Ronald Willmann

Rotkäppchen – wie es in keinem Märchenbuch steht

Sicher kennt ihr alle das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf! Jaja, damit versuchten unzählige Generationen von Eltern und Großeltern, ihre Kinder zu beeindrucken – wie wichtig es ist, immer brav das zu tun, was man gesagt kriegt. Und nie vergaßen sie hinzu zu fügen, dass es ein Märchen – na, von wem wohl? – von den Gebrüdern Grimm ist.

Tja, wir haben es ihnen geglaubt. Was blieb uns auch Anderes übrig? Wir wussten es nicht besser – damals. Doch das ist jetzt anders!

Wisst ihr, woher das Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“ tatsächlich stammt? Nein? Ich verrate es euch: Es stammt aus der Türkei! Ja, wenn ich’s euch doch sage! In den bergigen Wäldern Anatoliens, im wilden Taurus-Gebirge, dort hat es seinen Ursprung. Glaubt ihr nicht? Überlegt doch mal selbst: Rotkäppchen! Wo sind denn diese roten Kappen verbreitet? Na? Im Orient – dort werden sie Fes genannt. Aber „Rotfes-chen“ klang eben nicht so gut und deshalb wurde im Deutschen daraus „Rotkäppchen“.

Aber der Reihe nach – so, wie es wirklich war. Nichts als die Wahrheit. Ich habe die Originalgeschichte nämlich für euch aus dem Mittelhochtürkischen ins Deutsche übersetzt. „Purpur-Fatima und ne echt krasse Steppenraubtier“ heißt sie da. Guckst du hier:

 

Großmutter Gonca Güklümoglu hatte es nicht leicht. Seit ihr Mann Mehmet Ibn Hassan Ben Hur-Distan vor vielen Jahren eines Tages nicht mehr auf ihren kleinen Bauernhof zurückkehrte – er wollte nur mal schnell ins nächste Dorf, das 25 Kilometer entfernte Horasantepete, um eine neue Flasche Raki zu holen und in den Wirren des kurz darauf ausgebrochenen türkisch-armenischen Stammeskrieges muss er sie wohl verloren haben (also die Flasche Raki wie auch Großmutter Gonca Güklümoglu), ja, seitdem musste sie sich allein um den Hof mit den vier Hühnern, einem Hahn, einer Milchkuh und vier Ziegen kümmern.

Es war kein leichtes Leben, welches sie in den Bergen des Taurus führte. „Ich möchte raus aus diesem Wald, er ist so finster, meine Verwandten trauen sich gar nicht mehr, mich zu besuchen, weil der Weg hierher so dunkel ist“, hatte sie immer wieder zu Großvater Mehmet Ibn Hassan Ben Hur-Distan geklagt. Dieser liebte sie – zumindest damals - wirklich sehr und so erfüllte er ihr diesen ihren sehnlichsten Wunsch: Er holzte den Wald rund um den sagenumwobenen Berg Kebaborum, an dem sie wohnten, ab. Und da die Verwandten seiner Frau sehr weit verstreut wohnten, holzte er auch noch ein bisschen mehr von den dichten, dunklen Pinienwäldern ab. Damit hatten sie bis an ihr Lebensende und das ihrer Kinder und Kindeskinder genug Feuerholz für alle noch so kalten anatolischen Hochlandwinter - und das osmanische Reich hatte eines seiner großen Probleme, mit denen auch die moderne Türkei noch zu kämpfen hat: die Bodenerosion, die an den kahlen Hängen unverzüglich einsetzte und allen fruchtbaren Ackerboden wegspülte.

In Großmutter Gonca Güklümoglus Leben – und auf ihre Hütte und den Weg zu dieser - schien jetzt die Sonne, Licht kam in ihr Leben, doch es war auch nicht einfach, für ihre Haustiere genügend Futter zu finden. Aber sie schaffte es immer wieder, fand entlegene Bergwiesen mit duftenden Kräutern, an denen sich die Ziegen laben konnten. Diese jedoch dankten es ihr nur wenig und sprachen immer wieder, als sie sie fragte: „Na, habt ihr euch auch ordentlich satt gefressen?“, den berüchtigten Satz: „Wovon sollten wir satt sein? Wir fanden kein einziges Gräslein….“ Aber das ist wieder eine andere Geschichte und längst nicht das größte Problem, welches die anatolische Bergwildnis beschäftigte. Vielmehr kamen mit dem zurück Weichen der Wälder und der Versteppung der Bergtäler die Wölfe zurück, die ja, wie jedes Kind weiß, die finsteren Wälder meiden und viel lieber in offenen Steppenlandschaften leben und jagen. Dabei machten sie mitunter auch vor Großmutter Gonca Güklümoglus Ziegen nicht halt.

