Ingrid Adler

Das blaue Kleid

Das blaue Kleid

Bewegte Gesichter, die doch nur die Leere wiedergaben, die sich in ihren Herzen befand.

Gedanken, die vorbeiziehen und doch nicht zum Verweilen zu bewegen sind.
Sie bewegte sich im Rhythmus der Musik. „Mercy“
Und ihre Lippen formten lautlos die Worte des Liedes… „I love you, but I stay cool…“
während sich ihre Hüften im Takt bewegten und die Scheinwerfer wie zufällig, über ihren Körper glitten. Die Augen geschlossen, ganz in Gedanken versunken, folgte sie einzig der Melodie, die sich wie von selbst, ihres Körpers bemächtigte, Besitz ergriff und so das tiefe Gefühl, das sich in ihr angestaut hatte, in Bewegung umsetzte. Freigebend was nicht mehr aufzuhalten war…
und bei jeder Drehung, jeder Bewegung, spürte sie seine Blicke, die sie durchdrangen. So viel tiefer. Es waren keine Worte nötig um zu wissen, woran er dachte, wenn er sie in ihrem Kleid fixierte, dünner Leinenstoff im tiefen blau, der sich eng um den Körper schmiegte und so verfüllte, was nicht vorhanden war. Allein die Schlitze an den Beinen machten die Bewegung um die eigene Achse möglich.
Wieder ein Spielchen, auf das sie sich eingelassen hatte und welches sie zu verlieren drohte.
Denn Gefühle sind das Gefährlichste an der Lust, der man sich ausliefert. Sie war allein gekommen und wollte sich eigentlich nur mal diese „Afterwork Party“ in München ansehen. Doch schon am Eingang kam sie sich eher wie in einer örtlichen Baggershow vor. Auf der Tanzfläche, waren Männer unterwegs, die jeder Schönheitskönigin Konkurrenz machen konnten, Tanzstil mäßig die Dirty Dancing Show blass erschienen ließen, abgesehen davon, das sie lieber Männer als Gewinn wählen würden. Und doch folgten ihr die Blicke, Köpfe drehten sich… doch sie nahm sie nur bedingt war.
Seine Präsenz ließ sie erschaudern. Ein Frösteln glitt über ihre Haut, er hatte es zwar nur am Rande mitbekommen, das sie vorhatte dort hin zu gehen und den noch war ER hier. Sie konnte ihn zwar nicht sehen, aber sie spürte seine Anwesenheit. Allein die Flucht auf die Tanzfläche und das Versinken in die Musik gewährten hier vorübergehend das Gefühl in Sicherheit zu sein.
Ein Duft in ihrer Nase, ließ sie die Augen öffnen, er stand vor ihr, unbeweglich, die Arme vor dem Körper verschränkt, hatte er sie beobachtet, wie lange? Und während sich alle um ihn herum drehten, tanzen und sich im Takt wiegten, nahm er ihren Kopf in seine Hände und küsste sie ohne ein Wort und die Musik spielte „Cry to me“ Ein Kuss der wie eine Ewigkeit zu dauern schien und doch kaum zu Ende, die bittersüße Wahrheit zum Vorschein brachte, das es kein Entrinnen gab, keine Möglichkeit sich ihm zu entziehen. Er umfasste ihre Taille und began im Takt der Musik sie zu drehen, ihr Körper folgte, seiner Führung, als ob sie nie etwas anderes getan hätten als zu tanzen und doch hatten sie es nie getan. Während der Stil wechselte, und die Bewegung sich automatisch der Musikrichtung anpasste, waren seine Augen nur auf sie gerichtet und ihre lasen in den Seinen… „Du gehörst mir.“
Tränen rannen ihr über das Gesicht, bei dem Gedanken an diesen einen Abend, als sie auch geweint hatte. Während sie sich liebten, war das Universum so nahe, als würde es sie umgeben. Schwebend, befreit von Raum und Zeit, schien sie den lila Sternennebel in dem breiten Farbspektrum zu sehen, zu spüren, wie alles in ihr implodierte um gleich darauf zu explodieren. Allein die Tränen die ihr ungehindert über die Wangen liefen, die Lippen die sie auf ihrem Gesicht spürte, ließen ihr die Realität wieder ins Bewusstsein sickern.

Hart waren die Liebesspiele, doch nach diesen Berührungen sehnte sie sich so sehr. War doch der Schmerz der damit verbunden war, lediglich der den die Seele widerspiegelte. Es würde kein nächstes Mal geben. Kein anderes Mal, würde sie das je wieder sie so empfinden. Die Einheit konnte nicht vollkommener vollzogen werden. Atome die sich anzogen und gleichzeitig abstießen. Gefangen in der eigenen Widersprüchlichkeit und doch wissend, das der andere es weiß und versteht.

Doch jetzt standen sie hier, die Musik war zu Ende, doch die Sehnsucht gleich wie beim ersten Kuss. Wenn es ihr gelingen würde zu fliehen, doch was würde es verändern. Ihre Erinnerungen würden ihr folgen. Ihre Gefühle wären dieselben. Das wurde ihr bewusst und er lächelte sie wissend an.

Zart war die Berührung, die während seine Hand langsam über den Stoff des Kleides glitt, vor noch so wenigen Tagen, ihre Haut erschaudern ließ.

Es gibt kein nächstes Mal. Ein Teil meiner Seele wird bei dir bleiben, doch ich muss nun gehen. Ich liebe dich, doch es gibt keine Zukunft für uns. Sie hatte verloren wieder einmal und konnte es doch nicht fassen, das so gekommen war, was sie geahnt und doch nicht wahr haben wollte. So war ihr die Flucht auch diesmal nicht geglückt und die Welt die er für sie geschaffen hatte, war zersprungen. Verteilt im Universum in dem sie sich nicht suchend gefunden hatten, um nun doch weiter zu treiben in eine ungewisse Zukunft.

Er zog sie in den Waschraum und schob ein letztes Mal ihr Kleid nach oben um sie seine Leidenschaft spüren zu lassen und auch ihre Frage nach dem Grund ließ er diesmal nicht unbeantwortet und stellte damit so viele Fragen in den Raum, mit der Sicherheit, diese nie zu beantworten. Der Trost den er spendete war bitter, umso mehr, als dass die Prognose eine Schwarze war…

Es gibt keinen anderen Mann der besser zu dir passt, nicht in diesem Leben.

Und während auf der Tanzfläche das Lied „Back to Black“ von Amy Winehouse erklang, verließ er den Raum, gleich einer Bühne auf der er seinen letzten Auftritt hatte und verschwand zurück zu IHR.

Sie strich ihr Kleid wieder glatt. Doch wie es in ihrer Seele aussah, wagte sie sich selbst nicht zu fragen, aus Angst vor der Antwort. So ging sie der Musik entgegen, wissend das wohl niemand der hier Anwesenden den Text so genau nachempfinden und mitsingen konnten wie sie…
(c) I.K.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ingrid Adler).
Der Beitrag wurde von Ingrid Adler auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gesichter in Stuttgart 2008 von Silvie Brucklacher



Gesichter in Stuttgart Das Gesicht einer Stadt wie Stuttgart prägen die Gesichter der in ihr wohnenden und wirkenden Menschen. Stuttgart selbst besitzt viele Gesichter und Facetten. So wie seine Einwohner: Junge und Alte, Männer und Frauen, Marktfrauen und Flaneure, Schauspieler, Politiker, Literaten und Kritiker, Menschen des Alltags und der Kunst, Prominente und ganz "normale" Persönlichkeiten, die in der Stille wirken. Sie alle hat Silvie Brucklacher vor ihrer mittlerweile legendär gewordenen roten Kulisse fotografisch eingefangen und in eindrücklicher Form portraitiert [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ingrid Adler

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Familienbesuch von Uli Garschagen (Wie das Leben so spielt)
Wenn fünf Katzen den Mensch erziehen von Margit Farwig (Wahre Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen