Stefanie Iatrou

Heimat

Ein trister Raum, düster, verdunkelt, gefüllt mit Menschen. Menschen versammelt zu einem Zweck – Abschied zu nehmen von einem geliebten Menschen.
 
Geliebt, ja, das war sie gewiss gewesen. Von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Und hier in diesem kleinen Krankenzimmer ging es nun zu Ende. Da lag sie, das weiße Haar wie gewohnt zu einem Knoten geschlungen, die Hände über der Brust gefaltet, das schwarze Kleid, sorgfältig gewählt von ihrer Tochter, schien an diesem gebrechlichen, blassen Körper fast zu groß zu sein. Das bleiche Gesicht wirkte entspannt, fast jünger, spitzbübisch. Der Tot hatte nichts von ihrer Würde genommen.
 
Wie gerne wäre sie auf der Insel begraben worden, im Kreise derer, mit denen sie aufgewachsen war. Wie gerne hätte sie diese triste Stadt, die, erfüllt von der Hektik unserer Zeit, eine unüberbrückbare Anonymität ihrer Bewohner garantierte, verlassen. Ihre Sehnsucht galt bis zum letzten Atemzug den Bergen, Stränden und verträumten Gassen von Skyros. „Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name...“ Die Stimme des Priesters drang wie aus weiter Ferne an mein Ohr, ich folgte ihr nicht. Wo war die orthodoxe Trauerfeier, die Anna sich immer innigst gewünscht hatte? Aber nein, die Familie wollte es nicht, zu aufwendig seien die Vorbereitungen, zu unbekannt die Traditionen eines Landes auf einem anderen Kontinent.
 
Sie wären doch hier geboren, als Amerikaner, hier in Chicago. Ja, sie sprachen die Sprache ihrer Mutter, doch sie dachten nicht wie sie, fühlten nicht wie sie, und vor allem: sie lebten nicht wie sie. Wie oft hatte ihnen Anna auf der Terrasse des kleinen Häuschens nahe Chicago von der Heimat erzählt, alle hatten ihren Geschichten gelauscht, faszinierend waren sie gewesen, und von einer nie erlebten Intensität. Nie hatten die Kinder die Heimat kennen gelernt, sie hatten gelauscht, hingen an ihren Lippen, doch war es für sie nur eine Geschichte, ein Märchen unserer Zeit.
 
„..Dein Reich komme...“ Was war ihr Reich gewesen? Ich versuchte mich zu erinnern, an die unbeschwerten Tage, als wir beide noch jung gewesen waren. An den Krieg, der uns in dieses Land brachte, und, wie wir hofften, in eine bessere Zukunft. Und an ihre Sehnsucht, ihren Hunger, ein Verlangen dass ich nicht stillen konnte. Oder wollte ich es nicht?
 
 „..Dein Wille geschehe...“ Was war ihr Wille gewesen? Die Rückkehr, ohne Zweifel. Doch ihr Wille war nicht geschehen, das hatte ich nicht zugelassen. Die Kinder seien hier und nicht auf einer Insel in Griechenland aufgewachsen, uns ginge es doch gut, so argumentierte ich. Natürlich seien wir keine Millionäre, aber ich hatte mit meiner kleinen Taverne im Herzen Chicagos ein gutes Ein- und auch Auskommen. Nein, zurück wollte ich nie. Und hatte sie mir denn nicht wieder und wieder gepredigt „zu Hause sei wo das Herz sei“? War denn ihr Herz nicht hier, bei mir, zu Hause? Nein, jetzt sah ich es. Ihr Herz war auf Skyros. Es hatte mir nie gehört.
 
