Monika Klemmstein

In Feindesschuhen

Es ist schon lange her. Sehr lange schon. Und doch hab ich es bis heute nicht vergessen.
Der Krieg war längst vorbei, aber das haben wir damals noch nicht gewußt.
Als wir nach Rußland zogen, war es Sommer, und wir glaubten alle an einen Sieg. Inzwischen war es Winter geworden, und wir glaubten kaum noch an einen Gott.

Wochenlang waren wir schon unterwegs, eine Handvoll zerlumpter, fast verhungerter und halb erfrorener Kameraden. Auf dem Weg durch das tief verschneite hintere Rußland Richtung Westen. Nur von dem einzigen Gedanken getrieben, endlich nach Hause zu kommen. Die letzte große Schlacht lebend überstanden, lag jetzt ein elender Marsch durch die eisige Kälte Rußlands vor uns.
Den Hunger spürten wir kaum noch, aber die erfrorenen Glieder ließen jeden Schritt schmerzen. Das Vorankommen durch den tiefen Schnee war mühsam. Der Atem gefror, kaum daß er als weißer Hauch unter dem durchlöcherten Schal entwichen war. Meine Hände waren blaugefroren. Um meine Füße hatte ich ein paar alte Lumpen gewickelt. Und vor uns lagen noch viele tausend Kilometer durch ein weites unbekanntes, weißes Land.

Wenn wir nach Tagen mal ein Dorf durchquerten, war es öde und menschenleer, ausgestorben. Entweder hatten die Truppen, die vor uns hier durchgezogen waren, alles geplündert, oder die russischen Bauern hatten selbst alle Ernte in den Scheunen vernichtet und ihre Höfe abgebrannt, bevor sie ihr Dorf verließen.
Wenn wir Glück hatten, fanden wir manchmal einen kleinen Verschlag, in den wir uns verkriechen und etwas ausruhen konnten. Wir legten uns eng beieinander, um uns gegenseitig in der Nacht zu wärmen.
Unser Jüngster, der Rudi, zog sich den letzten Rest eines völlig verlumpten Stiefels von seinem Fuß und begann, langsam auf der Sohle rumzukauen. Er schmatzte dabei, als hätte er ein heißes Stück Fleisch vor sich. Als wir am anderen Morgen aufbrechen wollten, blieb der Rudi zurück.
Seine aufgeweichte Sohle hielt er in seiner verkrampften Hand.
So zogen wir anderen vier Kameraden weiter. Weiter der Heimat entgegen. Weiter durch leeres Feindesland. Weiter durch den unendlichen Schnee.

Es muß so um die Weihnachtszeit gewesen sein. In der Ferne sahen wir die Umrisse eines Dorfes. Endlich mal wieder ein Unterschlupf. Wir humpelten auf das Dorf zu. Als wir in der Mitte des Dorfes ankamen, hörte ich plötzlich hinter einer Scheunentüre ein leises Wimmern. Vielleicht eine Katze, oder ein Köter. Egal was es war, auf jeden Fall was zu essen.
Ich schlich mich so leise ich konnte näher und umklammerte mein Gewehr. Ein oder zwei Kugeln mußten noch drin sein. Vorsichtig öffnete ich die Scheunentüre. Im Dunkel sah ich eine zusammengekauerte Gestalt auf dem Boden. Vorsichtig beugte ich mich über das Häuflein. Es war in Mensch. Ein russischer Soldat. Vertrocknetes Blut bedeckte den Platz um ihn herum. Ängstlich kniete ich mich neben den Russen und sah, daß er noch sehr jung war, vielleicht achtzehn oder noch jünger. Ich hielt meine eiskalte Hand gegen seine heiße Stirn, der Junge hatte hohes Fieber. Er zuckte zusammen und sah mich mit großen Augen an.
“Nicht erschrecken, ich tue dir nichts“, beruhigte ich den Jungen.
“Du Feind“ flüsterte er kaum hörbar.
Ich schob vorsichtig meinen Arm unter den Kopf des Jungen. Mit meinem eiskalten Körper kühlte ich seine fieberheiße Haut. So kauerten wir eine ganze Weile stumm beisammen.
Der Krieg und der Haß hatten den Weg in diese Scheune nicht gefunden. Hier gab es nur noch mich und diesen sterbenden russischen Soldaten.
Dann bewegte sich der Russe, richtete sich langsam etwas auf und versuchte, mir etwas zu deuten. Ich verstand nicht, was er wollte.
Mit letzter Kraft preßte er ein paar Worte hervor:
“Du nehmen, ich nicht brauchen mehr.“

“Was ich nehmen?“

“Stiefel, Mantel, alles!“

Dann sank sein Kopf nach hinten, aus seinem Mund kam kein Wort und kein Atem mehr.
Sacht legte ich ihn zurück und drückte ihm die Augen zu.
Nun stand ich allein in der dunklen Scheune. Was sollte ich tun? Hastig zog ich dem Toten seine Stiefel aus. Es waren gute, warme Stiefel. Ich zog die viel zu großen Stiefel an meine wunden, gefrorenen Füße. Schnell verließ ich die Scheune. Nur raus hier.
Mein Kamerad Hans ging dann noch einmal hinein und kam mit einem russischen Soldatenmantel wieder zurück.

Nach vielen, vielen Wochen überschritt ich als einziger Überlebender irgendwo die Grenze und ließ Rußland hinter mir.
Inzwischen war es Frühling geworden. Der Boden war matschig und tief. Meine Füße waren wieder in Lumpen gewickelt. Einer von meinen Feindesstiefeln steckte in Rußlands matschiger Erde und der andere hing ohne Sohle und mit Stofflumpen befestigt an meinem rechten Fuß.
Aber meine Füße spürte ich noch. Sie waren nicht abgefroren.
Wie viele tausend Kilometer war ich durch Feindesland in “Freundesstiefeln“ gelaufen?
Ich war gerettet. In einem Larazett wurde ich gesundgepflegt.

Den Stiefel hab ich nicht mehr. Als ich wieder genesen war und nach Hause durfte, war der Stiefel weg. Es hat ja niemand im Lazarett gewußt, daß es ein russischer Soldatenstiefel war, der in einer Weihnachtsnacht meine Füße gerettet hat, der vielleicht auch mich gerettet hat.

Monika A.E. Klemmstein

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