Katharina Wever

Der Vorhang fällt

Es ist kurz vor Weihnachten. Die kalte Welt vor meinem Fenster ist schon lange im eisigen Dunkel der Nacht untergegangen.
Untergegangen wie mein Leben.
Die Lichter vor dem Fenster scheinen mir schelmisch entgegen, zeichnen zuckende Schatten an die verputzten Wände unserer kleinen Wohnung.
Unsere kleine Wohnung…
Überall im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer leuchten Grün, Rot und Gold.
Die weihnachtlichen Farben. Der Baum, schön geschmückt in der Ecke am Fenster, verleiht dem Raum eine ganz besondere Atmosphäre.
Eine traurige, wie ich jetzt finde…
Ich halte deinen Brief noch in den Händen.
Ein Weiterer liegt neben dem Glas Wein auf dem Tisch. Einsam. Ungeöffnet.
Rubinfarbener Schimmer schleicht über den Tisch. Legt sich über das weiße Papier und das helle Holz.
Rot… Farbe für Lebensenergie, Lebenskraft und irdische Liebe… so heißt es… Oh wie ich dich liebe! Irdisch? Wie kann es irdisch sein, wenn ich dich mit allem liebe, was ich bin?
Rot… war deine Lieblingsfarbe. Ja, sie gab dir und auch uns oft die Kraft weiter zu machen.
Meine Finger streicheln über das Stück Pergament, das du mir zuletzt schicktest. Über deine Worte, die dort wie selbstverständlich stehen. So natürlich, als könne es gar nicht anders sein.
Das Normalste der Welt.
Meine Hände sehen alt aus. Faltig. Zusammengefallen. Knochig. Ob der Rest meines Mitte zwanzig Jahre alten Körpers genauso aussieht? Bestimmt… Falten zwischen den Brauen, auf der Stirn und dort, wo die schmerzverzerrte Miene sie hinzaubern. Zusammengefallene Augen, ausgetrocknet vom vielen Weinen. Ausgelaugt, als wollen sie sich in ihren Höhlen verstecken. Knochig, drahtig, elend sagt mein Körper mit jeder Geste die er vollführt.
Ich schleiche ein weiteres Mal durch die Zeilen die du mir schriebst. Du erzählst von deinem vorletzten Abend „draußen“. Wie freudig und optimistisch sich deine Worte anhören… Welche Euphorie aus ihnen spricht, wenn diese Worte mir erzählen, was sie alles an Weihnachten mit mir machen wollen. Welche Vorfreude sich verrät, wenn du erwähnst was es alles zum Weihnachtsabend geben soll. Welche Leckereien und Köstlichkeiten unsere Tafel zieren sollen. Du beschreibst bis ins kleinste Detail, wie ich das Haus schmücken solle zu unserem ersten gemeinsamen Weihnachtsfeste zu Zweit. Wie ich den Baum schmücken solle, schriebst mir, ich solle deine Mutter anrufen um das tolle Rezept zu bekommen, was sie immer zum Feste zubereitet. Und welchen Schmerz ich aus deinen Zeilen lese, wenn du über unsere Familien sprichst. . . Welche Sehnsucht.
Der gleiche Schmerz der nun mich durchzuckt.
Eine Träne rinnt mir über die Wange, perlt am Kinn ab und ich sehe, wie sie beim Aufkommen auf dem Papier zerspringt. Eine neue Welle voller Verzweiflung brandet über mich. Reißt mich mit sich. Hält mich gefangen.
Lässt mich nicht mehr los. Ich weine. Tränen rinnen mehr und mehr über das Papier. Ich habe Angst vor dem Brief der neben mir liegt. Ich will ihn nicht öffnen, denn ich weiß, es ist deine Verabschiedung. Auserwählte Worte… deine Letzten. Wenn ich diesen Brief gelesen habe, weiß ich, dass es wahr ist.
Dann weiß ich sicher, es wird nie wieder ein Brief von dir kommen. Ich weiß, ich werde nie wieder dein Lächeln sehen, dass mich immer so verzauberte. Ich weiß, ich werde nie wieder deine weiche Haut an meiner spüren können… Nie wieder dich berühren können. Nie wieder deine Stimme. Nie wieder dieses Glücksgefühl, wenn du nach Hause kommst.
Nach Hause. Komm nach Hause! Ich will dich bei mir haben! Es muss ein Irrtum sein! Es kann nicht dein Lager gewesen sein! Morgen Abend wirst du vor der Türe stehen, wie du es mir heute Morgen am Telefon noch versprochen hast!
Ich weigere mich zu glauben, dass es dein Lager war, dass so „überrannt“ wurde, wie dein Kamerad es eben nannte, als er vor der Türe stand, um mir diesen einen letzten Brief von dir zu geben. Es kann doch gar nicht sein! Da
waren doch Sicherheitsvorkehrungen. Es kann doch gar nicht sein! . . .

Die Zeit streicht vorbei. Vergeht. Fließt, wie seichtes langsames Wasser.
Ein Fluss aus Zeit. An dessen Ufer ich sitze und nicht bemerke, dass so etwas wie Zeit überhaupt existiert.
Es ist stetig, dauerhaft, meine Auffassung von Zeit. Und mit ihr bleibt der Schmerz und die Angst vor deinem Brief. Ich will ihn nicht öffnen. Es ist ein Gefühl, als würde ich dich damit töten. In meinem Kopf formt sich ein Bild, wie du in einem Krankenbett liegst, schläfst. Ganz schwach von den vielen Schmerzlindernden Mitteln. Verbände und Schläuche überall. stetiges Piepsen von irgendwelchen elektronischen Apparaturen. Ich reiße den Brief auf. Lese ihn langsam. Unter Tränen. Will nicht glauben, dass es wahr ist.
Kann es nicht. Unterschrieben ist dein Brief mit deinem Namen. Lese ich diesen Namen, stirbst du.
Ich greife neben mich. Nehme das Glas mit der dunkelroten Flüssigkeit. Fast wie Blut.
Es kommt mir vor, als blitze es in meinem Kopf und ich beobachte eine bizarre Szenerie inmitten von Maschendraht und toten Menschen. Ich schließe die Augen, nippe am edlen Kristall, dass uns zur Hochzeit geschenkt wurde.
Spüle die Bilder mitsamt dem trockenen Wein hinunter. Mein Blick verfängt sich in der schwingenden Flüssigkeit, die meine kreisende Hand zur Ursache trägt. Zuckender Kerzenschein huscht über das Glas, hinterlässt wohligen Schein. Ich setze es ein weiteres Mal an die Lippen, stürze es mit einem Mal hinunter. Es macht ein seltsam klirrendes Geräusch, als ich es wieder zu dem Brief stelle.
Ich drehe meinen Kopf. Mein Blick verfehlt sein eigentliches Ziel, den wunderschön leuchtenden Weihnachtsbaum und verharrt auf dem Umschlag. Ich streichle mit den Fingerspitzen über das leicht raue Papier. Es kribbelt fast. Ich nehme ihn in die Hand. Es brennt. Es tut weh, meinen Namen darauf zu lesen. Es tut weh, zu erkennen, mit welcher Sorgfalt du ihn schriebst.
Ich reiße ihn auf. Das Geräusch verursacht eine Gänsehaut, die sich leicht auf meinen Armen abzeichnet. Ich nehme die Seite Papier heraus. Behutsam gefaltet und ich weiß, es gibt genau einen Menschen, der den Inhalt dieses Manuskripts kennt.
Und ich werde gleich der Zweite sein. Und der Einzige bleiben . . .
Ich falte es auseinander. Beginne zu lesen…


Meine Liebe,
Ich starre seit zehn Minuten auf diese zwei Wörter, denn ich weiß nicht wie ich es formulieren soll, es dir erklären soll, denn ich weiß, liest du diesen Brief, bin ich tot.
Es schmerzt, wenn ich mir vorstelle, wie du bei diesen Zeilen reagierst. Ich würde dir zu gern erklären können, was geschah. Wie es geschah. Aber das kann ich nicht. Das Einzige in meiner Macht stehende, was ich tun kann, ist mit Leib und Seele hoffen, dass du diesen Brief nie lesen wirst.
Ich bin seit fünf Tagen in diesem Land, in das mich mein Beruf trieb.
Ich möchte so gerne, dass du weißt, dass ich mich mit Allem was ich habe zu dir wünsche, wenn ich hier im Dreck liege!
Ich verurteile die Meinung, die ich einst hatte. Ich verurteile jenen Tag, an dem ich ging. Von dir wegging... Zu der Zeit wusste ich nicht, was es heißt ein Gewehr in der Hand halten zu müssen. Im Dreck zu liegen. Dem Tod ins Gesicht zu schauen. Mitzuerleben, wie Kameraden sterben, oder was es heißt zu töten. All das wusste ich nicht.
Aber ich weiß, wie gerne ich noch einmal meinen wunderschönen Engel in den Armen halten möchte . . . wie gerne ich ihn noch einmal küssen möchte. . .
Es zerreißt mich innerlich, dir Lebewohl sagen zu müssen. Dich alleine zurückzulassen. Alleine in unserem Leben. . .
Ich möchte, dass du weißt, dass ich bei dir sein werde! Und dass ich dich immer lieben werde!
Und dass ich meinen kleinen zarten Engel immer beschützen werde!



Den Rest kann ich vor lauter Tränen nicht mehr lesen. Verschwommene letzte Worte.
Ich falte den Brief zusammen, lege ihn zu dem Kuvert auf meinem Schoß.
Meine Welt verschwindet hinter einem wässrigen Vorhang. Wie ein Vorhang den man nach der Vorstellung einfach zuzieht.
Die Vorstellung unseres gemeinsamen Lebens. Der Vorhang fällt … und mit ihm die Hoffnung. Das Glück.
Ich bin die Einzige, die im Publikum sitzt und keinen Beifall zollt, denn ich weiß, dass was ich bisher gesehen habe, ist endgültig vorbei.


(24.08.07)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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