Gaby Schumacher

Die große Inselrundfahrt (Mallorca)

Mit der Fahrt zum Cap Formentor und dem Besuch der Tropfsteinhöhle liegen bereits zwei traumhafte Erlebnisse hinter uns, doch nun erwartet uns der absolute Höhepunkt unseres Aufenthaltes, nämlich ein Tagesausflug, die große Inselrundfahrt.

Schlaftrunken taumeln wir gegen 6.30 Uhr aus dem Bett und eilen um kurz vor 8. 00 Uhr zum Frühstück. Zu so früher Stunde sind wir selbstverständlich die Einzigen, mümmeln den Toast und schielen alle paar Sekunden auf die Uhr – nicht, dass wir etwa den Bus verpassen.

Die Sorge erweist sich als total unnötig. Pünktlich um 8.15 Uhr holt er uns vor dem Nachbarhotel ab und kurvt dann noch kreuz und quer durch Cala Rajada, um die anderen Teilnehmer der Tour einzusammeln. Vor einem der Hotels ergibt sich dann eine kurze Verzögerung. Ein junges Mädchen hat anscheinend irgendetwas im Hotel vergessen und spurtet zurück. Es dauert und dauert.

„Na, das kann ja heiter werden!“

Dann geht es endlich los. Unter sternenklarem Himmel und in nächtlicher Stille steuern wir gemächlich über Petra auf Inka zu. Allmählich weicht das Nachtschwarz über uns einem lichten Grau, ein neuer Tag bricht an und bald blendet uns bereits wieder die sengende Sonne.

Die mit ihren Gassen und den Häusern aus goldbraunem Bruchstein sehr charmante Kleinstadt Petra lebt einerseits von ihren Reparaturbetrieben für Landmaschinen und andererseits vom Weizen- und Weinanbau. Auf den Weinfeldern wächst ein sehr guter Weißwein. Erwähnenswert ist auch das Sandsteinvorkommen, das der Stadt ihren Namen gegeben hat. (Petra - Stein).

Weiter geht es nach der in der Ebene von Mallorca gelegenen Stadt Inka, die mit ihren 20.000 Einwohnern die drittgrößte der Insel ist. Inkas Kellerrestaurants sind weithin bekannt. Sie bieten eine typisch mallorquinische Küche und, imponierend anzuschauen, sind längs der Wände mächtige Weinfässer übereinander aufgestapelt.

Wirklich berühmt aber ist die Stadt wegen der dort ansässigen Lederindustrie. In der City reihen sich die Ledergeschäft aneinander, die bezüglich der Art der Lederwaren keine Wünsche offen lassen. Ein gründlicher Qualitäts/Preis-Vergleich ist jedoch auf jeden Fall anzuraten. Zusätzlich zu den Geschäften hat Inka noch mehrere Fabrikverkaufsstellen, in denen man die unterschiedlichsten Artikel aus wunderbar weichem Leder erstehen kann.

Vor einer solchen stoppt unser Bus und alle strömen in die Halle, um sich begeistert an Handtaschen, Schuhen, Geldbörsen und aparten Lederjacken zu erfreuen. Das Angebot ist qualitativ sehr hochwertig, die Preise allerdings zeugen von der enormen Fantasie der Geschäftsleute. Manche der Kurzjacken kosten mehrere tausend Euro. Trotzdem verfallen viele Touristen in den Kaufrausch. Ich dagegen verzichte, sogar ohne Bedauern.

Nachdem wir uns etwa eine halbe Stunde lang so die Beine vertreten haben, brechen wir zur Fahrt über die Berge nach Sa Calobra auf. Der Bus kämpft sich an den Steilhängen der Küste Serpentine nach Serpentine durch die verflixt engen Kurven höher und höher, entlang an den stetig karger werdenden Wäldern sowie an den bis nah an der Fahrbahn liegenden Steinhaufen vorbei, die aussehen, als ob sie von Menschenhand aufgetürmt worden seien.

Von der wilden Schönheit der Natur fasziniert betrachte ich die gewaltigen, schroff-bizarren Felsenformationen, die mich ein wenig an die Dolomiten erinnern. An manchen Felsen entdecke ich riesige Höhleneingänge. Mein Blick wandert über die kahlen Gipfel und die Felsplateaus mit den vereinsamten Nadelgewächsbüscheln und ich horche auf Laute aus dieser mystisch anmutenden Welt. Weder höre noch sehe ich Raubvögel, verwilderte Ziegen oder Hunde - nichts. Umso mehr zieht mich alles in seinen Bann.

Nach wenigen Kilometern erreichen wir den sogenannten ´Krawattenknoten`, eine Kehre um 270 Grad. Die Kurvenausfahrt verläuft unter der oberen Einfahrt hindurch. Nun führen uns die Serpentinen wieder talabwärts. Es fällt mir schwer, die friedliche Bergwelt wieder zu verlassen.

Nach weiteren zwölf Kilometern halten wir auf einem Parkplatz. Von dort aus schlendern wir auf einem befestigten Wege au diversen Ausflugslokalen vorbei entlang der malerischen Bucht. Schon erkennen wir den kleinen Kieselstrand. Er ist zwischen zwei riesige Felsformationen eingebettet und bildet die Flussmündung des ´Torrent de Pareis`.

Wir tappen durch zwei in den Fels geschlagene Gänge, erreichen so die Schlucht und machen einen kurzen Spaziergang am Strand. Es ist ein märchenhafter Anblick. Beidseits steigen gewaltige, steile Felsen hoch, dazwischen schillert tiefblau das Meer. Leider haben sich sogar hier viele Sonnenanbeter nieder gelassen. Ohne sie wäre dieses Erlebnis noch viel eindrucksvoller.

Mit dem Bus können wir Sa Calobra nur über die Serpentinenstraße MA-2141 erreichen. Andernfalls müssten wir übers Meer fahren.

Die Straße erstreckt sich über vierzehn Kilometer und überwindet einen Höhenunterschied von 780 Metern. Sie ist von dem italienischen Ingenieur Antonio Paretti geplant, dann im Jahre 1932 angelegt und ohne jeglichen Einsatz von Maschinen von Hand gebaut worden. Auch fehlen jegliche Stützpfeiler. Ausschließlich am Nus de sa Corbata, dem ´Krawattenknoten` mit der 270 Grad-Kehre, passieren wir eine Brücke.

Das winzige Dorf Sa Calobra (728m hoch) liegt etwa 32km nordöstlich von Palma und etwa einen Kilometer oberhalb der Cala de Sa Calobra (Bucht von Sa Calobra). An Sehenswürdigkeiten zeigt das Dorf den Platja de Sa Calobra, die Cala Tuent und das Kloster von Lluc mit seinem Museum, der Kirche sowie dem Hügel Pujol dels Misteris i de la Trobada. An manchen Tagen halten sich bis zu 34.000 Touristen im Ort auf.

Der steinige Strand von Sa Calobra erstreckt sich nur über fünfzig Meter, bietet aber mit dem nahen Baumbewuchs sehr viel Schatten. Deshalb herrscht dort ein reger Trubel. Bei hohem Wellengang aber ist das Baden wegen des felsigen Untergrundes nicht ungefährlich, zumal die Badezone nicht durchgehend von Rettungsschwimmern überwacht wird. Wir meiden jenes laute Treiben, marschieren stattdessen weiter in die Schlucht hinein, finden dort noch Ruhe und Stille und genießen die Schönheit der Naturlandschaft.

Nach einem kurzen Verweilen in der Schlucht gehen wir durch die beiden Felsengänge zurück auf den befestigten Weg entlang der Bucht und steigen kurz darauf die Treppe zum Hafen von Sa Calobra hinunter, in dem bereits ein großes Ausflugsschiff auf uns wartet, das uns nach Puerto de Soller weiter nördlich an der Westküste bringen wird.

Die gewaltigen Felsen der Schlucht bleiben allmählich in der Ferne zurück. Das Schiff tuckert in beachtlichem Tempo seines Weges. Hinter ihm spritzen die Wellen, übertüncht mit einer blendend weißen Gischtkrone, fast einen Meter hoch. Nach der etwa einstündigen Fahrt an der Küste an der Küste entlang steuern wir in den Hafen von Puerto de Soller.

Der Fischerhafen Puerto de Soller wird von Tausenden von Touristen besucht und so gibt es viele Cafes und Restaurants. Er entpuppt sich als der ideale Standort für Urlauber, die Bergwanderungen unternehmen wollen. Zusätzlich ist es noch bemerkenswert, dass man mitten im Rummel des Ortes sogar einen schmalen Sandstrand vorfindet.

- - In der näheren Umgebung von Puerto de Soller erreicht man mitten in den Bergen der Tranuntana Valldemossa, dass berühmteste und meist besuchte Dorf Mallorcas. Dort stehen original erhaltene Häuser aus dem 16. Jahrhundert und ein Kartäuserkloster mit einer interessanten Kirche. In dem Kloster kann man die Klosterapotheke, Originalmöbel aus der Zeit Chopins und weltberühmte Gemälde von Joan Miro und Pablo Picasso besichtigen.

Viele Cafes und Restaurants in der breiten Fußgängerzone vom Parkplatz bis hin zum Dorfzentrum laden zur genießerischen Rast ein. Die Souvenirs kauft man am besten im Geschäft Ca ´n Gotxo, das zusätzlich noch eine bekannte Schnaps- und Likörabteilung besitzt. Dort sollte man unbedingt den berühmten mallorquinischen Mandellikör probieren. - -

In Puerto de Soller verlassen wir das Schiff und schlendern an der Promenade ein wenig längs der Lokale wie auch den kleinen Souvenirläden. Eine halbe Stunde ist uns vergönnt, danach wird sich unsere Reisegruppe an der Haltestelle treffen, von der aus wir dann mit der Straßenbahn unsere Reise fortsetzen werden.