 „....wie im Himmel also auch auf Erden....“ Würde sie das Paradies finden im Himmel? Ich wusste wie es aussah: eine kleine Insel, felsig, bergig, mit weißen Häusern die fast schon wagemutig in den Berg gebaut waren. Kleine Gassen, Kopfsteinpflaster, Tavernen, kurze, einsame Strände, die in Mitten einer noch unberührten Natur lagen. Das Wasser so klar, dass man bis auf den Grund sehen konnte und dabei von einem strahlenden Türkis. „Nie werde ich die Boote vergessen, Jannis, weißt du noch? Die Fischerboote, die sogar bei hohem Seegang weit raus aufs Meer gefahren sind, bis sie nur noch kleine, schwankende Punkte am Horizont waren. Und weißt Du noch als der alte Nikos damals ertrunken ist? Das Boot hätte so lange gerichtet werden müssen, und er war zu stolz zuzugeben dass er das Geld für die Reparatur nicht aufbringen konnte, das hat ihm das Leben gekostet. Und seinen Kindern den Vater. Doch selbst an der Beerdigung war Sula noch zu hochmütig um uns, ihre Freunde, Nachbarn und Verwandten, um Hilfe zu bitten. Bis sie das bittere Los der Armut nicht länger ertragen konnte und ihrem Nikos eines Nachts gefolgt ist, und ihre Kinder im Stich lies.“ Natürlich wusste ich noch, wie konnte ich jemals vergessen. Für mich war die Insel immer das Gefängnis gewesen, ihre Bewohner seine Wärter und ich der Gefangene, den man nicht hinauslassen wollte, bis ich eines Tages einen Ausbruch wagte den sie mir nie verzieh.
 
„..Unser tägliches Brot gib uns heute...“ Aber das hatte ich doch, oder? Habe ich nicht immer gut für sie gesorgt? Hatte es ihr an etwas gefehlt? Wir hatten genug zu essen, nie Not gelitten, die Kinder waren glücklich aufgewachsen, fern vom Tratsch der Alten, die nichts anderes taten als sich in der Hitze des Nachmittags am Dorfbrunnen zu treffen. Ich hatte ihr die Welt zu Füßen gelegt, und ihr damit die Gelegenheit gegeben sie mit Füßen zu treten.
 
„..Und führe uns nicht in Versuchung...“ Ich hatte es versucht, mein Leben lang, 83 Jahre habe ich versucht sie von ihrem Traum abzubringen. Ich habe es niemals geschafft. Sogar als sie krank im Bett lag hat sie noch die alte Bibel zur Hand genommen, nicht um in ihr zu lesen, sondern um die alten Bilder aus ihr zu entnehmen, die sie hütete wie einen Schatz. „Schau, Jannis, der Leuchtturm. Heute müssen sie ihn bestimmt nicht mehr mit Feuer erhellen, heute geht das sicher mit Strom. Und hier: Maria! Sie ist so jung gestorben und ich konnte mich nicht mal verabschieden. Ich habe sie nie wieder gesehen, meine Schwester.“ Aus solchen Sätzen sprachen ihre Vorwürfe. Ich wollte weg, sie war mitgegangen weil sie mich liebte. Hatte sie das wirklich? Oder wollte sie mir beweisen, dass sie hier mein Leben zur Hölle machen konnte, hier, in einem Land in dem ich unsere Zukunft sah, weit weg von Skyros. Wollte sie, wie sie es gerne tat, einfach nur Recht behalten?
 
„...sondern erlöse uns von dem Bösen...“ Skyros war für mich das Böse gewesen, ein Ort der mich von der Welt fernhalten wollte, der mich zu Fischer auserkoren hatte, ohne mir die Möglichkeit der Selbstfindung zu geben. Skyros war der Teufel der mir mein Leben lang im Nacken gesessen hatte! Sie, ja sie hat keinen Tag gelebt an dem sie nicht über die Insel, ihre Bewohner und die Schönheit der Natur gesprochen hatte. Für sie war Skyros der einzig lebenswerte Ort dieser Welt. Wo im Garten ihrer Eltern Granatäpfel, Weintrauben und Feigen wuchsen, wo jeder des Anderen Namen kannte, wo kein Tag ohne Dorfskandale ablief. Wo aus Tavernen schwermütige Musik herausgetragen wurde, wo alte Männer zum Backgammon an einem Tisch saßen, und kein weiteres Interesse als an ihrem Spiel und der griechischen Politik zeigten. Wo man noch Geschichten von Göttern und Geistern erzählte, und diese auch glaubte. Wie konnten wir nur so verschieden sein, dass alles was ich hasste die Sehnsucht tief in ihrem Herzen war? Wie haben wir es all die Jahrzehnte, über 60 Jahre zusammen ausgehalten, ohne zu verzweifeln? Oder waren wir verzweifelt und hatten es nie gezeigt? 
 
 „...Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit...“  Es war ihr Reich gewesen, tief in ihrem Herzen. Und die Vorstellung eines Tages zurückzukehren in ihr Reich gab ihr Kraft und Willen weiter zu machen, Tag für Tag. Wenn die Last der Schulden uns zu erdrücken schien, ließ sie mich an der Kraft teilhaben. „Wir schaffen das Jannis, und eines Tages kehren wir zurück, mit Geld in den Taschen. Wir werden bei Spiro in der Taverne ein großes Fest für alle unsere Freunde geben, wir werden sie einladen und sie an unserer Freude teilhaben lassen. Die Tische werden gefüllt sein von gegrilltem Lamm, Reis, Käse und Salat, und wir werden Wein trinken, den Besten den er hat. Ja Jannis, das werden wir.“ Und dann blickte sie still in die Ferne, schien es zu sehen, ja sogar den Geruch wahrzunehmen, den salzigen Geruch des Meeres gemischt mit dem herben Geruch der umliegenden Pinienwälder. Ich liebte diese Frau, aber hatte ich jemals ihre ganze Liebe gehabt?
 
„..in Ewigkeit. Amen.“ Ja, ich werde diese Frau ewig lieben, über den Tod hinaus. Und ich werde mich ewig hassen, dafür dass ich sie nie zurückbrachte. Nie hat sie darum gebeten, aber immer davon geträumt, und ich wusste es und habe die Augen davor verschlossen. Ich war egoistisch, wollte sie zwingen hier glücklich zu sein. Und nun, da ich die Hände der Anwesenden schüttelte und halbherzig ihr Beileid entgegennahm, da war es mir als wenn ich ihre Stimme aus dem Totenbett hören konnte, voller Trauer. Ich blicke in ihre Augen, die mit Vorwürfen zu sagen scheinen „Du hast es nie getan, nie hast du mich in die geliebte Heimat zurückgebracht, selbst jetzt liege ich hier in einem Land, das ich nie liebte, aber akzeptierte um dich glücklich zu machen.“
 
Als alle Trauernden den Raum verlassen hatten stand ich allein vor ihr. Ich sah sie an, versuchte im Geist Zwiesprache mit ihr zu führen, versuchte zu erklären wofür es keine Erklärung gab. Und noch während meine Entschuldigungen durch meine Gedanken strömten griff meine Hand zum Nachttisch, ich holte die alte Bibel hervor und öffnete sie. Sofort fand ich die Bilder, alle in Schwarz-Weiß. Während ich die Bilder zum ersten Mal im Leben bewusst ansah, in die bekannten Gesichter blickte und die mir vertrauten Orte erkannte, da bemerkte ich, dass wir nie verschieden gewesen waren, denn auch ich fühlte die Leere in meinem Herzen. Jene, die durch das Verlassen der Insel entstanden war, und die ich nur verdrängte weil sie bei mir war.
 
Ich ergriff ihre Hand und legte die Bilder hinein. Jetzt endlich kamen die Tränen. Ich beweinte den Verlust der Frau der ich alle Wünsche im Leben erfüllen wollte, und deren einzigen Wunsch ich aus Sturheit ignoriert hatte. Ich wusste dass ich das wieder gut machen musste, und ich kannte den einzigen Weg dies zu tun. So sank ich also auf die Knie, strich mit einer Hand über ihr Gesicht, und während ich diese Worte sprach, kam es mir vor als würde sie lächeln: „Ja Anna, ich bringe dich nach Hause. Dort sollst du deine Ruhe finden und ich werde bei dir sein. In der Heimat.“

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Stefanie Iatrou).
Der Beitrag wurde von Stefanie Iatrou auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • stefanie.evangeliafreenet.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Stefanie Iatrou als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Mein Parki - Heute / Alltag nach vielen Jahren (Parkinson-Gedichte 2) von Doris Schmitt



Das Buch handelt von Gedichten über Parkinson nach vielen Jahren. Das 1. Buch wurde 2015 veröffentlicht und beschreibt die ersten Jahre mit der Krankheit Parkinson.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Abschied" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Stefanie Iatrou

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Wahrheit über Mutter von Stefanie Iatrou (Briefe)
Abschied für immer von Angelika Vitanza-Lima (Abschied)
Meine Bergmannsjahre (dreizehnter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen