Giuseppe Rinaldi

Ein normaler Morgen

 Ein kleines Zimmer, irgendwo in einem großen Ort, durch das staubige Fenster dringt trübes Morgenlicht, die Geräusche der erwachenden Stadt sind nur dumpf zu hören. In einer Ecke des Zimmers steht ein Bett, unruhige Schlafgeräusche dringen aus einem großem Kissen. Ein Mann liegt dort im Bett, ein schon etwas älterer Mann und er dreht sich hin und her. Er fühlt sich nicht, organisch krank ist er nicht, aber seine Seele ist es. Schon seit längerem quälen ihn Gedanken, seine Gefühle wechseln innerhalb von Sekunden von glücklich zu tieftraurig und er hat seit Monaten Kopfschmerzen, teilweise sind es rasende Schmerzen, die oft unverhofft kommen. Die Ärzte können ihm nicht helfen und auch Tabletten mildern die Schmerzen nur kurz. Das einzige, so denkt er, was ihm helfen kann, ist eine Frau. Das Problem ist bloß, sie kann ihm nicht helfen, sie weiß, das er leidet, sie leidet ja auch ein wenig aber das einzige, was sie tun kann, ist ihm seine Schmerzen kurzzeitig zu nehmen, durch einen Gespräch oder durch ein Treffen mit ihr. Alles andere, was helfen könnte auf Dauer, das geht nicht, sie kann nicht, er kann nicht und das wissen beide.
Also grübelt er Tag und Nacht, schläft schlecht, kämpft mit seinen Gefühlen und überlegt hin und her, wie man das Problem lösen kann, so das er sich besser fühlt und sie sich auch.
Er wusste vorher nicht, das auch seelische Schmerzen weh tun können, das sie alles zerfressen, den Magen, das Herz und das Gehirn und auch nichtorganisches wie Gefühle.
So verging auch diese Nacht und er wacht mit einem Ruck auf, seine Augen waren dick und rot, die Kopfschmerzen waren schon wieder da und seine Gefühle, die waren tieftraurig.
Er richtet sich langsam auf, stellte seine Füße auf dem Boden, stützt seine Ellenbogen auf die Knie und legt sein Kopf in beide Hände und überlegt.
Plötzlich atmet er tief durch, lächelt leicht und steht auf, nimmt sein Handy vom Tisch und guckt, ob er eine SMS von ihr bekommen hat, seufzt leise, als er sieht, das sie nicht geschrieben hat, legt das Handy wieder auf den Tisch und geht dann langsam zum Fenster, schreibt in die staubige rechte Fensterscheibe „Ich liebe dich so sehr“, öffnet die linke Fensterseite und steigt auf das Fensterbrett.
Der Lärm von der Straße drängt sich mit Wucht zu ihm hoch und in sein Zimmer hinein, ein leichter Schauer durchfuhr ihn und er fing an zu frösteln.
„Na denn“ : denkt er, „auf, das der Schmerz zu Ende ist, machs gut und mein Gott, ich liebe Dich so sehr“. Er guckt mit Tränen in den Augen nach unten und nachdem er tief eingeatmet hat, stößt er sich ab und springt.
Die Straße kommt rasend schnell auf ihn zu und kurz bevor sein Gehirn den unheimlichen Schmerz des Aufpralls registriert und an seine Nerven weiterschickt, wird es schwarz und ruhig in ihm.
Ein paar Leute schreien auf, gucken entsetzt, scharen sich um ihn, einer ruft die Polizei und ein anderer den Rettungswagen, der gerufene Arzt kann nichts mehr machen, der Mann ja ist aus der vierten Etage gesprungen und solche Höhe ist tödlich.
Der Leichenwagen kommt, nimmt, nachdem alles von der Polizei fotografiert und notiert wurde, den Leichnam mit , der Hausmeister des Hauses versucht, den Blutfleck wegzuwischen, die Neugierigen verstreuen sich und drei Stunden später ist alles vorbei.
Es fängt an zu regnen, die Passanten gehen eilig die Straße entlang, trampeln nichtsahnend über einen dunklen Fleck, das Zimmer oben ist verschlossen und der Regen schlägt an das offene Fenster, der rechte Fensterflügel hat sich auch geöffnet und langsam wäscht der Regen die in den Staub geschriebenen Wörter ab.

Auf dem Display von seinem Handy blinkt rhythmisch ein kleiner Briefumschlag.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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