Karin Ernst

Gedanken zur Vorweihnachtszeit

Jedes Jahr dasselbe. Sehe ich im Supermarkt die ersten Lebkuchen, überkommt mich Ärgernis. Es kommt mir nämlich so vor, als gäbe es die Weihnachtsartikel jedes Jahr früher, als im Vorjahr.

Die Sonne scheint bei zwanzig Grad. Rosen blühen noch mit voller Kraft, schon erklingen die ersten Weihnachtslieder. In der Werbung, oder dudeln aus den Lautsprechern der Kaufhäuser. Von neuem bin ich jedes Mal irritiert, denke: Ist es schon wieder so weit?

Gehe ich durch die Läden, kommt mir alles enger vor. Warum? Weil zusätzliche Regale aufgestellt werden, die die Last der Weihnachtsartikel aufnehmen müssen. Noch mehr soll verkauft werden. Vieles, das bei den Menschen in den Schränken liegt. Sie haben doch schon von allem reichlich. Es scheint mir, als gäbe es von allem zu viel. Egal, wo ich mich umschaue: Überangebote, Sonderangebote, neue Angebote. Kauft, ihr Kunden, kauft. Süßer die Kassen nie klingeln, als in der Vorweihnachtszeit. Und die Verbraucher sind brav: Sie kommen dieser Aufforderung nach. Sie kaufen. Sie schleppen. Sie keuchen unter der Last. Sie stöhnen über Streß. Sie jammern darüber, daß alles so teuer ist.

Zu viel und zu früh. Von allem. Das ist meine Beobachtung. Wo ich hinschaue, gibt es alles im Übermaß. In diesem Jahr fällt mir dies besonders auf. Täglich gibt es im Fernsehen Nachrichten über Krieg. Menschen verhungern und erfrieren. In Flüchtlingslagern werden sie untergebacht, stehen an für ein Stück Brot. Gekleidet in Fetzen. Schaue ich in meine Schränke, habe ich genug von allem. Warum soll ich Neues anschaffen? Kann ich mit dem Geld nicht Besseres bewirken?

Die Lebkuchen, die ab September verkauft werden, sind Weihnachten trocken. Wann fangen Hersteller mit der Produktion an? Gleich nach den Ostereiern? Die viel zu vielen Süßigkeiten lösen in mir den Wunsch nach einem Käse- oder Schinkenbrot aus. Viele Menschen in der westlichen Welt sind überernährt. Im Gegensatz zu den Hungernden in anderen Teilen der Erde. Trotzdem überfüllte Regale. Anscheinend werden die Sachen gekauft, sonst stünden sie nicht dort.

In einer schnelllebigen Zeit befinden wir uns. Alles verändert sich dauernd. Heutiger Trend ist morgen schon veraltet. Beobachte ich Kinder und Jugendliche, oder belausche ungewollt deren Gespräche, erfahre ich, daß viele die gleichen Wünsche haben. Suggeriert durch Werbung hat kaum jemand eigene Wünsche. Alle machen nach, was irgendjemand vorgibt. Gibt es heute keine Lieblingswünsche mehr? Sehnt sich niemand nach etwas, das sie/er seit langem gerne hätte? Auf das vielleicht gespart werden muß.

Jeder Wunsch kann heute sofort erfüllt werden. Die Banken machen es ihren Kunden leicht. Geld kann jederzeit aus Automaten gezogen werden. Wie leicht verliert man die Übersicht. Große Vorfreude, wie zu meiner Kindheit, gibt es heutzutage - glaube ich - nicht mehr. Vielleicht noch bei kleinen Kindern. Ob es Kinder gibt, die noch Wunschzettel schreiben? Ich weiß es nicht. Richten sich die Eltern dann nach den Wünschen, die aufgeschrieben wurden?

Im Bus verfolge ich ein Gespräch zwischen zwei Müttern. Sie machen sich Gedanken darüber, was zum Nikolaus geschenkt werden soll. Zum Nikolaus, denke ich, und höre genauer hin. Es geht nicht um Kleinigkeiten oder Süßigkeiten. Die Kinder der Frauen sind wohl im jugendlichen Alter. In der Unterhaltung geht es um kleine Elektrogeräte, wie CD-Player, Handys und Eintrittskarten zur Disko oder CDs. Auch höre ich, daß die Kinder sich diese Dinge vom Nikolaus wünschen. Ich dachte bisher...... aber wen interessiert meine Meinung?

Zu viel und zu früh zu Weihnachten. Gehe ich durch Spielwarenabteilungen, traue ich oft meinen Augen nicht. Auch hier kann ich das Überangebot nicht nachvollziehen. Von Artikeln aus der Fernsehwerbung türmen sich Stapel bis zur Decke. Die Läden rüsten sich zum Ansturm. Selbst kleinste Kinder und Babys bekommen zu früh zu viel von allem. In der eigenen Familie beobachte ich dieses. Die Enkel wissen nicht, mit welchem Spielzeug sie spielen sollen, weil die Kisten zu voll sind. Konzentriert mit einem Stück spielen sie selten über längere Zeit. Haben sie ein Lieblingsspielzeug?

