervt. „Den mit der Studentin, die vergraben wurde und den mit der Alten, die im Rhein versenkt wurde!“ „Ach so! Sagt das doch gleich! Also mein Bruder ist ja bei der Polizei und der hat gemeint, die hätten jetzt eine Verbindung zwischen den drei Opfern gefunden. Irgend so eine Firma… Klerk oder so…“ „Kerm“, stellte Blue richtig. „Ich arbeite da.“ „Ja, genau, das wars.“ „Klerk!“ Claire lachte. „Du arbeitest da?“, wandte ich mich an Blue. Sie nickte. „Glaubt ihr, es gibt irgendeine Verbindung zwischen Emmas Unfall und Kerm?“, sprach Josie es aus. „Ich glaube, ich werde mich auf jeden Fall dort mal umsehen“, meinte ich, und plante in Gedanken schon meinen Einbruch in den riesigen Gebäudekomplex. „Du kannst da nicht einfach reinspazieren“, holte mich Sophie aus meinen Gedanken. Ich sah sie überrascht an. „Hatte ich auch nicht vor.“ „Das Ding ist eine Burg, einbrechen geht da noch weniger“, erriet Rani mal wieder meine Gedanken. „Blue, kannst du da nicht was drehen?“, fragte ich sie. Blue wiegte den Kopf. „Einfach wird das nicht. Aber vielleicht kann ich dich reinschleusen.“

 

Kat

 

Ich saß an einem Tisch im Restaurant und hörte über Knopf im Ohr jedes Wort mit. Das Mikrofon dort im Raum anzubringen, war eine Kleinigkeit gewesen. Und es übertrug wirklich 1a. Ich suchte in meinem PDA nach ihr und wurde fündig. Blue Darmstädt (wer bei Verstand nennt sein Kind Blue?), 25, arbeitet bei Kerm, ledig, wohnhaft, und so weiter. Kleinigkeit. Würde ich gleich morgen erledigen.

 

Liv

 

Maya war auf ihrer Klassenfeier und Kendra traf sich mit Lisa. Ich war allein in der Wohnung und schaute „The Dark Knight“, als es an der Tür klingelte. Ungehalten über die Störung hielt ich den Film an und ging zur Gegensprechanlage. „Ja?“ „Hallo, hier ist Mark.“ Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, als ob mein Herz stehen bleiben würde. „Maya ist nicht da.“ „Ich weiß.“ Was wollte der Kerl? „Kann ich trotzdem raufkommen?“ „Ja, klar.“ Ich drückte den Knopf und wartete. Nach ein paar Minuten war Mark oben. „Willst du was trinken?“, fragte ich, bevor er etwas sagen konnte. „Ja, von mir aus.“ „Wasser? Kaffee? Eistee? Wir haben keinen Alkohol da, June säuft wie ein Seefahrer…“ „Wasser.“ „Okay.“ Mit zittrigen Händen füllte ich ein Glas voll Wasser. „Liv, ich…“ „Willst du auch was essen?“ „Nein, ich…“ „Gut, ich hol mir jetzt Gummibärchen.“ Ich verschwand im Wohnzimmer. Ich wollte nicht hören, was er zu sagen hatte, ob es nun gut oder schlecht war. Manchmal war es besser, nichts zu wissen. „Liv, komm her, wir müssen reden.“ „Nein, lieber nicht.“ Mir war klar, dass ich mich aufführte wie ein kleines Kind. Er kam auf mich zu, nahm mich am Arm und drehte mich um. „Liv, hör mir zu. Wir setzten uns jetzt hin, und dann reden wir.“ Widerstrebend setzte ich mich auf das Sofa. Er sah mir direkt ins Gesicht. Ich wich seinem Blick aus. „Liv, ich habe mich in dich verliebt.“ Ich hatte mich vor diesem Satz gefürchtet. Noch mehr hatte ich mich vor der Frage gefürchtet, die schon die ganze Zeit zwischen uns gestanden hatte. „Und Maya?“ Er sah mich nur an. Wollte etwas sagen, ließ es dann jedoch. „Wir müssen es ihr sagen“, meinte ich nach einer Weile. „Auch wenn sie mich dann auf immer hassen wird.“ Er lächelte mich an. Er kam auf mich zu und wir küssten uns. In diesem Moment ging die Tür auf und Maya kam rein.

 

Maya

 

Ich kam nach Hause, immer noch bestens gelaunt und in Gedanken über mein Gespräch mit Blue, die ich morgen auf jeden Fall noch mal anrufen würde und sah Liv und Mark. Im ersten Moment war ich wie betäubt. Die beiden fuhren auseinander. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nicht rumschreien, so wie ich mir das immer vorgenommen hatte, falls mir sowas mal passieren würde, wovon ich natürlich nie ausgegangen bin. Ich schaffte es gerade noch, den Kopf zu schütteln, mich danach umzudrehen und aus der Wohnung zu laufen. Ich rannte die Treppen hinunter, auf dem Weg begegnete mir June, die noch etwas aus dem Auto geholt hatte, sie sah mich fragend an, doch ich konnte nicht antworten. Ich rannte aus der Haustür und auf die Straße. Ich lief völlig besinnungslos durch die Stadt, bis ich schließlich im Park atemlos anhielt und mich auf eine Bank setzte. Mir liefen heiße Tränen die Wangen runter, ich wusste nicht was ich denken oder tun sollte, ich konnte nur an einen denken. Liv hat mich mit Mark betrogen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort gesessen hatte, auf jeden Fall setzte sich irgendwann jemand neben mich. „Alles okay?“ Ich saß da mit angezogenen Beinen und die Arme um die Knie geschlungen, mein Gesicht darin vergraben, ich hört nur, dass jemand mit mir sprach, ob männlich oder weiblich, jung oder alt, das konnte ich in diesem Moment nicht ausmachen. Ich schüttelte den Kopf. „Was ist passiert? Wollen Sie mit jemandem reden?“  Ich hob den Kopf, sah denjenigen aber nicht an. Ich holte tief Luft und begann zu erzählen. Ich erzählte von unserer WG, Kendra und Dennis, Liv und ihr Typen-Verschleiß, Emma und ihr Unfall, Nicole und wie Emma sie immer aushorchen wollte, Mark, den Morden, Emmas geistige Abwesenheit vor dem Unfall, June und der Klassenfeier, und davon, wie ich hier gelandet war. Einfach alles. Es sprudelte einfach so aus mir heraus, ich machte keine Pausen und sah meinen Zuhörer kein einziges Mal an. Als ich schließlich geendet hatte, fragte ich: „Was soll ich jetzt machen?“ „Sie sollten mit Liv reden. Treffen Sie sich morgen mit ihr und reden sie vernünftig über alles. Treffen sie auch Blue und finden sie heraus, was bei Kerm vor sich geht. Halten Sie sich bei Kendra und Dennis raus. Und jetzt gehen sie zu Nicole – sie wohnt doch hier in der Stadt, oder? –  und schlafen sie heute Nacht bei ihr. Das alles kann bis morgen warten.“ Ich nickte. Auf all das hätte ich auch selber kommen können, aber dafür konnte ich im Moment nicht klar genug denken. „Danke.“ Ich registrierte aus den Augenwinkeln, wie mein Zuhörer aufstand und ging. Ich hatte nicht gesehen, wer es war, aber das war auch gut so. Es hatte gut getan, alles zu erzählen. Selbst wenn es ein irrer Mörder gewesen ist.

