Helga Rees

Bei Josephine (1959)

Viele Jahre sind vergangen, seitdem ich das Erlebnis meines Josephine-Baker-Abenteuers aufgeschrieben habe. Wir haben nun schon Frühjahr 2001 und ich bin gerade 65 Jahre alt geworden. Zeit, sein Leben zu reflektieren, wertfrei zu überdenken und sich auch an die seelische Verarbeitung nicht so erfolgreicher Begebenheiten im eigenen Leben heranzutrauen. Herauszufinden, wo solche Geschichten trotz Allem einen positiven Einfluß auf das weitere Leben hatten, und wenn es nur darum ging, schwierige Situation einfach auszuhalten und durchzustehen.

Mir fiel beim Durchsuchen alter Unterlagen eine Kopie meiner damaligen Aufzeichnungen in die Hände und ich entschloß mich, mir die Mühe zu machen, alles in den Computer einzugeben. Dabei konnte ich meinen Erinnerungen nachhängen und überdenken, ob ich mein Tun zur damaligen Zeit nachträglich für richtig hielt. Aber was eigentlich noch viel wichtiger ist, dabei festzustellen, daß jede Generation ihre Rebellenzeit hat, sie mehr oder weniger auslebt und man trotzdem im eigenen Lebensherbst nicht immer fähig ist, gelassen auf die praktizierende sogenannte junge Generation zu schauen, die gerade dabei ist, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln.

Bevor ich nun beginne, die alten Unterlagen zu kopieren, möchte ich die Hauptperson dieses Berichtes ein wenig vorstellen. Mir ist in diesem schnellebigen Fernsehzeitalter aufgefallen, daß durchaus nicht jedem die Künstler vergangener Epochen geläufig sind und mancher mit dem Namen Josephine Baker nichts anzufangen weiß.

Josephine Baker war ein Geschöpf der Goldenen Zwanziger Jahre. Eine farbige Nachtclubtänzerin aus dem amerikanischen Süden, die durch ihre Aktivitäten in der französischen Resistance während des zweiten Weltkrieges nach dem Krieg hoch geehrt wurde, u.a. mit dem Orden der Französischen Ehrenlegion und dadurch die Möglichkeit hatte, an ihre früheren Erfolge auf den europäischen Varieté-Bühnen anzuknüpfen. Nicht mehr als Go-go-Girl im Bananenkostüm, sondern in effektvollen großen Roben und choreographisch angemessen.

Nun aber meine Geschichte, die mit hochfliegenden Träumen begann und eigentlich in einem völligen Desaster endete. Zu Beginn sah alles wundervoll aus, die Wochenendbeilage meiner Heimatzeitung hatte mich auf die Idee gebracht.

Die malerischen Schilderungen des Dordogne-Tales im Südwesten Frankreichs begeisterten mich derart, daß es nur noch ein kleiner Gedankensprung war, die dort auf einem kleinen Schloß lebende Josephine Baker auf gut Glück hin anzuschreiben, ob sie für Ihre Adoptivkinder nicht eine Deutschlehrerin gebrauchen könne. Was keiner erwartet hatte geschah, ich bekam eine freundliche Zusage. Hier ging es natürlich nicht um den Job für eine examinierte Kraft, sondern mehr im au-pair-Bereich liegende Aufgaben, mit Talent Kinder an eine andere Sprache heranzuführen. Ich hatte einige Erfahrungen in England gesammelt und traute mir dies durchaus zu. Jedenfalls war ich unendlich glücklich und meine Phantasie eilte der Wirklichkeit weit voraus. Ich konnte kaum die Zeit erwarten bis zu meinem Abreisetermin. All´ meine Schritte waren beflügelt von der nahen Zukunft und ich lief dem Abenteuer mit offenen Armen entgegen.

Der Skandinavien-Express hatte in meiner Heimatstadt einen Haltepunkt. Auf seiner Fahrt nach Paris hielt er nur kurz an um Reisende einsteigen zu lassen. Alle waren still und müde, es war kurz vor Mitternacht. Etwas hochnäsig lehnte ich die freundliche Aufforderung eines älteren Reisenden ab, gleich im ersten Abteil das ich öffnete, Platz zu nehmen. Ich suchte weiter im Waggon, fand aber nur überfüllte Abteile, so daß ich wohl oder übel auf das erste Angebot zurückgriff und dankbar den Platz besetzte, den man für mich freimachte. Der ältere Herr gab sich alle Mühe, die Mitreisenden zu unterhalten und nach dem woher und wohin auszufragen. Da er es charmant machte, konnte man sich dem kaum entziehen und wir stellten fest, wie international der Zufall so spielen konnte. Zwei kamen schon aus Norwegen, ein Grieche war auch dabei, wir zwei Deutsche und ein Franzose vervollständigten die Gruppe, und für alle außer mir schien Paris das Ziel ihrer Wünsche zu sein. Es war keine geruhsame Fahrt, denn Zoll und Fahrkartenkontrollen wechselten sich laufend ab. Ging es doch in Vor-EU-Zeiten streng kontrolliert von Deutschland nach Belgien und dann nach Frankreich und überall wiederholte sich das Geschehen. Jedenfalls kamen wir recht müde morgens im Gare du Nord an und es regnete heftig.

Ich hatte nun drei Stunden Zeit, zum Gare d´Austerlitz zu kommen, von wo mich ein Schnellzug weiter in Richtung Bordeaux bringen würde. Mein viel zu großer Koffer war zu unhandlich, um damit U-Bahn zu fahren. Ich würde dieses unförmige Monstrum noch hassen lernen und nie mehr verstehen, warum ich so etwas habe kaufen können, das sich kaum mit zwei Händen bewegen ließ. Die Zeiten von Rollen und Stoff waren noch in weiter Zukunft. Es ging zwar viel hinein, aber was nützte es, wenn man ihn dann nicht mehr hochheben konnte. Mit der Hilfe einer netten Französin fand ich also den Taxistand und radebrechte mein Ziel, wo ich dann nach 20 Minuten quer-durch-die-Stadt-fahren auch heil ankam.