Wie gut, dass sie noch ihre liebe Enkeltochter Fatima hatte! Diese lebte in der großen Stadt und konnte natürlich nicht jeden Tag zur Großmutter kommen, zumal ihr älterer Bruder Hakan darauf bestand, seine Schwester und vor allem deren Ehre stets zu beschützen. „In diese scheißen Berge tu isch disch nisch alleine gehen lassen! Das is viel zu gefährlisch, voll korrekt! Isch muss disch beschützen tun, du tust doch mei Schwester sein, mein Sonnenlischt, ey isch schwöre!“, pflegte er stets in seiner liebevoll-fürsorglichen Art zu sagen. Nur wenn Hakan sich mit seiner Gang traf und Bauer Mahmut aus der Nachbarschaft mit seinem Ochsengespann ohnehin in Richtung Berge fuhr und er Fatima ein Stück mitnehmen konnte, dann nutzte sie die Gelegenheit, um ihr Großmütterchen zu besuchen. Sie brachte ihr dann immer eine Flasche Ayran und türkischen Honig mit, weil sie ihrer Großmutter gern eine Freude machte. Manchmal pflückte sie ihr auch ein paar Blumen, die jedoch meist die gierigen Ziegen abfraßen, kaum dass die Großmutter die Vase aufs Fensterbrett gestellt hatte.

Eines Tages sprach Hakan zu seiner Schwester Fatima: „Ey, Schwester, weißdu, isch war heute mit meine Kumpels in de Bergen, in ‚Tal der Wölfe’. Voll krass da, ey. Und, isch schwöre, dort tun voll die fetten Wölfe auf ihre Beute lauern. Das tu isch nich zulassen, dass eine von diese schwulen Wölfe dir was antun tut, wenn du wieder mal zu die Großmutter gehst. Isch mach das genau so wie dieser Agent da, isch knall die Wölfe ab, da bisdu voll sicher, wenn du in die Gegend kommst!“

Hakan machte sich also auf den Weg, in der Tasche sein Klappmesser – und sein Herz, denn das war ihm, kaum dass er die Stadt hinter sich gelassen hatte, ebenfalls in die Hosentasche gerutscht. Dummerweise hatten seine Kumpels gerade an dem Tag, wo sie doch die Wölfe voll korrekt ferrtisch machen tun wollten, alle etwas Anderes vor. Mustafa „die Keule“ Sinoglu musste seine kleine Schwester vom Kindergarten abholen, Ahmed „Faust“ Agatürk bekam von seiner Mutter überraschend Stubenarrest und der Gefährlichste ihrer Bande, Karim „der Tod“ Süleyman, war plötzlich mit seinem Hausaufsatz für die Schule noch nicht fertig. Und obwohl Hakan seine Expedition gegen die Wölfe gern verschoben hätte, ließ das doch seine Ehre nicht zu; vor allem, als seine Schwester Fatima mit süffisantem Lächeln zu ihm sagte: „Soll ich nicht doch mitkommen – allein ist es vielleicht zu gefährlich für dich?“.

Nein, Hakan ging diesen Weg und er wusste, es würde kein leichter sein. Er war steinig und schwer, weil es ständig bergauf ging und das in der ausgedörrten Landschaft, wo ihm kein Baumwipfel etwas Schatten bot. „Scheißendreck“, fluchte er mit knirschenden Zähnen – es war vor allem der Sand, der zwischen seinen Zähnen knirschte -, „hätt isch doch bloß ne Flasche Wein odern Stück Kuchen mitgenomm!“  So aber musste er ohne eine Stärkung im Marschgepäck in die Berge ziehen.

Es wurde spät, bis er endlich in dem Tal ankam. Stöhnend sank Hakan an einem winzig kleinen Bächlein nieder. Mit seinem Klappmesser hob er eine Vertiefung aus, bis er sich mit beiden Händen etwas Wasser ins Gesicht spritzen konnte. Das tat gut! Als er zum fünften Mal ansetzte, Wasser zu schöpfen, fiel ein Schatten auf den Tümpel. Erschrocken drehte sich Hakan um. Hinter ihm, keine drei Schritte entfernt, stand ein Wolf! Zähnebleckend musterte dieser ihn. Vor Schreck fiel Hakan das Messer aus der Hand. „Ey, isch glaub, ich spinne!“, stammelte Hakan. „So was gibt’s doch bloß im Film!“ Aber der Wolf stand tatsächlich vor ihm und starrte ihn unentwegt an. Und wie um seine Echtheit zu beweisen knurrte er leise und scharrte mit den Pfoten.

Hakan wusste nicht, was er tun sollte. Mit der Hand unauffällig nach seinem Messer tastend versuchte er, den Wolf abzulenken und beruhigend auf ihn einzureden. „Ey, Wolf, sag mal, warum tust du eigentlich so große Augen haben?“, fragte er ihn, nur um irgendetwas zu sagen in dieser für beide etwas peinlichen Situation. Zu seinem großen Erstaunen antwortete ihm der Wolf mit tiefer Stimme. „Damit ich dich besser sehen kann!“ „Ey, echt krass“, staunte Hakan. „Und, und, was ist mit deine schwulen große Pfoten?“ „Damit ich dich besser packen kann!“, erwiderte der Wolf und legte seine beiden Vorderpranken um Hakans Oberkörper. Dieser hatte inzwischen sein Messer gepackt, doch es war ihm unmöglich, es zu gebrauchen. Er bekam es immer mehr mit der Angst zu tun. Dieser Wolf wollte ihn platt machen, wurde ihm schlagartig bewusst! Er versuchte weiter auf ihn einzureden. „Ey, Kumpel, is voll korrekt, hab isch kapiert mit deine Pfoten. Isch hab nix gegen große Pfoten musst du wissen, isch tu misch nur fragen, warum du auch so große Zähne haben tust!“ „Damit ich dich besser fressen kann und….“, zischte der Wolf. Den Rest des Satzes konnte man schon nicht mehr verstehen, weil er den Mund voll Hakan hatte. In einem Bissen schlang er den tapferen Jungen hinunter!

Der Wolf stieß einmal kurz auf, dann wandte er sich schwerfällig um. Ihn dürstete und die kleine Wasserkuhle kam ihm gerade recht. „Diese Türkenbengel haben den Wanst immer voll Kebab, da brauche ich genügend zu trinken zum Verdauen“, brummte er. Er nahm ein, zwei, drei Schlucke, doch dann wurde er müde. Er sank hin und schlief neben dem Bächlein ein. In seinem Bauch rumorte es – er hatte sich mal wieder überfressen und den Mund etwas zu voll genommen!

 

Während der Wolf also mit seinen Verdauungsschlafproblemen zu kämpfen hatte machte sich Fatima große Sorgen um Hakan. Sie kannte ihren Bruder. Er spielte sich gerne als großer Beschützer auf, vor allem, wenn er mit den Jungs von seiner Gang zusammen war. „Wenn Einer meine Schwester anmachen tut, dann kriegt er es mit mir zu tun!“, pflegte er stets zu sagen und dabei wild entschlossen mit den Augen zu rollen. Böse dreinblicken, ja, das konnte Hakan und er sah dann wirklich richtig gefährlich aus.

Er war ja so stolz, dabei konnte er keiner Fliege was zu Leide tun! Zu Hause, wenn keiner dabei war, betrachtete er oft liebevoll seine Briefmarkensammlung und ganz in der hinteren Ecke ihres Gartens hatte er ein altes Gewächshaus zu einem Schmetterlingshäuschen umgebaut. Als Fatima das eines Tages entdeckte behauptete er: „Das mach isch bloß als Köder für die Fische, wegen Angeln!“. Doch sie hatte ihn schon heimlich belauscht, wie er liebevoll-zärtlich mit seinen Schmetterlingen sprach.

Hakan war ein herzensguter Kerl. In der Stadt, inmitten seiner Kumpels, da fühlte er sich sicher, da kannte er sich aus. Doch die Wildnis der Berge, das war für ihn ein Koran mit sieben Siegeln. Was würde er dort nur tun? Wenn ihm nun etwas zustieße? Er wusste doch nicht einmal, wie man sich anhand des Sonnenstandes in der Richtung orientierte! Fatima machte sich Vorwürfe, dass sie ihn alleine gehen gelassen hatte. „Ich muss los, Hakan suchen!“, sagte sie sich entschlossen, setzte sich ihr rotes Fes auf und ging den Weg in die Berge hinauf. Bestimmt würde er mit ihr schimpfen, wenn sie ihn traf, aber sollte er ruhig – Hauptsache es passierte ihm nichts. „Ich mag dich doch, Hakan, du bist mein Bruder, du alte Trottelnase“, seufzte sie liebevoll. Sie nahm sich vor, schnurstracks nach ihm zu suchen.

