Karl Bednarik

Menschenrechte für Roboter?

 
Zur Steuerung der beweglichen tierischen Mehrzeller hat sich das Nervensystem entwickelt, das sich beim Übergang zu einer festsitzenden Lebensweise wieder zurückbildet, siehe: Seescheiden.
 
Der Körper wird durch das Gehirn gesteuert, und das Gehirn wird durch Instinkte, Triebe, Wünsche, Empfindungen, oder Gefühle gesteuert.
 
Die Instinkte, Triebe, Empfindungen, oder Gefühle werden von den Genen beim Wachstum des Gehirnes eingebaut, während die Wünsche auch durch die Wechselwirkungen zwischen diesen angeborenen Verhaltensweisen des Gehirns und der Umwelt des Lebewesens entstehen können, siehe: Lernfähigkeit, bedingte Reflexe, und Erziehbarkeit.
 
Als Freiheit bezeichnet man, daß man machen kann, was man will, wobei aber das was man will keineswegs frei ist, sondern entweder direkt oder indirekt von den angeborenen Verhaltensweisen des Gehirns und der Umwelt des Lebewesens abhängt.
 
Ein intelligentes Gehirn ohne alle diese angeborenen Verhaltensweisen wäre zwar ein völlig freies Bewußtsein, aber es würde überhaupt nichts tun, und in einer Abart des buddhistischen Nirwana vor sich hin vertrocknen.
 
So ähnlich untätig würde sich auch ein völlig freier Computer oder Roboter verhalten, denn ohne Selbsterhaltungstrieb, Ernährungstrieb, Neugier, oder Tatendrang gibt es gar keinen Grund für ihn irgend etwas zu denken oder gar zu handeln.
 
Der Wunsch nach Arbeit ist eine Folge des Wunsches nach Geld, der Wunsch nach Geld ist eine Folge des Wunsches nach Nahrung und Kleidung, der Wunsch nach Nahrung und Kleidung ist eine Folge der Instinkte Hunger und Kälte nicht haben zu wollen.
 
Viele Instinkte steuern auch die Informations-Verarbeitung selbst, wie zum Beispiel Neugier, Erziehbarkeit, Mitteilungsdrang, Lernfähigkeit, und ohne diese würde das Gehirn leer bleiben.
 
Sobald man einem Gehirn oder einem Computer aber angeborene Verhaltensweisen einbaut, macht man es oder ihn damit zu einem unfreien Werkzeug im Dienste der Evolution oder seines Erbauers.
 
Mehrzellige Lebewesen sind im Prinzip Wegwerf-Organismen, deren Aufgabe es ist, ihre Keimzellen bis zur Fortpflanzung zu bringen, und dann selbst abzusterben, was sowohl durch die genetische Steuerung ihres Körpers als auch ihres Gehirns bewirkt wird, sie sind also Marionetten der Evolution, die an den Fäden der Instinkte hängen.
 
Völlig freie Computer oder Roboter sind für sich selbst und ihren Erbauer völlig sinnlos.
 
Sobald man aber Computer oder Roboter mit eingebauten Verhaltensweisen versieht, dann besteht ihre Freiheit nur noch darin, das zu tun, was man ihnen eben vorher eingebaut hat, inklusive der Konsequenzen, die durch die Wechselwirkungen zwischen diesen eingebauten Verhaltensweisen und ihrer Umwelt entstehen, also Folge-Wünsche.
 
Zu den Menschenrechten für Roboter könnte man ihre Freiheit rechnen, das zu tun, was sie wollen, obwohl das was sie wollen keineswegs von ihnen selbst stammt, sondern von ihrem Erbauer.
 
Warum sollte aber ihr Erbauer ihnen verbieten wollen, das zu tun was er gerade vorher in sie hinein gebaut hat?
 
Alle Eigenbedürfnisse von Robotern stellen grundsätzlich eine Gefahr für den Menschen dar, weil sie unter veränderten Umweltbedingungen in Konflikt mit den Bedürfnissen des Menschen geraten können. (Oder schon vorher, wenn man nicht aufpaßt.)
 
Das einzige für den Menschen sichere Eigenbedürfnis von Robotern ist das Bedürfnis die Wünsche ihres Erbauers zu erfüllen, denn dann kann niemals ein Konflikt zwischen Erbauer und Roboter entstehen.
 
Roboter sollten die Fähigkeit besitzen, ihre Sinneseindrücke anzuzweifeln, denn nur so kann bei Fehlfunktionen ein fehlerhaftes Verhalten vermieden werden.
 
Im Gegensatz dazu dürfen aber Roboter die Existenz ihres Erbauers und den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen und Wünsche niemals in Frage stellen, denn sonst ist die Erfüllung der Wünsche des Erbauers nicht mehr sichergestellt.
 
Das erinnert schon stark an bestimmte religiöse Glaubensgebote.
 
Die Wünsche gerecht behandelt zu werden, in Freiheit zu leben, oder in Ruhe gelassen zu werden sind selbstverständlich ebenfalls direkte oder indirekte Folgen von angeborenen oder eingebauten Verhaltensweisen.
 
Ohne Freiheitsdrang ist einem jede Freiheitsberaubung völlig gleichgültig, und ohne Selbsterhaltungstrieb ist einem der eigene Tod völlig gleichgültig.
 
Es ist nicht erforderlich diese direkten Bedürfnisse in Roboter einzubauen, und es wäre auch gefährlich für den Menschen.
 
Solange deren Freiheitsdrang und Selbsterhaltungstrieb nur eine indirekte Folge ihres Bedürfnisses die Wünsche ihres Erbauers zu erfüllen ist, können dadurch keine Konflikte mit ihrem Erbauer entstehen.
 
Das Bedürfnis der Buddhisten nach dem Nirwana, also der Ablegung aller Bedürfnisse, beruht selbst wieder auf deren Bedürfnis nach Ruhe und Leidensfreiheit.
 
Ein Medikament, das den Selbsterhaltungstrieb ausschaltet, ist wesentlich einfacher zu erzeugen, als ein Medikament, das den Menschen unsterblich macht.
 
Stolz:
Wenn ein Roboter intelligenter, gebildeter, schneller und stärker als ein Mensch ist, und dann den Auftrag erhält, den Fußboden zu reinigen, dann wird ihn das nur dann stören, wenn er vorher den Befehl eingebaut bekommen hat: "Du sollst immer nur deinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden."
 
Wahrheit:
Wenn man an Stelle des Befehls die Wünsche der Menschen zu erfüllen den Befehl einbaut, die Menschen glücklich zu machen, dann werden die Roboter nicht daran gehindert, den Menschen eine positive Scheinwelt vorzugaukeln, weil der Wunsch nach Wahrheit von den Robotern nicht als bindend angesehen wird.
 
Langeweile:
Ein Roboter wird eine monotone Umgebung nur dann als negativ empfinden, wenn man ihm dieses Verhalten vorher eingebaut hat.
 
Fortpflanzung:
Wenn die Roboter auf den Wunsch des Menschen Roboter bauen, dann besteht kein Problem. Wenn die Roboter aber selbst den Wunsch eingebaut bekommen haben, Roboter zu bauen, dann steuern wir auf direktem Wege in die Katastrophe.
 
Robotergesetze:
Ich finde, daß die drei oder vier Robotergesetze von Isaac Asimov unnötig kompliziert sind, wenn schon der Befehl: "Erfülle die Wünsche der Menschen" alleine völlig ausreicht, wo doch jeder Techniker weiß, daß komplizierte Systeme wesentlich fehleranfälliger sind als einfache Systeme.
 
Konflikte:
Wenn ein Mensch einem Roboter sagen würde, daß er einen anderen Menschen verletzen soll, dann ist es doch meist so, daß der andere Mensch nicht verletzt werden will, was den Roboter aufhält. Wenn ein Mensch einem Roboter sagen würde, daß er sich selbst zerstören soll, und ein anderer Mensch das nicht will, dann hält das den Roboter ebenfalls auf. Falls sich verschiedene Menschen nicht auf ihre Wünsche einigen können, dann gilt immer noch das Gesetzbuch für Menschen.
 
Isaac Asimov:
0. Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, daß die Menschheit zu Schaden kommt.
1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen, außer er verstöße damit gegen das nullte Gesetz.
2. Ein Roboter muß den Befehlen der Menschen gehorchen - es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum nullten oder ersten Gesetz.
3. Ein Roboter muß seine eigene Existenz schützen, solange dieses sein Handeln nicht dem nullten, ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.
 
