Mark R.

Die vergessene Medaille

Seine Wohnung wirkte furchtbar leer. Fast sein gesamtes Inventar war fort. Er besaß lediglich ein Bett, einen alten verkratzten Küchentisch und ein paar dazugehörige Stühle. Die Küche war versifft, eine Fassung ohne Birne baumelte von der Decke und ein alter Kühlschrank brummte laut vor sich hin. Bernd war fast sechzig Jahre alt, sein Leben lief trostlos an ihm vorbei.

Vor genau zwei Jahren hatte ihn Doris verlassen, wegen einem anderen. Bernd war Trinker, täglich brachte er es auf ein paar Flaschen Wein und billigen Schnaps.

 

Es gab auch andere Zeiten in seinem Leben, glückliche, fast schon glorreiche Zeiten. „Früher war alles anders“, sagte er gerne und genehmigte sich noch einen Schluck vom billigen Fusel. Der Stuhl, sein Lieblingsstuhl, auf dem er immer saß, knarrte laut vor sich hin. Er kippelte damit gern weit zurück, auf dem preiswerten Küchen-PVC konnte man schon deutliche Spuren davon erkennen. Einmal war er schon mit dem Kopf gegen die Fensterbank geschlagen, davongetragen hatte er eine ordentliche Platzwunde.

Das Telefon klingelte, eines der wenigen Dinge, die ihm noch geblieben waren.

„Ja“, sagte er.

„Ich bin´s, Maria, komm mal rüber. Ich hab ne Flasche Bourbon, die machen wir zu­sammen leer. Was hälste davon?“

„Jetzt?“, fragte Bernd und musste dabei etwas aufstoßen.

„Ja wie, jetzt? Wenn nicht jetzt, dann nie! Beeil dich und bring Eis mit.“

„Eis? Vom Italiener?“

„Ne, aus dem Kühlschrank. Ein bisschen Stil muss sein“, sagte Maria und legte auf.

 

Schon ein bisschen froh über Marias Anruf, stand Bernd auf und zog sich seine Jeans­hose an. Der Tag schien gerettet, Bernd hatte seit langem mal wieder eine Ver­abredung.

Er wollte gerade die Tür zuschlagen, als ihm die Sache mit dem Eis wieder einfiel. Kurz überlegte er, ob er überhaupt Eiswürfel dahaben würde. Bernd hatte sich nicht mehr um den Kühlschrank und seinen Inhalt gekümmert, seit Doris ihn verlassen hatte. Einzig und allein Getränke stellte er dort kalt, aus dem Eisfach hatte er nur hin und wieder mal eine Pizza gezogen.

Bernd lebte eigentlich nur von Leberwurstbroten mit Gurken. Ganz selten einmal gönnte er sich eine Pizza. Ein paar undefinierbare Tupperwaren kühlten seit Ewig­keiten im Eisschrank vor sich hin, er hatte sich nie die Mühe gemacht, einmal genauer nachzusehen. Ernsthaftes in der Küche zubereiten konnte er sowieso nicht, warum also all die Mühe.

 

„Gut“, sagte er und ging noch einmal zurück und machte den Eisschrank auf. Auf den ersten Blick fand er keine Eiswürfel, er musste dafür schon tiefer graben. Bei dieser Gelegenheit sah er sich ein paar undefinierbare Gegenstände etwas genauer an. Vom eingefrorenen Rotkohl bis hin zu einer Art Suppe fand er schließlich einen weißen Behälter mit gefrorenem Eis. Gerade als er diesen anheben wollte, erblickte er etwas Goldenes. Eingepackt in Zellophanpapier nahm er es genauer unter die Lupe. „Das kann doch nicht wahr sein, nein, das gibt es doch nicht“, stammelte er vor sich hin und nahm den Gegenstand heraus. „Da ist sie, meine Goldmedaille. Meine Goldmedaille von 1972 – olympisches Gold in München. Wie bist du denn dahin gekommen? Das darf doch nicht wahr sein…“, sagte er und ließ sich erstmal zurück in seinen Küchenstuhl fallen. Dieser krachte dabei so stark, dass Bernd sich an der Fensterbank abstützen musste. Ihm wurde schwindelig, im Kopf drehte sich so einiges und er nahm erstmal einen ordentlichen Schluck vom Fusel.