Irgendwie mußte ich nun meine Lebensgeister wecken. Ich gab meinen Koffer in der Gepäckaufbewahrung ab und suchte das Bahnhofsrestaurant, wo ich gemütlich frühstücken wollte. Der schwarze französische Kaffee und die trockenen Croissances waren jedoch noch sehr gewöhnungsbedürftig. Rückblickend klingen ja manche Einfälle verrückt, aber ich versuchte herauszufinden, ob ein Hallenbad in der Nähe sei, weil ich nun mal eine echte Wasserratte war und eigentlich auch noch bin, und mir die Wartezeit dafür zu reichen schien, während sie für eine Stadtbesichtigung zu kurz war. Erstaunlicherweise hatte ich mit meinen Fragen sofortigen Erfolg, ein Bad befand sich sogar im Bahnhofsbereich. Überhaupt nicht mißtrauisch folgte ich der Wegbeschreibung und fand mich nach kürzester Zeit in einer öffentlichen Badeanstalt wieder. Tja – nur war es eben kein Hallenbad, sondern eine im Jugendstil erbaute Halle, in der es Badezimmer gab mit riesigen altmodischen Wannen, die man mieten konnte mit oder ohne Massage. Es sah alles viel zu klinisch sauber und bürgerlich aus, um etwas Zweideutiges zu unterstellen. Ende der fünfziger Jahre waren das auch Einrichtungen, die es in Deutschland gab. Ich genoß es also, mir den Reisestaub von Körper und Seele zu waschen und schlenderte danach durch den nahen Jardin des Plantes, dem Botanischen Garten von Paris mit dem dazugehörigen Zoo und ließ mich von spätsommerlichen Sonnenstrahlen verwöhnen, die dann doch noch herausgekommen waren um mir die ersten Eindrücke von Paris zu verschönern.

Um Punkt 12 Uhr mittags ging mein Zug in Richtung Süden. Limoges in der Limosin war mein erstes Ziel. Es liegt südlich der Loire und ist wegen seiner Keramik- und Porzellanmanufaktur ebenso bekannt wie wegen seiner Rinderzucht. Dort sollte ich, nein wollte ich, Freunde besuchen. Doch waren es bis dorthin noch gut 5 Stunden Zugfahrt durch die französische Provinz. In Orleans hielt der Zug zum erstenmal. Nun fuhren wir auch ab und an schon an schönen, schloßartigen Landsitzen vorbei. Limoges erreichten wir dann am frühen Abend über die im Stadtbereich unterirdisch verlegte Bahntrasse. Der Bahnhof von Limoges war sehr beeindruckend, ein imposanter Kuppelbau unverhältnismäßig groß zu den umliegenden städtischen Gebäuden. Ein zu seiner Zeit wichtiger Repräsentationsbau in der Provinz. Jedenfalls war ich sehr beeindruckt, aber auch von der Einladung zu einem französischen Abendessen in einem sehr anheimelden Restaurant: zum erstenmal Artischocken, zum erstenmal Meeresfrüchte, alle Gänge genüßlich französisch über eine lange Zeit und nachher ein wunderschönes Hotelzimmer mit einem damals noch unvorstellbar breitem französischen Bett, in dem ich mich morgens natürlich quer wiederfand, weil ich an solche Dimensionen einfach noch nicht gewöhnt war.

Der Tag begann mit einer ausführlichen Stadtbesichtigung. Da ich selbst aus einer Industriestadt stammte, beeindruckte mich die intakte mittelalterliche Innenstadt, noch mehr aber die römischen Brückenpfeiler über die Vienne, und die großartige gotische Kathedrale. Buntes Markttreiben und die Andersartigkeit der Menschen im Umgang miteinander ließen mich nicht müde werde, alles zu beobachten.

Von Limoges aus fuhr ich mit einem Schienenbus weiter meinem Ziel im Dordogne-Tal entgegen. Schienenbusse waren zur damaligen Zeit etwas Neues. Ich kannte sie noch nicht aus meinem persönlichen Umfeld, wo große Menschenmassen transportiert werden mußten, und mir der ländliche deutsche Bereich, wo das wahrscheinlich genau so üblich war, zu dieser Zeit noch fremd war. Es war die Zeit vor dem großen Motorosierungsboom, und das Anders- oder Fremdartige fiel einem noch sehr auf.

Je näher ich meinem eigentlichen Ziel kam, desto unruhiger wurde ich. Was erwartete mich? Les Milandes, das Schloß der Josephine Baker an der Dordogne, ca. 100 km östlich von Bordeaux. Ein Auto sollte mich am Bahnhof erwarten. Hoffentlich!! Wagte ich im Zug nur zu denken. – Langsam kam die Dämmerung auf.

In dem Städtchen Sarlat an der Dordogne mußte ich umsteigen auf eine noch kleinere Nebenstrecke, wo nur 2 Zugpaare pro Tag fahren, zweimal in jeder Richtung, einmal morgens, einmal abends. Gottseidank fand ich freundliche Helfer, die mir den viel zu schweren Koffer trugen, die mir den richtigen Bahnsteig und den Zug zeigten, in den ich einzusteigen hatte. Das klingt alles sehr einfach und harmlos, spiegelt aber nicht meine innerlichen Ängste vor dem Unbekannten. Der Mut vor der eigenen Courage schien mich zu verlassen, und auch die Müdigkeit nach schlafloser Nacht im Zug und Aufenthalt in Paris zollte langsam ihren Tribut. Alle im Zug schienen zu wissen, wohin ich fuhr. Nur 4 Stationen trennten mich vom Ziel meiner Reise. Hinter einer Kurve sah ich einen hellen Fleck oben auf einem Felsvvorsprung und der Schaffner gab mir zu verstehen, daß das Les Milandes sei.

Castelnaud, mein Reiseziel war nun die nächste Station. Jetzt wurde ich doch langsam nervös. Ich malte mir aus, wie das Treffen wohl vor sich gehen würde. Der Zug hielt an. Ich half erst noch einer alten Frau aus dem Zug und griff dann meinen überschweren Koffer. Da kam aber schon ein Mann auf mich zu und fragte, ob ich nach Les Milandes wolle. Ich bejahte und er nahm meinen Koffer und trug ihn zu einem Peugeot draußen vor dem Bahnhofsgebäude. Es war mittlerweile stockdunkel und ich betete im Stillen, nicht nach Marokko entführt zu werden. Aber es war besser, meine Seele fallen zu lassen und zu warten, was auf mich zukam, die innere Aufregung führte ja doch zu nichts.

Schon bald fuhren wir an einer großen Außenanlage vorbei, wo mir der Fahrer zu verstehen gab, daß dies das Sommertheater der Josephine Baker sei. Dann fuhren wir eine hellerleuchtete Allee entlang zum Schloß. Es sah sehr, sehr romantisch aus. Von Scheinwerfern angestrahlt erkannte ich, daß es nicht nur ein Gebäude war, sondern eine Art Dorf mit Hotel, landwirtschaftlichem Betrieb, Museum und Häuser für die Angestellten. Das Schloß selbst war von der Dorfseite her hinter einer Mauer verborgen.