Doch während sie der Spur ihres Bruders folgte, gewahrte sie etwas Seltsames. Als sie sich gerade einem kleinen Rinnsal näherte, hörte sie ein Röcheln hinter einem Baum. Wie angewurzelt blieb das Mädchen stehen. Stille umgab sie. Da hörte sie es wieder. Ein grausiges Stöhnen drang an ihr Ohr. Fatima blickte um sich. Niemand schien ihr gefolgt zu sein, auch um sich herum sah sie keine Menschenseele. Sie rückte ihr purpurnes Fes zurecht, nahm allen Mut zusammen und rief in die Richtung, aus der sie die grausigen Laute vernahm: „Du, du, wer immer du auch bist, du machst mir keine Angst, nein, bestimmt nicht! Egal was für Schweinereien du treibst, ich fürchte mich nicht vor dir!“

Dabei wich sie langsam zurück. Sie sah nicht, dass hinter ihr eine knorrige alte Wurzel lag. Im Rückwärtsgehen blieb sie mit ihrem Schuh daran hängen, sie stolperte, stürzte rücklings und knallte mit dem Kopf gegen einen Baumstubben, der schon vor vielen Jahren gefällt worden sein musste.

Noch ganz benommen tastete sie neben sich, wo sie ihr purpurnes Käppchen vermutete. Als sie wieder nach vorn blickte erstarrte sie. Mit schwerfälligem Schritt kam ein riesiger Wolf auf sie zu. Er leckte sich die Lefzen und hielt den Kopf gesenkt. „Hau ab“, schrie Fatima und sprang auf. Sie suchte einen Baum, auf den sie hätte fliehen können, doch der nächste stand zu weit weg.

Der Wolf machte jedoch keine Anstalten, sich auf sie zu stürzen. Er blieb stehen und stützte sich schwer auf seine Vorderbeine. „Hör mal“ brummte er, „du schaust ja ganz appetitlich aus, meine Kleine, aber für heute bin ich satt. Ich hab heute meinen großzügigen Tag. Wenn du dich auf der Stelle trollst, dann lasse ich dich am Leben. Du kannst ja in zwei Wochen noch mal vorbei kommen, wenn ich diesen Bengel verdaut habe!“ Dabei ließ der Wolf, höhnisch grinsend, seine Zähne blitzen. „Bengel?“, fragte Fatima, „hab ich das richtig gehört: Bengel? Was für ein Bengel?“ In ihr stieg ein furchtbarer Verdacht auf.

Der Wolf lachte grausam auf. „Na dieses schmächtige Stadtjüngelchen, welches so freundlich war, mich zum Mittag zu beehren. Es hätte sich bald in die Hose gemacht, als es mich gesehen hat!“ „Hakan“, schrie Fatima auf, „das ist mein Bruder Hakan! Was hast du mit ihm gemacht, du Scheusal?“ Alle Angst schien auf einmal wie weggeblasen. Sie dachte nur noch an ihren Bruder, der ganz allein dieser Bestie gegenüber getreten sein musste und von ihr offenbar verschlungen wurde.

Der Wolf ahnte nichts von ihren Gedanken. „Naja, eigentlich bin ich ja schon pappesatt, aber wenn ihr Geschwister seid – da wollen wir doch mal einer gepflegten Familienzusammenführung nicht im Wege stehen“, brummte er und setzte sich in Bewegung, auf Fatima zu.

Das Mädchen sah, dass er offenbar nur sehr schwerfällig vorankam. Sie wollte ihn in eine Falle locken. Vielleicht konnte sie ja noch etwas für ihren Bruder tun. Weit würde der Wolf nicht mehr laufen können, das sah sie.