Ich stand auf und holte mein Handy aus der Hosentasche und wählte Nicoles Nummer. „Hey… Ähm, kann ich heute Nacht zu dir kommen? Ich will jetzt nicht nach Hause. Ich erklär dir dann alles.“ „Ja, klar. Soll ich dich abholen? Wo bist du?“ „Nein, ich laufe lieber.“ Und so machte ich mich auf zu Nicoles Wohnung. Die Nacht war kalt, es war gerade mal Mitte April. Ich dachte über vieles nach, aber nicht über Liv und Mark. Als ich bei Nicole ankam, hatte sie schon einen Film ausgesucht und mir eine Tasse Tee gekocht. Sie wusste eben, was ich jetzt brauchte.

 

Liv

 

Scheiße. Scheiße. Scheiße. Ich konnte nicht klar denken. „Maya, sie… und ich… aber du…“ June kam herein und erfasste die Situation auf einen Blick. Sie stemmte die Hände in die Hüfte und schüttelte den Kopf. Dann ging sie zu Mark rüber und schob ihn sanft, aber bestimmt in Richtung Tür. Als er aus der Tür trat, machte June sie schnell, beinahe hastig, hinter ihm zu. Dann lehnte sie sich dagegen, so als müsste sie Angst haben, dass er die Tür von außen versucht aufzubrechen. So stand sie ein paar Sekunden, bevor sie zu mir kam. Ich sah sie an, immer noch total schockiert. Dass ich sie nicht leiden konnte, war mir in diesem Moment egal. „June, ich… Maya…sie wird mich hassen… Ich hab das nicht gewollt! Ich habe unsere Freundschaft zerstört!“ „Ja, das hast du“, sagte June unverblümt. „Und du hast ihr wehgetan. Sogar sehr. Wenn sie dich jetzt wirklich hasst, dann sogar zu Recht.“ Natürlich wusste ich, dass sie Recht hatte, aber es war trotzdem hart, das so zu hören.

Ich fasste mich allmählich wieder. „Glaubst du- Glaubst du, sie kommt über ihn hinweg?“ „Bestimmt. Sie wäre auch darüber hinweggekommen, dass du ihn ihr weggenommen hast. Aber ob sie es schafft, dir- euch zu verzeihen, das ihr sie hintergangen habt, das weiß ich nicht.“ „Aber es war das Erste Mal und wir wollten es ihr wirklich sagen…“ „Erzähl das nicht mir, sondern Maya.“ Ich sah sie verzweifelt an. „Was soll ich denn jetzt machen?“ „Gib ihr Zeit. Versuche, mit ihr zu reden und dich zu entschuldigen, aber verlass dich nicht drauf, dass sie wirklich darauf eingehen wird. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was ihr ihr antun konntet.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich geh ins Bett“, murmelte ich und ging in mein Zimmer. Ich legte mich, so wie ich war, in mein Bett und schlief fast sofort ein.

 

Maya

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, rief ich sofort Blue an. „Ja?“, tönte es verschlafen aus dem Hörer. „Hey, ich bins, du hast gesagt, ich soll dich nochmal anrufen.“ „Hast du mal auf die Uhr gesehen?“, motzte sie. Ich schielte auf die Uhr, die bei Nicole in der Küche hing. 5:56. „Ups.“ „Ja, ups. Es ist Samstag, verdammt!“ „Ja, jetzt bist du ja wach. Also was ist jetzt?“ „Du hast Nerven. Komm um elf oder so zu mir, ich guck mal in der Firmendatenbank, ob ich irgendwas rauskriege. Das geht zum Glück auch von zu Hause aus.“ „Okay, danke, bis dann.“ Dann machte ich erst mal Frühstück für Nicole, als Entschuldigung dafür, dass ich gestern zu einer unmöglichen Uhrzeit bei ihr angerufen und nach einer Unterkunft verlangt hatte. Nicole war ein Frühaufsteher, so dass sie schon eine halbe Stunde später in der Küchentür stand. „Morgen. Ich hab Frühstück gemacht.“ „Das seh ich. Hast du auch Salzstangen?“ „Salzstangen?“, fragte ich verdutzt. Sie seufzte, holte welche aus dem Schrank und tunkte sie Marmelade. „Das gehört für mich einfach zum Frühstück dazu.“ Ich legte den Kopf schief, zuckte dann die Schultern und nahm mir auch eine und probierte sie auch mit Marmelade. Es schmeckte wirklich gut. Mal was anderes. Nach dem Frühstück, das natürlich auch aus Brötchen und Käse bestand, musste sie auch schon wieder zur Arbeit. „Du kommst klar?“, fragte sie mich noch besorgt, als sie schon halb aus der Haustür war. Ich beruhigte sie. „Ja, natürlich. Und um elf bin ich eh weg.“ „Okay, dann bis dann.“