Wir fuhren durch das schmiedeeiserne Tor in den Eingangsbereich, wo mehrere Leute mich erwarteten. Eine ältere Frau, mit einem riesigen Schlüsselbund am Gürtel machte mich mit allen anderen bekannt und sagte mir auch, daß Madame Baker zur Zeit nicht im Hause sei sondern mit ihrem Mann Jo Bouillon in Paris weile. Nun, dachte ich, das wird sich schon alles irgendwie finden, im Augenblick war ich nur furchtbar müde und all meine Energie weg. Man wollte mir aber doch noch die Kinder zeigen und wir stiegen durch ein kostbar eingerichtetes Treppenhaus zum oberen Stockwerk hinauf. Auf den einzelnen Etagen zeugten halbhohe Gittertüren von der Anwesenheit der Kinder. Dann gingen wir einen langen Gang entlang auf eine große Tür zu.

Wir traten in einen sehr hohen, hellblau getünchten Raum, der von einem Nachtlicht leicht erhellt war. Dann sah ich eins, zwei, drei – neun Bambusbettchen und ein Gitterbett für ein Baby. Nun wußte ich endlich, wie viele Kinder es wirklich waren. - (In den Jahren danach wurden noch zwei Kinder dazu adoptiert, so daß es letztlich 12 Kinder waren) – Wir gingen von Bettchen zu Bettchen, aus jedem schaute mich ein anderer Erdteil an. Es waren Josephine´s sogenannte Regenbogenkinder. Das große Bad der Kinder befand sich seitlich in einem der Schloßstürme. Bald darauf bekam auch ich mein Bett in einem Raum mit einer Kindergärtnerin. Erschöpft schlief ich schnell ein und ließ das Fremdartige erst gar nicht in mich eindringen.

Morgens dann sah ich alle 10 Kinder voll in Aktion. Der kleine Koffi war von der Elfenbeinküste, Akio, war ein koreanisches Kind und der Älteste, Jeannot war Japaner. Sein Name wurde geändert, weil sein ursprünglicher Name zu schwer auszusprechen war. Aus Kolumbien war der dunkelhäutige Luis, der 8 jährige Finne Jari war dagegen extrem hellhäutig und weißblond und außerdem schrecklich jähzornig. Moise war ein Israeli und auch 8 Jahre alt, nur Jean-Claude war ein echter Franzose. Brahim war ein süßer kleiner Berberjunge von 5 Jahren mit bronzefarbener Haut und kohlschwarzen Augen. Marianne ist das einzige Mädchen in dieser Schar, ihre französischen Eltern wurden während des Aufstandes in Algerien umgebracht. Der Jüngste war Mara, ein kleiner Indianerjunge aus Caracas.

Diese Kinder repräsentierten 4 Hautfarben und 7 Religionen und doch wissen sie bis jetzt nur voneinander, daß sie Bruder und Schwester sind. Hier wird der Versuch unternommen, Menschen aller Rassen und Nationen als Brüder zu erziehen. Ob es gelingt, wird die Zeit zeigen. Die Umgebung und der Lebensstandard werden viel zum Gelingen beitragen.

In erster Linie ist es das Werk einer Frau, der durch die eigene harte Kindheit die Augen geöffnet wurden für das Leid anderer, die Haß und Feindschaft in der Welt symbolisch in ihrer Familie töten will, die
zeigen will, daß Frieden möglich ist, wenn wir alle wie Brüder und Schwestern handeln.

Um diese Kinder drehte sich alles im ganzen Haus.

Doch bevor ich von dem Leben mit den Kindern erzähle, möchte ich das Umfeld ein wenig näher beschreiben. Das Schloß Les Milandes ist die ehemalige Sommerresidenz eines französischen Adelsgeschlechts. Es liegt auf einem Kalkfelsen oberhalb des Dordogne-Tales. Das Hinterland ist eine Hochebene auf der intensive Landwirtschaft betrieben wird. So ist das Schloß wohl der imposanteste, nicht aber der einzige Bau, sondern, wie vorab schon einmal erwähnt, besteht der ganze Komplex aus vielen verschiedenartig genutzten Gebäuden. Dazu gehört ein gutgehendes Hotel, eine romantische Dorfstraße an der sich auch ein Museum befindet, in dem die größten Erfolge von Josephine Baker lebensgroß als Wachsfiguren in Originalkostümen dargestellt sind. Ein wenig Zeitgeschichte „of the roaring twenties“ in Europa, verkörperte die Baker doch den Zeitgeist zwischen den beiden Weltkriegen par excellence.

Unterhalb der Schloßanlage, unmittelbar am Ufer der Dordogne befindet sich ein großer Park. Hier findet man alles, was ein Touristenherz begehrt. Ein Kleintierzoo und ein großer Spielplatz sorgte für das Vergnügen der Kinder. Ein im afrikanischen Kral-Stil gebautes Motel und ein großes Freischwimmbad ließ auch viele Durchfahrttouristen hier anhalten, zumal an Sommerabenden täglich ein unterhaltsames Programm auf der überdachten Freilichtbühne geboten wird, auch eine Tanzkapelle gehört dazu. Und so tut das Business-Unternehmen Les Milandes viel, Touristen anzulocken. Abends wird das Schloß auf dem Felsvorsprung angestrahlt und sieht dann so zauberhaft romantisch aus, daß man nur zu gerne erfahren möchte, wie es drinnen aussieht oder wie das Leben dort oben abläuft.

Josephine Baker ist verheiratet mit dem Dirigenten Jo Buillon. Sie bewohnt das Schloß mit ihren Kindern und den Menschen, die sie dazu braucht, den täglichen Ablauf in so einer großen Familie zu bewältigen. Das Schloß kann nicht besichtigt werden, wohl aber gegen Eintritt ein Teil des Schloßparks.

Vom Haupteingang führt eine großzügig geschwungene Wendeltreppe hinauf in die oberen zwei Stockwerke. Die Wände des Treppenhauses sind geschmückt mit sehr schönen handgewebten Teppichen, Ritterzeituntensilien, wie Schwerter, Lanzen und sehr gut erhaltenen Ritterrüstungen in einigen Mauerwinkeln. Schöne große Vasen mit frischen Blumen stehen auf mehreren Treppenabsätzen. Als Lampen sind alte, schmiedeeiserne Laternen an den Wänden angebracht und an jeder vollen Rundung öffnet sich eine schwere Eichentür zu den repräsentativen Räumen des Hauses. So ergibt sich ein hübscher Erstanblick in ein mit viel Liebe und Geschmack eingerichtetes großes Haus.

Die untere große beschlagene Eichentür führt in einen sehr schönen Speisesaal mit niedriger Kastenholzdecke und einem riesigen Tisch mit schweren Stühlen, edlen Lüstern, großem offenen Kamin und vielen Bogenfenstern auf beiden Seiten. Schwere Plüschportieren ließen nur soviel Licht in den Raum, daß es dem Auge angenehm war.

Im ersten Stock befindet sich dann unter anderem der phantastisch anzusehende sogenannte Festsaal. Herrliche alte Gemälde in schweren Goldrahmen hängen an den Wänden, darunter schöne alte Truhen. Ein großer Kamin am Ende des großen Raumes war jetzt im Frühherbst geschmückt mit Dahlien und anderen langstieligen Herbstblumen. Optisch aufgeteilt durch mehrere schwere Sitzpolstergarnituren um intarsienverzierte niedrige Tische wirkte alles gemütlich-wohnlich, wozu auch die duftig-weißen langen Tüllgardinen vor den hohen Fenstern beitrugen.

Dahinter befand sich die Bibliothek, offensichtlich der Lieblingsaufenthaltsraum des Hausherrn und der Hausherrin. Bücher bis an die Decke, Tische mit Magazinen und Karten, ein übervoller Schreibtisch, doch auch hier Kamin und gemütliche Sessel zum Entspannen und Regenerieren. Hier entstand auch das Kindermärchenbuch „La Tribu Arc-en-Ciel“ - Das Regenbogenvölkchen - das das Leben der Josephine Baker mit ihren Kindern aus aller Welt erzählt.

Es gibt viele schöne Räume in dem Schloß. Jedes der vielen Schlafräume hatte eine andere Hauptfarbe mit einem entsprechend gekacheltem Bad. Die Betten halt französische Doppelbetten mit wunderschönen Tagesdecken und manche mit Baldachinen, was mich wahnsinnig beeindruckte. Das oder besser die Schlafzimmer von Josephine und Jo Bouillon waren gleichsam ein geschlossenes Apartment in einem der Schloßflügel, ungemein prächtig mit begehbaren Schränken, indirekter Beleuchtung und einem Luxus, den ich bisher nur aus Filmen kannte.

Das Reich der Kinder befand sich im zweiten Stock. Rund um die Uhr wurden sie von zwei examinierten Kindergärtnerinnen und einer Gouvernante betreut. Gelegentlich kam für eine begrenzte Zeit eine Ausländerin hinzu, die dazu bestimmt war, ihre Heimatsprache den Kindern spielerisch näher zu bringen. In diesem Fall war das ich und es lag an mir, mir ein Konzept auszudenken, mit dem ich dem angestrebten Ziel am nächsten kommen konnte.

Eine Köchin sorgte für das leibliche Wohl, mehrere Hausmädchen sorgten für Sauberkeit, über allen stand die Kastellanin, die als ihr Markenzeichen einen großen Schlüsselbund am Gürtel trug, ihr Mann war für alle mehr oder weniger technischen Dinge in dem großen Haushalt zuständig. Die Kinder und das ganze Personal trafen sich morgens zum gemeinsamen Frühstück in der riesigen Küche, mit Messing- und Kupfergeräten an den Wänden, großen Arbeitsflächen rundherum und in der Mitte ein riesiger Tisch mit zahllosen Stühlen, die aber in einer ganz hierarchischen Ordnung besetzt zu sein schienen. Jedenfalls setzte sich niemand in die beiden hochlehnigen Holzsessel an den beiden Kopfenden.

Zu dieser Zeit hatte Josephine Baker ein Engagement im Pariser Olympia-Theater, einem berühmten Varieté. Jeden Dienstag kam sie nach Les Milandes um nach dem Rechten zu sehen. Sie brachte immer einen Schwarm Reporter mit, die die Kinder filmten oder versuchten sie zu interviewen. Ich konnte nur staunend danebenstehen und mich wundern wie man erwarten konnte, daß diese Kinder wie ganz normale Kinder aufwachsen sollten.

Die sechs Ältesten, nämlich Jeannot, Jean-Claude, Moise, Luis, Jari und Akio werden jeden Morgen mit den übrigen Dorfkindern in die nächstgelegene Schule gefahren und am spätnachmittag wieder heimgebracht. Die vier Jüngsten, nämlich Mara, Brahim, Koffi und Marianne schlafen ein wenig länger und spielen dann im Park oder werden spazieren geführt.. Auch das lockt wiederum Besucher und Reporter an. Wie kleine Weltwunder im Zoo betrachtet man den schwarzen Koffi, den bronzenen Brahim und den braunen Mara. Marianne ist das einzige Mädchen und setzt sich bei diesen Gelegenheiten mächtig in Szene, weil sie schon mitbekommen hat, daß sie dann besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Da man Sponsoren aus der Nahrungsmittel- und Bekleidungsindustrie zur Finanzierung des ganzen Projektes hatte und zufriedenstellen wollte, lief an Wochenenden bei gutem Wetter ein ganzes Scenario für die zahlreich zuschauenden und zahlenden Parkbesucher ab. Die Kinder bekamen ihre Mahlzeit draußen serviert und wurden danach animiert, in der Nähe des Tores mit möglichst altem und vergammeltem Spielzeug zu spielen, um das Mitleid und die Spendenfreudigkeit der Zuschauer anzuregen. Die wiederum versuchten, die Kinder nach Name, Alter und Nationalität auszufragen und offensichtlich schien sich keiner der Erwachsenen auf beiden Seiten der Gefahr bewußt zu sein, daß die Entwicklung der Kinder Schaden nehmen könnte.

Während im Park sowohl Kleidung als auch Spielzeug der Kinder möglichst ärmlich aussehend verwendet wurde, lief für die Film- oder Fotoreporter der Sponsoren alles nach einem anderen Plan. Dann wurden die neuesten Kreationen der Kinderbekleidungsindustrie angelegt und das zu dem Zeitpunkt modernste Spielzeug ausgeteilt, damit die nun entstehenden Fotos oder Werbefilme sowohl der beteiligten Industrie als auch der alternden Künstlerin Josephine Baker einen starken zusätzlichen Werbebonus einbrachten. Hier wusch offensichtlich eine Hand die andere. Mir fiel es wie Schuppen vor den Augen. Es war der sogenannte Blick hinter die Kulissen, der mich schockte.

Der Öffentlichkeit wurde die großherzige und aufopfernde Pflegemutter vorgespielt, während es in Wirklichkeit ein Versuch war, die lahmlaufende Karriere warm zu halten, ja sogar die Kinder als Bühnenhintergrund benutzend mit einzubeziehen. Neben der eingespielten Crew von Schmarotzern, die sich im Schatten von Künstlern ihr Nest warm halten, war es die kommende und gehende Schar von Idealisten mit Helfersyndrom, die von der Illusion der Regenbogengroßfamilie unter einem Dach angelockt wurde, um an der Verwirklichung einer Vielvölkerfamilie teilzuhaben.

Es war ein regelrechtes Operettentheater mit Hauptrollen, Nebenrollen und Statisten, wovon ich einer war. Madame de la Chateau war die Oberhofmeisterin, die schlüsselrasselnd überall nach Ordnung schaute. Sobald Josephine aus Paris erwartet wurde, verbreitete sich emsige Geschäftigkeit. In den dunkelsten Ecken wurde staubgeputzt, selbst im Bügelzimmer neben den Schlafräumen der Kinder wurden die Bügeleisen in Reih und Glied gestellt. Die lässige Kleidung des Hauspersonals wurde in adrette Outfits ausgewechselt: der Star konnte kommen, alles war bereit...

Fast jeder im Haus sah es als Chance und als gute Referenz für die Zukunft an, im Hause von Madame Baker beschäftigt zu sein. Die Liebe und Aufopferung, die Josephine verlangte, wurde ihr vorgespielt, solange sie im Schloß weilte. Mit eindringlichen Worten versuchte sie, ihre Ansichten über Erziehung und Pflege ihrer Kinderschar zu verdeutlichen, ohne allerdings zu bemerken, daß auch sie selbst nicht unbedingt ihren Anforderungen entsprach. Irgendwie wurden die Kinder gut vermarktet, das war eigentlich alles. Ein größerer Verwaltungsstab unter der geschäftstüchtigen Führung von Frau Baker sorgte dafür, daß der Gutshof, der Zoo, das Sommertheater, das Hotel und das Museum zusammen mit Sponsoren genug Geld abwarfen, ein gehobenes Bürgertum-Leben zu finanzieren.

Josephine Baker ist unbedingt eine symphatische Frau, eigentlich sogar lieb, die an ihre Berufung als Mutter so vieler Kinder glaubt, die aber von den Zwängen des Showbusiness geprägt ist alles zu tun, um am Ball zu bleiben. Diese Diskrepanz ist für den kritischen Beobachter klar zu erkennen, während sie sich der Illusion hingibt, an allererster Stelle eine gute Mutter zu sein. Tatsache ist aber, daß sie selten daheim ist und die Erzliehung ihrer Kinder ihrem Personal überläßt.

Jeder innerhalb der Schloßgemeinschaft versucht einen möglichst wichtigen Platz in der hierarchischen Ordnung einzunehmen, dazu werden Intrigen inszeniert und Grüppchen gebildet. Das von der Chefin angestrebte Ziel – ein Dorf der Brüderlichkeit, ein Weltdorf zu sein, stößt auf Widerstand. Nach außen wird versucht, den Eindruck zu erwecken, es funktioniert, daß ein Vielvölkergemisch auch der Angestellten friedlich zusammenleben kann. Hier spricht man Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch gleichberechtigt nebeneinander, doch schon hier bilden sich natürlicherweise die Sprachcliquen. Im Interesse aller wird Josephine vorgespielt, es funktioniere und sie glaubt daran oder gibt auch sie das nur vor?

Jedenfalls wurde es für micht sehr schwierig, in diesem intriganten Umfeld nicht meine Selbstachtung zu verlieren. Was nützte die herrliche Gegend im Südwesten Frankreichs, was das Leben auf einem Schloß, was die Möglichkeit, von den Fremden mitbewundert zu werden. Es war wie ein Zirkus in dem wir alle mitspielten. Ich sah mit einem weinenden und einem lächelnden Auge die Unmöglichkeit des Versuchs, eine ganz normale Familie zu sein. Die Kinder sehen ihre sogenannten Eltern sehr selten, die geben vor, für den Unterhalt sorgen zu müssen. Was diese Kinder aber bräuchten, ist echte Liebe bzw. Gefühle und nicht nur eine wenn auch herzliche spontane Umarmung im Beisein vieler aus Paris angereister Reporter. Im Umgang mit den Kindern spürt man die Unausgeglichenheit, die nicht verarbeiteten seelischen Belastungen frühester Kindheit, den Kindern fehlt eine einheitliche Bezugsperson und nicht die gesplitterte Aufmerksamkeit so vieler.

Mein Entschluß stand fest, ich würde dieses schöne Schloß, dieses kostbar eingerichtete Klein-Appartment verlassen. Wohin? Noch wußte ich es nicht. Zu meinen Eltern zurückzukehren fühlte ich mich noch nicht stark oder noch nicht geschlagen genug, sie hielten sowieso nichts von meinen Selbstverwirklichungsversuchen. Wahrscheinlich versuchten viele Eltern in dieser Zeit gegenzusteuern indem sie jede Art Unterstützung versagten . Das machte die Situation noch besonders schwierig.

Nun, ich packte meinen viel zu großen und viel zu schweren Koffer und verabschiedete mich von allen und von den Kindern. Ein wenig traurig war ich schon, daß die vorgegebene Realität nicht der wirklichen entsprach, daß schriftliche Vereinbarungen ignoriert wurden. Ich war um eine große Erfahrung reicher und tieftraurig. Noch nie vorher hatte ich so ein auf eine einzige Person fixiertes Umfeld beobachten können, hier war ich sogar Teil davon. Es war schrecklich und unwürdig und man mußte dem einfach entfliehen um sein Selbstwertgefühl zu behalten.

Vom Zug aus grüßten meine Augen zum letztenmal hinauf zum Schloß. Was kam nun? Von Castelnaud Feyrac fuhr ich über Perigeux, wo ich zwei Stunden Aufenthalt hatte nach Limoges. Noch war ich optimistisch, denn das wirkliche Ende wußte ich noch nicht. Ich hoffte erstens noch, daß mir Geld aus Deutschland geschickt würde und zweitens glaubte ich noch an die Stelle in Poitiers, von der ich kurz vor meiner Abfahrt aus Deutschland gehört hatte.

In Limoges machte ein mir bekannter Lehrer ein Auslandspraktikum. Dem hatte ich telefonisch meine ganze Misere erzählt und der war nun am Zug um mich trauriges Häuflein Elend in Empfang zu nehmen. Als ich mich erst mal so richtig ausgeheult hatte war es mir schon ein wenig leichter. Ich ließ mich leicht überreden erst mal zwei Tage auszuruhen. Wir suchten mir eine Unterkunft in einem bescheidenen Hotel und die verbleibende Zeit nutzte ich ausgiebig, die Stadt, die Gegend, Museen und Kirchen auszukundschaften. Ganz besonders gut gefiel mir das Porzellanmuseum, wo wundervolle Exemplare des tiefblauen Limosin-Porzellans ausgestellt waren.

Ich ging aber auch zum Arbeitsamt um herauszufinden, ob in dieser Gegend irgendwie an eine Au-pair-Stelle heranzukommen sei. Mit aller Gewalt wollte ich nicht aufgeben und meine Französischkenntnisse so zu erweitern, daß ich später beruflichen Nutzen daraus ziehen könnte. Mir wurde aber klargemacht, daß in dieser Gegend die Arbeitslosigkeit so hoch sei, daß der Bedarf an helfendem im Haus wohnendem Personal nur sehr begrenzt sei. Es sah also gar nicht gut aus.