Sie stellte sich in Kampfposition. „Ey, bleib mir bloß vom Leibe! Ich kann Kampfsport, hab türkische Karate gelernt, heißt Kara-Dö-na. Ich mach dich alle!“, drohte sie ihm und wich langsam zurück. Nicht weit hinter sich wusste sie einen steilen Berghang. Dort wollte sie den Wolf hinlocken. Wie es dann weiterging – das würde sich ergeben. „Komm nur, wenn du dich traust“, schrie sie ihn an und lief los; nicht zu schnell, damit ihr der Wolf auch folgen konnte. Schwerfällig trabte ihr dieser hinterher. „Au verdammich“, brummte er, „ich hätte nicht gedacht, dass mir der Bengel so schwer im Magen liegt. Das sticht und piekst ja wie verrückt, als hätte ich den Bauch voller Wackersteine! Aber dieser Göre muss das Maul gestopft werden!“

Fatima reizte ihn weiter. „Na, du alter Isegrimm, schneller geht’s wohl nicht mit den alten Knochen! Soll ich dir auf die Sprünge helfen?“ Jetzt trabte der Wolf schneller. Fatima rannte auf einen Baum zu, der einzeln und knorrig direkt vor dem Abhang stand. Der Wolf sollte dicht hinter ihr bleiben und wenn sie sich auf einen Ast schwang, wollte sie ihm den entscheidenden Tritt in Richtung Abgrund verpassen.

Aber ach! Als sich Fatima an einen scheinbar starken, nicht zu hoch hängenden Ast schwingen wollte, passierte das Unglück! So wie sie zupackte gab der knorrige, schon längst morsche Ast nach und das Mädchen landete hinterrücks auf dem Boden, den Ast verdutzt in der Hand haltend. Der Wolf grinste böse. „Na, sind wir immer noch so mutig?“, fragte er, während er langsam auf sie zuschlich. Er musste erst einmal wieder zu Atem kommen.

Fatima packte den Stock entschlossen mit beiden Händen an. Als der Wolf nahe genug heran war, stieß sie zu und traf die Bestie am Bauch. Er zuckte zurück und gab einen eigenartigen Laut von sich. Es klang beinahe wie ein Kinderschrei. Der Wolf hielt ebenfalls verdutzt inne. Fatima nutzte die Gelegenheit und schlug noch einmal zu, mit aller Kraft, mitten zwischen die bösartig blitzenden Augen. Wie vom Blitz getroffen sackte das Untier zusammen. „Dir werd ich’s zeigen, du frisst niemanden mehr“, schrie sie ihn an und trat noch einige Male nach ihm, während er sich schon längst nicht mehr rührte.

Dafür erklang erneut die helle Stimme aus dem Inneren des Wolfes. „Verdammte Mist ey, wer tritt hier gegen meine Schulter, was soll der Scheiß?“ „Hakan“ schrie Fatima auf, „Hakan, du lebst ja noch!“ „Ja, aber ich komm nich raus aus diese blöden Bauch, is so dunkel hier.“ „Warte, Hakan, ich helfe dir – ach, wenn ich doch nur ein Messer bei mir hätte“, seufzte seine Schwester verzweifelt. „Messer?“, erklang da Hakans Stimme. „Oh Mann ey, hab isch doch Messer bei mir und hab das voll krass vergessen!“ Es dauerte nur einen Augenblick, da sah sie auch schon die Klinge aus der Bauchdecke des Wolfes hervor blitzen. Als diese den gesamten Bauch aufgetrennt hatte, wälzte sich ihr Bruder Hakan heraus. „Oh verdammich mich, von diese blöden Wolf bin ich am ganzen Körper voller Blut!“, schimpfte er. Seine Schwester musterte ihn jedoch erfreut. „Hauptsache, du bist gesund, mein Bruder“, rief sie und fügte hinzu: „Am ganzen Körper bist du nicht voller Blut, da hinten am Rücken, zwischen den Schulterblättern, da ist gerade ein Blatt abgefallen, diese Stelle ist noch frei.“ „Ja nee was, da brauch ich mich ja gar nicht zu waschen oder wie?“, fragte er verständnislos zurück. „Wie bisdu überhaupt hierher gekommen. Isch hab dir doch gesagt, du solls warten Suhause bis isch komme surück!“ „Ach Hakan, ich bin so froh, dass du lebst“, rief Fatima glücklich. „Ich wollte dich doch nur retten!“ „Hätt isch auch so geschafft. Ich hab nur warten wollen bis de Wolf einschläft und dann hätt ich mich befreit mit meine Messer und hätt ihm dafür Wackersteine in de Bauch eingenäht. Cool, was, das hätte der garnisch gemerkt!“ Hakan grinste sie stolz an. „Wackersteine?“, fragte seine Schwester verständnislos. „Wassn das für Blödsinn? Erzählst du mir hier ein bescheuertes Märchen oder was? Zieh ihm das Fell ganz ab, dann bist du in deiner Gang der Wolfstöter und alle haben einen Mordsrespekt vor dir!“, schlug Fatima vor. Ihr Bruder überhörte es, dass ihrer Meinung nach offenbar bisher noch niemand vor ihm Respekt hatte. Stattdessen sagte er: „Ich glaube, ich sollte ihm das Fell abziehen, ehe wir uns hier mit blöde Wackersteine tot schleppen!“

