Hildegard Krause

Alles zu seiner Zeit

Es ist Mitte Oktober. In meiner Mittagspause schlendere ich durch die Stadt, und was ich da sehe, macht mich nachdenklich. Da rennen und hetzen die Menschen durch die Straßen und Ladenpassagen auf der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk. Aus allen Schaufenstern lachen mir die Schoko-Nikoläuse entgegen, in den Geschäften stolpere ich über Lebkuchen und Christbaumschmuck. Hab ich vergessen, einige Kalenderblätter abzureißen, oder fangen die tatsächlich immer früher mit diesem Weihnachtswahnsinn an? Ach ja, stimmt! Ich erinnere mich, dass ich in der Radiowerbung heute Morgen schon dieses nervige „Jingle Bells“ hören musste. Ein schöner Song, aber nervt mich bitte nicht jetzt schon damit!!! Schön wird der erst an Weihnachten.

Zurück im Büro schalte ich wieder das Radio ein. Sie spielen Lieder von Sommer, Sonne, Sand und Meer und besingen irgendwelche Juanitas und Antonios, denen sie in ihrem letzten Urlaub auf einer spanischen Insel tief in die Augen geschaut haben, und der DJ beschwert sich über die niedrigen Temperaturen draußen, während ich unsere Adventsfeier organisieren muss. Im nächsten Werbespot heißt es dann auch wieder: „Bald ist Weihnachten!! Jingle Bells, Jingle Bells...“ Hä? Ja, was wollen wir denn nun? Den Sommer zurück oder Weihnachten vorziehen? Sagen wir unseren Kindern nicht immer, sie müssten Geduld haben, bis der Weihnachtsmann kommt und ihnen Geschenke bringt? Und verbieten wir ihnen nicht, jetzt in Sommerkleidern rumzulaufen, so mitten im Oktober? Warum gehen wir dann nicht mit gutem Beispiel voran und boykottieren diese Weihnachts-Sommer-Verrücktheit?

Wieder zu Hause erwartet mich schon mein Mann und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass ich mir wünsche, einer dieser Antonios würde mich im Hausflur begrüßen. Wir schalten den Fernseher ein, wo die Moderatorin eines Nachrichtenmagazins meckert, weil der Wettermann gerade den ersten Schnee angekündigt hat. In der Reportage zuvor ging es um weihnachtliche Gerichte, und dieselbe Moderatorin hatte eben noch von dem süßen Duft nach Spekulatius und Zimtsternen geschwärmt. Nein, wir wissen wirklich nicht, was wir wollen, und auch mein Mann sagt, ihm wäre jetzt nach Lebkuchen und Glühwein. Aha! Auch er hat den Verstand verloren. Würde Antonio jetzt auch an Weihnachtsengel denken? Die Juanita heißen und im Bikini auf dem Weihnachtsbaum sitzen? Durch die Werbung hüpfen Weihnachtsmänner, danach läuft der Film „Die blaue Lagune“, und wir hängen wieder unseren Sommerträumen nach.

Ich liege im Bett und denke an all die verrückten Menschen draußen und habe einen Traum: Wir sind alle in die Karibik ausgewandert, liegen am Strand, halten unsere Juanitas und Antonios im Arm und feiern das ganze Jahr Weihnachten. Die Palmen sind mit bunten Kugeln, Lametta und Lichterketten geschmückt, der Weihnachtsmann kommt im Cabrio daher, trägt eine rote Badehose, sieht aus wie Ricky Martin und verteilt Glühwein und Cocktails. Die Lebkuchen schmelzen in der heißen Sonne, uns wird schlecht vom vielen Eis. Doch dann wird das den Menschen langweilig. Auf einer „Christmas Beach Party“ spielt eine Band „It´s raining again“, eine kaffeebraune Moderatorin bittet den Wettermann um etwas Schnee und wir fragen unsere Juanitas und Antonios „Sag mal, ist nicht auch irgendwann mal Ostern?“

Ich wache schweißgebadet auf, sehe meinen Mann neben mir, der zum Glück nicht Antonio heißt und nicht von einer spanischen Insel kommt. Ich stehe auf, schaue durchs Fenster und bin erleichtert, dass Mutter Erde diesen Weihnachts-Sommer-Wahnsinn nicht mitmacht und ich bin ihr dankbar dafür, dass sie uns heute einen schönen nebligen Oktobermorgen beschert. Wenigstens sie weiß, dass alles seine Zeit haben muss..

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.10.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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