Ein wenig bedrückt fuhr ich anderntags nach Poitiers. Da ich den öffentlichen Verkehr in der Großstadt gewöhnt war, fiel es mir nicht leicht mich damit abzufinden, daß hier im Südwesten Frankreichs eigentlich doch recht große Orte nur jeweils morgens und abends mit dem Zug erreicht werden konnten. Rückblickend würde ich aber auch dazu feststellen, daß in diesem zentralistisch regiertem Land Ende der 50er Jahre die Provinzen noch sehr vernachlässigt wurden.

Drei Stunden dauerte die Zugfahrt und ich kam am frühen Nachmittag in Poitier an. Der Bahnhof liegt im Tal der Vienne und die Stadt einen Kilometer entfernt hoch auf einem Bergrücken. Ich gab meinen Riesenkoffer an der Gepäckaufbewahrung ab und machte mich auf den Weg hinauf in die Stadt. Sie war wunderschön historisch und ich ließ mir Zeit, daß Arzthaus in der Innenstadt zu finden, indem ich eine Anstellung für eine gewisse Zeit zu finden hoffte. Meine Enttäuschung war allerdings groß, als ich niemanden antraf, denn der Zeitpunkt war telefonisch vereinbart worden. Da mir nichts anderes übrig blieb als zu warten, setzte ich mich in ein nahes Café und wärmte mich erst einmal auf. Als ich nach einer Stunde zurück zu dem Haus ging, öffnete mir die Hausfrau und ließ mich in die Empfangshalle eintreten. Dort aber teilte sie mir unmißver-ständlich mit, daß sie bereits einer Dänin telegrafisch den Job zugesagt hätte, wenn ich eine Woche warten wolle, könnte sich ja eventuell die Situation zu meinen Gunsten ändern. Ich war geschockt. Irgendwie hatte ich mit einer solchen Absage nicht gerechnet, da man mich ja aufgefordert hatte, nach Poitiers zu kommen. Ich konnte Tränen der Wut nur schwer zurückhalten, und unsere Kommunikation mit meinen schwachen Französischkenntnissen gaben mir nicht die Möglichkeit meine Wut in Worte zu kleiden. Ich war schnell wieder draußen auf der Straße in der abendlichen Stadt. Es wurde dunkel und ich irrte durch die Gassen, suchte nach einem Hotel, das meinen finanziellen Möglichkeiten entsprach. Zwei Versuche belehrten mich, daß ich diese Lösung besser vergaß. Ich war unendlich verzweifelt und entschied mich, wieder zurück zum Bahnhof zu laufen und dort über alles Weitere nachzudenken. Mittlerweile war es tiefe Nacht und ich fand die Straße nicht mehr, die hinunter zum Bahnhof führte. Ich landete vielmehr auf einer Fernstraße auf der Hochebene, an deren Rand ich entlanglief um eine Abzweigung hinunter ins Tal zu finden.

Ich bin nicht besonders ängstlich, ich war nur fürchterlich verzweifelt und wußte nicht, wie es weitergehen sollte. Es brauchte noch einige Zeit ehe ich gelernt hatte, daß es immer weitergeht. Im Augenblick ging für mich die Welt unter. Doch der Nachtwind half mir, klare Gedanken zu fassen, zu überdenken und zu entscheiden, wie es weitergehen soll.

Ich wollte keinesfalls nach Paris, ich wußte von dort nur negative Beispiele und hatte deshalb ganz bewußt in der Provinz mein Glück versucht. Das war nun gescheitert und ich mußte meinen Möglichkeiten klar ins Auge sehen. Gottseidank schlug mein Selbstmitleid in Ärger auf mich selbst um. Was gondelte ich da in der Welt herum, meine Eltern würden außer der in ihren Augen berechtigten Häme mir nichts tun. Also lag es nur an meiner eigenen Feigheit, wenn ich nicht sofort die vernünftigste Entscheidung traf und sofort nach Deutschland zurückfuhr. Und feige war ich nur ganz selten.

Zwei Stunden brauchte ich, den Bahnhof wiederzufinden, der nur 15 Minuten Fußweg von der Stadt entfernt lag. Dort zählte ich im Wartesaal zuerst einmal mein Geld. Es waren 75 Nouvelle Francs. Ich nahm mir vor, sofort nach Deutschland zurückzufahren und erkundigte mich nach den Zugverbindungen. Der nächste Zug in Richtung Paris ging erst anderntags um 15 Uhr. Also mußte ich eine Fahrkarte, plus Essen, plus irgendeiner Übernachtung rechnen, und dazu reichte mein Geld nicht mehr. Als Nächstes kam mir die Idee, nach Limoges zurückzutrampen, doch das ging erst bei Tagesanbruch am nächsten Tag. Dann fiel mir ein, daß es unsinnig war, mein Gepäck in Poitiers zu lassen, weil ich von Limoges aus nicht über Poitiers nach Paris fahren würde. Und überhaupt hatte ich ja grundsätzlich versprochen, erst einmal nach Limoges zurückzukehren, falls es in Poitiers doch nichts werden würde.

Ich saß da und zermarterte mein Gehirn, wie ich mein Geld strecken könnte. Mir kam dann noch die Idee, bis zur deutschen Grenze zu fahren und von dort aus zu trampen. Aber bei allen Gedankengängen war immer wieder der riesengroße Koffer das größte Handycap, den würde ich mein ganzes Leben nicht vergessen und die Fahrt nach Frankreich auch nicht. Die Zeiten des Wirtschaftswunders für Otto Normalverbraucher lag noch vor uns, Telefon in jedem Haushalt waren noch Langzeitträume, und sich an Eltern zu klammern, die sich mit vier Kindern in der Nachkriegszeit sowieso überfordert fühlten, wagte man als abenteuerlustiger Spätteenager zu der Zeit auch nicht. Man fühlte sich nicht nur, man war auch ziemlich allein gelassen. Es nützte einem ja jetzt nichts, daß die jüngeren Geschwister später davon profitieren würden, daß jemand den Weg in irgendeiner Form schon geebnet hatte, und die Eltern lernten, gelassener solche Eskapaden ihrer Kinder durchzustehen.

Jedenfalls löcherte ich den sehr freundlichen Bahnhofsvorsteher mit meinen Fragen nach Varianten, Deutschland möglichst billig zu erreichen. Es kristallisierte sich aber heraus, daß mein Geld dazu nicht reichen würde, und da auch mein Versuch gescheitert war, Geld aus Deutschland zu bekommen, war es wohl das Vernünftigste, zurück nach Limoges – wie vorher verabredet – zu fahren. Der nächste Zug dorthin ging aber erst am anderen morgen um halb sechs. Sollte ich jetzt am Spätabend noch zurück in die Stadt um eine Übernachtung zu finden? Wie käme ich dann morgens so früh wieder zum Bahnhof? Ich konnte auch nicht planen, einen nächsten Zug zu nehmen, der fuhr nämlich wiederum erst am frühen Abend. Es war zum Verzweifeln, ich entschloß mich, einfach im Wartesaal zu bleiben und zu hoffen, daß der die ganze Nacht über geöffnet blieb.

Ich ging also zurück an den Schalter und kaufte mir eine Fahrkarte nach Limoges, dabei radebrechte ich die Frage nach dem Offenbleiben der Wartehalle. Der Schalterbeamte schaute mich mitleidig an, lächelte dann aber sehr freundlich und sagte, da gäbe es für mich schon eine bessere Lösung. Die französische Eisenbahn hätte für solche Anlässe eigens einen sogenannten Ladiesroom. Ich solle ein wenig warten, wenn er fertig sei, würde er mich hinführen. Bald darauf ging er mit mir in den hinteren Teil des Bahnhofs, schloß einen relativ großen geheizten Raum mit Lederliegen auf, zeigte mir die sehr sauberen sanitären Einrichtungen, wünschte mir eine gute Nacht und versicherte mir, ich bräuchte keine Angst zu haben. Er würde mich einschließen und morgen früh auch wecken, um den ersten Zug nach Limoges gut zu erreichen. Er wohne mit seiner Familie im oberen Bereich und so wäre ich sicher hier besser aufgehoben als im Wartesaalbereich, der die ganze Nacht über offen sei, wo sich aber auch manchesmal sogenannte dunkle Gestalten einfinden würden. Ich war ja so erleichtert und der Entgelt so gering, daß selbst ich es mir noch in meinen gestreßten finanziellen Verhältnissen leisten konnte.

Ich holte mir dicke warme Sachen aus meinem Koffer und versuchte zumindest zu ruhen, wenn ich auch nicht schlafen konnte, dazu war ich zu nervös. Der Bahnhofsvorsteher klopfte morgens eine Stunde vor Abfahrt des Zuges an die Tür und ich hatte reichlich Zeit, mich frisch zu machen und auch noch in der Bahnhofsgaststätte einen schwarzen Kaffee zu trinken. Zu so früher Morgenstunde stiegen nur wenige Leute in den Schienenbus ein, es war auch noch stockdunkel jetzt im November und schon reichlich kalt während der dunklen Stunden des frühen oder späten Tages, tagsüber erwärmte sich die Luft auf angenehme Herbsttemperaturen, aber selbst der Schienenbus war noch nicht aufgewärmt.

In den drei Stunden Rückfahrt bis Limoges versuchte ich nun, mir ein Programm aufzubauen, wie ich weiter verfahren wollte. Immer wieder zwang mich der Riesenkoffer, Hilfe zu suchen, ich haßte ihn von ganzem Herzen. In Limoges gab ich ihn erst einmal wieder in der Gepäckaufbewahrung ab. Eigentlich war ich wahnsinnig verzweifelt. Für eine Rückfahrkarte ins Ruhrgebiet reichte mein Geld nicht. Ich mußte also Kontakt aufnehmen mit dem deutschen Assistenzlehrer am Lycée in Limoges, den einzigen Menschen den ich kannte und der mir helfen konnte bzw. mußte. In der heutigen Zeit der Handies und Computer kann man sich kaum vorstellen, wie schwierig telefonieren Ende der fünfziger Jahre im ländlichen Bereich noch sein konnte. Den Tränen nahe gab ich den Versuch auf, dem französischen Fernsprechhäuschen sein Betriebsgeheimnis zu entlocken und machte mich auf den Weg zur Schule.

Es war morgens 10 Uhr und ich hatte größte Hemmungen, cool und selbstbewußt im Schulsekretariat eine Auskunft zu erfragen, mir war eigentlich nur zum Heulen zumute. Leider wußte man dort nicht, wo der deutsche Assistent war, doch man schickte nach dem Hausmeister und der wußte zumindest, daß man ihn erst um 12 Uhr zurückerwartete. Ich hinterließ einen Zettel, daß ich am Bahnhof auf ihn warten würde und machte mich auf den Weg zurück dorthin. Es war aber zu kalt um draußen zu warten. In einen französischen Wartesaal kommt man aber nur mit einer Fahrkarte und für das Bahnhofsrestaurant hatte ich kein Geld. Um die Zeit zu überbrücken ging ich in die Nahe Innenstadt und suchte nach den wenigen Kaufhäusern um mich aufzuwärmen. Ich kam mir vor wie ein Ladendieb und wurde wahrscheinlich auch so betrachtet, weil ich mir jede Auslage mehrmals und lang anschaute und soviele Käufer gab es an diesem tristen Frühwintermorgen auch nicht. Zwischendurch ging ich immer mal wieder zum Bahnhof zurück und hielt verzweifelt Ausschau nach meiner Rettung. Mir wurde bewußt, wie leichtsinnig ich dieses Abenteuer Josephine Baker doch angegangen war und gar nicht eingeplant hatte was zu tun war, wenn es mißglücken würde. – Nun, es war mittlerweile zwölf Uhr und niemand war zu sehen. Langsam packte mich die Angst, auch wenn ich zutiefst im Innern wußte, daß mich dieser Freund nicht wirklich hängen lassen würde. Nur, wo war er? Ich stellte mir vor, welchen Weg er nehmen müßte um zum Bahnhof zu gelangen, und den ging ich nun und hielt Ausschau.

Bis zum Lycée ging ich zurück und traf ihn nicht. Nochmals ging ich ins Schulsekretariat um mich zu erkundigen. Dort gab man mir zu verstehen, daß Monsieur den Zettel erhalten habe und sich umgehend auf den Weg gemacht habe um mich zu suchen. Wie hatte ich ihn verpassen können, wo ich doch so oft zum Bahnhof zurückgegangen war? Mir kamen schon wieder die Verzweiflungstränen. Der herbeigerufene Hausmeister hatte die glorreiche Idee, einen anderen Assistenten zu holen. Und als ich den sah, flossen meine Tränen in strömen der Erleichterung. Es war Bill, der amerikanische Assistent für Englisch, ihn kannte ich schon. Endlich konnte ich flüssig in einer Sprache die ich gut konnte erklären, was mich so bedrückte. Doch auch er bestätigte mir, daß ich schon lange gesucht würde und es keine Erklärung dafür gab, warum wir uns verpaßt hätten. Plötzlich hellten sich seine Züge auf und er schob mich in Richtung Eingangstür. Durch die kam mein Bekannter schnellsten Schrittes und als er mich sah, verfinsterte sich sein Miene, während mir ein Stein von der Seele fiel. Er schimpfte mit mir, daß ich nicht am Bahnhof gewartet hätte, er sei durch die ganze Stadt gelaufen und das schon seit einer Stunde ohne mich zu finden. Er hätte nun riesigen Hunger und müsse sich beeilen um in der Schulkantine noch etwas zu bekommen. Dorthin könne er mich leider nicht mitnehmen. Ich solle in das Lokal gehen in dem wir zuletzt waren und dort auch etwas essen und mir ansonsten keine Sorgen mehr machen wie es weitergehen soll, es würde schon werden.