 

Bernd hatte sie damals in München in der 400 Meter Staffel als ganz junger Bursche gewonnen. Zugetraut hatte es ihm niemand, es war ein sensationeller Erfolg für ihn und seine Mannschaft gewesen. Danach war er noch ein paar Jahre weiter geschwommen, doch konnte er nie mehr einen ähnlichen Erfolg für sich verbuchen. Sein Leben verlief wie eine Achterbahn, nach dem Hoch kam erst einmal ein ganz großes Tief bis hin zur Heirat mit Doris. Als auch diese in die Brüche ging, war sein Absturz vorprogrammiert.

 

„Jetzt war sie all die Jahre im Eisschrank, und warum?“, fragte er sich und konnte es immer noch nicht glauben. Er wusste es wirklich nicht, verfluchte sich, Doris, sein ganzes Leben.

Als erstes rief er Maria an: „Du glaubst nicht, was ich gerade gefunden habe. Meine Goldmedaille, mein olympisches Gold von 1972. Weißt du wo? Im Eisfach! Wie kommt die dahin? Das kann doch nur Doris gewesen sein, was sagst du?“

„Doris? Wie kommst du denn darauf? Das hat dir doch der Teufel gesagt. Sie hätte niemals dein Ein und Alles versteckt, sie dir weggenommen. Du spinnst doch!“

„Wer denn sonst! Hast du eine Ahnung, was die wert ist? Pass auf, ich muss erstmal hier bleiben, muss mir ein paar Gedanken machen“, sagte er und legte wieder auf.

 

Bernd schüttete noch einen Tetra Pak in sich hinein und nahm sein letztes Geld und ging hinaus. Er irrte ziellos durch die Gegend, ohne sich wirklich Gedanken darüber zu machen. Mit dabei hatte er seine Medaille, tief vergraben in der linken Hosentasche.

 

Ein paar Stunden später fuhr der ICE in den Münchner Hauptbahnhof ein. Bernd hatte sein letztes Geld für billigen Schnaps und ein Ticket ausgegeben und begab sich völlig betrunken zum Ausgang. Er wurde getrieben von einer Macht, über die er keine Kontrolle mehr hatte. Wie eine Marionette wurde er gelenkt, hin zum Ort seines größten Triumphes. Immer wieder ging ihm dabei dieses kuriose Versteck durch den Kopf. Wer hatte ihm die ganze Zeit sein olympisches Gold vorenthalten?

 

Ganz allmählich dämmerte ihm eine Unterhaltung mit Doris, sie wurde immer gegenwärtiger.

Damals war Doris noch besorgt um ihn. Seine Trinkerei wurde immer heftiger, er verkaufte Omas alten Schmuck, seine komplette Plattensammlung und einen Teil seiner Möbel. Irgendwann, als er mal wieder völlig betrunken war, lief sie aus seiner Wohnung und rief etwas zu ihm hinauf: „Du kannst alles verkaufen, aber verkauf nicht deine Seele. Ein bisschen Stolz musst du doch noch haben. Ich kann dich nicht vor dir selbst beschützen, ich wollte dir nur helfen, eine große Dummheit zu begehen…“

Das waren die letzten Worte, die sie beide zusammen gewechselt hatten. Wenn er jetzt wieder darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass sie sich auch über diese blöde Medaille unterhalten hatten. Irgendwas war damit, vielleicht wollte er sie wirklich verkaufen? Jedenfalls hatte er sie danach nie mehr gesehen…

 

Vielleicht hatte sie ihn wirklich geliebt, ihn, den Menschen Bernd Klüger. Er war ihr einmal wichtig gewesen, sie wollte ihn vor einer größeren Dummheit beschützen. Er durfte sie nicht einfach weggeben, sie veräußern, zu Geld machen, vielleicht für ein paar Flaschen billigen Fusel. Die Medaille war mehr als nur ein Stück Gold, sie war die Rückfahrkarte in ein neues Leben. Doris hatte immer gehofft, dass er sich vielleicht irgendwann dessen besinnen könnte. Sie hatte es mehr als einmal betont, wie stolz er eigentlich auf sich sein müsste…

 

Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er völlig betrunken und frierend am Isar - Ufer stand. Nur einen Fußtritt weit weg lag seine Zukunft, sein Verderben oder seine Chance. Mit der linken Hand die Goldmedaille fest umklammert, ging er noch einen Schritt nach vorne und musste plötzlich laut rülpsen…

 

ENDE

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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