Giuseppe Rinaldi

Vollmond

 

Nachts, ein Mann steht am Fenster und guckt zum Himmel, mmhh, denkt er, Vollmond, hoffentlich kann ich heute ruhig schlafen.
Er dreht sich um, geht zu seinem Bett, legt sich hinein, guckt noch einmal zu seiner Frau, die schon seit einer Stunde schläft, nimmt sich dann ein Buch und fängt an zu lesen.
Aber es fällt ihn schwer, sich zu konzentrieren, weil ihn ein Gedanke durch den Kopf geht, jeden Morgen, wenn er zur U - Bahn geht, sieht er eine Frau, die ihm an der Station entgegen kommt. Er geht immer 07:15 Uhr aus dem Haus und sie ist auch immer zur selben Zeit da und daher begegnen sie sich jeden Tag, schon seit 2 Wochen.
Er denkt an ihre Figur, an ihren katzenartigen geschmeidigen Gang, an ihre grünen Augen, ihr braunes langes Haar, ihr leises Lächeln, es ist einfach alles, was ihn, seit dem ersten Mal, wo er sie gesehen hat, fasziniert.
Ja, irgendwas hat sie, denkt er und lächelt, aber, wer weiß, wie lange ich ihr noch morgens begegne.
Er legt das Buch beiseite, macht seine Nachttischlampe aus, dreht sich auf den Rücken, guckt noch einmal zum Fenster, wo silbern und groß der Mond zu sehen ist und schläft dann ein.
Plötzlich wird er wach, mit einem Schlag öffnet er seine Augen, ihm ist heiß, er blickt gehetzt um sich. Was ist das, denkt er, bekomme ich einen Herzinfarkt ?
Er will aufstehen, aber er fällt aus seinem Bett und landet auf allen Vieren.
Wieso kann ich nicht stehen ?
Verwundert öffnet er seinen Mund und will seine Frau rufen, aber es kommt nur ein tiefes Knurren aus seiner Kehle.
Plötzlich fängt er an zu schnüffeln. Ein intensiver, süßlich betörender Geruch erreicht seine Nase, versetzt ihn in einen Rauschzustand, sein Verstand setzt aus und er rennt auf allen vieren zur Wohnungstür, kratzt an der Klinke, bis die Tür aufgeht und dann stürmt er in die helle Mondnacht.
Er weiß nicht wohin, aber er folgt diesen Geruch, je stärker er wird, desto wilder schlägt sein Herz, seine Zunge hängt weit aus seiner Schnauze und er verstärkt sein Tempo.
Auf einmal wird der Geruch noch intensiver, ihm stockt der Atem, er stoppt und guckt um sich, er kennt die Gegend, es ist in der Nähe seiner U - Bahnstation, ein kleiner Park.
Plötzlich hört er ein leises Fauchen hinter sich, er dreht sich blitzschnell um und entdeckt eine schlanke schwarze Gestalt, das einzige, was in der Dunkelheit leuchtet, sind ihre grünen Augen. Beide sind fünf Meter voneinander entfernt. Sie hechelt, ihre Zunge hängt aus der Schnauze und sie duckt sich in das Gras.
Er duckt sich ebenfalls, der Geruch, IHR Geruch macht ihn wahnsinnig vor Begierde und dann springt er.
Sie springt fast im selben Moment und klatschend treffen sich ihre Körper in der Luft.
Schnaubend fallen sie beide in das Gras, drehen, beißen und kratzen sich, jeder Schmerz, den sie sich zufügen, macht sie noch rasender, noch wilder.
Endlich, nach einigen Minuten, hat er es geschafft, sie liegt auf den Bauch, er steht über ihr, knurrend beißt er ihr in den Nacken und beginnt sich zu paaren.
Sie versucht freizukommen, aber je heftiger ihre Gegenwehr wird, desto mehr verbeißt er sich und desto wilder werden seine Bewegungen.
Nach einigen Minuten ist er fertig, mit einen riesigen Satz springt er zurück und geht in Lauerstellung, sie springt, dreht sich in der Luft und faucht ihn wütend an, dann schüttelt sie sich, dreht sich langsam um, guckt noch einmal zu ihm zurück und springt danach in das Dunkel.
Er knurrt leise, der Geruch von ihr verblasst langsam und er dreht sich herum und rennt wieder zurück, diesmal seiner Duftspur folgend.
Im Park erinnert nichts mehr an die beiden, nur die Wiese ist zertrampelt, kleine Bäume sind ausgerissen und zwei Bänke liegen auf dem Weg.
Schnaubend steht er vor seiner Wohnungstür, er drückt mit seiner Schnauze gegen die Tür und schlüpft leise in den Flur.
Im Schlafzimmer angekommen, hüpft er ins Bett und schläft augenblicklich ein.
Langsam erwacht er, öffnet seine Augen, stöhnt und macht sie sofort wieder zu, es war zu hell für ihn. Er guckt blinzelnd zum Wecker, er zeigt 06:30 Uhr an, streckt sich stöhnend, irgendwie fühle ich mich unheimlich kaputt, denkt er und guckt zu seiner Frau, ihre Bettseite ist leer, da sie schon gegen 06:00 Uhr die Wohnung verlässt.
Mensch, war das ein Traum, überlegt er, ziemlich heftig  so was habe ich schon lange nicht mehr geträumt, na, war ja Vollmond.
Langsam geht er in das Bad, stützt sich am Waschbecken ab und schaut in den Spiegel. Er erschrickt als er sich sieht, blutunterlaufene Augen, tiefe Tränensäcke und Kratzer auf der Wange und am Hals.
Das war kein Traum oder ?, fragt er sich, das darf nicht wahr sein. Stirnrunzelnd hebt er seinen rechten Fuß, guckt die Fußsohle an und sieht, das sie ganz schwarz ist. Mist, es war kein Traum, das geht doch gar nicht, denkt er und guckt zufällig auf die Uhr, hey, schon 06:50 Uhr, ich muss mich beeilen, das ich sie noch treffe, ich weiß, das andere Biest hat grüne Augen….ja, grüne Augen gehabt, ob sie…? überlegt er  und fängt sich an zu waschen, danach zieht er sich an, schlüpft in seine Schuhe, schlingt nebenbei seine Stulle herunter und hastet dann zur U - Bahn.
Als er in Sichtweite der Station kommt, verlangsamt er sein Tempo und guckt sich suchend um. Na, wo ist sie, denkt er, wo bleibt sie denn.
Da kommt sie die Treppe hoch, wie immer mit sanften katzenhaften Bewegungen, nur heute hat sie ihr Haar als Zopf gebunden, sie geht an ihm vorbei, lächelt ihn an, fletscht ganz leicht ihre Zähne und flüstert rauh : Bis zum nächsten Vollmond ! und geht dann weiter. Er dreht sich um, sieht , wie sie ihren Kopf zu ihm dreht und dann sieht er die roten Flecken an ihrem Nacken, rechts und links.
Sie lächelt noch mal und verschwindet dann aus seinem Sichtfeld.
Er steht wie starr, sagt bei sich, das gibst doch alles nicht, es ist wahr und schüttelt dabei leicht seinen Kopf………
Aber so richtig entsetzt ist er nicht, im Gegenteil, er freut sich, er freut sich sogar tierisch auf den nächsten Vollmond, denn :

Er weiß jetzt das er ein Werwolf ist und sie ist ein Werwolf und es ist ein großartiges Gefühl !

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Giuseppe Rinaldi).
Der Beitrag wurde von Giuseppe Rinaldi auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Paula: Ein Name - ein Gedanke von Brigitte Wenzel



Paula begegnet den Zeichen der Zeit mit einem unerschöpflichen Kampf. Selbstironie, Zukunftsängste und der ausgeprägte Lebenswille treiben sie dabei voran. Ihr Ziel ist es, ein einfaches Leben im Kreise der Familie zu genießen. Aber das Schicksal hat andere Pläne mit ihr. Sie erlebt Betrug, Eifersucht, Trauer und Leidenschaft. Geprägt von dem jeweiligen Gefühl, versucht sie ihr Leben in der Spur zu halten.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Mystery" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Giuseppe Rinaldi

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Irrtum von Giuseppe Rinaldi (Humor)
Kolumbus Aufsatz vom Karli von Margit Kvarda (Humor)