Nachdem Nicole weg war, räumte ich erst mal die Reste unsere Frühstücks weg, dann putzte ich die Küche. Ich zwang mich, kein einziges Mal an das zu denken, was gestern Abend vorgefallen war. Ich sah ständig auf die Uhr. Und gegen viertel nach zehn ging ich zur Bushaltestelle. Ich hatte ja kein Auto. Auf der Busfahrt war ich total hibbelig, und als ich endlich bei Blue ankam, klingelte ich ungeduldig ein paar Mal. Als niemand aufmachte, fluchte ich und sah mich um. Plötzlich kam ein Auto angefahren und ein Kerl in meinem Alter stieg aus. Er musterte mich und fragte dann: „Waren Sie nicht gestern Abend auch auf der Party?“ „Ja, war ich, und wer sind Sie?“ „Ich bin der Freund von Blue.“ „Super. Haben Sie einen Schlüssel?“ „Ja, wieso? Macht sie nicht auf?“ „Nein, eben nicht.“ Er zuckte die Schultern, ging zur Haustür und schloss sie auf. Vor Blues Wohnung blieb er stehen, klopfte. Als keine Reaktion kam, schloss er diese Tür ebenfalls auf. „Blue?“ Wir traten ein. Er ging vor mir ins Wohnzimmer. Plötzlich keuchte er und machte einen Schritt rückwärts. Ich drängte mich an ihm vorbei. Mir wurde schlecht. Da saß Blue auf dem Sofa. Vornübergesunken. Sie hatte ein Loch im Kopf, direkt auf der Stirn. Die Wand hinter ihr war voller Blut. Mehr konnte ich nicht sehen, in diesem Moment begann das Telefon zu klingeln und ich stürzte hin, in die Küche, nur um nicht im Wohnzimmer bleiben zu müssen. Ich ging ran, ohne wirklich zu merken, was ich tat. Ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt, war bei mir einfach so ein Reflex. „Hey, Blue bist dus? Ich, bins, Leonie! Ich bin schwanger! Ich kanns noch gar nicht glauben, aber ich wollte, dass du es als erstes erfährst. Blue? Du sagst ja gar nichts!“ Mir fiel der Hörer aus der Hand. Und ich begann hemmungslos zu schluchzen.

 

Kat

 

Es war alles glatt gelaufen. Ich war mir sicher, dass sie keinen Hinweis auf mich finden würden, dazu war ich zu gut. Blue war erledigt und diese einfältige Maya würde ein Kinderspiel werden. Noch hatte sie nichts herausgefunden, aber bevor es so weit war, räumte ich sie lieber gleich aus dem Weg.

 

Maya

 

An die folgende halbe Stunde kann ich mich kaum noch erinnern, ich weiß nicht mehr, wer die Polizei gerufen hatte, wann sie eintraf und was dann passierte. Erst, als sie Blue wegbrachte, wurde mir klar, was passiert war. Eine Polizistin versuchte gerade, mich zu befragen, doch ich war völlig teilnahmslos. „Sie ist tot! Sie haben sie umgebracht! Sie hat etwas herausgefunden, was denen nicht passte und dann haben sie sie umgebracht!“ „Wer? Wer hat sie umgebracht?“, fragte die Polizistin gespannt. „Kerm“, flüsterte ich, als könnten sie alles mithören. „Kerm?“, fragte sie mit einem Unterton, als hätte ich ihr gerade erzählt, dass Blue in Wirklichkeit ein Mafiaboss war und unter falschem Namen hier ihr ganzes Leben verbracht hatte. „Kerm! Emma war bei denen und jetzt liegt sie im Koma, Blue wollte forschen und ist jetzt tot!“ „Das sind schwere Anschuldigungen. Und Kerm ist international angesehen. Sie sollten sich überlegen, was sie da sagen. Und Sie haben keine Beweise.“ „Aber das ist doch total verdächtig!“ „ ‚Aus hundert Kaninchen wird niemals ein Pferd und aus hundert Verdachtsgründen niemals ein Beweis.’ Fjodor Dostojewski, Schuld und Sühne.“ Ich sah sie verwirrt an. „Was?“ Sie winkte ab. „Nichts. Aber Sie sollten lieber aufhören, solche Verdächtigungen zu erheben. Das könnte gefährlich für Sie werden.“ In meinen Ohren klang es nicht wie eine Warnung, sondern wie eine Drohung. „Sollen wir jemanden anrufen, der sie abholt? Es könnte aber sein, dass wir noch Fragen an Sie haben und Sie noch mal aufs Revier kommen müssen.“ „Ja, klar. Und nein, ich rufe Kendra selbst an. So verstört bin ich dann doch nicht.“ Die Polizistin sah mich zweifelnd an und wandte sich ab.

Eine Viertelstunde später war Kendra da, sie umarmte mich erst einmal und ich fing schon wieder an zu heulen. „Es ist einfach alles scheiße, Blue ist tot und Mark ist weg und Liv ist scheiße und sie sind hinter mir her! Sie ist tot, verdammt! Mir wird jetzt erst richtig klar, wie gefährlich das ist, ich glaube, ich sollte es auf sich beruhen lassen…“ „Komm, wir fahren jetzt erst mal heim…“ „Ist Liv da?“ „Ja, aber sie muss dann noch weg-“ „Gut.“ Ich ließ mich von Kendra zum Auto führen und setzte mich auf den Beifahrersitz. Kendra steckte den Schlüssel ins Zündschloss und fuhr los. Plötzlich hörte ich etwas. Von hinten. Aus dem Auto. Mir wurde plötzlich heiß und kalt. Ich spürte plötzlich etwas Hartes, Kaltes an meiner Schläfe. Und dann eine Stimme. „Fahrt einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Wenn ihr eine falsche Bewegung macht, blas ich euch das Hirn weg. Ihr tut, was ich sage. Fahr in den Wald am Stadtrand.“ Die Pistole wurde auf Kendra gerichtet. Ihr sah zu ihr rüber. Sie war leichenblass. Aber sie tat wie geheißen. Wir fuhren durch die Stadt, Richtung Wald. Ich traute mich nicht zu bewegen oder zu reden. Ich war wie erstarrt. Es war alles furchtbar unwirklich. Da saß jemand auf der Rückbank. Mit einer Pistole. Jemand, der wahrscheinlich Blue umgebracht hatte. Jemand, der vermutlich Emma ins Koma versetzt hatte. Jemand, der sicher für Kerm arbeitete. Draußen sah ich Leute. Sie waren mit dem Hund Gassi, holten die Zeitung, plauderten. Alles völlig normal. Und wir hier drin schwebten in Todesgefahr. Als wir gerade in eine Einbahnstraße einbogen, sagte Kendra: „Wenn Sie uns erschießen, fliegen Sie auf. Und vermutlich werden sie das sowieso tun. Also, uns erschießen. Und auffliegen.“ Ich hörte, wie derjenige lachte. Ich konnte nicht mal ausmachen, ob der Mann oder Frau war. So wie bei demjenigen auf der Bank, letzte Nacht. Es kam mir vor, als sei dies Jahre her. „Ich fliege nie auf. Und wenn ich sie erschieße“, die Pistole wurde wieder auf meine Schläfe gerichtet, „merkt das von draußen keiner. „Aber Sie werden uns so oder so umbringen“, stellte Kendra nüchtern fest. Ich biss die Zähne zusammen. Kendra, verdammt, halt deine Klappe! „Warum sollen wir dann tun, was Sie verlangen, wenn wir jetzt noch die Chance darauf haben, dass sie erwischt werden?“ „Sie legens wohl echt drauf an, was?“ Die Waffe wurde hart gegen meine Schläfe gestoßen. „Kendra, sei einfach ruhig!“, fauchte ich. Wir waren am Waldrand angekommen. „Legen Sie Ihre Handys vor sich auf die Armatur.“ Wir taten wie geheißen. Meine Hände zitterten. Die Pistole wurde entsichert. Ich schloss die Augen und wartete. Plötzlich klingelte mein Handy. Die Stimme auf der Rückbank fluchte. „Gehen Sie ran! Und keine Tricks! Lassen Sie sich nichts anmerken!“ Ich nahm mein Handy. „Hallo?“ „Maya, es tut mir so schrecklich leid! Ich hab gerade von Blue erfahren, und ich… Können wir uns treffen? Bitte, lass uns wenigstens reden!“ „Natürlich können wir uns treffen. So gegen zwei? Wir könnten ein Eis essen gehen oder so. Bring Mark mit.“ Verdutztes Schweigen. Bitte, Liv, Bitte! Ich kannte Liv. Sie würde sofort merken, dass etwas nicht Ordnung war. Die Frage war nur, wie sie es interpretierte. „Ja, okay. Bis dann. Ich freu mich drauf.“ „Ich auch. Ciao.“ „Machen Sie das Handy aus. Sie auch.“

 

Liv

 

Als ich aufgelegt hatte, starte ich erst mal das Telefon an. Irgendwas stimmt nicht. Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Verdammt. Ich rief sofort bei der Polizei an. „Hallo, es ist wichtig, meine Freundin… können sie das Handy orten? Ich gebe Ihnen die Nummer.“ „Einen Moment. Vielleicht können Sie mir ja so lange erzählen, warum ich das Handy orten soll.“ „Sie… Ich hab sie mit ihrem Freund betrogen und sie hasst mich jetzt und ich hab sie angerufen und sie war nett und hat so getan, als wär alles in Ordnung.“ Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Okay. Da kann wirklich was nicht stimmen. Und das Handy ist nicht an. Ich kann es nicht orten.“ „Verdammt! Kann ich nach ihr suchen lassen?“ „Weil sie nett zu ihnen war? Ich glaube kaum. Erst wenn sie 48 Stunden vermisst ist oder es einen konkreten Grund gibt.“ Verdammt. Ich bedankte mich. Kaum dass ich aufgelegt hatte, klingelte das Telefon. Ich ging ran.

 

Maya

 

Kendra hatte ihr Handy ausgemacht, doch kaum hatte sie es wieder auf das Armaturenbrett gelegt, trat sie mit dem Fuß fest auf das Gaspedal und hielt die Hände vom Lenkrad weg. Der Mörder auf der Rückbank schrie und jetzt fiel endgültig auf, dass es eine Frau war. „Halt an!“ „Wieso, wir sterben doch sowieso!“ Ich sah einen riesigen Baum immer und immer näher kommen. „Kendra, halt an!“ „Nein!“ Im letzten Moment riss sie das Lenkrad herum. Ich nutzte den Moment der Orientierungslosigkeit und schlug der Mörderin auf dem Rücksitz die Pistole aus der Hand. Sie landete zu ihren Füßen. Kendra trat auf die Bremse, ich stieß die Beifahrertür auf, stürzte aus dem Auto und begann zu rennen.

 

Liv

 

„Ja?“ „Hallo, hier ist das Krankenhaus, Emma ist aus dem Koma aufgewacht. Sie will Sie sehen.“ „Oh mein Gott, natürlich, ich komme sofort.“ Ich legte auf. „JUNE!!!“ June kam schlaftrunken aus ihrem – also eigentlichen Emmas – Zimmer. „Ja? Was ist? Kann man am Wochenende nicht mal ausschlafen?“ „Es ist nach zwölf.“ Sie zuckte nur die Schultern. „Emma ist aus dem Koma aufgewacht und Maya ist in Gefahr und Kendra vielleicht auch, sie ist sie abholen gegangen-“ „Was, was, was? Noch mal von vorne.“ „Scheißegal, wir müssen ins Krankenhaus. Sofort. Emma ist vielleicht die einzige, die uns sagen kann, wo Maya und Kendra sind.“

 

Maya

 

Kendra war hinter mir, sie hatte es geschafft, das Auto zu verriegeln, nachdem sie draußen war, allerdings stand meine Tür noch offen, sodass die Mörderin über den Sitz nach vorne klettern musste. Aber sie schaffte es. Kendra und ich waren nicht weit gekommen, da hörten wir einen Schuss, der in einen Baum in der Nähe ging. Kendra schrie auf. Ich konnte nicht schreien. Ich konnte nur rennen. Ich hörte, wie Kendra hinter mir herhastete. Ich hörte, wie meine Füße auf den Waldboden trommelten, schneller als jemals zuvor. Ich hörte meinen Atem. Ich rannte völlig besinnungslos, ich hatte keine Ahnung, ob in die richtige Richtung, ich wollte einfach nur weg. Noch zweimal kurz hintereinander schoss sie auf uns, beide Male knapp an uns vorbei. Und dann trat sie hinter einem Baum hervor. Ich schrie auf, konnte nicht mehr anhalten und rannte in sie hinein, was insofern gut war, dass wir beide auf den Boden stürzten und sie die Waffe fallen ließ. Sie trug eine von diesen Skimasken, richtig klischeehaft, aber dadurch sah man ihr Gesicht nicht mehr. Als ich auf sie drauf fiel, hatte ich das Gefühl, dem Tod noch näher zu sein, als vorhin, als sie die Waffe gegen meine Schläfe gepresst hatte.

Ich reagierte blitzschnell und hielt ihre Handgelenke fest auf den Boden gedrückt. „Die Waffe! Kendra, hol dir die Waffe!“ „Ich find sie nicht!“ Kendra lief panisch umher und suchte den Waldboden ab. Die Mörderin inzwischen riss die Arme über den Kopf, sodass ich auf sie drauffiel. Sie rollte sich blitzschnell um, so dass sie jetzt über mir kniete, meine Hände festhielt und mir eine Kopfnuss gab, direkt auf die Nase. Mir schossen Tränen in die Augen und ich spürte, wie meine Nase zu bluten begann. Sie ließ von mir ab und zog ein Messer, eins von diesen kleinen Schnitzmessern. Ich drehte mich um und versuchte, aufzustehen, doch sie sprang auf mich zu, packte mich an den Haare und hielt mir das Messer an die Kehle. Plötzlich lockerte sich ihr Griff, ich riss mich los und sah sie an. Sie ließ das Messer fallen und fiel vornüber. Hinter ihr stand Kendra, mir der Waffe, ihr stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Sie hatte ihr in den Rücken geschossen. „Ich hab sie erschossen!“ „Das war Notwehr“, beruhigte ich sie. Mein Herz schlug mir immer noch bis zum Hals. Ich ging zu der Killerin rüber und zog ihr die Maske vom Gesicht. Sie hatte braune Haare und sah nicht wirklich wie eine Mörderin aus. Aber das machte sie wahrscheinlich so gefährlich. Ich zitterte total unkontrolliert. „Ich hab sie umgebracht!“ Kendra blickte auf die Leiche hinunter. „Irgendwas an ihr ist seltsam.“ „Vielleicht dass sie tot ist?“, fragte ich ironisch. Kendra sah mich halb schockiert, halb strafend an. „Das ist nicht lustig.“ Ich schüttelte den Kopf und versuchte, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. „Kendra, geh zum Auto und ruf die Polizei. Und einen Krankenwagen. Liv. Irgendwen. Ich bleib hier. Falls wir sie nicht mehr finden. Oder sie nicht tot ist.“ Kendra nickte, immer noch mit weit aufgerissenen Augen und machte sich auf den Weg. Ich wollte rübergehen zu der Mörderin und den Puls fühlen, doch ich konnte mich nicht überwinden sie anzufassen. Ich sah Kendra hinterher und wünschte, ich wäre mitgegangen. Kendras Figur wurde immer kleiner und verschwand schließlich zwischen den Bäumen. Dann fiel mir auf, dass sie die Pistole mitgenommen hatte. Ich beschloss, das Messer zu suchen.

 

Kendra

 

Ich war schon fast wieder am Auto, da wurde mir plötzlich klar, was an der Leiche der Mörderin so seltsam gewesen war; kein Blut. Da war kein Blut gewesen.

 

Maya

 

Ich wandte den Kopf und mich durchfuhr der Schreck eiskalt. Die Mörderin war weg.

 

Kendra

 

Ich merkte, dass ich die Pistole noch in der Hand hatte. Ich packte sie fester, machte auf dem Absatz kehrt und rannte los.

 

Maya

 

Ich fuhr herum. Da stand sie, mit dem Messer. Ich stolperte rückwärts. Sie warf das Messer nach mir und es traf mich am Arm. Ich schrie auf und spürte einen brennenden Schmerz im linken Oberarm. Ich stürzte nach hinten, anscheinend auf einen Stein, und verlor das Bewusstsein.

 

 

Kendra

 

Als ich die beiden sah, lag Maya auf dem Boden, offensichtlich bewusstlos. Die Mörderin ging auf sie zu und wollte das Messer aus Mayas Schulter ziehen. Ich schoss auf sie und verfehlte sie um fast einen Meter, ich war einfach zu nervös. Doch sie wurde auf mich aufmerksam, sie sah mich an und ich bekam es auf einmal mit der Angst zu tun, ich glaube, das war erst der Moment, in dem ich realisierte, dass wir dabei wirklich draufgehen könnten.

Ich umklammerte die Pistole fester und richtete sie erneut auf die Mörderin, die nun auf mich zurannte, was mich dermaßen nervös machte, dass ich sie erneut verfehlte und nun selbst losrannte. Doch sie war schneller, sie holte mich ein und stürzte sich auf mich. Wir stürzten und rangen um die Pistole. Doch sie war stärker. Gerade als sie dabei war, die Oberhand zu gewinnen, schrie sie auf und drehte sich um. Maya hatte sich aufgerappelt und ihr das Messer hinten in die Wade gerammt. Die Mörderin stürzte nun ebenfalls, doch sie packte Maya am Fuß und riss ihr das Bein weg, sodass sie ebenfalls stürzte.

 

Liv

 

Das erste, was Emma zu uns sagte, als wir endlich im Krankenhaus ankamen, war: „Maya und Kendra sind in Gefahr.“ June, die immer noch nicht so richtig mitgekriegt hatte, um was es ging, fragte erst mal nach, während ich zum Telefon rannte und die Polizei anrief.

                                   

Maya

 

Ich griff nach dem Messer, das immer noch in ihrem Bein steckte und drehte es in der Wunde. Sie schrie vor Schmerz auf, schaffte es jedoch, mich an der Kehle zu packen und fest zuzudrücken. Ich bekam keine Luft mehr und gerade als ich dachte, jetzt sei es endgültig vorbei, ließ sie los. Ich wich zurück und sah sie an. Sie hatte eine Wunde am Kopf, aus der Blut strömte. Sie fiel und blieb liegen. Ich sah Kendra an, wieder hinter der Mörderin, wieder mit der Pistole, wieder im letzten Moment. „Jetzt ist sie tot.“

 

Liv

 

Als wir es endlich geschafft hatten, die Polizei davon zu überzeugen, nach den beiden zu suchen, war es schon zu spät; ein Notruf ging bei der Polizei ein, aus dem Wald. Als wir dort ankamen, stotterten Maya und Kendra erst mal die ganze Geschichte zusammen, aber die Polizei wurde daraus nicht wirklich schlau. Nur, dass es Notwehr war, so viel war herauszuhören.

 

Maya und Kendra brauchten erst mal ein paar Tage, um über all das hinwegzukommen. Doch etwa zwei Wochen später überwand ich mich und versuchte, mit Maya über das Geschehene zu reden. Ich fing sie morgens nach dem Frühstück ab, doch meine so sorgfältig eingeübte Rede brachte ich einfach nicht heraus, es sprudelte alles nur so hervor.

„Maya, ich… ich wollte nur sagen, dass es mir so unglaublich leid tut und dass es keine Absicht war und dass- dass das der erste Kuss gewesen ist und wir es dir sagen wollten und…. Maya, es tut mir wirklich, wirklich leid. Kannst du mir verzeihen?“ Ich kannte Maya seit dem Kindergarten, ich kannte sie – glaube ich – wirklich gut, doch noch nie war ich so ratlos gewesen, wie sie reagieren würde.