Schlendern über Weihnachtsmärkte macht mir keinen Spaß. Früher bin ich gerne an den Buden vorbeigelaufen, habe die vorweihnachtliche Stimmung genossen. Viel zu früh wird in den letzten Jahren mit dem Aufbau begonnen. Zu viele Angebote auch hier. Waren werden angeboten, bei denen ich mich frage, warum diese auf einem Weihnachtsmarkt verkauft werden. Viel Plunder gibt es. Allerdings weiß ich, diese Sachen kommen oft aus fernöstlichen Ländern. Kinderarbeit ist dort teilweise noch vertreten. Menschen in den fernen Ländern bekommen oft kargen Lohn bei der Herstellung dieser Produkte.

Zu viele “Freßbuden“ gibt es auch. Schnell im Stehen eine Bratwurst essen, einen Glühwein trinken. Schon vormittags habe ich Menschen beobachtet, die an Glühwein- und Feuerzangenbowle-Ständen stehen. Alkohol am Vormittag. Auch Alkohol kann jeder zu jeder Zeit überall kaufen. Die jedes Jahr höheren Preise werden ohne Murren bezahlt. Vieles, was zum Essen angeboten wird, hat nichts mit Weihnachten zu tun. Über die Zutaten macht sich kaum jemand Gedanken.

Wenn Menschen das Brötchen zur Bratwurst nicht mögen, werfen sie es in den Müll. In der Nähe sitzt vielleicht ein Bettler. Könnte man nicht ihm dieses Brötchen geben? Über solche Dinge denkt kaum jemand nach. Nur die Tauben in der Nähe werden dick und rund. Und krank.....

Auch zu Spenden werden wir vor Weihnachten vermehrt aufgerufen. Werbungen von karitativen Einrichtungen flattern ins Haus. An unser gefülltes Weihnachtsgeldkonto wird appelliert. Vielleicht können die Spenden übers Jahr verteilt besser gebraucht werden. Ein Herz öffnet sich nicht nur zur Weihnachtszeit, oder?

Selbst Konzerte gibt es in der Vorweihnachtszeit vermehrt. In den Sommermonaten gibt es dafür nur wenige. Sommerloch ist angesagt. Warum werden sie nicht aufs Jahr verlegt?

Von allem zu viel gilt meiner Meinung nach auch für Kalender. Vor kurzem staunte ich, als ich im Buchladen in die Kalenderabteilung kam. Zu jedem nur denkbaren Thema gibt es inzwischen welche. Gut und gerne kann ich mehr als zwanzig Mark für einen ausgeben. Was mache ich am Ende des Jahres mit ihm? Er ist abgelaufen. Die bunten Seiten sind oft so groß, daß ich sie nur selten als Bild aufhängen kann.

Als treue Kundin meiner Apotheke bekomme ich jedes Jahr zur Nikolauszeit einen wunderschönen Kalender geschenkt. Er begleitet mich durchs Jahr. Danach tut es mir nicht leid, wenn ich ihn zur Altpapiersammlung geben muß.

Weihnachtsbücher gibt es. Auch davon mehr als genug. Zusammengetragene Geschichten, die seit vielen Jahren bekannt sind. Manche Bücher sind sehr teuer, andere gibt es im Kaffeegeschäft für ein paar Mark. Bilderbücher und Kinderbücher zum Thema Weihnachten ebenfalls. Damit das Thema nicht veraltet ist, muß man sie vor Weihnachten kaufen. Unterm Weihnachtsbaum sind sie sicher nicht mehr interessant, weil das Fest bald vorbei ist.

Weihnachtslieder vieler Jahre werden zusammengesucht und rechtzeitig vor der Saison auf Tonträger gepreßt. Jedes Jahr neue. Jede Musikgruppe, die vermeintlich etwas auf sich hält, gibt eine Weihnachts-CD heraus. Und es wird Werbung gemacht, was das Zeug hält. Die CD aus der Anzeige liegt in jedem Plattenladen natürlich an vorderster Stelle.
Kauf mich ..........

Meine Weihnachts-CD von vor zehn Jahren ist aber noch immer aktuell, ein Buch mit Weihnachtsgeschichten überflüssig. Genügend Geschichten finde ich im Internet. Ich kann sie mir ausdrucken. Bestückt mit Bildern habe ich dann Geschichten, die mir gefallen.

All die Weihnachtsmärkte, Weihnachtskonzerte, Weihnachtsfeiern von Firmen soll man besuchen. Alles gibt es im Überfluss. Alle sind gestresst. Warum, so frag ich, gehen sie dann hin? Warum geben sie zuviel Geld aus?

Ich sage dazu nein...

Ich setze mich in meinen Ohrensessel, lege eine Mozart-CD auf und mache es mir richtig gemütlich. Sollen alle anderen sich abhetzen auf der Suche nach dem richtigen Geschenk, oder den Eintrittskarten, oder dem Glühwein, oder der Bratwurst.. oder... oder...

Ich verpasse nichts........



* * * * * E n d e * * * * *




(c) Karin Ernst

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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