Renate Klein

Die Panne

An einem warmen Sommerabend beschlossen Ursula und Günter Weidling, ein bisschen aufs Land zu fahren, und danach anschließend noch in irgend einem Gar-tenlokal einzukehren, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen. Es wurde dann auch später als geplant. Auf ihrem Rückweg bogen sie aus Versehen, es war schon sehr dunkel, in einen unbekannten Nebenweg ab und hatten eine Panne. So stan-den sie, es war inzwischen Mitternacht geworden, mitten in der Pampa. Sie hatten sich total verfahren. Alle Versuche, den Wagen wieder flott zu bekommen, blieben erfolglos. Der Motor, der plötzlich abgestorben war, ließ sich einfach nicht mehr star-ten.

Die Gegend war sehr dünn besiedelt, doch sie schienen Glück zu haben, waren da nicht in einiger Entfernung auf einem Hügel die dunklen Umrisse eines Hauses zu erblicken? Es musste sich dabei um ein Gehöft handeln, denn als sich ihre Augen der Dunkelheit angepasst hatten, konnte sie noch so etwas wie eine Scheune und Stallungen erkennen. Im Haus war alles dunkel, was um diese Zeit ganz normal war, da der Tag dort ja schon sehr früh anfing.

In der Hoffnung, dort jemanden anzutreffen, um eine Werkstatt anzurufen, ließ Gün-ter seine Frau im Auto zurück und machte sich auf den Weg. Es war ihm zwar pein-lich, die Menschen dort in ihrer wohl verdienten Ruhe zu stören, doch er hatte keine andere Wahl, wollten sie nicht die Nacht auf ihren Autositzen verbringen, was sehr unbequem wäre.

Ursula schaute ihm nach, konnte ihn aber in der Dunkelheit bald nicht mehr erken-nen. Dann sah sie wie im Haus das Licht anging. Sie sah wie die Tür geöffnet wurde und im Lichtkegel die vertraute Gestalt ihres Mannes auftauchte. An seinen Gebär-den konnte sie erkennen, dass er von seiner Panne berichtete. Anschließend betrat er das Haus und die Tür schloss sich hinter ihm. Doch plötzlich öffnete sie sich wie-der und Günter stürzte heraus. Sie hörte seine Schritte näher kommen, er schien zu rennen. Kurz darauf konnte sie seine Umrisse in der Dunkelheit wahrnehmen. Er schien außer sich zu sein. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Er riss die Tür auf und setzte sich sofort zu ihr in den Wagen. Im schwachen Licht der Autobeleuchtung konnte Ursula erkennen, wie blas er war und dass seine Hände zitternd das Lenkrad umklammerten. Er war unfähig zu sprechen.