Deshalb schielen wir alle paar Minuten auf die Uhr, um ja pünktlich dort zu sein.

„Orientieren Sie sich an meinem Schirm!“, hat die Reiseleiterin angemerkt.

Also halten wir aufmerksam Ausschau nach ihrem gezähmten Regenbogen. Doch wir sind anscheinend mit Blindheit geschlagen und laufen denn zunehmend nervös im Zickzackkurs herum.

Dann:

„Daah!!“

Aufatmend rennen wir los und kommen noch gerade rechtzeitig an. Im Bummeltempo zuckelt die Bahn in Richtung der Stadt Soller.

Soller liegt im Nordwesten Mallorcas in einem quer zur Tramuntana-Bergkette verlaufenden, breiten Tal, das bis ans Meer reicht und 34 km von Palma entfernt. Sie hat ungefähr 13.500 Einwohner. Mit ihren Stadtpalästen im Kolonialstil, Neobarock und Klassizismus aus dem 16. und 17. Jahrhundert am Gran Via, der Hauptstraße, ist sie eine wahre Augenweide. Es gibt dort Fassaden aus Marés, elegante Toreinfahrten und Innenhöfe sowie Fensterstöcke mit kunstvollen Schmiedeeisenarbeiten.

Auch an Sehenswürdigkeiten mangelt es Soller nicht:

Die Pfarrkirche San Bartomeie (geb. 1236), ein ethnologisches sowie ein naturwissenschaftliches Museum und der botanische Garten. Zudem erinnert an dem im Jahre 1606 aus dem Can Mayol umgebauten Bahnhof eine Gedenktafel an Jeroni Estades, den Initiator der Soller-Bahn.

Das ethnologische Museum in der Celle de Mar zeigt traditionelle Einrichtungsgegenstände, Kleidung, Handwerkszeug, Instrumente, archäologische Funde wie auch Gemälde der Dauerausstellung, zum Beispiel einen Picasso und es finden dort auch Wechselausstellungen statt.

Der botanische Garten beherbergt heute ungefähr vierhundert heimische Pflanzenarten.

Soller lebt einerseits von der Olivenölherstellung und andererseits vom Handel mit Südfrüchten, die auf den die Stadt umgebenden, riesigen Plantagen wachsen. Es ist wahrlich ein exotischer Anblick für uns: Die Zweige der Bäume hängen schwer unter der Last der Zitronen und Orangen dicht an dicht. Immer wieder kommen wir an Olivenbaumpflanzungen vorbei. Unsere Reiseleiterin verrät uns, dass diese dunkelgrün belaubten Bäume sogar bis zu tausend Jahre alt werden können.

Kurz darauf warten wir am Soller Bahnhof gespannt auf den als ´roter Blitz` bekannten Zug, bei dem es sich um die älteste Eisenbahn Spaniens handelt. Er wird uns nach Palma bringen.

Bei dem nostalgischen Anblick der rötlich-braunen Holzwaggons fühle ich mich in frühere Zeiten zurückversetzt. Der Zug schleicht ähnlich langsam wie zuvor die Straßenbahn durch die idyllische Landschaft, durch winzige Dörfer hindurch und knapp entlang der schönen Orangen- und Zitronenpflanzungen. Die Früchte sind wirklich zum Greifen nah.

„Sollen wir vielleicht ... ?“

Nein, selbstverständlich nicht! Stattdessen bedenken wir sie nur mit einem wehmütigen Blick.

Dann erreichen wir das Tramuntana-Gebirge und die Bahn drängt sich nun eng an die Felsen. Sie passiert immer wieder Tunnel. Der größte von ihnen ist tatsächlich 2,9 km lang ist. Interessant ist es, dass der Zug im Tunnel eine 180 Grad-Kehre fährt und dann Soller bei Tunnelaustritt plötzlich auf der anderen Seite liegt.

Allmählich flachen die Felsen ab und wir fahren durchs Innenland bis zur Endhaltestelle des Zuges kurz vor Palma, die sich direkt gegenüber eines Busparkplatzes befindet. Noch ganz erfüllt von unseren Erlebnissen, machen wir zum Glück recht fix unseren Bus ausfindig, der uns dann wieder nach Cala Ratjada zurück bringt.

Es ist ein unvergesslicher Ausflug gewesen und gleichzeitig ein wunderbarer Abschluss für unseren Urlaub.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gaby Schumacher).
Der Beitrag wurde von Gaby Schumacher auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Auf den Schwingen der Poesie von Ilse Reese



70 Gedichte mit schwarz/Weiß Fotos eigener Gemälde

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie Reiseberichte Spanien

Weitere Beiträge von Gaby Schumacher

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Auf weiter Flur allein! von Gaby Schumacher (Gesellschaftskritisches)
3000 KM mit dem Mietwagen durch den Westen der USA von Jörg Schwab (Reiseberichte)
… 4.30 Uhr am Morgen von Egbert Schmitt (Glossen)