Anja Dieding

Und Märchen gibt es doch!

Kapitel #1

 
Daniel zuckte zusammen, als Leah die Wohnungstür mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen ließ. Das konnte ja schon nichts Gutes bedeuten. Er hielt es für besser, ihr erstmal Zeit zu geben um sich zu beruhigen, bevor er den Kopf aus der kleinen Küche streckte um sie zu fragen, was passiert war. Das etwas passiert war, da war er sich völlig sicher. Zwar wohnte Leah erst seit knapp zwei Monaten bei ihm, jedoch hatte er sie innerhalb dieser Zeit als eher ruhigen und relaxten Menschen kennen gelernt, den so schnell eigentlich nichts aus der Ruhe brachte. Und selbst wenn sie mal sauer gewesen war, hatte sie immer versucht das möglichst zu vertuschen um andere nicht in ihre schlechte Laune zu ziehen…eine Tür geknallt hatte sie noch nie. Nicht einmal ansatzweise. Ein schlechtes Zeichen, dessen war er sich sicher…

 
***

 

Leah war sauer…unglaublich sauer…so sauer, dass sie glatt ihre innere Ruhe über Bord warf, die hölzernen Treppen in dem Altbau, in dem sie mit ihrem Mitbewohner Daniel lebte, wie eine ganze Herde Elefanten hinaufstürmte und dann auch noch die alte Holztür zu ihrer Wohnung hinter sich zuknallte, dass sämtliches Glas in der kleinen Wohnung erzitterte.
Ohne, wie sonst, ein fröhliches „Hallo“ in die Wohnung zu werfen und auf ein Echo von Daniel zu warten, ging sie ihn ihr Zimmer, pfefferte die Tasche mit den Büchern, die sie über der Schulter getragen hatte, in eine Ecke und ließ sich auf die alte Couch, die sie vor einer Weile auf dem Flohmarkt erstanden hatte, fallen. Wütend starrte sie an die Decke.
Sie hatte nicht nur einen schlechten Tag…das heute war mit Abstand der grauenhafteste Tag seit dem letzten Silvester, dass sie allein, mit einer Dose Sprite und Dinner for One auf youtube verbracht hatte, als sie noch in den Staaten war…
Sie angelte nach der Fernbedienung die auf einem kleinen Tischchen hinter der Couch stand und schaltete den CD-Player an. Bald darauf füllte ein Streichorchester den Raum als sie in voller Lautstärke „Air“ von Bach hörte. Sie liebte diese Musik…irgendwie gelang es ihr damit immer wieder mal abzuschalten und über ihre schlechte Laune hinweg zu kommen und genau das brauchte sie jetzt. Vor allem nach dem, was dieser…dieser…Leah schüttelte den Kopf. Das brachte ja doch nichts…
 
