Frank Sperling

Augenblicke

Seit gut zweieinhalb Stunden waren sie schon in dem klimatisierten Reisebus unterwegs auf der Strecke von Aman nach Petra, der berühmten Felsenstadt in Jordanien. Tim sah gelangweilt aus dem Fenster, weil die Fahrt durch die Wüste wenig abwechslungsreich war.

Mit seinen Eltern gemeinsam machte er zwei Wochen Urlaub in Jordanien und heute saßen sie eine Reihe hinter ihm. Er hatte zwei Sitzplätze in dem nur zur Hälfte gefüllten Bus für sich alleine und konnte sich, wenn er müde war, ein wenig hinlegen und versuchen, zu schlafen. Schließlich waren sie schon in aller Herrgottsfrühe (in Jordanien sollte man wohl eher von Allahs Frühe sprechen) zu diesem Tagestrip aufgebrochen. Und er war ab und zu während dieser eintönigen Fahrt müde geworden und immer - aber nur kurz - eingenickt.

Plötzlich verlangsamte der Bus seine Fahrt und hielt wenig später an. Der Reiseführer wies per Mikrofon darauf hin, daß man eine kurze Pause einlegen wollte, um sich ein wenig die Beine zu vertreten und den herrlichen Ausblick zu genießen, den man von diesem Standort bereits in Richtung Petra hatte.

Tim überlegte eine Weile, ob er auch aussteigen sollte und - kurz entschlossen - folgte er auch den anderen Reiseteilnehmern an die frische Luft.

Er war noch auf der letzten oder vorletzten Bustreppenstufe als er sie erblickte - keine 50 Meter entfernt. Sie stand dort, an einen Baum gelehnt und schaute neugierig in Richtung des Reisebusses. Tim hat später nie erfahren, ob sie hier täglich auf den Bus wartete.

Als seine Beine den Boden berührten, hatte er den Eindruck, daß er auf Watte stand. Ihre Blicke hatten sich zunächst nur für einen Augenblick getroffen, da hat es ihn schon ergriffen. Ein heftiges Zucken durchlief seine Brust und ein angenehmes Wärmegefühl breitete sich aus. Sein Herz spürte er plötzlich heftig pochen und er rang nach Atem.

Auch sie schien der erste Blick getroffen zu haben, denn verlegen trat sie nun von einem Bein auf das andere und blickte immer wieder in Tims Richtung. Jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, ging dieses heftige Zucken durch Tims Brust und jedes Mal fühlte er sich leicht benommen, als ob er im nächsten Augenblick ohnmächtig werden würde.

Der Reiseführer begann über die Vergangenheit Petras einige Worte zu verlieren, Tims Eltern mochten daran ja Interesse finden, er aber bekam kein einziges Wort davon mit.

Beide konnten dem Blick nie lange Stand halten, schon nach wenigen Sekunden schauten sie verlegen zu Boden oder zur Reisegruppe, doch schon einige Sekunden später trafen sich ihre Blicke wieder. Tim hatte den Eindruck, daß sie rot anlief, aber bei ihrem kräftig gebräunten Gesicht war dieses nur schwer auszumachen.

Er spürte das Verlangen, sich ihr zu nähern, aber er traute sich nicht. Auch sie bewegte sich nicht von der Stelle und stand wie angewurzelt am Baum.

Die Sekunden wurden zu Minuten und die Minuten flohen davon, schon war die Pause zu Ende, die ersten Reisegäste stiegen wieder in den Bus ein, Tims Eltern riefen ihn, auch wieder hereinzukommen - anscheinend haben sie von dieser ganzen Szene überhaupt nichts mitbekommen.

Tim überlegte einen Augenblick, ob er sie wohl ansprechen sollte. Er spürte ein starkes Verlangen, sie kennen zu lernen, ja am liebsten würde er sie jetzt einladen und fragen wollen, ob sie nicht mit ihm in den Bus einsteigen und mitfahren könnte. Ihm wurde in diesem Moment gar nicht bewußt, daß sie ihn wohl gar nicht verstehen würde, ihn vielleicht, aber seine Sprache nicht.

Was aber, wenn sie seinem Wunsch gar nicht folgen wollte. Sicher hatte sie hier auch Freunde und Familie und würde sie die für diesen kurzen Augenblick des einander Verstehens, des Einsseins zurücklassen? Die Zeit drängte, die meisten Gäste waren schon wieder eingestiegen und er musste jetzt eine Entscheidung treffen.

Da verließ ihn plötzlich der Mut, und schliesslich folgte er den anderen Gästen so wie ein Schaf seiner Herde folgte. Plötzlich schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, was seine Eltern von dieser eben ersannten Idee wohl halten würden. Ganz bestimmt wären sie nicht erbaut, mehr noch, sie hätte es ihm sicher verboten, denn schließlich war Tim doch erst fünf Jahre alt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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