Schneller als gedacht kam er dann aber zurück ins Trianon, dem Lokal in dem ich noch immer ohne Essen saß, weil ich viel zu viel zu überlegen hatte. Er setzte mich aber unter Druck doch etwas zu essen, schließlich halte das Leib und Seele zusammen, was ich dann auch einsah, trotzdem ich eigentlich keinen Hunger hatte. Dabei redete ich auf ihn ein, daß am Nachmittag noch ein Zug nach Paris ginge, den ich nehmen könne um dann frühestens am anderen Morgen von dort weiter in Richtung Deutschland zu fahren. Doch er winkte ab, erst würde ich noch einige Tage in Limoges bleiben und mir die schöne Landschaft anschauen. Auf meinen Einwand, daß ich ja auch noch Geld benötigen würde für die Fahrkarte nach Deutschland, stellte er nur fest, noch hätte er Geld und er selbst brauche ja für den täglichen Unterhalt letztlich nichts. Ich ließ mich ja nur zu gerne überreden, zumal sich das Finanzielle von Deutschland aus einfach regeln ließ. Am Ende der fünfziger Jahre waren internationale Überweisungen zwar möglich, aber keine Angelegenheit von kürzester Zeit. Im Zeitalter der Scheckkarte kann man sich solche Situationen, wo man abgeschnitten ist vom möglichen Geldhahn, kaum noch vorstellen. Man war irgendwie auch die erste Generation, die so waghalsigen Reisen ins Ungewisse unternahm und hatte in den wenigsten Fällen das Verständnis, geschweige denn Einverständnis der Eltern. Der Tag kam noch früh genug, wo man vor ihnen stand und nach Erklärungen suchen würde.

Vier Tage war ich noch im Limousin, nie mehr war es so kalt wie an dem Morgen als ich aus Poitier zurückkam. Das Hotelzimmer war winzig, die langen Ausflüge wunderschön. Im Gegensatz zum Nachkriegsdeutschland meiner Heimatgegend gab es hier viele historische Baudenkmäler aus der Römerzeit. Fast fühlte ich mich als Tourist, doch es war ein verlängertes Wochenende mit einem Feiertag am Montag und keinem Zugang zu einer Bankfiliale, denn Bankautomaten gab es noch nicht. Die Schule hatte auch Kurzferien und mein Bekannter machte die Erfahrung, daß bei zwei Leuten das Geld schneller zu Ende geht als geplant. Wir mußten also die Hürde ohne finanziellen Nachschub meistern. Aber was war das schon zu den vorausgegangenen Aufregungen.

Der Nachtzug brachte mich dann nach Paris. Immer noch hatte ich den viel zu großen und zu schweren Koffer. Mein ganzes Leben würde ich diesen Koffer nicht mehr vergessen und stets vor meinem inneren Auge sehen wenn ich versuchte, in einem kleineren mehr unterzubringen als möglich war. Am Gare d´Austerlitz wäre ich fast in ein riesiges Cadillac-Taxi gestiegen, weil mir einfach nicht in den Kopf wollte, daß ich mich für ein normales Taxi anstellen mußte. Der Riesenauto-Chauffeur hatte da wohl mehr Erfahrung, denn er frug mich, ob ich wisse, daß sein Taxi sehr viel teurer sein würde. Erschrocken verneinte ich das und er wies mich lächelnd auf die Warteschlange. Nervös stellte ich mich hintenan, mir blieb eine Stunde um quer durch die Stadt zum Gare du Nord zu kommen um meinen Anschlußzug nach Deutschland zu bekommen. Elf Stunden würde die Fahrt bis zu meinem Heimatort noch dauern. In Köln mußte ich umsteigen, aber ich näherte mich meinem Ziel stetig. Am Vorortbahnhof angekommen bat ich den Bahnbeamten, meinen Koffer über die Gleise tragen zu dürfen anstatt durch den Tunnel zu müssen. Dann schleppte ich mich und meinen Koffer hundertmeterweise den knappen Kilometer bis nach Hause. An der Post traf ich meinen Bruder, der als Sportschwimmer auf dem Weg ins Hallenbad war. Ihm fielen bald die Augen aus dem Kopf als er mich sah. Ich bat ihn um seinen Haustürschlüssel um das zu erwartende Donnerwetter möglichst erst drinnen über mich ergehen lassen zu müssen. Das hielt auch er für ratsam, mit zurückgehen würde er auf keinen Fall, damit er nicht in den Verdacht eines Mitwissers geraten würde.

Nun, die letzten Meter schaffte ich auch noch. Ich schloß die Tür auf und hörte halblaute Radiomusik, ich schlich mich am Wohnzimmer vorbei in das gemeinsame Zimmer von meiner Schwester und mir. Dort zog ich mich um, machte mich frisch und sammelte Mut, meinen Eltern gegenüberzutreten. Bisher hatte mich noch niemand bemerkt und mich überkam fast die Versuchung mich einfach hinzulegen und zu schlafen. Doch das ging wohl nicht, also ab ins Wohnzimmer. Ich klopfte leise an bevor ich die angelehnte Tür weiter öffnete und fragte: Merkt denn hier niemand wenn jemand in die Wohnung kommt? Meine Mutter fiel aus allen Wolken, sie war zwar nicht begeistert mich zu sehen und vor allen Dingen zu hören, betrachtete meine negativen Erfahrungen auch mehr als verdiente Lektion, war aber natürlich froh, daß mir nichts passiert war und sie nun wieder genau wußte wo sich alle ihre Kinder aufhielten.

Ich brauchte schon einige Zeit, um diese Schlappe zu verkraften. Aber es war nicht meine letzte Reise nach Frankreich und auch nicht mein letztes Abenteuer. Sicher, ich war um die Erfahrung reicher, daß Schein und Wirklichkeit auseinanderklaffen können, daß Künstler unter Umständen die Dinge anders sehen als sie sind, aber auch ich konnte den Hang zum Risiko nie ganz unterbinden und kann rückblickend nur feststellen, daß Josephine Baker nur eines davon war. Zumindest aber habe ich so eine Show-Biz-Ikone aus den 20er Jahren persönlich kennengelernt, wenn ich auch mit einer starken Portion negativer Lebenserfahrung dafür bezahlen mußte










Erinnerungen von Helga Budach

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.10.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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