***

 
Ah…Bach…Sie schien sich also langsam zu beruhigen. Daniel, der noch immer in der Küche stand und das Geschirr der letzten paar Tage abwusch, lächelte. Er setzte den Wasserkocher auf, nahm zwei der großen Bechertassen aus dem Schrank über der Spüle und goss schließlich, als das Wasser heiß war, Tee auf. Mit den beiden Tassen in der Hand machte er sich auf den Weg zu Leah. Wenn sie Bach hörte, war die größte Gefahr vorüber und er konnte es riskieren, sich ihr zu nähern, ohne, dass sie ihm eins ihrer gigantischen Bücher an den Kopf warf.
Die Tür zu ihrem Zimmer stand offen und sie lag, wie nicht anders zu erwarten, auf der urigen Couch, die sich so gar nicht in die übrige, moderne Einrichtung einfügen wollte, und starrte an die Decke. Daniel grinste und klopfte an den Holzrahmen, bevor er, ohne auf eine Reaktion von ihr zu warten, den Raum betrat, vor dem Sofa stand und geduldig wartete, bis das sie sich aufgesetzt hatte. Er ließ sich neben ihr nieder und lächelte. „Tee?“ Leah nickte und nahm ihm eine der Tassen ab. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, schließlich wandte Daniel sich an Leah: „Und…Soll ich irgendwen für dich umbringen?“ Leah sah ihn einen Augenblick lang zweifelnd und mit hoch gezogener Augenbraue an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. „Du und jemanden umbringen? Du weißt schon, dass Stefan mich immer bittet dich zu beschützen, wenn wir zusammen weggehen, oder?“ Daniel sah sie gespielt beleidigt an. „Ey…“ – „Nix ‚ey’! Als wenn du auch nur einer Fliege ein Haar krümmen könntest…“ – „Du doch auch nicht!“, unterbrach Daniel sie entrüstet. „Stimmt…aber ich bin auch ein Mädchen!“ – „…und ich bin schwul!“ Das ganze erschien beiden so lächerlich, dass sie wieder anfingen zu lachen.
Als sie sich schließlich beruhigt hatten, fragte Daniel: „Jetzt mal im ernst: Was ist passiert?“ Leah seufzte. „Ich hab dir doch von diesem Prof erzählt. Dem Geschichtsprofessor?“ – „Der, der sich andauernd an seine Studentinnen ran macht? … Jap, hast du. Was ist mit dem?“ – „Er hat mir heute erzählt, dass er darüber nachdenkt mich durchfallen zu lassen…“ – „Was? Durchfallen? Du? Du bist noch nie durch irgendeine Prüfung gefallen...“ Leah nickte. „Lass mich halt ausreden…Er denkt darüber nach mich durchfallen zu lassen, weil ich ihm zu unkonventionell denke…“ – „Was genau soll das jetzt wieder heißen?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube es passt ihm einfach nicht, wenn ich ihm sage, dass er, meiner Meinung nach, viel zu sehr in Schubladen denkt…So einfach ist Geschichte nicht…“ Daniel nickte. „Okay…und diese Drohung hat dich so wütend gemacht?“ Irgendwie konnte er sich das nicht vorstellen. Leah schüttelte den Kopf. „Nein…er hat mir erklärt, dass er es sich vielleicht noch einmal anders überlegen würde, wenn ich dafür bereit wäre, mal an einem Samstagabend bei ihm vorbei zu schauen!“ Daniels Kinnlade klappte für einige Sekunden fast bis auf seinen Schoß hinunter. Dann lief er rot an vor Wut. „Was??? So ein…ein…verdammt…mir fehlt das passende Wort…“ – „Schwein?...Arschloch?...Widerling?“, half Leah ihm aus. Er nickte. „Das trifft so ziemlich das, was ich sagen wollte.“ – „Dachte ich mir…“
Wieder saßen die zwei eine Weile schweigend nebeneinander und lauschten der Musik. „Ich hab Hunger“, kam es schließlich von Leah. „Ich auch“, erwiderte Daniel. „Nudeln mit Zucker?“, schlug Leah vor. „Nicht schon wieder!“ – „Reis?“ – „Hatten wir gestern. Wie wären Spaghetti?“ Leah schüttelte den Kopf. „Viel zu simpel!“ – „Ach… und Nudeln mit Zucker sind das nicht, oder wie?“ Ein breites Grinsen legte sich auf ihr Gesicht. „Nö!“ Daniel seufzte ergeben. „Okay, okay…Sollen wir beim Chinesen bestellen?“ Leah grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Die Idee hätte glatt von mir kommen können…“ Daniel lächelte. „Gut…dann werd ich mal bei Li anrufen…“ Er stand auf. „Wenn der arme Kerl uns nicht hätte, würde er bestimmt nur die Hälfte an Umsatz machen…“ Er verschwand aus dem Zimmer und Leah rief ihm noch nach: „Vergiss die Frühlingsrollen nicht!“
 
***

 
Eine halbe Stunde saßen die zwei in ihrem winzigen aber gemütlichen Wohnzimmer über gebratenen Nudeln und Frühlingsrollen. Leah war noch schnell unter die Dusche gesprungen und nun saß sie mit immer noch etwas feuchten Haaren gegenüber von Daniel am Tisch und widmete sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit ihrer Frühlingsrolle, als das Telefon klingelte. „Gehst du dran?“, fragte sie Daniel völlig überflüssiger Weise, denn ihren Mitbewohner konnte man durchaus schon als telefonsüchtig beschreiben. Andauernd hing er am Hörer und wenn das Telefon klingelte, kam Daniel erst gar nicht auf die Idee, dass der Anruf nicht für ihn bestimmt sein könnte.
„Hallo?...Ja, die ist hier…Ist etwas passiert?...Nein…Ich geb’ sie Ihnen…Moment…“ Leah sah zu ihm auf. Ihre großen grün-blauen Augen blickten ihn fragend an, als er ihr wortlos das Telefon reichte. „Ja?“ Eine Frauenstimme sprach am anderen Ende der Leitung. Sie klang aufgebracht. Leahs Augen weiteten sich immer mehr. „Papa hat WAS?...Das ist nicht dein Ernst!...Mama!...Nein…du solltest verdammt noch mal endlich zum Anwalt gehen!...Ach ja? Und was ist mit dir?...Und mit mir? Verdammt, wir müssen doppelt Miete zahlen…das sind achthundert Euro im Monat…“ Seufzend und mit einem verzweifelten Ausdruck im Gesicht ließ Leah sich auf den alten lila Sessel fallen, den sie und Daniel ebenfalls auf dem Flohmarkt erstanden hatten. „Ich weiß Mama…Ja!...Aber wenn nicht, dann werde ich das Geld einklagen…Gar nicht wahr, aber irgendwie muss ich doch mein Studium finanzieren!“ Sie fuhr sich mit einer Hand durch die langen kastanienbraunen Haare. „Okay…In Ordnung…Ja doch. Aber diesmal ziehst du es wirklich durch!“ Sie seufzte. „Ich dich auch…Grüß Oma und Opa von mir…Ja, bis dann! Tschüss.“ Leah legte auf. Eine Weile saß sie nur da und starrte ins Leere. Dann sprang sie schließlich auf, stürmte in ihr Zimmer, wo sie die Trainingshosen gegen eine Jeans austauschte und stieg in ihre dicken Winterstiefel. Sie griff nach ihrer Tasche und den Wohnungsschlüsseln und stürmte nur wenige Augenblicke später mit einer Mütze auf dem Kopf und einem scheinbar endlos langen Wollschal um den Hals aus der Wohnung, noch während sie damit beschäftigt war, ihren Mantel anzuziehen.
Bevor Daniel noch richtig wusste, wie ihm geschah, stand er allein in der Wohnung. Er seufzte. Eine leise innere Stimme sagte ihm, dass es klüger war ihr jetzt nicht nachzulaufen…Sein Blick fiel auf den Tisch. Die Hälfte von Leahs Frühlingsrolle lag noch immer auf ihrem Teller. Soviel zum gemütlichen WG-Abend…Seufzend begann er, den Tisch abzuräumen.
 