Aufgeregt fragte sie ihn, was passiert sei. Er schwieg, saß einfach mit blutleeren Lip-pen da und schüttelte nur den Kopf. Ursula bestürmte ihn, ihr endlich zu sagen, was sich da in dem Haus abgespielt habe. Schließlich hatte er sich beruhigt und erzählte.
„ Als ich an der Tür geläutet hatte, öffnete mir ein Mann so um die vierzig. Er war sehr freundlich und sichtlich über den nächtlichen Besuch erfreut. Er bat mich sofort ins Haus und führte mich ins Wohnzimmer. Er erzählte mir, dass er mit seiner Mutter hier lebe um die er sich kümmern müsse, da sie nicht mehr die Jüngste und etwas gebrechlich sei. Da hörte ich, dass im Nebenzimmer der Fernseher lief. Ich erfuhr daraufhin, dass seine Mutter Schlafstörungen habe und daher so spät noch fernse-he. Auch mit ihrem Appetit stehe es nicht zum Besten. Sie würde zu wenig essen, daher hätte sie auch in der letzten Zeit sehr abgenommen und wäre etwas schrum-pelig geworden. Er zeigte mir kurz das Zimmer, indem ein Ohrensessel vor dem lau-fen Fernseher stand. Zu dieser Zeit sah ich aber diesen Sessel nur von hinten und dachte mir vorerst nichts dabei. Nachdem ich dem Mann mein Problem noch einmal geschildert hatte, bemerkte ich, dass dieser Mensch so ein eigenartiges Lächeln im Gesicht hatte, und ich bekam so ein ungutes, seltsames Gefühl. Ich fühlte mich auf einmal in diesem Haus nicht mehr wohl. Als ich ihn dann auf das Telefon ansprach, um einmal kurz eine Werkstatt anzurufen die Nachtdienst hatte, führte er mich in das Zimmer seiner Mutter. Sie würde sich tagsüber einsam fühlen, wenn er seine Arbeit auf dem Hof verrichten müsse. Daher stehe das Telefon in ihrem Zimmer, damit sie sich nicht so alleine vorkomme und wenigstens telefonieren könne. Danach führte er mich zu dem Sessel seiner Mutter, um mich mit ihr bekannt zu machen und mir er-starrte das Blut in den Adern. Ein Schauer nach dem anderen lief mir den Rücken herunter und ich wollte nur noch weg aus diesem Haus.“
„Was war denn nun so schreckliches an dieser Mutter“, drängelte Ursula.
„In dem Sessel saß eine Mumie. Sie musste schon ewig tot sein. Dieser Mensch muss wahnsinnig sein.“

„Unser Benzintank ist leer“, rief plötzlich Ursula in die Stille.
„Sieh - der Zeiger steht bis zum Ende im roten Bereich, daher sprang der Motor nicht mehr an und das muss dir passieren. Diese ganze Aufregung hätten wir uns erspa-ren können. Zum Glück habe ich beim letzten Mal den Ersatzkanister gefüllt, sonst sähen wir jetzt ziemlich alt aus.“
„Ich muss trotzdem die Polizei verständigen. Das mit dem Tank war höhere Gewalt. Ich sollte diesen Vorfall aufdecken. Die armen Tiere, wer kümmert sich denn nun um sie. Der Mann wird doch jetzt erst einmal auf seinen Geisteszustand untersucht. Er hat den Tod seiner Mutter nicht akzeptiert und verdrängt. Für ihn lebt sie weiter.“
„Vielleicht war er aber auch nur scharf auf ihre Rente, weil er von den Erträgen sei-ner Landwirtschaft nicht leben konnte. Den Kleinbauern soll es doch angeblich nicht so gut gehen.“
„Unsinn! Für mich schien er etwas verwirrt.“

Ursula sah ein, dass sie ihren Man jetzt nicht weiter fordern konnte. Wortlos verließ sie das Auto, um den Inhalt des Kanisters in den Tank zu füllen. Dann verfrachtete sie ihren Mann auf den Beifahrersitz, der dies auch widerstandslos über sich erge-hen ließ, setzte sich ans Steuer und fuhr los. Am nächsten Polizeirevier hielt sie notgedrungen an, da ihr Mann keine Ruhe gab und darauf bestand, diesen Vorfall zu melden. Der zuständige Beamte hörte sich alles in Ruhe an, wollte aber wissen, was Günter an diesem Abend denn so alles getrunken habe. Er hielt dies alles für eine Halluzination und ließ Günter vorsichtshalber erst einmal in das wohlbekannte Röhr-chen blasen, konnte dann aber keinen übermäßigen Alkoholgenuss feststellen. Trotzdem stand er der Sache ziemlich skeptisch gegenüber. Mumien in der Woh-nung zu halten, kam ihm etwas zu makaber vor. Er versprach aber der Sache nach-zugehen. So machten sich Ursula und Günter erst einmal erleichtert auf den wohl verdienten Heimweg.

In den nächsten Tagen brachte dann die Tagesschau die unglaubliche Meldung von einer in einem bäuerlichen Betrieb lebenden Mumie. So wurde die öffentliche Ord-nung wieder hergestellt. Mumien gehören auf den Friedhof und nicht ins Wohnzim-mer, auch wenn der Sohn das anders sieht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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