 

 

 

 

Maya

 

Ich kannte Liv seit dem Kindergarten, ich kannte sie wirklich gut, doch noch nie musste ich mich so überwinden, ihr etwas zu sagen. Doch ich schüttelte langsam den Kopf.  „Liv, Nein. Ich kann nicht. Noch nicht. Vielleicht eines Tages. Aber im Moment. Ich habe auch nachgedacht. Ich werde zu Nicole ziehen. Fürs Erste. Bis ich über alles hinweg. Emma. Mark. Blue. Die Sache im Wald.“ Sie sah mich flehend an, doch ich wandte mich ab. Ich konnte ihr nicht verzeihen. Nicht heute. Nicht morgen. Aber vielleicht irgendwann.

 

Liv

 

Die nächsten Monate vergingen relativ ruhig. June zog bald aus und ging zurück nach Berlin. Maya zog aus und ich traf mich weiter mit Mark. Am Anfang hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, doch das ging bald vorbei, weswegen ich noch ein schlechteres Gewissen hatte. Aber Mark war einfach so perfekt! Ich war total verliebt. Emma erholte sich gut, sie konnte bald nach Hause, Emma und Kendra hielten Kontakt zu Maya, doch sie redeten nicht darüber, wenn ich dabei war. Allerdings hielten Emma und ich es gleichermaßen mit Dennis und Kendra. Wenn wir mit Dennis Mail schrieben oder telefonierten, mieden wir sorgfältig Kendras Namen. Genauso umgedreht.

Auf jeden Fall war es ruhiger geworden, seit Maya weg war. Und ich vermisste sie. Die Hektik, die sie verbreitete, ihren Zoff mit Emma, ihr Kopfschütteln über meine Kerle, ihr allmorgendliches „Was steht heute an?“,…

 

Maya

 

… Ihre Lache, wie sie begeistert über irgendwelche Kerle erzählte, Multivitaminsaft, der neben der Milch im Kühlschrank steht, ihre unzähligen Handtaschen, über die man ständig stolpert… Ich vermisste sie sehr. Nach ein paar Wochen ließ auch der Schmerz nach. Aber ich konnte mich nicht überwinden, sie anzurufen. Ich setzte mich oft vor das Telefon und überlegte, wie es wäre, sie anzurufen. Und tat es dann doch nicht. Aber allein, dass die Möglichkeit da war, sie jederzeit anzurufen, war beruhigend.

 

Kendra

 

Eines Tages kam Liv nach Hause, setzte sich zu uns an den Tisch. Schweigend. Emma und ich wechselten einen verwunderten Blick, denn sonst begann sie immer sofort von ihrem Tag zu erzählen. Sie begann bald, mit den Fingern unruhig auf die Tischplatte zu trommeln. Ich grinste innerlich. Sie hatte etwas zu erzählen. Sie platzte fast vor Mitteilungsbedürftigkeit. Aber ich ließ sie schmoren. Und, nach etwa zehn Minuten, hielt sie es nicht mehr aus. „Wollt ihr mich nicht fragen, wie mein Tag war?“, platzte sie heraus. Emma und ich grinsten uns an. „Nein.“ „Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht!“ „Was!?“ „Oh mein Gott, und was hast du gesagt?“ „Ja, natürlich!“ „Findest du es nicht ein wenig zu vorschnell?“ Liv kniff die Augen zusammen. „Was willst du mit damit sagen?“ Ich hatte das Gefühl, unter ihrem Blick immer kleiner zu werden. „Naja… ich meinte doch nur… Zehn Monate…“ „Eben! So lange war ich noch mit keinem Kerl zusammen!“ „Ich war mit Dennis Zehn Jahre zusammen“, erwiderte ich skeptisch. „Und wir sehen ja, wohin das geführt hat.“ Liv ließ sich nicht beirren. „Ich hab das Gefühl, ich sollte diese Beziehung verfestigen.“ „Aber bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?“ „Ja, bin ich“, sagte Liv schlicht und verschwand in ihrem Zimmer. Ich war immer noch nicht überzeugt.

 

 

Liv

 

Jetzt führte kein Weg mehr daran vorbei. Ich musste sie anrufen. Wie würde sie reagieren? Sollte ich es ihr überhaupt sagen? Ja, das war ich ihr schuldig. Aber sie einladen? Ob sie überhaupt wollte? Aber sie war doch eigentlich meine Freundin. Aber wir waren doch zerstritten. Irgendwie. Mir fiel ein Spruch ein, den ich irgendwann mal gelesen hatte; Eine Freundschaft, die ein Streit beenden kann, hat niemals richtig begonnen. Mein Arm war wie taub, ich zum Telefon griff. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich im Adressbuch nach der Nummer suchte, die immer noch nur unter „Nicole“ eingespeichert war. Mir war furchtbar schwindlig, als ich Nicole ans Telefon ging. „Schneider?“ „Ähm, ja hier ist Liv und ich wollte fragen, ob Maya da ist.“ Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie lächelte. „Ja, einen Moment bitte.“ Natürlich. Ich hatte schon so lange gewartet. Vielleicht zu lange. Und jetzt war es nur noch „Ein Moment“, den ich warten musste, von dem ich mir wünschte, er würde länger dauern. „Hallo?“ „Ich bins, Liv.“ „Oh.“ Oh. Natürlich. „Ich, ähm… du… Wie geht’s dir so?“ Smalltalk. Na klasse. Ich hatte eigentlich nicht lange drumrumreden wollen, doch es war sogar noch schwerer, damit rauszurücken, als ich es mir vorgestellt hatte. „Gut. Aber um das zu hören, hast du wohl nicht angerufen.“ Mit dieser Direktheit hatte ich nicht gerechnet. Anscheinend hatte sie es halbwegs überwunden und machte sich jetzt über mich lustig. „Nein, ich wollte nur…“ „Komm schon. Sag es.“ Warum war das so verdammt schwer? „Ich… du…“ „Liv, ich bin drüber weg. Ehrlich.“ „Wir heiraten.“ Bumms. Jetzt war es raus. Ich wartete auf eine Reaktion. „Oh mein Gott! Glückwunsch… ich… Ich weiß nicht, was ich sagen soll… Es freut mich echt für dich…“ Das klang ehrlich. „Und ich wollte fragen, ob du meine Brautjungfer sein willst. Zusammen mit Kendra und Emma, natürlich.“ „Ja, natürlich!“ Das klang auch ehrlich. „Wann denn?“ „Wir haben noch keinen festen Termin, aber wir dachten, vielleicht so im September. Ist wirklich wieder alles in Ordnung?“ „Ja. Ich hab auch schon mit Emma und Kendra drüber geredet und ich werde wieder bei euch einziehen!“ „Das ist klasse!“ Ich freute mich wirklich. Und ich war furchtbar erleichtert.

 

Am Anfang, als sie wieder bei uns einzog, waren wir noch ein wenig verhalten, doch wir tasteten uns langsam wieder an unsere Freundschaft heran. Maya hatte beschlossen, den Kerlen endgültig zu entsagen, was sie wahrscheinlich sowieso nicht durchhalten würde. Aber dem Alkohol hatte sie auch entsagt. Seit Mitch. Oder Mirko. Wie auch immer. In den nächsten Monaten waren wir ständig im Stress und Maya half mit, alles für die Hochzeit zu planen und alles zu organisieren. Emma und Kendra natürlich auch, aber über Mayas Hilfe freute ich mich besonders. Meine Eltern würden alles bezahlen, genug Geld hatten sie ja. Und ich wollte eine riesige Feier. In der Kirche, und danach ins teuerste Restaurant der Stadt. Mit Champagner. Und einer monströsen Hochzeitstorte. Ich hatte schon alles genau geplant. Schon seit sieben Jahren.

An dem Tag, an dem ich mein Kleid abholte, hatte ich auch einen Termin beim Friseur, der die Frisur schon mal testen wollte. Und dann ging ich mit Kendra, Maya, Emma und dem Kleid in die Kirche, und stellte mit Kendra als Bräutigam und Emma als Pfarrer und Maya als Gäste Hochzeit nach. Wir hatten viel Spaß und ich freute mich umso mehr auf meinen großen Tag.

oc

 

 

 

 

Maya

 

„Hallo?“ Wir fuhren herum. „Dennis!“, quietschte Liv und rannte auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch. Wenn er überrascht über diese Reaktion war, so ließ er es sich nicht anmerken. „Du bist gekommen!“ „Natürlich.“ Er lächelte und hielt Liv auf Armlänge von sich. „Du siehst toll aus!“ „Findest du?“ Liv drehte sich einmal kokett um sich selbst. Kendra hatte die ganze Zeit stoisch links an Liv und Dennis vorbei gesehen, doch als Liv nun Dennis speziell ihren tiefen Rückenausschnitt zeigte, registrierte ich aus dem Augenwinkel wie sich Kendra Zug um den Mundwinkel für einen Augenblick verhärtete, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie ziemlich verärgert war. Dann meldete sich Emma zu Wort. „Liv, komm, ich sollte nochmal deine Frisur richten.“ Liv griff sich an die Haare. „Wieso, die sind doch… oh…“ Sie verstand. „Ja, ich komm mit, ich muss noch… was erledigen.“ Griff ich den Faden – nicht sehr geschickt – auf. Ich war noch nie sehr geschickt im Erfinden von fadenscheinigen Ausreden. „Ja, ich auch“, sagte Kendra und wollte gehen. „Nein, du solltest hier bleiben.“ Liv hielt sie zurück. „Wieso?“ „Weil…“ Weil du wieder mit Dennis zusammenkommen sollst? Ist doch klar. Blöde Frage, in den Filmen fragen die auch nie nach. „Weil du noch mal den Altar  vermessen musst, wegen dem Überhang.“ Wir rannten regelrecht aus dem Hauptraum und schlossen die Tür hinter uns.

 

Kendra

 

Ich bringe sie um! Ich bringe sie eigenhändig um! Die lassen mich hier allein mit ihm! Meinem Ex! Uh… das klingt eklig. Ex-Freund. „Kendra…“ Ich sah ihn kühl an. Jedenfalls versuchte ich das. Sobald ich ihn ansah, begann ich mich in seinen Augen zu verlieren. Ich spürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengrube und sah schnell wieder weg. „Ja?“ „Wie ist es dir in letzter Zeit so ergangen?“ Ohne mich? schwebte ungesagt am Ende dieses Satzes. Es ist mir beschissen gegangen seit du weg bist, jeden Tag versuche ich dich zu vergessen, ich date andere Leute, aber keiner ist wie du, ich liebe dich und will dich zurück, verdammt noch mal! „Gut. Alles bestens.“ „Wirklich?“ Täuschte ich mich, oder klang er verletzt? Oder vielleicht auch nur ungläubig. Ich nickte entschlossen. „Ich geh dann mal“, sagte ich langsam. Als hätte eine höhere Macht diese Worte gehört und wollte dies verhindern, knallte, kaum dass ich einen Schritt nach vorne gemacht hatte, die schwere Kirchentür mit voller Wucht zu. Wir schraken zusammen und ich ging zur Tür. Rüttelte daran. „Oh nein!“, stöhnte ich. Ins Schloss gefallen. „Wir sitzen hier fest. Verdammt!“ Gibt es etwas Schlimmeres, als mit seinem Ex (uärgh) allein in einer Kirche eingesperrt zu sein? „Ziemlich warm in letzter Zeit, was?“ fragte Dennis. Ich hatte mich geirrt. Es gibt wohl etwas Schlimmeres; mit seinem Ex allein in einer Kirche eingesperrt zu sein und Smalltalk machen zu müssen. Na super. „Mein Handy!“ rief ich erleichtert und stürzte zu meiner Handtasche, die auf einer der hinteren Bänke lag. Bei meinem momentanen Glück hatte ich bestimmt kein Netz. Aber doch! Ich jubilierte innerlich. Ich rief Maya an, die mich erst mal schallend auslachte, als ich die Situation erklärte, aber dann doch versprach, den Pfarrer oder irgendwen zu holen, der uns da rausholte. „Halbe Stunde“, sagte ich zu Dennis, als ich auflegte. „Aha.“ Ich begann, mich in der Kirche umzusehen, nur um nicht mit Dennis reden zu müssen.

Ich stand vor dem Altar und begutachtete die großen Buntglasfenster, viel länger und konzentrierter, als notwendig gewesen wäre. Dann spürte ich, dass Dennis hinter mir stand. Seine Gegenwart beruhigte und verunsicherte mich gleichzeitig. Dann stellte er sich neben mich. Ich versuchte ihn nicht anzusehen. „Kendra…“ Unendlich langsam wandte ich mich ihm zu. Sah ihm direkt in die Augen. Wir standen direkt am Altar, fiel mir auf, wie… Ich sah ihm in die Augen. Er wollte mich küssen. Ich wollte auch. Aber vielleicht lag es daran, dass wir in einer Kirche, direkt vorm Altar standen und mir diese Entscheidung viel schwerwiegender vorkam, als sie vermutlich war, aber ich konnte nicht. Nicht jetzt. Vielleicht nie. Ich wandte mein Gesicht von ihm ab. „Tut mir leid. Ich kann nicht.“ Er sah mich intensiv an. „Kendra, ich liebe dich. Immer noch. Mir ist klar geworden, dass ich nicht ohne dich leben kann. Ich liebe dich!“ Ich erwiderte seinen Blick. „Aber manchmal ist Liebe eben einfach nicht genug.“ Er sah mich an und wollte etwas sagen, aber dann hörten wir, wie draußen jemand redete und ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt und gedreht wurde. Dennis wandte sich von mir ab und ging, worüber ich froh war, denn so konnte er nicht sehen, wir mir stumm zwei Tränen über die Wangen liefen.

 

Maya

 

Als Kendra wieder daheim war, erzählte sie uns natürlich sofort, was in der Kirche vorgefallen war. „Aber ich denke, du liebst ihn noch! Warum hast du ihm einen Korb gegeben?“ Sie dachte einen Moment lang nach. „Weißt du, dass ist wie die Tatsache, dass Liv keine Milch trinkt. Sie könnte Milch trinken, jederzeit. Aber sie will nicht. Aber sie weiß, dass die Milch da ist. Vielleicht würde sie irgendwann Milch wollen, wenn sie keine haben könnte. Weil sie keine haben könnte. Aber wir werden es vermutlich nie erfahren, weil die Milch wahrscheinlich immer das sein wird. Solange die Milch da ist, ist alles in Ordnung. Aber was ist, wenn sie weg ist? Das werden wir nie erfahren. Aber wenn wir die Möglichkeit haben, zu erfahren, wie es ist, wenn etwas, das wir vielleicht nie wollten, brauchten, hatten, weg ist, sollten wir sie nutzen. Vielleicht ist es mit mir und Dennis genauso. Ich war immer da. Bei ihm. Aber vielleicht wollte er irgendwann wissen, wie es wäre, wenn ich nicht mehr da bin. Deshalb ist er nach Hamburg. Jetzt weiß er, wie es ohne mich ist und will mich zurück. Aber er muss lernen, dass er mich nicht immer haben kann. Vielleicht hat er die ganze Zeit in Hamburg noch im Hinterkopf gehabt, dass ich zu Hause sitze und da bin, falls er zurückkommt und mich jederzeit wiederhaben könnte. Und jetzt stellt er fest, dass es nicht so ist. Das wird ihm zu denken geben. Ich will, dass er darüber nachdenkt, dass ich nicht jederzeit verfügbar bin. Das soll an im nagen.“ Sie grinste. „Und ich will ihn noch ein bisschen zappeln lassen. Er soll sich quälen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Wenn jede Beziehung so kompliziert ist, dann bin ich richtig froh, dass Mark jetzt Livs Problem ist.“

 

Liv

 

Und dann war er da: Der Tag, auf den ich mein ganzes Leben lang gewartete hatte. Der Morgen verlief hektisch und ich war total panisch, das etwas schief laufen würde. Dann waren wir in der Kirche, der Pfarrer war furchtbar einschläfernd, es würde mich nicht wundern, wenn die ganze Hochzeitsgemeinde schläft, wenn wir fertig sind. Aber ansonsten war alles perfekt. Doch als ich da vor dem Pfarrer stand und er mir die entscheidende Frage stellte, auf die man normalerweise mit ‚Ja, ich will’ antwortet, sah ich meine Eltern vor mir. Fast sechzig und immer noch verheiratet. Dann sah ich mich. Mit Enkelkinder und Mark an meiner Seite. Und ich bekam Panik. Ich wollte das nicht. Nicht mit dem Kerl. Vielleicht mit überhaupt keinem. Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“ In der Kirche erhob sich Gemurmel. Ich riss mir den Schleier vom Kopf, raffte mein Kleid und lief den Gang hinunter. Ich erkannte aus dem Augewinkel sah ich meine drei Brautjungfern, Kendra, Emma und Maya. Maya lächelte. Ich glaube, sie hat es von Anfang an gewusst, dass ich das nicht durchziehen würde. Kendra schüttelte den Kopf. Emma brach in schallendes Gelächter aus. Die drei liefen mir hinterher. Ich erkannte in der Menge auch meine Mutter, sie sah fassungslos aus, in dem Moment tat sie mir richtig leid. Aber ich konnte einfach nicht. Ich rannte hinaus und über die Wiese. Inzwischen folgte mir fast die ganze Hochzeitsgemeinde. Aber Mark erreichte mich als Erster. Er sah mich total entgeistert und fragend an. „Es tut mir leid. Ich kann nicht. Aber wir können-“ „Wenn du jetzt sagst ‚Wir können ja Freunde bleiben’, bezahlst du die Ringe selbst. Die waren nicht billig.“ Ich musste lachen. Ich fühlte mich furchtbar erleichtert. Er seufzte. „Ich glaube, ich habs gewusst. Irgendwie. Nur schade, dass es jetzt enden muss. Aber besser jetzt, als wenn es zu spät ist.“ Ich küsste ihn auf die Wange. „Tschüss.“

Ich ging zu unserem Wagen, wo schon Emma, Kendra und Maya auf mich warteten. Maya grinste. „Typisch Liv. Immer auf den letzten Drücker. Immer eine Sekunde vor Torschluss.“ Ich streckte ihr die Zunge raus. Wir stiegen ein und fuhren los.

 

 

Kendra

 

Ein paar Wochen nach der geplatzten Hochzeit fühlte ich mich bereit, mit Dennis zu reden, das mit Liv und Mark hatte mir irgendwie die Augen geöffnet,  und ging zu seiner Wohnung, da ich von Liv erfahren hatte, dass er wieder dort eingezogen war. Als ich vor der Tür stand, hörte ich, wie er drinnen redete, anscheinend ins Telefon. Eigentlich mache ich das ja nicht, aber ich legte mein Ohr an die Tür und lauschte. „… liebe sie wirklich. Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll.“ Pause. „Und wenn sie nicht will?... Ich trau mich aber nicht…. Lach nur… Okay, dann werde ich sie jetzt anrufen. Bevor ich sie endgültig verliere. Falls ich das nicht schon habe. Tschüss.“ Ich klopfte an. Dennis öffnete, und ich glaube, er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, dass ich zu ihm gekommen war. Als ich ihn sah, fing ich fast an zu heulen. „Dennis… Ich liebe dich auch immer noch. Bitte, lass es uns noch einmal miteinander versuchen.“ Er sah mich nur an. Dann fiel ich ihm um den Hals und wir küssten uns. Und ich wünschte mir, dieser Moment würde niemals vorbei gehen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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