***

 
Konnte dieser Tag eigentlich noch schrecklicher werden? Wahrscheinlich nicht. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Sie betete inständig darum, dass sie morgen aufwachen würde und alles wäre nur ein Traum gewesen…
…Ein verdammt realer Traum! Mit einem leisen Scheppern stellte sie ihr Rad vor ihrem Lieblingspub ab und betrat die Bar. Viel war nicht los. War auch nicht weiter verwunderlich, schließlich war es erst Donnerstag. Außer einigen Studenten und ein paar Stammgästen war niemand hier. Und hätte sie nicht so einen absolut bescheidenen Tag gehabt, würde Leah jetzt wohl auch eher mit Daniel vor dem Fernseher sitzen, Chips essen und darüber philosophieren wer nun besser aussah: Orlando Bloom oder doch Johnny Depp – das ewige Streitthema in ihrer WG. Aber nach DIESEM Tag brauchte sie Ablenkung. Leah mochte die Bar. Sie war gemütlich. Eine Mischung aus typisch irischem Pub, einem Saloon aus einem klassischen Westernfilm und der Bar aus Coyote Ugly.
Auf ihrem Weg zur Bar zog sie die Wollmütze vom Kopf und öffnete ihren Mantel. Mit einer Hand strich sie sich die rotbraunen Haare aus dem Gesicht, während sie den Raum durchquerte.
Es saß niemand an der Bar, abgesehen von einer einzigen Person, die offenbar in eine Diskussion mit dem Barkeeper verstrickt war. Als Leah näher trat, konnte sie einige Wortfetzen auffangen. „No…no…kein Police…ich will nur ein…ein…shot…“ Leah musste grinsen. Irgendwie fand sie die Bemühungen des Fremden niedlich, zumal der Barkeeper nicht die geringste Ahnung zu haben schien, was er wollte. „Ich sag doch, ich hab keine Waffe…I don’t have a gun!“ – „Verdammt Nick, hör auf den armen Kerl zu vereimern. Er will einen Kurzen!“, wandte Leah sich an den Barkeeper, einer ihrer Kommilitonen, den sie des Öfteren in der Mensa traf. Nick grinste sie an, offensichtlich erfreut sie zu sehen. „Ich weiß, aber irgendwie macht es Spaß ihn so leiden zu sehen.“ Leah ließ sich auf dem Barhocker neben dem Fremden nieder und legte die Stirn in Falten. „Manchmal bist du echt ein Arsch…“ – „Hey…werd mal nicht frech. Was machst du überhaupt unter der Woche hier. Hattest du etwa Sehnsucht nach mir?“ – „Träum weiter, Nick. Jetzt gib dem armen Kerl endlich seinen Schnaps und mir auch…wo du grad schon mal dabei bist!“ Nick seufzte ergeben. „Okay, okay!“ Er stellte zwei Pinnchen auf den Tresen, die er mit einer klaren Flüssigkeit füllte und stellte je eins vor Leah und den Fremden. „Thanks!“ Leah, die gerade ihr Pinnchen mit einem Schluck geleert hatte, wandte sich dem Fremden zu – und sah in die blausten Augen, die sie je gesehen hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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