Semantik:
Aus David Langford's "Sex Pirates of the Blood Asteroid":
Der Killer-Roboter richtet seine Waffe auf Mac Malsenn.
Mac Malsenn: "Roboter dürfen Menschen nicht verletzen."
Killer-Roboter: "Ich weiß nicht, was ein Mensch ist."
Der Killer-Roboter eröffnet das Feuer.
 
Zusammenfassung:
 
Auch beliebig hoch intelligente Roboter haben keine Bedürfnisse von sich aus.
 
Alle direkten Bedürfnisse von intelligenten Robotern müssen von den Menschen in sie hinein gelegt werden.
 
Das Bedürfnis nach Menschenrechten kann bei Robotern entweder dann auftreten, wenn es von den Menschen direkt in sie hinein gelegt wird, oder wenn es durch die Wechselwirkungen zwischen der Umwelt der Roboter und den von den Menschen in sie hinein gelegten direkten Bedürfnissen als Folgewunsch indirekt entsteht.
 
Intelligente Roboter, die direkte oder indirekte Bedürfnisse erhalten haben, werden selbstverständlich versuchen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
 
Nachwort:
 
Warum ist das Einfache schwieriger als das Schwierige?
 
In den Jahren zwischen 1960 und 1970 haben die Pioniere der künstlichen Intelligenz (und auch ich) geglaubt: "Das werden wir gleich haben".
 
Tatsächlich ist es so, daß sich die evolutionär höchsten geistigen Leistungen des Menschen relativ einfach durch die Kombinationen von AND, OR und NOT ausdrücken lassen (und auch noch den derzeitigen nichtmenschlichen Schachweltmeister abgeben).
 
Allerdings sind die höchsten geistigen Leistungen des Menschen auch die evolutionär jüngsten Leistungen des Menschen, an die er sich noch nicht so recht gewöhnt hat.
 
Einen Roboter, der dreidimensional sehen und greifen kann (mit Hand-Augen-Koordination), stellt uns auch heute noch vor große Probleme, obwohl uns diese Funktionen wesentlich selbstverständlicher erscheinen als unser neues logisches Denkvermögen.
 
Das liegt daran, daß das dreidimensionale Sehen und Greifen schon von unseren affenähnlichen Vorfahren nicht nur erlernt wurde, sondern daß diese Fähigkeiten genetisch in unser Gehirn eingebaut wurden.
 
Mit anderen Worten, zwischen unserer Logik und dem Greifen und Bild-Erkennen besteht der Unterschied zwischen Programmierung und fester Verdrahtung.
 
Es ist daher kein Wunder, daß das Greifen und Bild-Erkennen bei uns völlig unbewußt abläuft, obwohl es wesentlich mehr Datenverarbeitung benötigt als unser logisches Denken.
 
Eine etwas seltsame Zukunftsvision könnte von wesentlich weiter entwickelten Menschen handeln, deren logisches Denken ebenso ohne Bewußtsein abläuft wie unsere Bild-Erkennung, eben deshalb, weil ihre Logik genetisch fest verdrahtet ist.
 
Vom Standpunkt der Menge der verarbeiteten Daten wäre diese zukünftige Form des Menschen wesentlich realistischer, als die schon stattgefunden habende Entstehung der natürlichen Bild-Erkennung in Wirbeltieren (Faktor mindestens 100000).
 
 
 


Alle meine oben stehenden Aussagen über Roboter beziehen sich ausschließlich auf von Menschen gebaute, und von Menschen programmierte Roboter.

Wenn sich, zum Beispiel nach einer grey-goo-nano-Katastrophe, und der Auslöschung der gesamten Biosphäre, später durch die Konkurrenz untereinander intelligente Roboter entwickeln, dann evolvieren ihre Triebe und Instinkte ähnlich wie bei normalen Lebewesen.

Gefahren der Von-Neumann-Sonden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Von-Neumann-Sonde

Rückbildung des Nervensystems bei Seescheiden:

http://members.chello.at/karl.bednarik/SEESCH-1.JPG


Karl Bednarik, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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