Gesagt, getan. Gemeinsam zogen sie dem Wolf das Fell über die Ohren und kehrten damit in die Stadt zurück. „Hakan der Wolfstöter kehrt zurück!“, schrieen die Straßenkinder. „Er hat den Wolf getötet!“ Stolz scharte sich seine Clique um ihn. Respektvoll hielten alle jedoch einen gewissen Abstand zu ihm – vielleicht auch deshalb, weil das mittlerweile getrocknete Blut bestialisch stank.

Hakan zeigte allen das beeindruckende Wolfsfell. Er galt jetzt als unbezwingbar. Keiner legte sich mit ihm an und wenn einmal ein vorwitziger Bursche seiner Schwester eine unpassende Bemerkung hinterher rief, dann brauchte er nur zu sagen: „Willsdu, dass es dir so ergeht wie dem Wolf?“ Dann schlichen selbst die berüchtigtsten Schläger betreten von dannen, denn sie hielten ihn für unverwundbar.

Nur Fatima, das Mädchen mit dem purpurnen Käppchen, wusste es besser. Doch sie verriet keiner Menschenseele etwas – so wie es sich für ein braves Schwesterchen gehört, welches auf den Schutz durch ihren großen starken Bruder angewiesen ist.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann beschützt er sie noch immer!

 

Und die Moral von der Geschicht’? Pass auf, wenn du in die anatolischen Berge kommst  - dort ziehen sie dir gnadenlos das Fell über die Ohren!

 

Ja, das ist also die wahre Geschichte von Rotkäppchen und dem Wolf! Türkische Teppichhändler brachten sie einst mit nach Europa, wo sie in ihrer ursprünglichen Form häufig auf Unverständnis stieß. Zu fremdartig waren die Familienbeziehungen, die darin aus dem Inneren Anatoliens übermittelt wurden. Die Gebrüder Grimm schrieben das Skript um und passten es deutschen Verhältnissen an. Aus Fatima wurde Rotkäppchen, aus Hakan der tapfere Jäger – und die Großmutter bekam für ihre kleine Landwirtschaft eine Stilllegungsprämie und lebte fortan in einem denkmalgeschützten Haus vom Sozialstaat, während Rotkäppchen eine Freiwilliges Soziales Jahr in der Altenbetreuung absolvierte.

Sechs Tage lang arbeiteten die Gebrüder Grimm an der Umarbeitung. Und am siebten Tag aber, als sie die Geschichte endlich an die Verhältnisse in unserem Land angepasst hatten, da sprachen sie stolz zu ihrer Märchenfigur: Ja, du bist Deutschland! Und sie sahen, dass es gut war.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ronald Willmann).
Der Beitrag wurde von Ronald Willmann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.11.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Ronald Willmann als Lieblingsautor markieren

Buch von Ronald Willmann:

cover

Modellversuch Chemnitz von Ronald Willmann



Der Journalist Arne Heller sucht die Herausforderung; eine packende Story, die ihn berühmt machen soll. Nur zu gern lässt er sich von der Sozialarbeiterin Sabrina in die „Wiking-Jugend Süd“, eine Gruppe jugendlicher Neonazis, einschleusen. Er glaubt, den Spagat zwischen journalistischer Recherche und seiner Zuneigung zu der eigenwilligen, Frau im Griff zu haben. Dabei stößt er nicht nur auf junge Leute aus gutbürgerlichem Haus, die ihn provozieren, in Sicherheit wiegen und zugleich misstrauen, sondern auch auf unglaubliche Machenschaften und Interessenskonflikte zwischen Nachrichtendiensten und alten DDR-Seilschaften. Das ganze Ausmaß der Charade bleibt ihm jedoch verborgen. Er merkt nicht, dass er nur eine Schachfigur in einem abgekarteten Spiel ist. Zu sehr verlässt er sich auf Sabrina sowie seine scheinbare Unangreifbarkeit als Medienvertreter – ein lebensgefährlicher Fehler!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ronald Willmann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Exakt so war es, nur genau anders herum von Ronald Willmann (Satire)
autobiographisch...mein Freund Peter von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Befriedigte Neugier von Norbert Wittke (Glossen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen